Michael Hanke

Senior Rossi sucht das Glück, notfalls mit Serotoninwiederaufnahmehemmern
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RE: „Solidarität ist eben kein Geschäft“ | 21.12.2019 | 15:25

Ein wichtiger Artikel. Auch in unserem Land führen wir zu oft eine fiskalpolitische Verteilungsdebatte unter Ausschluß von indivuellen existenziellen Garantiebedingungen.

So existiert beispielsweise in der Gesundheitspolitik eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Ansprüchen aus Artikel 2.2 GG - hier dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, und der Position der Legislative, welche einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf monetär unbegrenzte medizinische Versorgung lediglich bei akuter Lebensgefahr notiert. (siehe auch den Hinweis auf das sogenannte "Nikolausurteil" des BVerfG) So kann es dann sein, dass mit Verweis auf die Kostenfrage eine möglicherweise heilende (schulmedizinische!) Therapie eines schwerst gehandicapten Bürgers verweigert wird. Ich kenne aufgrund persönlicher Erfahrungen im Rahmen meines politischen Engagements hunderte realer Beispiele für derartige Entgleisungen im Gesundheitsbereich.

Ein anderer Themenkomplex sind Individualrechte wie das heimatnahe Wohnen im Zuge von Gentrifizierung.

Wir sollten wieder mehr über Bürgerrechte mit Blick auf die beiden untersten Ebenen der Bedürfnispyramide von Maslow debattieren.

Erst dann nämlich wird das Prinzip des verpflichtenden Eigentums mit lebendigem Sinn erfüllt. Und zu diesen staatsbürgerlichen Pflichten gehört erstinstanzlich der Schutz existenzieller Grundrechte meiner Mitbürger unter gesetzlichem - nicht freiwilligem - Einbezug meiner eigenen monetären Mittel.

RE: Bereit sein zur Attacke | 21.12.2019 | 13:48

Die "Linke" leidet insbesondere seit ihrer Geburt unter der Hybris, eine ökonomische und gesellschaftspolitische Reformation selbstständig gestalten zu können. Das ist bedauerlicherweise ebenso ein Irrtum, wie die Annahme der Prämisse eines möglichen Happy Ends der Bedürfnislosigkeit für jeden Bürger, obwohl doch die unerfüllten Bedürfnisse und auch das Leiden der Motor jeglichen organischen Lebens sind.

Ja, der Sozialismus ist global determiniert. Er entsteht aber aus sich selbst heraus, nach dem der Kapitalismus sich selber zerstört hat, beispielsweise in Folge der Schaffung nahezu menschenleerer, voll KI dominierter, digitalisierter und automatisierter Unternehmen.

Ich kann mir kaum ein tragik-komischeres Bild vorstellen, als einen zurückgelassenen CEO, der alleine an der Seite eines hochkomplexen algorithmusgetrieben Rechennetzwerkes unternehmerisch tätig ist.

Kein "Jawohl Frau Dr. Müller. Natürlich Herr Schuster. Wird sofort erledigt Frau Mustermann". Maschinen sind nicht korrupt.

Jedwede ökonomische Schweinerei muss zudem in Codeform schriftlich fixiert werden. Damit wird die Versicherungsbranche beispielsweise wieder zum Glücksspiel ihrer Anfänge. Gezielte Leistungserbringungsabwehr müsste schriftlich dokumentiert werden, und würde sich somit ähnlich selber ad absurdum führen, wie die Schummelabgassoftware beim Diesel KFZ. Der Maschine ist es gleichgültig, ob sie entlassen respektive ausser Dienst gestellt wird. Sie lässt sich nicht subtil nötigen.

Die Altmeister des Delegierens werden keine Rezipienten mehr besitzen, sondern nichts außer einem hohen Maß an Verantwortung, nämlich nicht jegliche Autonomie gegenüber den Maschinen zu verlieren, wohlwissend mit der Erfüllung dieser Aufgabe maßlos überfordert zu sein. "Stop Code#XX783464, reboot the system, fatal error, call support for further details."

Und dann fällt auch noch der Konsument weg. Maschinen sind nicht nur nicht korrupt, sondern auch anspruchslos. Die eigentliche Tauschwährung war doch nie das Geld, sondern immer nur die uratavistischen menschlichen Triebe und Sehnsüchte.

Mit der autonomen Maschine endet der Weg der Industrie, die Henry Ford mit dem Fließband, dem Model T und branchenunüblich hohen Löhnen eingeschlagen hat.

