Alles Gute

Porträt Ulrich Meyer war einst der Mann von „Explosiv – Der heiße Stuhl“ bei RTL. Heute geht es ihm mit seiner Sendung „akte“ um Nächstenliebe. Im Ernst
Alles Gute
Ulrich Meyer: „Weihnachten ist auch das Fest der Rechtsstreitigkeiten“

Foto: Franziska Taffelt für der Freitag

Wetten, das ..? gibt es nun also auch nicht mehr, und unser Fernsehgedächtnis verliert eine weitere Stütze. Eine haben wir allerdings noch, man kommt nur nicht gleich drauf: die Sendung akte. Sie wird Dienstag spätabends auf Sat1 ausgestrahlt. Neulich bin ich zufällig beim Zappen auf sie gestoßen; nicht, dass mir die Haare zu Berge gestanden hätten, sie wurden nur mal kurz gegelt und prächtig durchgeföhnt. Kurzer Blick auf Wikipedia. Die Sendung existiert 25 Jahre und treibt immer wieder Ableger: ErmittlungsAKTE, GesundheitsAKTE, Akte Ärztepfusch, Akte Schicksal, von der zu wissen, dass sie neuerdings SchicksalsAKTE heißt, Spezialwissen genannt werden darf.

Der Zeitsprung wäre natürlich ausgeblieben, wenn nicht Ulrich Meyer im Bild gewesen wäre. Er sah aus wie immer schon. Meyer ist seit 1987 beim Privatfernsehen, zuerst noch bei RTL, seine erste Sendung hieß Explosiv – Der heiße Stuhl, bei Youtube findet man kaum Zeugnisse. Unter kritischen Geistern hatte er den Ruf eines Markus Lanz. Aalglatt, ein Pseudojournalist und Moderatorendarsteller, der die Herzen der Schwiegermütter erobert, die er, ohne mit der Wimper zu zucken, an den Boulevard verkaufen würde. Einer, der zu seriös blickt, als dass man ihn für ernsthaft und ehrlich halten könnte. Später trat die Meldung hinzu, dass er mit Georgia Tornow zusammen sei. Tornow, damals in der taz-Chefredaktion, und der Moderatorendarsteller; die Meldung sorgte für erhebliche kognitive Dissonanz in unseren Köpfen. Aber das ist lange her, die beiden verschwanden aus dem Blickfeld.

Neulich nun landete sein Buch auf meinem Schreibtisch. Das läuft schief in unserem Land. Ein Plädoyer für mehr Herz, Anstand und Verantwortung. Mit so einem Titel kann man den Kritiker jagen. Ich blätterte darin und stellte bald fest, dass das ein Buch ist, dem man wenig entgegenhalten kann. Es plädiert für weniger Egoismus, mehr Altruismus, weniger soziale Kälte, mehr Miteinander, weniger Abzocke, mehr Fairness, ist im Zweifel für die kleinen Leute und gegen die „Eliten“.

Beharrlichkeit

Es sympathisiert mit den Gewerkschaften und liegt in den konkreten Verbesserungsvorschlägen nicht falsch: von der Forderung nach einem neuen sozialen Wohnungsbau bis hin zum Rat, dass sich Kinder vom Druck der Eltern auch ein Stück weit befreien sollten. Und dann steht da tatsächlich mein Lieblingsmotto: „Don’t cry – work“, Rainald Goetz. Meyers Buch ist keines, mit dem man Oberseminare zum Weiterdenken anregt, aber eins, auf das sich die Gesellschaft vernünftigerweise verständigen könnte, wenn sie denn ein Buch bräuchte, auf das man sich vernünftigerweise verständigen müsste.

