„Die Welt nach Corona“-Dystopien verhindern

Dystopien ....sind schneller real als gedacht. Neue Visionen und Wege können in düsteren Zeiten helfen.
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Wie sieht unsere Gesellschaft nach Corona aus? Erleben wir aktuell den Übergang in einen totalitären Kontrollstaat? Oder ergeben sich sogar Möglichkeitsfenster für positive Visionen einer gemeinwohlorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung? Mit diesen Fragen beschäftigen sich aktuell unzählige Blogeinträge, Zeitungsartikel und Social-Media-Posts. Klar ist, dass es die Welt vor Corona nicht mehr geben wird. Das Mantra „Eine besondere Situation erfordert besondere Maßnahmen“ hat das Denken und Handeln der Menschen verändert. Eine Ausgangssperre wird von vielen freudig begrüßt, die Übermittlung von Bewegungsdaten durch Mobilfunkanbieter scheint legitim, die Ausweitung polizeilicher Befugnisse und das Aussetzen politischen Protests auf der Straße werden als erforderlich eingestuft. Zum akuten Schutz sind viele der freiheitseinschneidenden Maßnahmen womöglich tatsächlich notwendig. Aber was, wenn die „besondere Situation“ nicht endet? Was, wenn es uns ergeht wie in Orwells 1984, in dem ein Kriegszustand den nächsten ablöst und die „besondere Situation“ inklusive der Notstandsgesetze und -befugnisse ein ewiger Kreislauf sind? Ein dystopisches Szenario, von dem wir gerade genüsslich und in aller Sozialisoliertheit kosten können. Allerdings ist die Dystopie erst dann vollkommen, wenn die besonderen Verhältnisse in Fleisch und Blut (und Denken) übergegangen sind und als Normalität gefasst werden. Diese Normalisierung der besonderen Situation gilt es bei allem gegenwärtig angemessenem Verantwortungsbewusstsein zu verhindern. Drei Schritte, viele Fragen und ein paar Impulse können hierfür eventuell einen Beitrag leisten.

Allen Anfang dieses Aushandlungsprozesses bildet die Reflexion. Welche sozialen Dynamiken sind in den letzten Tagen entstanden? Warum sind diese entstanden? Welche Freiheiten haben wir notgedrungen und bereitwillig aufgegeben? Wer kann sich schützen und vorsorgen und wer nicht? Welche Erfahrungen, Erkenntnisse und Momente haben wir gleichzeitig dazugewonnen? Wie können wir uns solidarisch zeigen und uns gegenseitig unterstützen? Was brauchen wir eigentlich für ein gutes Leben? Einige können diese Tage als Gewinn wahrnehmen. Zeit zu Lesen, zu Gärtnern, auf dem Sofa vor der Spielekonsole abzuhängen, sich lange entgegengesehnten Projekten zu widmen oder sich mit nahestehenden Menschen zu beschäftigen. Während sich die Einen angenehm den Engsten widmen, widmen sich andere in sozialer Isolation notgedrungen den Ängsten. Wieder andere haben nicht einmal die Möglichkeit sich zu isolieren, weil sie mit vielen anderen in Geflüchtetenlagern, Obdachlosenunterkünften oder Pflegeeinrichtungen leben, ganz ohne Bleibe dastehen oder kritische Infrastrukturen aufrechterhalten. Neben der gemeinsamen Virenbekämpfung wird die Abhängigkeit von einem global arbeitsteiligen Wirtschaftssystem, dessen Zerbrechlichkeit und Ungerechtigkeit abermals offensichtlich wird, eine der größten, uns alle betreffenden Herausforderungen sein. Während die Grundversorgung mit Gütern wie Nahrungsmitteln, Obdach, Kinderbetreuung, medizinischer Versorgung etc. auch ohne Coronakrise bereits nicht für alle Menschen sichergestellt ist, erfahren nun sogar privilegierte Menschen wie sich Sorgen um die Erfüllung von Grundbedürfnissen anfühlen können. Dies ist eine Chance um Empathie und Solidarität zu entwickeln. Lasst uns sie auch zum Erdenken von und Beschäftigen mit anderen Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens nutzen.