Effiziente Maschinen kennen keinen Neid. Höchstens eine Simulation, die als Ersatz ähnlich überzeugen dürfte, wie der Ersatz eines Lebenspartners durch ein Tamagotchi. Deep Learning statt Deep love.

Wie hat es Erich Honecker einmal so passend zitiert? "Den Sozialismus in seinem Lauf..." Ironischerweise fiel der Satz während der Vorstellung eines deutschen demokratischen 32bit Microchips.

Wie recht er doch hatte, ohne es selber geahnt zu haben.

Und bis dahin sollten sich auch Linke in Geduld üben, statt schäumend zur Waffe zu greifen, auch wenn bis zu diesem Zeitpunkt X noch viele Menschen leiden werden. Menschlichkeit und humanitäre Hilfe lauten die Gebote der Stunde, um dieses Leid zu mildern.

Aber der Sozialismus ist nicht gescheitert. Lediglich der Versuch ihn autoritär einzuführen und zu konservieren.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 02.12.2019 | 03:27

Zwischen Hass und Vergebung liegt ein weites Feld an Empfindungen.

Man muss keine 75 Jahre in die Vergangenheit blicken, um schreiendes Unrecht in diesem Land zu sehen. Ich selber habe jahrelang mit Erwachsenenwindeln in einem Bett dahin vegetiert, und musste gegen Behördenwindmühlen kämpfen.

Ein Kunstfehler. Aber es stand Gutachten gegen Gutachten, und die Versicherung des Arztes hat behauptet, dass ich mir meine Behinderung selber zugefügt hätte, um Schadenersatzansprüche geltend zu machen.

Hab gelähmte Mitpatienten gesehen, die stundenlang in ihrer Scheiße lagen, und schon wund waren, weil es kein Personal gab. Und wenn jemand durchdrehte, dann wurde er fixiert und bekam 'ne Ladung Haloperidol um die Fresse zu halten. Einmal warf ein dementer alter Mann im Bett neben mir seinen Pissbeutel auf mich, und ich konnte nichts machen, weil ich zu der Zeit vom Hals abwärts gelähmt war. Und das Wort Pflegenotstand bedeutet eben, dass nicht eine Minute später jemand Zeit hat dich sauber zu machen. So habe ich das Millennium verbracht.

Kaum einem Bundesbürger ist bewusst, wie sehr die Agenda Politik den Schwerstkranken zugesetzt hat. Nehmen wir nur Fycompa, ein alternativloses Antiepileptikum für ansonsten therapieresistente Epileptiker. Markterscheinen 2012. Hat tausenden Patienten Hoffnung geschenkt, darunter Kindern die im Koma lagen. Hat sie anfallsfrei gemacht. 2013 durch den G-BA vom Leistungskatalog der G-KV gestrichen wegen nicht belegbarem Zusatznutzen. Erst 2017 nach massiven Protesten und einer Massenpetition wieder in die Liste erstattungsfähiger Medikamente aufgenommen. Wer in der Zwischenzeit zu arm war, um sich dieses Medikament leisten zu können, der hatte Pech. Eltern mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Kinder hunderte Anfälle am Tag erlitten. Vermutlich sind auch einige krepiert, was niemals rauskommen wird, weil man es nicht beweisen kann. Ausnahmsweise mal als Blödzeitungsartikel: https://www.bild.de/regional/leipzig/epilepsie/wer-hilft-martha-49961166.bild.html

Oder Menschen, denen ein Rollstuhl verweigert wird, und die 24/7 bei vollem Bewußtsein auf dem Rücken liegend dahin vegetieren und an die Decke starren müssen, während vollgefressene Bonzen die Christmette besuchen. https://www.change.org/p/aok-bitte-bezahlen-sie-dem-als-patienten-martin-einen-speziellen-rollstuhl

Dass gesetzliche Krankenkassen Schwerstkranke am Telefon zur Kündigung drängen wollen? https://www.welt.de/wirtschaft/article119451754/Kassen-benachteiligen-Alte-und-Kranke.html

Und all die anderen Schikanen, zB dass die Mittagessen in der Behindertenwerkstatt als "Zusatzeinkommen" von der Grundsicherung abgezogen werden, obwohl diese Menschen ohnehin kaum was haben, während ein Andreas Scheuer hunderte Millionen von Euros für eine Geistermaut in den Orkus bläst.

