Wählen auch per Hakenkreuz? Interpretation des Wählerwillens

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Am 18. September ist in Berlin Wahl. Okay, es gibt drei Wahlzettel. Aber im Grunde weiß doch jeder Bescheid: Ein Wahlzettel gilt als korrekt gekennzeichnet, wenn in dem vorgesehenen Feld neben dem Parteinamen oder dem Namen eines Kandidaten ein Kreuz oder Haken gesetzt wird. Hier, bitte schön, da lang, und jeder nur ein Kreuz. Fertig. Jede weitere Kennzeichnung oder Zusätze, seien sie zeichnerischer oder verbal-schriftlicher Natur, machen doch einen Stimmzettel und damit die abgegebene Stimme ungültig.

Denkste! In Berlin machen wir das diesmal ein bisschen anders. Aber der Reihe nach.

Was ich bisher nicht wußte, ist, dass es neben eindeutig gültigen Stimmen auch sogenannte "Beschlussfälle" gibt. Diese sind vom Wahlpersonal in den Protokollen zur Ergebnisermittlung in einer Spalte neben den eindeutig gültigen einzutragen.
"Beschlussfall" bedeutet also, dass es für die Auszählenden einen gewissen Interpretationsspielraum gibt. Je nach körperlichem und geistigem Vermögen eines Wählers bzw. seiner Gefühlslage oder Verfassung im Moment der Stimmenabgabe, kann ein Kreuz ja schon mal ein bisschen verrutschen.

Nun, das wird nichts Neues und vielleicht nur mir neu sein. So weit, so gut.
Aber jetzt kommt's: In mindestens einem Bezirk Berlins wurden die freiwilligen Wahlhelfer in ihrer Schulung am vorvergangenen Wochenende schon einmal vorbereitet, wohin sich die Interpretation eines "Beschlussfalles" ausdehnen kann:
Ein Hakenkreuz im Feld für die NPD ist nicht als eindeutig ungültige Stimmabgabe zu werten, sondern stelle eine Plausibilität zum Wählerwillen her! Es gilt nicht etwa, dass ein Kreuz ein Kreuz ist, denn ein Hakenkreuz in einem Feld der anderen Parteien sei wiederum ungültig, weil es sich hier nur um eine Verirrung oder Provokation handeln könne! Dass es sich beim Hakenkreuz um ein verfassungsfeindliches und verbotenes Symbol handelt ... hmm, naja - Wahlzettel werden ja nicht herumgezeigt.
Ähnliche Auslegungen des Wählerwillens gelten offenbar für verbale Zusätze. Mache ich mein Kreuz und schreibe dahinter Super! oder Huhu!, sei kein Konflikt oder eine Widersprüchlichkeit erkennbar. Das können auch mehrere Worte sein - jedoch auch nur, wenn sie sich verständlich, d.h. in deutscher Sprache, vermitteln. Mache ich mein Kreuz etwa bei Der Linken und schreibe zur FDP neoliberale Ausbeuter-Hunde oder ähnliches, dann geht das nicht als anständige Stimmabgabe durch. Ferner wäre im betreffenden Bezirk Berlins nun gar nicht so verwunderlich, wenn es verbale Zusätze auf Russisch, Vietnamesisch oder auch Arabisch gibt. Da damit nun gar nicht verfahren werden könne, läge, der Fall einer ungültigen Stimme vor.

Warum so etwas? Als ich davon zuerst hörte, konnte ich zunächst nur mit dem bekannten bohrendem Ton bassen Erstaunens Was?! rufen und musste zugleich ob der Absurdität lachen. War kurz darauf aber schon ernster erschrocken.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir über das Wahlchaos in den USA, aus welchem die erste Wahl George W. Bushs hervorging gelacht haben: Die kriegen es nicht einmal hin, mit ihren Wahlmaschinen eindeutige Kennzeichnungen zu verfertigen.
Und nun mal Klartext: Sind wir in Deutschland nicht in dem Land, in dem stets alles so vortrefflich und eineindeutig geregelt ist?
Muss vielleicht die stets sinkende Wahlbeteiligung, eben besonders i.F. von Landtags- und Bürgermeisterwahlen, wenigstens durch eine anständige Zahl gültiger Stimmen kompensiert werden?
Muss ich nun davon ausgehen, dass vielleicht ein gewisser Teil gültiger Stimmen durch ein Orakeln über den Wählerwillen zustandekommen wird? Oder wird der Wählerwillen im Zweifelsfall nun nach anzunehmendem PISA-Index in bestimmten Stadtbezirken eruiert?
Ich weiß es nicht. Was ist so schwierig? Hier, bitte schön, da lang, und jeder nur ein Kreuz. Ist doch ganz einfach ...

Anm.: Die Informationen stammen von einer mir sehr nahestehenden Person, die am 18.09. als Wahlhelfer in Berlin tätig sein wird. Sie war nach ihrer Schulung ganz aufgebracht über die Verfahrensweisen - zumal sie bereits mehrere Male in Berlin Wahlhelfer war.

20:03 13.09.2011
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