Die Reflexion des eigenen Handelns, der vorherrschenden Vorstellungen von richtig und falsch, der politischen und sozialen Verhältnisse, aber auch der Frage, was man für ein zufriedenes Leben tatsächlich braucht, sollte einen das ganze Leben begleiten. Um sich jedoch nicht im Reflexionsstrudel zu verlieren, sind gleichzeitig positive, greifbare Visionen gefragt, die die neuen Erkenntnisse berücksichtigen. Interessant zu sehen ist hierbei, dass die vorläufigen Gewinnerinnen des gegenwärtigen Stillstands vieler Infrastrukturen die Ökosysteme sind, die durch weniger Flugreisen und Autofahrten, ausbleibende Touristenströme und einen geringeren industriellen Energie- und Ressourcenverbrauch kurzfristig Durchatmen können. Bilder von zurückkehrenden Tieren in eigentlich menschenbelebte Gebiete gehen um die Welt. Ein schöner Nebeneffekt, der aus einem weniger schönen Zwangszustand resultiert. Wie können wir diesen Zustand auch ohne den coronavirusbedingten Zwang aufrechterhalten? Wie könnten regionale Versorgungssysteme mit Nahrungsmitteln und lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen aussehen, die statt Hamsterkäufen und Ellbogenmentalität auch in herausfordernden Zeiten Solidarität und Versorgungssicherheit ermöglichen? Wollen wir Städte und Dörfer nicht lieber mit lebhaften Kulturveranstaltungen und Orten der Begegnung füllen an Stelle von Autos? Wie lässt sich der Zeitwohlstand, den einige gerade erfahren, auch über Corona hinaus sichern und gerecht verteilen? Welche Räume braucht es, in denen Menschen zusammenkommen und Antworten auf diese Fragen diskutieren und gestalten können? Bestehende Alternativen und Ideen wie regionales Kreislaufwirtschaften, die (Re-)Kommunalisierung von Betrieben statt Privatisierung, Arbeitszeitverkürzungen bei gleichzeitiger gerechter Verteilung von Einkommen und Lohnarbeit, gemeinschaftliche Wohnkonzepte, Grundeinkommensmodelle, solidarische und kooperative Landwirtschaft, das Teilen von Gütern und Dienstleistungen und vieles mehr können Impulse für gemeinwohlorientierte Visionen liefern. Fest steht aber auch, dass auch antidemokratische und reaktionäre Bewegungen die gegenwärtige Situation für die Erreichung der eigenen Visionen nutzen. Angst und Unsicherheitsgefühle bieten hierfür einen optimalen Nährboden. Für alle demokratischen und freiheitlich denkenden Menschen sollte klar sein, dass die auf Hass und Kontrollfantasien gründenden Visionen der Abschottung und Abgrenzung niemals zu einem friedlichen und solidarischen Zustand der Gesellschaft führen werden. Im Gegenzug braucht es starke Visionen in Richtung einer Gesellschaft und einer für diese dienlichen Wirtschaft, deren oberste Maxime Gemeinwohl und grenzüberschreitende Solidarität sind und zu einer langfristigen Entlastung von Lebensstilen und Ökosystemen führen.

Nächster Schritt nach Reflexion und Visionieren ist die Umsetzung. In Richtung einer Vision zu arbeiten, die sich im Verlauf immer neu finden kann und eine Veränderung von weit verbreiteten Handlungsmustern und Gewohnheiten beinhaltet, ist natürlich kein technischer Prozess mit einer strengen Abfolge von Umsetzungsschritten. Pläne, Netzwerke und Strategien sind wichtig. Gleichzeitig ist die Offenheit für neue Erfahrungen, Sichtweisen und das Machen von Fehlern grundlegend. Folgende Fragen können helfen, ins Machen zu kommen: Wo und wie kann ich mich mit meinen Gedanken, meiner Stimme und meiner Motivation einbringen? Gibt es bereits Projekte, Initiativen oder politische Bewegungen, die in die Richtung der erdachten Vision arbeiten? Denen ich mich anschließen kann oder mit denen ich mich austauschen kann? Gibt es bereits vielversprechende Orte und Freiräume, seien es Kulturzentren, Bildungsprojekte, Selbsthilfewerkstätten, Wohnprojekte, kooperative Garteninitiativen oder Solidaritätsnetzwerke, die ich unterstützen oder bei denen ich mitmachen kann? Bin ich vielleicht sogar im Besitz von Flächen, Wohnraum oder anderen Mitteln, in denen und mit denen ich kooperative Lebens- und Wirtschaftsweisen ausprobieren oder anderen hierfür zur Verfügung stellen kann? Und natürlich: Worauf habe ich Bock? Die Möglichkeiten zu Gestalten sind vielseitig und können auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Auf die freiwillige, häufig gepredigte Anpassung des Kaufverhaltens zu setzen, greift zu kurz. Das wird in der jetzigen Situation, in der die Abhängigkeit von gefüllten Supermarktregalen und über den Globus gespannten Produktionsketten spürbar wird, besonders deutlich. Mit meinem Kaufverhalten und individuellen Lebensstilentscheidungen kann ich zwar mitbestimmen, ob ich biologische Landwirtschaft unterstütze, mit dem Fahrrad fahre oder in einer Wohngemeinschaft wohne. Für eine Verbreitung dieser oder anderer Ansätze sind jedoch vor allem politische Rahmenbedingungen und (Infra-)Strukturen notwendig, die es mehr Menschen ermöglichen an solchen Ansätzen teilhaben und diese mitgestalten zu können. Und vor allem wird es auch darum gehen, politische Maßnahmen im Zuge und Nachgang der Corona-Pandemie auf Wirkung und Richtung zu prüfen. Welche Freiheitsrechte und Freiräume wurden eingeschränkt und gilt es zurückzuerobern oder sogar auszuweiten? Welche Art des Wirtschaftens wird durch Konjunkturpakete unterstützt? Wem nützen diese, wem nicht oder weniger? Leisten sie einen Beitrag, um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Anfälligkeit gegenüber erneuten Krisenszenarien zu mindern? Die Liste von Fragen ist sicher nicht vollkommen, sondern ein erster Anstoß, um das bestmögliche aus der „besonderen Situation“ zu machen und tatsächlich zu „besonderen Maßnahmen“ im Sinne des Gemeinwohls und internationaler Solidarität zu führen.

Eine Dystopie ist nämlich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ohne Widerstände und gegenläufige Denk- und Verhaltensmuster wird diese real. Wenn man also nicht darauf warten will und am Ende nur der „Ich habs immer gesagt“-Fraktion angehören möchte, bleibt nur das aktive Arbeiten und Experimentieren mit Alternativen. Wieso also nicht die Situation nutzen, um sich in positive Visionen zu stürzen, sich mit anderen (wenn auch vorerst online) darüber auszutauschen und gemeinsam Neues zu erproben?

11:52 24.03.2020
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