Angela Merkel und Doktor Mabuse

Kommentar So dämonisiert man erfolgreich die Macht: "Die Patin" von Gertrud Höhler ist mehr Geheimbundroman als Sachbuch

Dass Angela Merkel eine Frau mit besonders festen Prinzipien ist, wird außer Ursula von der Leyen kaum jemand ernsthaft behaupten wollen. Im Gegenteil wird man rasch Einigkeit darüber erzielen, dass Merkel ihre Meinungen und ihre Gunst nach Bedarf ändert (Steuerpolitik, Energiewende, Merz, Röttgen); als Konstante kann man einen grenzenlosen Pragmatismus ausmachen, der von reiner Machterhaltung kaum zu unterscheiden scheint.

Aber was genau ist die Macht? Es verhält sich mit ihr ein wenig wie mit der Zeit; sie bestimmt unser Leben, aber es ist sehr schwer, sie exakt zu beschreiben. Soziologen können ein Lied davon singen. So wie Angela Merkel die Macht ausübt, scheint sie die Beobachter jedoch vor besonders große Probleme zu stellen. Jedenfalls kommen sie zu geradezu konträren Urteilen. Diesen Sommer hatte Thomas E. Schmidt in der Zeitschrift Merkur noch eine lässige Definition der Bundeskanzlerin gegeben: „Sie ist eine langweilige Politikerin mit einer großen Beliebtheit“. Das eine bedingt in Krisenzeiten sehr wohl das andere: In dramatischen Umbrüchen wirkt Langweile auf viele Menschen beruhigend. In dieser Perspektive geht von Angela Merkel nichts Unheimliches aus – es sei denn, man findet gerade ihre demonstrative Gelassenheit in der Finanzkrise besonders unheimlich.

Schwer lesbar

In diese Richtung geht das Buch Die Patin von Gertrud Höhler. Allerdings sattelt die gelernte Literaturwissenschaftlerin noch einen drauf. Die Gelassenheit ist ja nur vorgetäuscht! Es gibt einen Plan, und der ist gar nicht gut, er führt in eine „Planwirtschaft neuer Ordnung“. Aber wie „beweist“ man so etwas in einem Sachbuch? Nun, ihr Vorgehen hat Gertrud Höhler bei Günther Jauch freimütig beschrieben: man schaffe „Anklänge an die geheimbündlerische Welt“. Da ist die Rede von „System M“ (wie war das mit Doktor Mabuse?), vor allem aber ist da das Symbol der Tarnkappe. Wir sehen die junge Politikerin auf einem „Tarnkappenflug“ über die Wendelandschaft, wir sehen sie „auf Geisterfahrt im perfekten Tarnkleid“, wir sehen die Kanzlerin „undercover“ in der Finanzkrise, dem „Biotop für Tarnkappenträger schlechthin“ ... Das Ziel der „Fremden aus Anderland“, wie Höhler die Frau aus der DDR in schönster Geheimbunddiktion nennt, ist es, „schwer lesbar“ zu sein.

Kronzeuge dieser Deutung ist der Bundespräsident, der im „Abendrot der Freiheit“ zum Gegenfürsten stilisiert wird. Er möge Angela Merkel, aber er könne sie „nicht genau erkennen“, hatte Gauck gesagt. Ist so gewollt, müsste man mit Gertrud Höhler erwidern. Am besten gelingt das Verwischen der Konturen natürlich durch Schweigen, aber wenn denn gesprochen werden muss, und das muss man als Kanzlerin halt einstweilen noch, dann am besten durch Relativierung. Weit über die plausible Annahme von taktischem Verhalten hinaus suggeriert Höhler, dass die Kanzlerin unter einem geheimen Vorbehalt spricht und handelt. „Die schwer lesbare Kanzlerin lebt tendenziell immer undercover“. Das steht wirklich in dem Buch. Man stelle sich das mal im Regierungsalltag vor, etwa in einer Kabinettsitzung.

Dabei dämonisiert der Satz einfach einen weit verbreiteten Eindruck, den der Merkur auf die prägnante Formel gebacht hat: „Merkel ist auf undurchsichtige Weise klar.“ Für die Leser Der Patin drängt sich allerdings das Gegenteil auf. Merkel erscheint hier aufdurchsichtige Weise unklar. Zwischen beiden Perspektiven ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ein Blick in die Bestsellerlisten macht allerdings glauben, dass man hierzulande die Nacht dem Tag vorzieht.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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