MHMK Kulturjournalismus
21.06.2014 | 18:16 1

Pseudo-Stimulanzien und Aussteigermusik

Performance Goa als soziale Praxis: Die Künstlerkollektive HGich.T und Gods Entertainment arbeiten erstmals auf Kampnagel zusammen. Der Exzess scheint vorprogrammiert.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied MHMK Kulturjournalismus

Pseudo-Stimulanzien und Aussteigermusik

Foto: psyberartist / Flickr (CC)

„Für einen Abend mit wachem und kreativem Geist empfehle ich ihnen diese gelben Pillen hier.“ Ich nehme den kleinen Beutel entgegen, bedanke mich und trete zur Seite. Die Schlange hinter mir ist beachtlich lang, nicht wenige wollen von sich von dem „Pillendreher“ etwas spannendes für den Abend verschreiben lassen.

Wir befinden uns in einem kleinen Zimmer, der ehemaligen Meisterbude auf Kampnagel, dem selbsternannten „Zentrum für schönere Künste“ und Performance-Theater in Hamburg. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts schaltete und waltete der Schichtleiter von hier aus die Produktion von Schiffs- und Hafenkränen, bis die Containnerrevolution im internationalen Warenverkehr den Bankrott der hier ansässigen Kampnagel AG einläutete. Der Umschwung brachte einen Produktionswechsel mit sich, anstatt schwerer Maschinen wird hier seit 1982 von der freien Theaterszene Hamburgs Kunst produziert.

Und nun also diese Pillen. Angefüllt mit Guarana-Extrakten oder Kokablättern sind sie alles andere als bewusstseinserweiternd, es geht um den theatralischen Effekt. Das Pillenschmeißen auf Seiten der Zuschauer ist Teil der Performance, welche HGich.T und Gods Entertainment an drei Abenden im Rahmen des Live Art Festivals (Motto: Excess yourself!) präsentieren. Donnerstag, Freitag und Samstag. Pro Abend zehn Euro, oder man bucht den „Komplett-Trip“ für zwanzig. Ein Trip gestaltet sich wie folgt: Es sind verschiedene Stationen aufgebaut die es zu besichtigen gilt, eine davon ist die erwähnte Apotheke in der Meisterbude. Versehen mit dem mulmig-erwartungsvollen Gefühl in der Magengegend nachdem man die Empfehlung des Hauses geschluckt hat, macht man sich auf den Weg, Goa als soziale Praxis kennenzulernen.

Goa, was ist Goa noch einmal? Grundsätzlich ein Bundesstaat an der Westküste Indiens. Der Name wurde Mitte der Achziger jedoch zum Synonym für die dort entstehende Feier- & Hippiekultur, ebenso wie für die neue Musikrichtung, dem elektronischen Psytrance, Acid oder eben Goa. Zu wichtigen Vertretern im Psytrance-Genre gehören die Israelis Infected Mushroom oder Vahel, im klassischen Goa-Bereich zählen Spirallianz, Astral Projektion oder Ethnica zu den Acts, die jedem Szenekundigen ein Begriff ist.

Es ist kein Zufall, dass sich HGicht.T Anfang der Neunziger in der deutschen Goa-Hochphase formierten, findet sich doch in der Arbeit des Kollektivs eine Menge Goa und Rave wieder. Die Hamburger treiben es jedoch auf die Spitze, mischen die ohnehin ungestüme, subversive Goakultur mit einer beachtlichen Portion Trash und wild-verstörenden Dada-Texten. Ihre Youtube-Clips knackten mehrfach die Millionenmarke.

Die Wiener Theatergruppe Gods Entertainment sind nicht minder auf Krawall gebürstet, in ihrem Schaffen allerdings konkreter, politischer. Mitte vergangenen Jahres boten sie auf dem Wochenmarkt auf dem Yppenplatz in Wien auf ihrem „Black Market“ Ideologien an, beispielsweise Fairtrade-Faschismus für 1€ oder Bio-Kapitalismus für 2,30€. Beim Live-Art-Festival im letzten Jahr sorgten sie bereits mit ihrem „Human Zoo“ für Furore im Boulevard, als sie Randgruppen wie Obdachlose oder Asylbewerber personifiziert in Käfigen ausstellten.

Nun performen die beide Gruppen erstmals zusammen. Weltpremiere also. Verantwortlich hierfür ist Nadine Jessen, die zusammen mit Melanie Zimmermann das Festival kuratiert. Seit langem versucht sie die beiden Gruppen zusammenzubringen. Und nicht nur sie erwartete im Vorfeld mit großer Spannung, was dieses uneinschätzbare Grenzgänger-Konglomerat hervorbringen wird.

Nun ist es soweit, alles steht bereit zum ausprobieren, hereinspatziert. HGich.T und die Gods erdachten eine Subkultur-Achterbahnfahrt in zwölf Stationen: Im DMT-Stimulanzreaktor legt man sich unter eine LED-Lampe und schließt die Augen. Reiseleiter Gregor schickt mittels der Lampe in unterschiedlichen Frequenzen und Intensitäten Licht auf die Netzhaut, was zu beeindruckenden visuellen Mustern in den Köpfen der Bewusstseinserweiterungswilligen führt. Im Orgonakkumulator kann man herausfinden, ob man an Wilhelm Reichs kosmische Orgonenergie glaubt oder sie gar spürt, fühlt man sich anschließend nicht gut empfiehlt sich das Aufsuchen der Bad Trip-Station. Auf einer Couch kann man es sich mit Apsinth oder sonstigen hochprozentigen Getränken bequem machen und dem Erlebenten nach sinnieren oder einfach nur entspannen.