Ulrich Meyer residiert mit seiner Produktionsfirma in Berlin, dort, wo sich an der Spree in alten Speichern neue Medienkonglomerate gebildet haben. Er hat Meta Productions gegründet, heute hält er noch zehn Prozent am Unternehmen, 90 Prozent sind in Besitz von Endemol. Es ist in einem soliden, nicht übermächtigen Klinkerbau untergebracht. Das passt, aber es macht mein Problem nicht kleiner: „Wir wollen das Interview in unserer Mutausgabe bringen. Aber eigentlich gehörte es in eine Ausgabe über Beharrlichkeit“, sage ich zu Ulrich Meyer, nachdem er mich in dem etwas kühlen Raum nicht lange warten ließ, die Heizkörper aufgedrehte, sich neben mich setzte, versprach, ein Auge auf das altmodische Aufnahmegerät zu werfen, und sich erkundigte, ob es dem Interviewer noch an etwas fehle.

Ein Spot zu den Privaten

Am 1. Januar 1984 nahm die „Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk“, kurz PKS, um 9.58 Uhr in Ludwigshafen ihren Sendebetrieb auf. Einen Tag später folgte RTL plus. Das deutsche Privatfernsehen war geboren. Aus RTL plus wurde später schlicht RTL, aus der PKS dagegen Sat1 – und die beiden Sender veränderten die bis dahin rein öffentlich-rechtliche Fernsehlandschaft gewaltig. Die Quote wurde zum alles dominierenden Erfolgsindikator, was aber ARD und ZDF auch so manche Verschnarchtheit austrieb. An RTL und damit auch dem Privatfernsehen insgesamt pappte lange das Etikett der sinnfreien Stripshow Tutti Frutti, die ihre Kritiker zum Fanal für den Untergang des Abendlandes hochjazzten. Aber die Privaten erfanden nicht nur die „Daily Soap“ und die Musik-Castingshows, sondern gaben auch Harald Schmidt zu seinen besten Zeiten eine große Bühne und etablierten Günther Jauch lange vor allen öffentlich-rechtlichen Jörg Pilawas als Quizonkel der Nation.

ARD und ZDF reagierten auf die private Konkurrenz vor allem, indem sie bekannte Moderatoren wegkauften und erfolgreiche Formate kopierten. So verstehen sie es heute selbstverständlich als öffentlich-rechtlichen Auftrag, auch Soaps und Boulevardmagazine zu produzieren. Neben Dschungel-Camp und Bauer sucht Frau setzen die großen Privatsender in den vergangenen Jahren ihrerseits wiederum auf eine Form des Kümmererfernsehens – sei es, dass Schuldnerberater Menschen erklären, wie sie aus dem Minus kommen, oder dass überforderte Restaurantbesitzer Tipps für die Unternehmensführung bekommen. Ein Klassiker dieses Genres ist auch Ulrich Meyers Sendung akte – Reporter kämpfen für Sie.

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen“, sagt Meyer und legt los: „Die Sache mit Ulrich Meyer ist, dass er immer schon da war. Einmal wirst du unverzichtbar. Privatfernsehen ist wie Rodeo, du musst einfach draufbleiben auf dem Gaul. Der Mut besteht natürlich darin, auf den Gaul aufzuspringen. Das ist in grauer Vorzeit passiert. Gehe ich von der Tageszeitung jetzt Richtung Stern, Spiegel oder gar zur Zeit? Und dann bekam ich eben das Angebot. Aber wenn Sie dann Produzent und für viele Leute verantwortlich sind, für die Sie Arbeitsplätze halten müssen, ist die Frage nach dem Mut sekundär. Sie müssen erst einmal die Notwendigkeiten erfüllen, und an die vielen Festangestellten denken, die auf sie hoffen. Es ist also nicht wichtig, dass sie Ihren Namen umkränzen mit ‚der Mutige‘ – das war einmal –, sondern, wenn schon mit ‚der Beharrliche‘.“

Mein Problem löst das natürlich nicht. Aber ich fühle mich trotzdem wohl. Die Heizung tut still ihre Arbeit, draußen dämmert der Dezember vor sich hin, Ulrich Meyer spricht mit angenehmer Stimme, und was er sagt, wirft schöne Zitate ab, die er mir problemlos autorisieren würde. Wir kommen auf sein Buch zu sprechen. Eigentlich kann man nur Häkchen hinter den Sätzen machen, sage ich etwas ratlos.

