"Lasst es auf Euch wirken"

Technik Ein Blick hinter die Kulisse: Katharina Börries spricht mit Lichttechniker Lars über die Vorbereitungen für das Live-Art-Festival und über Performance als Kunstform.
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"Lasst es auf Euch wirken"
Hinter den Kulissen

Foto: Hubertus J. Schwarz

Lars, wir möchten auf diesem Festival alle Ebenen der Beteiligten abdecken, von den Künstlern über die Leute, die hinter der Bühne arbeiten, und ohne Techniker geht ja bekanntlich nichts. Deshalb erst einmal die Frage: Was ist genau dein Job hier auf dem LiveArt-Festival?

Lars: Mein Job beinhaltet sowohl Vorarbeit als auch Betreuung. Es war klar, welcher Techniker während der Woche in welcher Halle arbeiten wird, wenn man frühzeitig Wünsche einträgt, kann man sich das sogar zum Teil aussuchen. Dann tritt man im Vorfeld mit den Künstlern in Kontakt, um herauszufinden, was sie haben wollen, das heißt: Absprachen treffen. Auf der Bühne erarbeiten wir später mit dem Equipment, das wir vor Ort zur Verfügung haben, die Show, um alle Wünsche möglich zu machen. Mein Bereich ist in diesem Fall das Licht. Gemeinsam mit einer zugereisten Lichtdesignerin habe ich die Show entwickelt und hier vor Ort programmiert.

Du hast in dem Fall die Performance von Neal Medlyn übernommen. Hast du ihn dirauch ausgesucht oder wurde er dir zugeteilt?

Ich habe mir tatsächlich Neal ausgesucht. Es gab zwei Produktionen, die ich interessant fand. Einmal Giselle, ein klassisches Ballett, das mit Cyberpunk-Elementen aufgeführt wird. Dort war allerdings schnell klar, dass es von den technischen Anforderungen her eher langweilig werden wird. Medlyn war der zweite. Das Konzept, dass er in drei Tagen sechs Künstler performativ bearbeiten will, fand ich unglaublich witzig.

Wie viele Probedurchgänge braucht ihr, bis alles klappt?

Das hängt von der Vorstellung ab. Bei Neal Medlyn hatten wir einen Tag Einrichtungszeit. Dann wurde täglich von 10.30 bis ungefähr 16 Uhr die Show für den Abend programmiert. Dabei gibt es immer einen Durchlauf, bei dem nochmal Kleinigkeiten geändert werden. Bei klassischen Tanz- und Performancestücken hier auf Kampnagel hat man in der Regel einen Einrichtungstag und dann ein bis zwei Probentage.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag von dir aus, wenn das LiveArt-Festival bereitsläuft? Wann kommst du, wann gehst du, was passiert?

Bei diesem LiveArt-Festival haben wir unsere Schichten geteilt. Um 10.30 Uhr war ein Kollege von mir da, der schonmal vorprogrammiert hat. Ich bin um 14 Uhr dazugekommen, hab mir erstmal einen Kaffee geholt, hab allen nett Hallo gesagt usw. Man muss einfach eine nette Atmosphäre schaffen. Und dann setzt man sich ans Pult. Am Einrichtungstag selbst ist man natürlich früher da. Um 8 oder um 10.30 Uhr, je nachdem, wie die Schichten gelegt sind, und baut erstmal den ganzen Tag auf. Man schaut, mit wem man zusammenarbeitet, was an Equipment disponiert ist, dann geht man ins Lager, holt sich was man braucht, fährt es in die Halle, baut es auf und prüft, ob alles funktioniert. Und an dem Tag, an dem die Künstler da sind, programmiert man dann eigentlich nur noch die Shows. Dabei sitzt man vor allem am Computer. Obwohl ich eigentlich gar nicht so der Computerfan bin, sitze ich dann vor einem Bildschirm in einem abgedunkelten Raum und gestalte.

Du bist nun schon drei Jahre hier auf Kampnagel. Wie bist du dazu gekommen, gerade hierher zu gehen? Bei Kampnagel weiß man ja, es ist ein bisschen extravaganter und es zielt viel auf Performance ab.

