Arbeit am Mythos

Based in Berlin II Plötzlich waren überall in der Stadt die Filmplakate von „Christiane F. – Wir ­Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu sehen. Was hat das Ganze zu bedeuten?

Wenn man so will, ist David Bowie an allem Schuld. Als Jeremy Shaw aus Vancouver (Kanada) ins Teenageralter kam, wurde er zum Bowie-Superfan und lieh sich die VHS-Kassette mit einem Film, in dem sein Idol einen Auftritt haben soll. Nachdem der junge Jeremy den Film gesehen hatte, wurde er auch zum Berlin-Fan. Jedenfalls zum Fan von dem, was er für Berlin hielt. Ein Hochhaus mit einem Mercedes-Stern auf dem Dach, eine triste Hochhaussiedlung, die offenbar so weit vom Zentrum weg lag, dass sie nur mit einem Nachtbus erreichbar war, ein Straßenstrich in einer Gegend mit Möbelhäusern, eine Diskothek namens Sound und ein Bahnhof Zoo, in dessen Nähe es eine U-Bahnstation „Joachimsthaler Straße (Kurfürstendamm)“ gab. Vor allem die letzten beiden Plätze waren für ihn Berlin. Es war das Berlin der Junkies. Jeremy Shaw begriff sehr wohl, dass Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ein Film war, der primär vor Heroin warnen wollte, weil er davon erzählte, wie höllisch der Entzug und wie erniedrigend die Beschaffung ist, aber er konnte sich nicht helfen: Er träumte von einer Pilgerfahrt zu diesem „Zoo“, um mit den Leuten dort herumzuhängen.

Mit eigenen Augen hat Shaw Berlin erst viel später gesehen, 2001, als die Mauer gefallen war und „Westberlin“ Geschichte wurde. Nochmals einige Jahre später wird er nach Berlin ziehen, er ist nun ein Künstler, hat an der Universität für Kunst und Design studiert. Das Berlin, das er sieht, ist wieder ganz anders: Das Sound gibt es schon lange nicht mehr, Berghain heißt der Club, der die Jugend der Welt elektrisiert, und das Ziel ihrer Sehnsüchte ist längst nicht mehr der Zoo, sondern vielleicht die Kastanienallee, hier aber sind keine Junkies zu sehen, sondern Kreativmenschen und Familien aus der ganzen Welt, Gentrifizierung und Globalisierung statt Gropiusstadt und Goldener Schuss… Das erkannte natürlich auch Jeremy Shaw. Gleichzeitig lernte er viele Menschen kennen, denen es wie ihm ergangen war: Sie hatten ihr erstes Bild von einer der wichtigsten Städte Europas aus „einem Film über eine 13-jährige Drogenabhängige“. So kam er auf die Idee, die Filmplakate in vielen Sprachen nachzudrucken und diese überall im heutigen Berlin zu kleben. Ohne weiteren Kommentar.

Ein Déjà-vu-Erlebnis

Schließlich wurden 9.000 Plakate in sechs Sprachen gedruckt und an 37 Plätze geklebt. Über 20 Orte liegen in den östlichen Trendbezirken, der Rest ist im alten Westen, aber keiner direkt an den Schauplätzen des Films, als ginge von denen immer noch ein dunkler Zauber aus. So wurde in Schöneberg in respektvoller Distanz zur Kurfüstenstraße plakatiert, die damals von jungen Prostituierten gesäumt war und es heute noch ist. Mit dem Unterschied, dass diese Mädchen nicht in Neukölln geboren sind, sondern irgendwo in Bulgarien oder Rumänien – wann erzählt eigentlich jemand deren Geschichte?

Wer die Plakate sieht, weiß nicht unbedingt, dass sie Teil einer Ausstellung sind. Sie hängen im Rahmen von Based in Berlin, einer konzept- und kraftlosen „Leistungsschau“ (Klaus Wowereit) junger Kunst. „Based in Berlin“ – da ist der stumpfsinnige offizielle Slogan der Stadt nicht mehr fern: „Be Berlin“. Kann man das gewaltige historische und mythenmächtige Potenzial einer Stadt gründlicher entsorgen? Wie es anders geht, zeigt eben auch die Kunst eines Jeremy Shaw, die man mit einem Begriff des Philosophen Hans Blumenberg als Arbeit am Mythos bezeichnen könnte.

Arbeit am Mythos meint, danach zu fragen, was einem so in den Bann geschlagen hat. Es ist ja gar nicht leicht zu sagen, was man empfindet, wenn einem das Engelsgesicht von Natja Brunckhorst an einer Brandmauer in der Torstraße oder im Eingang zur U-Bahn am Kottbusser Tor begegnet. Was ist das für ein „subtiles, phänomenologisches Déjà-vu-Erlebnis“, von dem der Katalog zur Ausstellung spricht, wenn wir David Bowie, eben seiner Thin white duke-Phase entschlüpft, auf dem Plakat entdecken? Und was lösen die sensationslüsternen Werbesprüche aus: IN THE END YOU WILL BE HOOKED TO? Der heißeste Scheiß, damals wie heute?