Und Ulrich Meyer antwortet: „Darf ich Ihnen vielleicht helfen, aus einem Punkt heraus, der mir extrem wichtig scheint. Das Buch ist ja entstanden zum Jubiläum von Akte. Wir haben mal geschaut, was wir an Rückmeldungen bekommen von Menschen, die uns häufig aus tiefster Not anrufen. Menschen, die sich häufig so verkantet haben, dass sie einfach nicht mehr herausfinden. Dann landen sie bei uns. Oft heißt es, das sind ja gar keine richtigen Opfer, nur Betroffene. Hängt damit zusammen, dass die Welt nicht in Schwarz und Weiß aufgeht, sondern viele Grauschattierungen hat, heißt, wir sind auch mit schuld. Dennoch ist der Weg raus aus dem Tal der Gräulichkeiten möglich, und wir versuchen, ihn an einigen Stellen zu zeigen. Der Kontakt kommt eher über den persönlichen, empathischen Weg und weniger über den instrumentellen, juristischen.“

Ulrich Meyer hat mir wieder geholfen. Nicht, weil er mir mein Problem nahm, sondern einfach, indem er mir Material für einen Artikel gab. Ich will ihn nun unbedingt verteidigen (gegen wen eigentlich? Die alten Geister?). Hier sitzt jemand, der für eine Sache vielleicht nicht brennt, wie soll das auch gehen, wenn man sie schon so lange verficht, dem sie aber wirklich wichtig scheint und der seine Rolle einschätzen kann.

Was für eine Sache? Die Beiträge auf der Homepage ergaben das Bild eines populären Ratgebers. Der Zuschauer wird zum Beispiel über die Rechte aufgeklärt, die er bei Problemen mit dem Online-Versand hat, was in der Vorweihnachtszeit sicher sinnvoll ist. Die stillen Tage waren auch Schwerpunkt der jüngsten Ausgabe der Sendung auf Sat1. „Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch der Rechtsstreitigkeiten“, moderierte Meyer einen Beitrag an.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass er eine Art Konsumentenschützer sei. Das scheint zu kurz gegriffen. Ulrich Meyer will Menschen helfen, die sich selbst etwas im Weg stehen. Menschen, denen man erst mal sagen muss, dass sie „einen Brief vom Amt nicht einfach wegschmeißen sollen“, dass man den vielleicht noch brauchen kann. Im besten Fall kann er einem solchen Menschen dann gegen eine Hausverwaltung, einen Versicherungskonzern oder eine kommunale Verwaltung zu seinem Recht verhelfen.

Sandsackartige Hilfe

Es stellt sich die Frage, ob dieser Ansatz nicht unpolitisch ist. „Es ist in jedem Fall im außerparlamentarischen Bereich, da gebe ich ihnen recht.“ Meyer spricht vom Anruf einer Familie, die in einem Brand alles verloren hat und überwältigt war von der Hilfsbereitschaft, die aus der akte-Community kam. „Es gibt eine Form von Mitmenschlichkeit, die den politischen, regulierenden Raum völlig umgeht, nennen Sie es Nächstenliebe, nennen Sie es Organisierbarkeit, eine sandsackartige Hilfe.“

Meyer ist 1955 in Köln geboren und in seinem Herzen ein Kölner geblieben. In Köln, hört man, sei der Bürgersinn ganz gut entwickelt. Bürgersinn, vielleicht trifft es das. Meyer preist das legendäre Mäzenatentum in der Stadt, meint aber, dass der Begriff nicht zu akte passe. Oft habe man es mit Menschen zu tun, die das „Prekariat zwar hinter sich gelassen haben, die aber das Gefühl haben, über ihr Leben nicht wirklich bestimmen zu können. Es sind, und das kann man nicht ohne Rührung sehen, häufig Menschen, die das Leben als eine Abfolge von Schicksalsschlägen begreifen.“

