Minderheiten lieben das Internet

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Als Ekklesiasterion der Moderne definiert der Durchschnitts-Nerd sein Internet. Zumindest dann, wenn man ihn danach fragt, wozu es denn gut sei.

Da sammeln sie sich also die Massen in Horden und begackern sich gegenseitig. Sie fühlen sich nicht nur sehr wichtig, sie nehmen sich auch wichtig und wären gerne mehr, als einfach nur da. Wie man das erreicht weiß keiner so recht, aber eine Parteigründung ist schon mal das Mindeste an Aktivität. Die aber auch nur Sinn macht, wenn man anders ist, als das, was da ist. Man muss irgendwie dagegen sein, also irgendwie grün und links.

In dieser dauerhaften Teenagerverwahrlosung, mit dem Anspruch eines Wutbürgers, geriert sich der Internetmensch als mindestens echauffiert, bestenfalls aber empört. Immer. In der von uns geschaffenen Welt hat das etwas Umfassendes zur Folge, denn wir bestehen nur noch aus mögender Leidenschaft.

Ist die Typin auf Facebook eine Idiotin, dann sagen wir ihr das nicht etwa. Viel zu stressig. Die wird einfach entfreundet oder besser noch, in eine Gruppe gesteckt, in der sie kaum noch etwas mitbekommt. Bei dem Flow an Freundes-News, der ständig über uns hereinbricht, ist das Wegbleiben von Informationen ohnehin nichts, was wir noch realisieren würden, geschweige denn wollten.

Geil ist geil! Eben. Aber echauffierenswert, wenn es vom Saturn kommt. Man kauft ja auch bei Amazon. Heimlich.

Freunde kritisieren nicht, sie liken. Und so ist der diskurswillige Mensch nicht etwa deswegen auf Anonymität angewiesen, weil diese ihn vor Repressionen schützt. Die Anonymität schützt uns vor unseren likegeilen Freunden, die dem nichts mehr entgegensetzen, was wir verkünden und uns dadurch in eine Welt des geistigen Stillstands und der gegenseitigen Lobhudelei einsperren.

In diesem Sinne mutet es politisch clever an, wenn man in Berlin die Identitätspflicht für Internetnutzer fordert und damit das „ignore“ als Damoklesschwert über jeden Einzelnen verhängt.

Es gibt Menschen, die wundert das alles. Zum Beispiel Stefan Niggemeier. Jahrelang ein vermeintlicher Vorreiter der Blogosphäre, erkennt er mittlerweile, dass die Art und Weise, wie man es bisher aufzog, nicht unbedingt die erfolgreichste war. Immer wenn es dann mal konkret wird, ist er aber nicht so einer und bleibt bei seinen Leisten. Sprich er hat Vorstellungen und die anderen sollen mal machen. Ein Spruch, der aus alteingesessener Ecke öfter mal kommt.

Das muss uns nicht wundern, denn die Leute können wirklich nichts anderes als das Fernsehen kritisieren, über Musik schreiben und die neueste Technikscheiße bejubeln. Und sie vermissen natürlich Dinge.

Und plötzlich ist dann da mal einer, der was tun will. Der Mann nennt sich Konstantin Neven Dumont, hat 100 verschiedene Ideen, die er mit 100 verschiedenen Persönlichkeiten verkündet und dann vom Niggemeier abgewatscht wird.

Vor allem aber hat er Geld. Und was tut der Niggemeier? Er meint, dass der KND nicht so befähigt ist, das alles zu tun.

Freund 1 findet es toll, Freund 2 findet es geil und Anonymus 4 will ihm ins Gesicht furzen. Anonymus4 nimmt man nicht ernst, weil der ja Anonymus ist und furzig scheint. Freund 3 ist der Kritiker, den man unter den Radar verfrachtet hat. Solche Penner werden die neue Weltordnung nie verstehen.

Nerds sind weiß. In den Medien.

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

15:20 17.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mh

Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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