Was ist passiert?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am 6. Mai 2010 brach der Dow Jones innerhalb kürzester Zeit um rund 1.000 Punkte ein. Der Vorgang erhielt mittlerweile den klangvollen Namen „Flash-Crash“. Was genau passiert ist, weiß bis heute keiner so genau. Es gibt lediglich Indizien. Die Folgen waren jedoch verheerend, zumindest für die Euro-Zone.

Als unbeabsichtigter Initiator des Flash-Crashs gilt mittlerweile eine konservativ agierende Investmentfondsgesellschaft namens Waddell & Reed, die zwischen 14:32 und 14:51 Uhr US-amerikanischer Zeit größere Mengen an e-mini-Futures verkauft hat.

Keine Handelsmaschinen, keine bösen Spekulanten. Einfach nur eine Investmentfondsgesellschaft, die sich absichern wollte und das auch nicht zum ersten Mal in dieser Größenordnung tat. Ungewöhnlich, in der heutigen Zeit.

An welcher Stelle es „klick“ machte, wodurch die Kauforders aus dem Markt rausgingen und die weiterhin bestehenden Verkaufsorders, aufgestockt durch Panikverkäufe, die Preise nach unten drückten, ist die bisher ungeklärte Frage. Eine Glanzleistung der Börsentechnik war es jedenfalls nicht, diese gilt bis dato als Mitauslöser.

Man kann diesen Vorfall als Unfall ansehen und sollte es vielleicht auch tun. Die Systeme werden verbessert, es wird neue Regelungen geben. Das Ding verläuft sich. Das grundsätzliche Problem an diesem Tag war, dass es in eine kritische Phase der Euro-Staaten reinlief. Seit Monaten wurde verhandelt, Griechenland stand kurz vor der Rettung und zwischenzeitlich dachte man eigentlich, dass sich die Lage nun beruhigen müsste.

Sie tat es am folgenden Freitag natürlich nicht. Niemand wusste, was los war. Niemand kannte die Hintergründe und wer wie stark durch den Kurssturz betroffen war. Panik gab es keine, aber eine starke Zurückhaltung am Geldmarkt. So recht wollte keine Bank der anderen Geld leihen, die Geldmarktzinsen stiegen, und steigen immer noch.

Wir kennen das aus der Vergangenheit von der Lehman-Pleite oder auch dem Betrugsfall Kerviel. Fälle, die beide in recht naher Vergangenheit lagen und zu ähnlichen Verwerfungen an den Märkten führten. Wem das der Symbolik nicht genug war, der wurde just in diesem Moment der Tatsache gewahr, dass einen Tag zuvor das „neue“ Buch von Kerviel erschienen ist.

Bei dieser Gemengelage ist klar, dass Vorsicht oberstes Gebot für jeden handelnden Marktteilnehmer sein musste.

Daran hätte man denken können, als man in Europa am folgenden Wochenende über geeignete Maßnahmen für Griechenland und den Euroraum beriet. Doch stattdessen gab man sich der kurzzeitigen Panik hin und verabschiedete ein Rettungspaket in Höhe von 750 Mrd. Euro.

Die Details hierzu können meinem letztwöchigen Beitrag „Die Euro-Rettung im Details + politische Folgen“ entnommen werden.

Die Begründungen für diesen Vorgang sind stereotyp und klingen martialisch. Da ist vom Untergang des Euro-Systems die Rede, von konzertierten Angriffen auf den Euro und bedroht werden wir, alle!

Ein Blick auf den Verlauf des Euros gegenüber dem Dollar erzeugt zumindest bei mir, im Zusammenhang mit diesen Aussagen, schlichtes Erstaunen:

http://www.goowell.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/05/EUR-USD100522-300x169.gif

(Quelle: vwd; zum vergrößern clicken)

Der erste Absturz, von 1,60 Euro auf 1,25 Euro ist um über 6 Cent stärker gewesen als der jetzige Verfall des Euros, der bei 1,21xx zunächst sein Ende fand. Der Absturz fand während der Verwerfungen um Lehman Brothers statt und interessierte seinerzeit so gut wie niemanden. Da hatten wir andere Sorgen.

Die Kaufparität des Euros wird bei 1,15 bis 1,20 gesehen. Diese wurde nicht erreicht. An dieser Stelle tun sich folgende Fragen auf:

  • Warum fiel der Euro damals so dramatisch, obwohl doch die Amerikaner Probleme hatten?