Angefüllt mit interessanten und schrägen Postulaten und vielleicht tatsächlich dem aktivierenden Impuls der pflanzlichen Stimulanzien ausgesetzt, ist es Zeit für die K6, die größte Halle auf Kampnagel: Alles ist dunkel, Schwarzlicht lässt die Fäden des riesigen Netzes, welches über den Köpfen der zahlreichen Gäste durch die gesamte Halle geknüpft ist, schimmern. Es gibt ein DJ-Pult, ebenfalls von weißen Bindfäden eingesponnen und mit neonfarbenen Mustern und Pilzen bemalt. Lauter, progressiver Goa wird von dort aus aufgelegt, ein paar Meter weiter mäandern projizierte vielfarbige Mandalas über eine riesige Sonne aus Holz und dann ist da dieser Mann. Pseudonym Anna-Maria Kaiser, Frontman von HGich.T und offenbar hoch dosiert: Mit glasigem Blick stakst er durch die Menge. Skandiert abgehackt, erzählt, brüllt dann wieder. Von HSV-Tattoos ist die Rede, von Frodo ebenso wie von seiner Ex-Freundin Sabrina die er im Publikum zu erkennen glaubt und von „Hartz for.“ Die in der Halle umherwandelnen Hgich.T-Mitglieder tragen Warnwesten, leuchtfarbenbekleckste Zauberermäntel oder auch mal nichts außer einer Windel. Anna-Maria Kaiser trägt dunkle Jeans, in der ein ordentliches Hemd steckt. Der fleischgewordene Arbeitgeber-Alptraum. Dieser animiert nun die Zuschauer zu wiederholen, was er sagt: „Ich scheiß in die Hose!“

„Das Problem in dem System, ja. Ist das System, ja. Das System ist das Problem, ja. Das System hat keine Eier, ja. Das System ist im System, ja.“

Es ist eine Kampfansage an alles, Ästhetik, die alltäglichen Verpflichtungen, morgens mit der Bahn zur Arbeit fahren, allgemeingültige Werte und unsere Gesellschaft überhaupt. Eine agressive Absage, Nihilismus in Reinform, Aussteigermusik. Das Publikum macht teils begeistert, teils entgeistert bei der Klangmeditaton mit, bei der sich alle auf den Boden legen und warten, bis Herr Kaiser zum Exzess läutet. „Goa, Goa, Goa, MPU, ja?“ (Medizinisch-Psychologische Untersuchung, wird fällig wenn Verdacht auf Drogenkonsum beim Autofahren besteht).

Das was Goa und Rave ausmacht legen die Gods und HGich.T in ihrer Performance gebündelt vor und bringen dem Zuschauer so ihre Welt nahe. Mal satirisch wie bei der Abgabe der Pseudo-Stimulanzien, mal todernst wie bei dem Auftritt von Anna-Maria – jeder kann einsteigen so weit er will und von der Veranstaltung für sich mitnehmen was er möchte. Durch die direkte Partizipation an dem Geschehen und an der Party werden die Mitglieder von HGich.T und Gods selbst zu Gästen welche ihr eigenes Schaffen genießen. Die Vorstellung bleibt jedoch der Versuch, etwas nicht abbildbares abzubilden. Freiheit, Exzess, Rave, all das setzt einen gemeinsamen Glauben der anwesenden Feiernden an das Stück Subkultur voraus, das gelebt wird. Hier wird Theater gespielt. Es bleibt bei dem Versuch.

Steffen Peters

INFO

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Studentenprojektes derMacromedia Hochschule für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Dozentin Simone Jung. Neun StudentInnen des Studiengangs Kulturjournalismus bloggen noch bis zum 14. Juni über das Live Art Festival "Exzess Yourself" auf Kampnagel auf liveartfestival.wordpress.com

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (1)

knattertom 23.06.2014 | 18:33

Vielen Dank für diesen Beitrag aus der Heimat.

Da werden Erinnerungen wach und womöglich gelingt den Veranstaltern ja ein Movement 2.0 mit zu iniziieren, welches in Deutschland durch Drogenkrieg und Führerscheinstellen inzwischen ja in "geordnete Bahnen" gelenkt wurde.

Auch finde ich es bedenklich, den Rave an den Exzess zu knüpfen. Vor allem in jungen Jahren ist der Exzess zum Kennenlernen der eigenen Grenzen und Belastbarkeit wichtig, aber mal ehrlich, was bringen die geilsten Parties, mit der schönsten Deko und dem fettesten Sound, wenn man sich am nächsten Tag nur noch Bruchstückhaft an das Erlebte erinnern kann?

Desweiteren ist Kampnagel zwar eine der schöneren Locations in Hamburg, aber keine In-door-location kann es auch nur annähernd mit Open-air aufnehmen und die Wurzeln für diese Musik liegen beim Feiern im Freien....., der Pendant hierzu heisst nicht umsonst "House".

Den Ausruck "Goa" hier zu lesen ist ja schon fast nostalgisch, nachdem er Mitte der 90er in der BILD auftauchte, welche mal wieder versuchte, etwas, das die sich nicht erklären konnten, ein Label aufzukleben und es flugs zu einem Trend zu erklären.

Ein recht langlebiger Trend, wenn man davon ausgeht, dass hier in Portugal, wie in Deutschland auch, im Sommer an jedem Wochenende gleich mehrere grosse Open-Air Festivals mit fettem Psy-Trance laufen, und sich diese Art zu feiern inzwischen global ausgebreitet hat.