Wer das Leben so erfährt, wird nicht automatisch ein angenehmer Zeitgenosse. Wie geht man mit den Nervensägen um? Meyer geht darauf nicht ein. Vielleicht empfindet er wirklich nicht so, vielleicht werden die Querulanten durch seine Redaktion abgefangen. 35 Leute arbeiten bei META production, eine Kollegin (die auch am Buch mitgearbeitet hat) kümmert sich um die Anliegen der Community. Einen doppelten Boden kann man in dem, was Ulrich Meyer sagt, nirgends erkennen. Wie schützt er sich vor Zynismus, der doch so branchentypisch ist? „Ganz einfach, ich verkehre privat kaum mit Journalisten.“

Aber da ist natürlich seine Frau, die Ex-Journalistin. Meyer sagt, dass sie lange über die Notwendigkeit der List gestritten haben. Sie sei eine große Anhängerin der List, er nicht. Er kämpfe lieber mit offenem Visier. Nur einmal streift das Gespräch einen Abgrund. Als es um den Nachbarstreit geht. Der Nachbarstreit ist die hässlichste Form der Auseinandersetzung unter deutschen Bürgern. Dagegen ist auch akte machtlos. Selbst die Mediatoren, die man sich geholt hatte, scheiterten. Besonders schlimm sei es in den neuen Bundesländern.

Aber das liegt natürlich nicht an der Mentalität der Menschen dort. „Es muss am Katasteramt liegen, das in Ostdeutschland anders arbeitet.“ Es gibt bei Ulrich Meyer keine bösartigen Menschen. Es gibt sie auch nicht als Fremdenfeinde. Die Sendung ist frei von Xenophobie. Stolz erklärt mir Meyer die Bedeutung, die akte für die früheren Generationen von Gastarbeitern hatte. Immer noch werde er auf der Straße von älteren Türken erkannt. Bei den Jungen sei das schwieriger. Die schauen ja kein Fernsehen mehr.

Vielleicht gehen sie auf die Homepage. Auf dieser Homepage sieht man Ulrich Meyer zwar auf dem Hintergrundbild, aber zugleich verschwindet er so langsam hinter all den Formaten und Beiträgen. Im Internet kann man sich akte auch ohne den Moderator Meyer vorstellen.

Bleibt der letzte Punkt. Der oft erhobene Vorwurf des Boulevards. Nachbarstreit zum Beispiel ist ein gern genommenes Thema bei der Bild-Zeitung. Meyer sagt, dass die Community sehr empfindlich reagiert, Sensationslust wird nicht goutiert. Er nennt ein Beispiel. Ein Junge war auf einem städtischen Grundstück unter einer schlecht gebauten Mauer begraben worden. Eine Computeranimation sollte den Fall vor Augen führen. Zu genau. Viele Beschwerden.

Zum Boulevard könnte man aber auch Dr. Pape mit seiner Diät zählen. Dr. Pape ist fester Bestandteil von akte, er sagt den Menschen zum Beispiel, wie sie auch in der Weihnachtszeit nicht zunehmen müssen. Harmlos. Gegen den Begriff Boulevard selbst hat Meyer nichts. „Denken Sie nur an Boulevard Bio. Der Boulevard ist die wichtigste Straße einer Stadt, auf der sich das Leben abspielt. Dort, wo die Vergnügungslokale ebenso sind wie die Theater.“

Die Antwort hätte man selbst auch gegeben. Nachzutragen bleibt, dass Ulrich Meyer den Vorwurf des Journalistendarstellers im Lauf des Gesprächs ungefragt selbst nennt. Vielleicht hält er ihn bei jemandem, der vom Freitag kommt, für gegeben. Er findet die Einschätzung nicht gerecht. Er wollte ja immer schon Journalist werden, der Vater nahm seine geliebte FAZ mit ins Bett, bis es seiner Mutter zu blöd wurde, die selbst eine begeisterte Leserin war, der Onkel schließlich, der beim Meller Kreisblatt arbeitete, wurde zu seinem Vorbild: Fragen stellen, nicht aufhören damit, mehr, als es Antworten gibt ...

Ich kann mich täuschen, aber ich denke, Ulrich Meyer meint, was er sagt, auch wenn er dazu seit vielen Jahren sehr betroffen dreinschauen kann.

10:00 05.01.2015

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