Michael Angele
06.12.2012 | 12:00 21

70 Jahre Einsamkeit: Peter Handke

Geburtstag Handke hat viele Fans, aber sein Engagement für Serbien bleibt umstritten. Am besten ist er, wenn er alleine unterwegs ist

Irgendwo war zu lesen, dass Peter Handke neuerdings mit dem Gedanken spielt, sich eine E-Mail-Adresse zuzulegen. Eine Mail von „Peter Handke“ zu empfangen, scheint mir absurd, ich würde es für den Scherz eines Freundes halten. Man kann sich einen Peter Handke nicht als Schreiber von E-Mails vorstellen. Wir Fans wollen ja auch nicht wahrhaben, dass unser Idol mit seinem alten Freund, dem Medienunternehmer und Kunsthistoriker Hubert Burda, gut gelaunt über den Kulturbetrieb klatscht. Und nur widerwillig haben wir beim Lesen des gerade erschienenen 700-seitigen Briefwechsels mit seinem langjährigen Verleger Siegfried Unseld zur Kenntnis genommen, dass er sich sehr genau um die finanziellen Aspekte seines Schriftsteller-Daseins kümmert.

Nein, unser Handke ist kein Geschäftsmensch und kein Gesellschaftsmensch. Eigentlich ist er auch kein politischer Mensch. Zwar hat er immer wieder die unseligen Traditionen in seiner Heimat Österreich kritisiert – am 6. Dezember 1942 wurde er in Kärnten geboren – und in den achtziger Jahren den früheren UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim für sein Schweigen zur NS-Vergangenheit angeprangert. Aber seine heikelste politische Einlassung, die Parteinahme für Serbien Ende der neunziger Jahre, scheint uns primär seiner Liebe zu den Unvernünftigen und den von allen guten Geistern Verlassenen geschuldet.

Serbien wird von der ganzen Welt verfolgt und gemieden, keiner fährt mehr hin – na schön, dann fahr ich hin, dachte er sich wohl. „Ich habe, als ich meine Winterliche Reise schrieb, Serbien unter dem Embargo erlebt, wie ich es nicht kannte“, sagte Handke später, und man darf ergänzen: Was immer er Dummes zu Karadžić oder Milošević gesagt haben mag, er kennt den Balkan von vielen Reisen, ist ihm durch Herkunft verbunden, seine Mutter stammte ja aus Slowenien.

Ästhetik des Alleinseins

Unser Handke ist also geradezu ein Einsamkeits-Süchtiger. Seine Texte sind ein langer Beitrag zu einer noch zu schreibenden Ästhetik des Alleinseins. Natürlich sucht der Einsame den Bund mit dem Leser, und dann sind sie zu zweit einsam. In der Geschichte des Bleistifts aus dem Jahr 1982 wünscht sich Handke, einmal einem Prediger zu begegnen, der es mit Leib und Seele ist und die Leute erwecken will. Als er dann auf einen stößt, war jener der „einsamste Mensch im Dorf“.

Nennt uns einen Buchtitel, und wir sagen, welche Einsamkeit aus ihm strömt: Die morawische Nacht, oder Wunschloses Unglück, hier erzählt Handke von der einsamen Mutter, oder In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Es geht da um einen Apotheker, der aufbricht mit zwei Freunden, was machen die eigentlich? Öfter erinnert man sich an die Plots seiner Bücher nur grob, weiß noch nicht einmal so recht, ob darin gesprochen wird. Gibt es in Handkes Prosa eigentlich Dialoge?

Was aber als Eindruck fraglos bleibt, ist eine kolossale Stimmungstiefe. Meister der Dämmerung lautet die Biografie von Malte Herwig, die gerade als Taschenbuch erschienen ist, und wenn man Herwig bittet, ein Bild für diese Handke-Stimmung zu finden, dann schreibt er: „Als ich Handke im Oktober bei Paris besuchte, kehrte er gerade vor dem Haus das Laub und schien mich erst gar nicht zu bemerken, wie ich den kleinen baumgesäumten Pfad auf das Tor zuging. Ein wunderbares Bild, dieser fast 70-Jährige, wie er dasteht mit hochgekrempelten Ärmeln, in feiner, aber abgetragener Anzughose, und barfuß im Nieselregen das Laub zusammenrecht. Ich könnte ihn stundenlang beobachten, wenn er so vor sich hinwerkelt.“

Handke, der Stimmungskünstler, der in seinen Büchern und Interviews dann auch schnell verstimmt wirkt, bis schließlich doch flüchtig etwas zusammenkommt, ein Wort zu einem Ding vielleicht. Dass nichts mehr zusammenfindet, war lange sein Programm, war auch Zeitgeist, als er in den sechziger Jahren anfing zu schreiben.