Der Euro fiel damals, weil die US-Banken, aber auch generell die US-Finanzmarkt-Aktiven Eigenkapital brauchten und alles versilberten, was sie auch nur ansatzweise verscherbeln konnten. Dieses Geld wurde heimgeholt. Da mehr als die Hälfte der Anleger in Deutschland bspw. nicht Deutsche sind, fließt bei solchen Aktionen das Geld zurück in die jeweilige Landes- und oder Leitwährung. Dollar.

Die Situation ist heute etwas anders, doch vom Prinzip her gleich. Der Euro-Raum weist mittelfristig unerwartete Risiken auf, denen mit Desinvestments begegnet werden musste. Diese Desinvestments machen einen nicht zu unterschätzenden Teil der Dollar-Euro-Bewegung aus. Zugleich gab es auch generelle Umschichtungen in den Währungsportfolios, die zu Lasten des Euros gingen. Hier wurde Risiko minimiert.

Mit Währungsportfolios meine ich auch Umschichtungen bei den Absicherungsgeschäften von Unternehmen, die eine möglichst stabile Basis brauchen, um ihre Preise kalkulieren zu können.

Obendrauf kamen als Beschleuniger dann die generellen Positionierungen gegen den Euro. Es ist unstrittig, dass Marktteilnehmer gegen den Euro spekulierten. Jede Position ist eine Meinung und es redet jeder mit jedem. Der Devisenmarkt ist, gerade auch in Bezug auf den zweitgrößten Währungsraum der Welt, jedoch so liquide, dass es einer generellen Bewegung auf fundamentaler Basis bedarf, um eine Bewegung dieses Ausmaßes auszulösen.

Dieser Auslöser war die monatelange Hängepartie um die Rettung Griechenlands.

Statt schnell und entschlossen zu agieren, hat der Euro-Raum sich eine öffentliche Diskussion um das eigene Dasein geleistet und dadurch Raum für Gerüchte aller Art geboten. Wer über die Sinnhaftigkeit seines eigenen Seins diskutiert, wird schwerlich Vertrauen von anderen verlangen können.

Politisch richtig war in diesem Fall: markttechnisch falsch.

  • Warum retten wir den Euro, obwohl sich die Bewegung im Rahmen des Möglichen und Vernünftigen bewegt?

Vordergründig betrachtet ist die Antwort recht leicht. Die Politik wollte ein Statement setzen. Es sollte ein für alle Mal klar sein, dass der Euro-Raum abgesichert ist und sich Spekulationen auf einen Verfall des Raumes nicht lohnen. Die Sache sollte aus der Welt geschafft werden.

Der schönen Worte mag das reichen. Liest man im letzten Spiegel das Interview mit Trichet, offenbaren sich ganz andere Gründe:

„Am Donnerstagnachmittag und Freitag verschlechterte sich die Lage an den Finanzmärkten in Europa und folglich weltweit kontinuierlich und rapide.“

„Die Märkte funktionierten nicht mehr, es war fast wie nach der Lehman-Pleite im September 2008.“

Was die EZB betrifft, hatte sie die perfekte Vorlage ihre vorherige Haltung, keine Anleihen zurückzukaufen, aufzugeben. Diese Haltung löste bereits im Vorfeld des Flash-Crashs einen Abverkauf aus. Sie wurde nicht nur aufgegeben, sondern das Aufkaufprogramm wurde ohne Limit aufgelegt. Getreu dem Motto der FED: „Wir werden tun, was nötig ist!“

Zugleich sahen sich die Länder des Euro-Raumes genötigt nun Nägel mit Köpfen zu machen und zusätzlich einen Rettungsschirm für die Banken und Versicherungen zu spannen. Vorreiter war dabei Frankreich, dessen Banken besonders betroffen sind. Dem Vernehmen nach ging es in den Verhandlungen so weit, dass Frankreich mit dem Austritt aus dem Euro gedroht haben soll.

Es geht bei dem gesamten Programm nicht um die Rettung des Euro. Dies ist nur ein zusätzlicher Effekt, der sich aus dem Paket ergibt.

Zur Bewertung der Aktion muss in den Vordergrund gestellt werden, dass vor allem die Angst dominierte, dass nun auch die Banken unter Beschuss geraten könnten. Für diesen Fall war eine Lösung sofort machbar, für Griechenland nicht.

Griechenland ist deswegen so schwierig, weil hier einfach nur Zeit gekauft wurde. Josef Ackermann, seines Zeichens Prügelknabe der Deutschen, brachte es auf den Punkt:

"Ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen, das wage ich zu bezweifeln."