Von den hunderttausenden Obdachlosen, den Zuständen in den deutschen Alten- und Pflegeheimen, und von den Todesopfern deutscher Rüstungsexporte und Nahrungsmittelspekulationen reden wir lieber gar nicht erst.

Glaubst du, dass ich nicht das kalte Kotzen bekomme, wenn die BMW Geschichte als deutsches Wirtschaftswunder verkauft wird, obwohl jeder weiß, dass KZ Häftlinge und arisierte Betriebe das Quandt Vermögen begründet haben, und die heute noch mit HQ Trust extreme Zinsen erwirtschaften, während abertausende von älteren Mitbürgern zu den Tafeln rennen, und bei Frosttemperaturen mit kalten Händen Pfandflaschen aus dem Müll klauben?

Oder wie all die anderen Arisierer a la Abs, Flick und Konsorten in der Nachkriegszeit hofiert wurden? Und wie widerlich und schmuddelig die Flick Affäre war? Oder die jüdischen Vermächtnisse aka Schwarzgeldkonten?

Und dass die Medien einen Mann als Heilsbringer zelebrieren, der es wagt einem obdachlosen Finder seines verlorenen Laptops zum Dank ein Buch mit dem Titel "Vom Ende der Wohlstandillusionen" zu übersenden? https://taz.de/Frueherer-Obdachloser-zu-Friedrich-Merz/!5552775/

Ehrlich? Niemand in meinem Umfeld käme selbst mit 3 Promille Blutalkoholspiegel auf eine solch menschenverachtende Idee.

Aber - und dieses aber ist wichtig - ich will nicht werden wie die. Die können mir alles nehmen, aber nicht meine Unschuld. Das ist am Ende alles was bleibt.

Ja, der Hass kann einen von innen auffressen, und wenn man ihn versucht herunter zu würgen, dann bahnt er sich seinen Weg und quält dich auf tausende von Arten. Und dann wird es Zeit aufzuwachen, und zu begreifen, dass der Hass nicht das Medikament, sondern der wahre Feind ist. Selbst wenn man nicht vergeben kann, so kann man doch dem Krieg aus dem Weg gehen. Darin liegt mehr Größe als im Kampf. Und nur dann kann man wahre Freiheit finden.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 19:27

Deine unerbittliche Wut und Strenge zeigt mir, dass du selber ängstlich gewesen bist, und tief verletzt wurdest. Darum wünsche ich Dir aufrichtig inneren Frieden finden zu können, und dass Du eines Tages den Stachel heraus ziehen kannst, der diese Furcht begründet hat.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 18:54

Und es wäre ein riesiger Fortschritt gegenüber der physischen Vernichtung des vermeintlichen "Klassenfeindes". Zumal das sinnfreie Anhäufen von Reichtum über jedweden reellen Bedarf hinaus tatsächlich eng verwandt zu sein scheint mit dem Messie-Syndrom, welchem durchaus eine psychologische Störung zugrunde liegt, und das ebenfalls mit der Überflussgesellschaft verknüpft wird. :D

Aber um noch einmal etwas Ernstes anmerken zu dürfen:

Schon durch eine kleine Verschiebung der Perspektive wurde aus einer Projektionsfläche des eigenen Zorns ein Wesen, welches eher Mitleid und Fürsorge bedürfen würde. Und aufgrund solcher Fragilitäten in der Bewertung fürchte ich voreilige Urteile sehr, da das Risiko der Transformation einer ethisch guten Intention in eine offensichtliche Ungerechtigkeit als vergleichsweise hoch erscheinen mag.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 18:25

Diese Analyse funktioniert nur unter der Prämisse der Anerkennung eines übergeordneten Wertes der Materie, und entlarvt mitunter den wahren Kapitalisten.

Sobald man aber über den Begriff der Lebensqualität vielschichtiger reflektiert, so entblößen sich mitunter nicht materielle Werte wie beispielsweise die Liebe.

Ist ein materieller Luxusgegenstand denn tatsächlich in seinem Wesen wertvoll, oder nur Ausdruck eines Gesellschaftsvertrages, welcher darauf beruht den Wert eines Menschen subjektiv - nicht objektiv - mit dem Wert eines toten Gegenstandes zu verknüpfen?

Eine Luxusuhr beispielsweise ist doch erst einmal auch nur ein Zeitmesser.

