Hausverstand vs. Griechenland

„Balkanmentalität‟ „Griechenland ist ein Dritte-Welt-Land und hat in Europa nichts zu suchen‟, sagt Herfried Münkler in einem gestern von der Berliner Zeitung publizierten Interview
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Zumindest müsse man das schlußendlich feststellen, wenn es nicht gelinge, das Land in absehbarer Zeit „zu transformieren‟. Das wiederum hieße nach Münkler, in Griechenland „eine funktionierende Staatsverwaltung, die mit unserer vergleichbar ist‟ herzustellen.

Diese beiden Aussagen bilden jedoch nur den Ein- und Ausgang des Interviews und umklammern die Skepsis Münklers, dass nicht nur Griechenland, sondern der gesamte Balkan sich nicht für eine EU und noch weniger für einen Euro-Währungsraum eigne. Wer Münklers Weltsichten etwas kennt, wird nicht in besonderes Staunen verfallen, wenn er dessen zentrale Forderung nach einem „Kerneuropa mit sehr ähnlichen politischen und sozio-ökonomischen Strukturen‟ liest oder hört. Da ist er wieder, der knochentrockene, schon brutal-realistische und gänzlich visionslose Pragmatismus, wegen dem der Hochschullehrer wohl unter anderem auch als Berater der Bundesakademie für Sicherheitspolitik berufen sein wird.

Man dürfe, wird Münkler präziser, sich auch keine falschen Vorstellungen vom Syriza-Bündnis machen, denn es sei ein „Märchen‟ dass dieses „gar nichts mit den oligarchischen Strukturen zu tun hätte. Viele von den dort organisierten Leuten kommen aus der alten sozialdemokratischen Pasok und haben deren Klientelsystem mitgenommen in das neue Bündnis. Auf dem Balkan bestehen weitgehend vertikale Strukturen der Verpflichtung. Diese Länder haben selten und nur bruchstückhaft einen Prozess durchgemacht, in dem sich horizontale Interessenvertretungen, ein sagen wir mal Klassen- und Schichtenbewusstsein, entwickeln konnte.‟

In Sachen politischer Geschichte ist Münkler sicher eine Kapazität mit nicht nur einem enorm großen Wissen, sondern auch der Fähigkeit zu messerscharfen Analysen und treffenden Einschätzungen. So ist auch seine Einschätzung der politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Balkanländer nicht einfach von der Hand zu weisen. Dabei muss man sich nun nicht auf ein Klein-Klein verlegen und etwa danach fragen, wieviel denn tatsächlich dran sei, dass auch Syriza nur eine Fortsetzung gewachsener Seilschaften sei. Und immerhin bedient sich Münkler nicht der nur dummdreisten Rhetorik, mit der uns hierzulande ausgerechnet konservative Presseflaggschiffe erklären wollen, warum es mit „Möchtegern-Linken‟, die akademisch gebildet und ja selbst gar nicht arm sind, nichts werden könne.

Aus den aktuellen Auseinandersetzungen auch innerhalb von Syriza – zuletzt trat die stellvertretende Finanzministerin Nadja Valavani mit den Worten „Alexis, ich kann nicht mehr weitermachen‟ zurück – angesichts des Dilemmas zwischen dem deutlichen Nein zum Fremddiktat durch die Gläubiger und der letztlichen Rückkehr der Troika, lässt sich immerhin ablesen, dass ein Kampf ums Ganze geführt wird. Offenbar kann man sich jenseits des realen Elends, in dem Griechenland sich befindet, das aber immer noch nicht vorstellen. Das betrifft insbesondere die angesprochenen hämischen Kommentare seitens der hiesigen Presse, aber auch Münkler.

Letzterer argumentiert am Ende dann doch auch viel zu bequem mit Mentalitäten und Temperamenten im südlichen Raum und dass diese dort nun einmal nicht zu ändern wären. Zwar ist, wie oben bereits zugestimmt, dieser Befund an sich gar nicht einmal falsch. Indem er damit aber bereits einen vollkommenen Rückzieher von der Idee einer europäischen Integration macht, ist er gleichermaßen entlarvend. EU-Europa ist wohl nie wirklich über einen blanken und puren Wirtschaftsraum hinaus gedacht worden. Allgemeiner kann man nun angesichts des Griechenland-Dramas exemplarisch und sozusagen vor der eigenen Haustür des vermeintlichen Hauses Europa feststellen, dass politische Visionen nie am wirtschaftlichen Zwangsprimat vorbeikommen und höchstens als Makulatur davor gehängt werden. Binsenweisheit, werden Leser an dieser Stelle vermutlich rufen.

Trotzdem: Ist es nicht markant, wie selten noch ein wirklich politisches Argument bemüht wird? Wie wenig sich selbst eine allein auf den Euro und seine Marktkraft heruntergerasselte EU vermag, sich als eine politische Einheit zu präsentieren und sich so eben auch vor seine Mitglieder zu stellen; sie zu schützen? Wie allein ihr wirtschaftlich stärkster Teil, Deutschland, mit einem Hausverstand den Ton angibt? Und wie am Ende 'Deutschlands Intellekt' sich auch nicht auf viel mehr zu berufen versteht, als diesen Hausverstand, mit dem man eben noch am besten mit den uns „Ähnlichen‟ zurechtkommt und mit den Anderen gar nicht erst hätte anfangen dürfen.

Italien will Münkler aber aus seinem „Kerneuropa‟ nicht wirklich rausnehmen: „Die Italiener müssen es sich überlegen.‟ Und, naja, auch mit Frankreich werde es „nicht ganz einfach.‟ Aber solange Deutschland die rechte Verantwortung übernehme, werde man das schon meistern. Recht pointiert kommt hier die Frage des interviewenden Arno Widmann an Münkler: „Kommt Ihnen manchmal der Gedanke, dass Ihre Analysen etwas mit Ihrem Alter zu tun haben?‟

So, da muss Deutschland nun nur noch irgendwie dafür sorgen, dass im Norden – und, naja, auch bei den Italienern, weil nicht wirklich Balkan – alles wirtschaftlich stabil bleibt. Sieht ja auch ganz danach aus – man muss nur die richtigen Augen zudrücken. Wir machen schon unseren Haushalt, wie man so sagt, in Kerneuropa ...

18:56 16.07.2015
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