Noch als Grazer Jurastudent beendete er seinen Erstling Die Hornissen. In jenen „Beat-Jahren“ entstand dann auch die famose Publikumsbeschimpfung, aber die Bühne und Handke, insbesondere Peymann und Handke – das sollen andere bewerten. Hier soll nur vermerkt werden, dass die Einsamkeit irgendwann einmal auch seine Stücke ergriffen hat. In den Nullerjahren lagen auf den Tischen der Buchhandlungen immer mal Stücke wie Untertagblues. Ein Stationendrama recht verloren, wurden selten gekauft (von mir aus schlechtem Gewissen) und kaum gelesen. Und nun muss gesagt werden, dass viele, die jetzt zum 70. rufen: Handke!, ja, dass die ihn bis vor Kurzem einfach vergessen hatten. Und auch wir Handke-Einsamkeits-Fans, vermutlich allesamt Männer, haben in jener Zeit primär den Retro-Band Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990 gelesen. Der Schriftsteller unterwegs, oft zu Fuß an Ausfahrtstraßen entlang, allein.

Es bleibt natürlich im Rahmen einer solchen Fan-Existenz nicht aus, einmal den Ort aufzusuchen, an dem der Meister seit 1990 schreibt und lebt, ohne ihm selbst zu nahe zu kommen (man ist ja nicht sein Biograf). Dieses Chaville ist geradezu der ideale Handke-Ort, in manchen seiner jüngeren Prosa verklausuliert beschrieben, reine Vorstadt, Peripherie, die Weltstadt Paris im Rücken. Wir hatten uns den Scherz erlaubt, in der Gemeindebibliothek von Chaville nach seinen Büchern Ausschau zu halten. Es war auch einiges da, als wir aber die Frau an der Ausleihe darauf ansprachen, dass der berühmte Autor ja in der Gemeinde selbst wohne, war ihr das unbekannt. Seit man weiß, dass Handke nicht nur die Einsamkeit liebt, sondern auch einen verschmitzten Humor hat (Versuch über den stillen Ort), kann man sich gut vorstellen, dass ihm diese Reaktion gefallen könnte.

Kommentare (21)

Lethe 06.12.2012 | 12:53

Vielleicht ist seine skandalöse Einmischung ja nicht ausschließlich der "Liebe zu den Unvernünftigen und den von allen guten Geistern Verlassenen geschuldet", sondern der Einsicht, dass das "weltweite" Verdikt gegen Serbien einseitig und ungerecht ist. Aber speziell Deutschland pflegte schon in früheren Zeiten ein sehr viel innigeres Verhältnis zu den kroatischen Schlägertrupps und hat diese Innigkeit auch auf die EU übertragen. Da ist es natürlich böse, darauf hinzuweisen, dass der Balkan ein Multikontextproblem darstellt, dass einseitige Schuldzuweisungen verbietet. Es sei denn natürlich, einige Länder wollen in die EU zu beinahe jedem Preis, der ihnen dafür auferlegt wird, andere nicht. Zumindest nicht zu jedem Preis. Dann ist natürlich klar, wer die Bösen sind, und auch, dass die serbischen Kriegsverbrecher verurteilt und die kroatischen oder sonstigen freigesprochen werden.

Joachim Petrick 06.12.2012 | 12:54

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Mir ist Peter Handke weniger die Autor der Einsamkeit denn der zunächst einmal überaus anfechtbar umstrittenen Positionen und Haltungen, den einen zum Wohlgefallen, den anderen zum Ärgernis, an denen er sich gleichmaßen gedanklich hochrankte, da überschätzt, hier unterschätzt, Rang und Namen zu erlangen.

Das begann ja schon mit seinem legendär provakativen wie angestrengt (ferngesteuert von Siegfried Unseld?) halb danebenen Auftritt beim Jahrestreffen der Gruppe 47 in Princeton im Jahre 1967.

Peter Handke bedarf keines Dialoges, weder in seinen Büchern, noch im realen Leben?, u. a. als einer der ersten prominent alleinerziehenden Väter, er ist und scheint sich nachwievor selber Dialog genug

1967 bin ich Peter Handke einmal auf dem Kuhdamm, Ecke Kneesebeckstraße in Berlin begegnet, wir begrüßten uns distanziert, als kennten wir uns, so jung wie wir waren, lange in- und auswendig. Er sah mich überaus freundlich durch Kopfneigen grüßend, von oben bis unten wortlos an, ich ihn eher nur flüchtig.

Später dachte ich, das geschah wohl nur, weil ich ein ziemlich altmodisch langgeschnitt tailliert hellgraues Jacket von meinem, ein Jahr zuvor verstorbenen Vater, als "armer Student" abtrug

anne mohnen 06.12.2012 | 14:49

Lieber Herr Dr. Angele,

„Ältere Freundschaften“, schrieb der alte Goethe, „haben vor neuen hauptsächlich das voraus, daß man sich schon viel verziehen hat.“

In dem Sinne ist das sicherlich die selbstironischste, humorvollste und schönste Einlassung aus ihrer Feder in diesem Jahr – eben eine Geburtstagrede für Handke. Sehr schön ist auch, dass Sie, so in Ihren Erinnerungen schwelgend, an die Vorortbegehung der Wohn- und Wirkstätte unseres Jubilars erinnern. Der gewogene, stets Ihren Färten folgende Leser, ruft gleich noch "den Reiseanlass" mit auf. .;))

Apropos Stimmung, Geld und Einsamkeit:

„Von seinen früheren Anstrengungen war erst einmal Geld genug übrig, so daß auch hier nichts zu einer neuen Schufterei drängte.“ Und dann schreibt, wie der beflissene Leser aus Ihrem Reisebericht weiß, unserer Pilzesammler Handke weiter:

„Auf langen Wegen im Umkreis der vielen ineinander übergehenden Vorstädte erhellte sich da vor ihm eine unerhöhrte Landschaft. War es das denn nicht: nichts mehr unternehmen müssen - nur noch mit dem Kind (um dieses sich freilich nach Kräften kümmernd); verborgen in einem ausländischen Vorstadthaus (…), verborgen in dem Auf und Ab der beispielhaft leeren Vorstadtstraßen, von deren Kuppen aus in der Tiefe der Weltstadt in immer neuen Augenblicken der Ewigkeit glänzte? (P. Handke. Kindergeschichte)

Lang soll er leben - der ( via Gottfied Keller, Adalbert Stifter und nicht zu vergessen Martin Heidegger) zu sich gekommene und bei sich seiende Peter Handke!

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Ehemaliger Nutzer 06.12.2012 | 21:09

Und nur widerwillig haben wir beim Lesen des gerade erschienenen 700-seitigen Briefwechsels mit seinem langjährigen Verleger Siegfried Unseld zur Kenntnis genommen, dass er sich sehr genau um die finanziellen Aspekte seines Schriftsteller-Daseins kümmert.

;-)

es gibt eine möglicherweise ähnliche veröffentlichung bernhard-unseld und grade durch den vorherrschenden finanziellen aspekt ists ein höchstgenuß, diese briefe zu lesen und sehr, sehr erheiternd teils wie verständlich oft auch...

handke-bernhard - ein gelungener werbegag...

möglicherweis erinnerts gar an community-redaktion/online-redaktion, das gebaren ähnlich oder "die"?

Magda 07.12.2012 | 10:01

Danke, danke, vielen Dank. Ich dachte schon, das ist nur mir unangenehm aufgefallen. Übrigens: Kürzlich gabs eine Sendung zur Erinnerung an die Lager Omarska und Srebrenica. Das war ganz schrecklich.

Nur: in einem Nebensatz - beiläufig - erklärten die Reporter, solche Lager hätte es bei allen Kriegsparteien gegeben. Und hier ist auch noch ein Beitrag zu einem höchst umstrittenen Urteil gegenüber dem kroatischen Angeklagten Gotovina.

http://www.taz.de/Freispruch-von-Kroatiens-Gotovina/!105835/

Joey 08.12.2012 | 11:26

Freue mich schon den Briefwechsel zu lesen, Danke für den Hinweis.

Die finanziellen Aspekte finde ich entscheidend, also nicht für die künstlerische Qualität aber für die unternehmerischen Aspekte die erst ein Werk möglich machen. Das ist ja das unsympathische am Kulturbetrieb, keiner hat Geld und die, die es haben reden nicht darüber. Aber alle müssen so tun, als bräuchten sie keines. Ich bin Künstler und kann Ihnen versichern: ich brauche schon welches. Chapeau an Handke, dieses Schweigen zu brechen.

mymind 08.12.2012 | 19:51

Neben allem was Handke für jeden Einzelnen darstellt, repräsentiert er zudem ein herausragendes Beispiel für das, was einem wiederfahren kann, wenn er abseits der PC seine Meinung zum Ausdruck bringt. Im Grunde war er Protagonist einer Aufführung in Punkto Meinungsfreiheit, vor allem in Deutschland.

Was geschieht wenn einer, entgegen der politischen Doktrin & ihrer Helfershelfer, i.d.F. den Mainstream-Medien, Zweifel äußert an dem propagandistisch-inszenierten Zerrbild der Ereignisse in Ex-Jugoslawien? Was geschieht, wenn derjenige zudem Sympathie äußert für ein Volk, das insgesamt dämonisiert wurde & wobei alle in Sippenhaft genommen wurden? Was geschieht, wenn er so bekannt & geschätzt ist, dass er nicht in Gänze ignoriert werden kann? Oder was geschieht, wenn einer mit seiner Bekanntheit zum Anlass genommen wird, weitere Projektionen des ´richtigen Denkens & Handelns´ zu manifestieren & gleichzeitig ihm, dem Ausscherenden die Konsequenzen verdeutlicht werden?

Wir durften es erleben.: Die Konsequenzen waren Anfeindungen, Häme über seine Werke & seine Person bis hin zu Protesten bez. Preisverleihungen etc. Dabei hat kaum jemand sich mal die Frage gestellt, ob die eigene Einschätzung überlegenswert ist, & ggf. durch Handke mit seinen Statements & seinem Verhalten kritisch hinterfragt werden könnte, anstatt diese unisono zu disqualifizieren.

Handke hätte wissen können, dass ´man mit den Schmuddelkindern nicht spielen darf´? Er wusste es & gerade diese Courage, die einsam macht, verdeutlicht etwas was Handke auch meinen könnte:

Was nimmt man dagegen in Kauf?

Happy Birthday Peter Handke!