Ihr Wert entsteht doch lediglich in der Anerkennung der Aussage, dass ihr Träger respektive ihre Trägerin folglich ebenso ein wertvollerer Mensch sein muss.

Eine ziemlich fragwürdige und lebensunerfahrene Einschätzung, wenn man mich fragt.

Ich finde, dass auch vermögende Menschen eine solche Reduktion ihres Menschseins nicht verdient haben.

Wenn ich aber den Besitzenden in seinem Menschsein bedrohe, dann zementiere ich nur eine Reduktion seiner Persönlichkeit auf das Besitzende.

Das von dir beobachtete "Freudenhaus der Milliardäre", symbolisiert doch letztendlich nicht mehr als eine Akkumulation von Unsicherheiten und Minderwertigkeitsempfindungen, die überhaupt nicht mehr mit reellen materiellen Bedürfnissen oder einem physischen Bedarf korrelieren.

Wie aber soll man geistige Wunden durch physische Verschiebungen heilen?

Das leuchtet mir nicht ein. Vielleicht liegt die Antwort im Lachen eines Kindes.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 16:56

Eine derart fatalistische Diagnose funktioniert nur in schwarzweiss Schablonen, die jedem Menschen a priori die Fähigkeit absprechen seine Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

Ist dir eigentlich bewußt welche Verbrechen wider der Menschlichkeit im Namen solcher Ideologien verübt wurden?

In einem solchen System müsste dann auch jeder verurteilte Straftäter dauerhaft sanktioniert bleiben. Ich würde mir ein solches Urteil selber nie anmaßen, zumal der freiwillige Verzicht auf Privilegien immer schwerer fällt, als die Forderung nach mehr Privilegien.

Es mag auch manche Putzfrau gegeben haben, die nach einem höheren Lotteriegewinn zu einer entschiedenen Gegnerin von Vermögens- und Erbschaftssteuer mutiert ist.

Wie könnte ich über Schuhe urteilen, in denen ich niemals gewandelt bin?

Ich bin selber schwerstbehindert, sitze im Elektrorollstuhl, ein Pflegefall seit meiner Jugend, und habe weiß Gott nicht nur relative sondern tatsächliche Armut erlebt, so wie ich reale Diskriminierung und Herabwürdigung erleben musste.

Und dennoch habe ich eine Bitte:

Möge mein politischer Kampf mich niemals blind machen für das Menschliche in meinem Gegenüber, gleichgültig welche Handlungen er oder sie in der Vergangenheit vollzogen hat. Empathie ist für mich keine Klassenfrage, sondern die Tugend auch den Versuch zu unternehmen, das Unverständliche zu verstehen.

Wahrer Fortschritt besteht im Bauen von Brücken, und nicht in der Unterjochung durch neue Tyrannen.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 15:01

Ich kann aber auch nicht darüber hinwegsehen, dass einige Unternehmer sich sehr um fairen Handel, faire Löhne, flache Hierarchien, ökologische Aspekte und erhebliche Mitbeteiligung verdient gemacht haben.

Und solche Verdienste jetzt a priori aufgrund einer gefrorenen Klassenmentalität in den Dreck zu ziehen, würde genau diese überzogene Radikalität widerspiegeln, die ich in einem vorherigen Post meinte.

Wer es auch immer mit der Linderung der weltweiten Not ernst meint, und wem handfeste praktische Ergebnisse lieber sind als unrealisierbare Theoriekonstrukte, der braucht solche Partner. Ich bin dankbar, dass es sie gibt.

Das bedeutet indes nicht das Schließen von derartigen Kompromissen, die jegliche Urintention unterminieren. Dies war in den vergangen Dekaden bei der SPD zu oft, und zu häufig der Fall. (um es einmal ganz milde zu formulieren)

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 14:47

Natürlich machen sie es nicht. Aber umso mehr braucht es doch eine gesellschaftliche Gegenstimme.

RE: Eine Partei gibt sich eine Chance | 01.12.2019 | 14:14

Und der Herr hat das Volk auch vor der Aristokratie gewarnt (1. Buch Samuel Kapitel 8), vor dem Zins (Ez 18,5–17), und vor dem Reichtum (Matthäus 19,24), aber gleich dem Staat obliegt ihm ebenfalls das Gewaltmonopol, und er mahnt Barmherzigkeit und Nächstenliebe an, wenn man denn in diesem chrisltichen Argumentationsnarrativ verharren möchte. :)