Ich habe vor meiner Zeit auf Kampnagel bereits fünf Jahre in der freien Theaterszene gearbeitet. Dabei habe ich immer wieder gemerkt, dass ich Sprechtheater ganz gut finde und mich gerade auch für Performance- und Tanzgeschichten begeistern kann. Deswegen habe ich mich auch entschieden, eine Ausbildung zu machen und da war Kampnagel programmatisch für mich die einzige Adresse, die dem entsprochen hat, was ich machen will.

Wir haben im Vorfeld des Festivals oft versucht, Performance irgendwie zu definieren …

…kann man nicht.

Genau, das wäre jetzt meine Frage an dich gewesen. Geht das?
Es gibt in Hamburg einen Studiengang, der nennt sich Performance Studies, und selbst die Leute, die das studieren, können dir nicht sagen, was eine Performance tatsächlich ist. Es reicht von einer Person, die 20 Minuten einfach nur auf der Bühne steht und nichts macht bis zu Leuten, die sich mit Essen bewerfen und dabei tanzen. Das ist ein so breites Feld. Alles, was auf der Bühne stattfindet und irgendwie ein Ausdruck von Persönlichkeit oder Erfahrung ist, kann man als Performance bezeichnen. Es gibt da kein klar umrissenes Bild.

Hast du letztes Jahr auch schon beim Live-Art-Festival mitgearbeitet?

Ja, da habe ich God’s Entertainment betreut. Wir hatten den Human Zoo hier, in dem Randgruppen in Käfige gesperrt wurden. Punker, ein paar Obdachlose, ein Asylbewerber, eine alleinerziehende Mutter. Die konnte man dann angucken und es gab sogar Snacks für sie! Also wirklich eine krasse Sache, dieses Zoogefühl zu haben, aber Menschen anzugucken.

Kannst du eine Bilanz vom diesjährigen Festival ziehen, vielleicht auch in Hinsicht auf letztes Jahr? Hat sich etwas entwickelt oder ist Performance einfach was, was für sich selber steht und bei dem man gar nicht von Entwicklung sprechen kann?

Nun ja, es gibt durch die God’s Entertainment und HGichT, die zusammen ein Konzept erarbeitet haben, tatsächlich so eine Art Progression in dieser Entwicklung, da die beiden sich das letzte Mal hier gefunden haben und nun gemeinsam auftreten. Aber ob es jetzt besser oder schlechter ist, müssen die Leute entscheiden. Dazu stecke ich zu tief drin, ich arbeite ja damit. Und eigentlich bin ich auch nur in meiner Halle. Dadurch sehe ich relativ wenig von dem Drumherum.

Da du selbst aus der Künstlerszene kommst: Würde es dich nicht reizen, einmal die Ebene zu wechseln und selbst auf der Bühne zu stehen?

Nein! Auf gar keinen Fall. Ich habe das ein Mal gemacht und es ist so schlimm, wenn man auf der Bühne ist, weil man dann ja gar nicht sieht, was dort passiert. Das war für mich total unbefriedigend. Ich finde es schön zu sehen und mitzugestalten, wie eine Performance entsteht, aber Teil auf der Bühne zu sein finde ich ganz gruselig. Das ist für mich kein schönes Gefühl. Erstmal von allen angeguckt zu werden und dann nur ein kleiner Teil zu sein, nur einen kleinen Ausblick zu haben.

Obwohl du Künstler bist.

Ja, aber ich gehöre einfach hinter die Bühne.

Meine letzte Frage: Was würdest du jedem raten, der sich ein Performance-Stück anschauen möchte?

Ersteinmal: Versucht nicht zu verstehen, was euch da jemand erklären will. Lasst es auf euch wirken, ohne Hintergrundgedanken, schaut einfach, was die da machen. Und entweder berührt es euch oder eben nicht.

Katharina Börries

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Studentenprojektes derMacromedia Hochschule für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Dozentin Simone Jung. Neun StudentInnen des Studiengangs Kulturjournalismus bloggen noch bis zum 14. Juni über das Live Art Festival "Exzess Yourself" auf Kampnagel auf liveartfestival.wordpress.com

18:18 21.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

MHMK Kulturjournalismus

Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) Studiengang Kulturjournalismus, Seminarleitung Simone Jung
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