In Griechenland wird ein Programm durchgezogen, dass dreimal so scharf ist wie bisherige IWF-Programme, die auch nicht alle vollends wirkten. Am Sonntag danach erklärte Renate Künast bei Anne Will, dass sie auch nicht wisse, ob das funktioniert. Man probiert es halt mal.

Es ist auch im politischen Berlin kein Geheimnis, dass die Rettung Griechenlands nicht zuletzt deswegen erfolgen musste, weil man gar kein Regelwerk für die Alternativen bereit hat und kurzfristig eine Ausweitung der fiskal bedingten Krise auf Portugal und Spanien verhindern musste. Gleichwohl will man es nun innerhalb der nächsten drei Jahre schaffen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Griechenland in drei Jahren den Weg des „Haircut“ wird gehen müssen.

Ackermann sagte die Wahrheit. Ein Fehler den Banker normalerweise nicht begehen. Die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt da nur, dass sie die Wahrheit gar nicht wissen will.

Die Zeit des Sparens

Die „Euro-Rettung“ hat als zusätzlichen Effekt, dass alle Staaten bekundeten, dass sie nun sparen werden. Spanien und Portugal vorweg. Frankreich und die Bundesrepublik hintendran. Die Zeit der laxen Haushaltspolitik soll vorbei sein.

Ich erwähnte bereits in der letzten Woche, dass ich hier mein Szenario der Boom-Theorie bisher bestätigt sehe. Der Platow-Brief vom 14. Mai 2010 schreibt nun:

„Solange jedoch die Banken die ungebremste Liquiditätsschwemme nicht in die Realwirtschaft leiten, sondern als Schmiermittel im Finanzsystem halten, wird sich das aufgestaute Preissteigerungspotenzial eher in neuen Spekulationsblasen als an der Supermarktkasse entladen. Das süße Gift der Asset-Inflation ist denn auch weitaus gefährlicher als die gefürchtete Verbraucherinflation, wie die noch keineswegs ausgestandene Finanzmarktkrise gezeigt hat.“

Eine nicht ganz neue, aber interessante Abhandlung zum Thema „Asset-Price-Inflation“ gibt es beim Macroanalyst (gut lesbar).

Wie bösartig das Platzen einer Blase in diesem Bereich wirken kann, darf an Japan bewundert werden. Das Land kämpft auch 20 Jahre danach noch mit den Auswirkungen. Zweifelsohne, ein Extremfall.

Doch eine Asset-Price-Inflation bringt auch weitere Probleme mit sich, die vor allem sozialer Natur sind. In dem jetzigen Szenario geht sie zu Lasten der Produktion und somit zu Lasten der breiten Bevölkerung (Mittelstand + prekäre Arbeitsverhältnisse). Derweil wirkt sie sich bei den Vermögenden, die ob des schieren Vermögens wegen Finanzmarktaktiv sein müssen, über eine Beschleunigung der Erträge aus.

Dazu zwei Zahlen aus Amerika: In Boom-Phasen verdienen 1% der Bevölkerung rund 25% der Erträge. In weniger guten Zeiten schmälert sich dies auf 9%. In der jetzigen Phase könnte sich dieser historische Durchschnitt (100 Jahre, Basis eine Untersuchung von Thomas Piketty), da er den Mittelstand weiter schmälert, über dieses Maß hinaus bewegen. Ferner steigen in der Folge die Kosten des Sozialstaats.

Da die Gelder nicht in der Realwirtschaft landen, bleibt als treibende Kraft für die Wirtschaft nur noch der Staat. Jener Staat, der nun sparen muss. Am gestrigen Freitag kamen die Zahlen zum BIP des ersten Quartals. Diese waren mit der Fußnote versehen, dass das komplette Wachstum auf die Konjunkturprogramme zurückzuführen sei und wir uns ohne in einer Stagnation befänden. Gegenüber dem Vorquartal klingt das wenig bedenklich, schlappe 0,2%. Gegenüber dem Vorjahr waren es dann schon 1,7%.

Gesteuert wird das Wachstum über den Bau, dessen Produktion im März gegenüber dem Vormonat um ganze 26,7% zulegte. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt lag bei +7,6%.

Wolfgang Schäuble: „Wie wir unsere Verkehrsinfrastruktur auf Dauer finanzieren, darüber werden wir nachdenken müssen.“

Dass die Bundesregierung ob dieser Lage auf die Einnahmen aus der Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten verzichten möchte, kann bezweifelt werden.

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

22:31 22.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mh

Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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tomgard | Community
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