Hat das was mit links zu tun?

G20 Von Martin Schulz bis Sarah Wagenknecht ist man sich einig: Die Gewalt bei den Protesten in Hamburg hatte nichts mit links zu tun. Doch ist das wirklich so?
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Hat das was mit links zu tun?
Haben die Ausschreitungen wirklich nichts mit links nichts zu tun. Selbst wenn doch, diskreditiert das die linke Sache nicht
Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images

In schon fast historischer Einmütigkeit erklärten Martin Schulz und Sarah Wagenknecht, wie man die Gewaltexzesse, die von Teilen des schwarzen Blocks im Nachgang der „Welcome-To-Hell”-Demo begangen wurden, einzuordnen hat. Schulz dazu: „Ich weigere mich, den Begriff ‘links’ für diesen versuchten Terrorismus anzuwenden. [...] Diese blindwütige Zerstörungswut ist nicht politisch zu quantifizieren.” Das klingt bei Sarah Wagenknecht sehr ähnlich: „Leute, die durch Straßen marodieren, Autos anzünden, Anwohner angreifen und Polizisten verletzten, sind keine Linken, sondern kriminelle Gewalttäter.”

Man könnte fast meinen, dass wenn Martin Schulz und Sarah Wagenknecht sich mal bei irgendetwas einig sind, dieses etwas nun wirklich absoluter common sense sein müsste. Doch ist es das wirklich? Kann man denjenigen, die kurz zuvor mit „Anticapitalista”-Rufen durch die Straßen gezogen sind, absprechen, dass sie politisch links seien? Man kann sich nur schwerlich vorstellen, dass Schulz und Wagenknecht über eine Gruppe Randalierer und Gewalttäter, die zuvor auf einer rechtsextremen Demonstration marschiert sind und dabei rechte Kampfbegriffe skandiert haben, auch absprechen würden, „politisch zu quantifizieren” zu sein.

Es gibt auch links motivierte Gewalt

Matthias Drobinski erinnert in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung daran, dass es sehr wohl eine linke Traditionslinie des gewaltsamen Umsturzes, des militanten Kampfes gebe. „Sie lebt von den Mythen des Spanischen Bürgerkriegs, der Partisanen und Widerständler gegen den Faschismus, von Che Guevara und den lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, von Hausbesetzer-Romantik”, führt er aus. Auch, dass aus dem Bereich der linksautonomen Szene in Hamburg teils allenfalls Kritik daran geübt wurde, dass die Randale im eigenen Viertel stattgefunden haben, zeigt, dass Gewalt von Teilen der linksradikalen Szene für ein legitimes Mittel im Kampf für die eigene politische Überzeugung gehalten wird.

So richtig es natürlich ist, dass Politiker gerade von Parteien links der Mitte sich von den üblen Gewalttaten distanzieren, so falsch ist dennoch die Behauptung, diese Gewalt habe mit links nichts zu tun. Was heißt das schon, „zu tun haben”? Wenn die Gewalttaten in Hamburg mit linkem Gedankengut „zu tun haben”, dann heißt das nicht, dass sie repräsentativ wären für das linke Spektrum in Deutschland, oder dass man sie legitimieren wollte. Es bedeutet lediglich, dass die Taten irgendwie, wenn auch entfernt, in Verbindung stehen mit linkem Gedankengut. Das diskreditiert die linke Sache nicht – dafür muss sich niemand schämen, der sich auch zum linken Lager zählt, aber Gewalt ablehnt.

Jede Ideologie kann dazu missbraucht werden, in radikaler, einseitiger und verzerrter Auslegung Gewalt hervorzubringen. Rechte wie linke Ideologien, das Christentum wie der Islam. Das allein macht es nicht verwerflich rechts, links, christlich oder islamisch zu sein – es sollte dazu auffordern, innerhalb des eigenen Lagers intensiv zu diskutieren, welche Mittel zum Erreichen der eigenen Ziele in welcher Situation legitim sind und welche nicht.

Eine verfehlte Debatte – mal wieder

Das Anerkennen, dass jede Ideologie in der Lage ist, Gewalt und Terror zu erzeugen, heißt aber nicht, es mit Peter Altmaier (CDU) halten zu müssen, wenn er auf Twitter schreibt: „Linksextremer Terror in Hamburg war widerwärtig und so schlimm wie Terror von Rechtsextremen und Islamisten.” Selbstverständlich muss man differenzieren, ob Gewalt sich in erster Linie gegen Gegenstände richtet wie bei den Linksextremen in Hamburg und dabei Verletzungen von Menschen in Kauf nimmt, oder wie der Terror des IS darauf ausgelegt ist, möglichst viele Menschen zu töten. Es ist schon erstaunlich, dass Vertreter der Partei, die keine Gelegenheit auslässt, sich als den härtesten Kämpfer gegen islamistischen Terror zu inszenieren, diesen Terrorismus nun auf die vergleichsweise harmlose Stufe linksradikaler Randale herabsetzt.

Eingebetteter Medieninhalt

Davon abgesehen lenken absurde Ranglisten eines Kanzleramtsministers darüber, wie schlimm welcher Terrorismus ist, und die gesamte Debatte darüber, ob die Gewalttaten denn nun links waren oder nicht, von den eigentlich wichtigen Fragen ab: Was sorgt dafür, dass junge Menschen, Links- wie Rechtsextreme oder Islamisten, keine andere Möglichkeit sehen, als zur Gewalt zu greifen, um sich Gehör zu verschaffen? Warum vertrauen sie nur den radikalsten Auslegern ihrer Ideologie? Und was hat die Politik der G20 damit zu tun?

Während die Parteien und Politiker rechts der Mitte nun die Gelegenheit beim Schopfe fassen, sich mal so richtig über die „roten Socken” auszulassen, versucht das linke Lager, die Gewalttaten zu entpolitisieren, um sich aus der Verantwortung zur Auseinandersetzung über die Vorkommnisse zu ziehen. Die Reaktion kann man aus taktischen Gründen nachvollziehen, will natürlich im Wahlkampf niemand so wirken, als stünde er den vermummten Schlägern von Hamburg nahe. Doch so verpufft die Chance auf einen konstruktiven inhaltlichen Diskurs über die Ursachen der Gewalt und verhallt hinter den reflexartigen Ausrufen von Justiz- und Innenminister nach Verschärfung und Vorgehen mit maximaler Härte.

00:37 12.07.2017
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