Sens of Doubt

Damals: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnof Zoo bekam die „Goldene Leinwand“ als kommerziell erfolgreichster Film des Jahres 1981. Der Soundtrack wurde zum bis dato bestverkauften Album David Bowies in der Bundesrepublik. „Der Film war ohne David Bowie eigentlich nicht denkbar“, sagt Regisseur Ulrich Edel.

Bowie hatte von 1977 bis 1979 in West-Berlin gelebt, seine Berliner Jahre sind fester Teil der Stadtmythologie: Wer will ihn nicht alles in der Diskothek Dschungel gesehen haben, und das Wort „Brücke-Museum“ kann man gar nicht mehr hören, ohne sich Bowie, der gefühlt jeden zweiten Tag dorthin gepilgert sein soll, dazuzudenken. Auch wenn nicht ganz klar ist, was ihm selbst die Stadt bedeutet hat (20 Jahre später wird er ein paar verkitschte Erinnerungen an „Kreutzburg“ zum Besten geben), ist das 1977 entstandene Heroes zweifellos eines seiner intensivsten Alben. Kein Wunder, dass „Christiane F. damals Bowies Musik für den Soundtrack ihres Lebens hält“, wie Tobias Rüther in seinem eleganten und informativen Buch Helden. David Bowie und Berlin (Rogner 2009) schreibt. Umgekehrt wäre die Verfilmung von Christane F’s Leben ohne Bowie-Soundtrack kaum denkbar:

Die eisigen Synthesizerklänge von Sens of Doubt zu den Handkamerafahrten ins Herz der Drogenstadt erzeugen einen Sog, der dann auch einen Teenager im fernen Kanada von Berlin in dunklen Farben träumen lies. Auch dass die Junkies im U-Bahnhof Kurfürstendamm in Wahrheit zu einem großen Teil sehr gut geschminkte Schüler sind, die ihre Statistenrolle ausfüllen, ändert nichts daran, im Gegenteil, es ist gerade der semi-dokumentarische Ansatz, der den Film so attraktiv macht. Man kann schon verstehen, dass eine Debatte über seine „gefährliche Wirkung“ auf Jugendliche entbrannte.

Obwohl die ästhetische Faszination des Films ohne Bowie also gar nicht denkbar scheint, war bis zum Schluss nicht sicher, ob der Meister darin überhaupt vorkommen würde. Für die Konzertszene, die als eine der besten der Filmgeschichte gilt, wurden die Publikumsaufnahmen während eines AC/DC Konzerts (!) in der Deutschlandhalle gedreht; Bowie war unabkömmlich in New York, wo er jeden Abend den Elephant Man im Theater gab. Der Nachdreh mit dem Superstar, wie er Station to Station singt und von seinem Fan Christiane F. alias Natja Brunckhorst angehimmelt wird, wäre beinahe daran gescheitert, dass die Nacht vor den Dreharbeiten jene war, in der John Lennon erschossen wurde. So überblenden sich manchmal die Mythen.

Arbeit am Mythos meint vor allem auch, nach den Medien zu fragen, die ihn hervorbringen. Auch wenn der Film am direktesten den Mythos evoziert, hat ja vor allem das Buch, das auf die Reportage-Serie im Stern folgte, eine sensationelle Erfolgsgeschichte geschrieben. Jeremy Shaw hat es nicht gelesen; vielleicht ist das nur Zufall, aber es deckt sich mit einer Bemerkung von Horst Rieck, des Co-Autors von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, dass ihr Buch ausgerechnet im englischen Sprachraum nicht gelaufen ist. Dennoch sind die Verkaufszahlen weltweit enorm. Es ist immer noch vielerorts Schullektüre. Und immer noch werden Rechte verkauft, zuletzt unter anderem nach Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien.

Tote alte Telefonzelle

Ein Echo dieses Interesses in den osteuropäischen Ländern findet sich im Internet. Bei Facebook rubrizieren unter dem Namen Christiane Felscherinow gleich mehrere Seiten. Vor allem eine hat es in sich. Sie enthält 97 zum Teil private Fotos und zeigt ein reges Kommentieren der Freunde, viele davon mit slawischen Namen, in das sich letztes Jahr gelegentlich auch eine „Vera Christiane Felscherinow“ in gebrochenem Englisch eingemischt hat. Fast wünschte man sich, sie wäre es wirklich, wünschte sich für ein Mal, dass auch diese Geschichte bei Facebook ihr banales und versöhnliches Ende findet. Aber Horst Rieck, der den Kontakt zu Christiane F. hält, sagt, es sei ausgeschlossen, dass sie bei Facebook mitmischt. Es ist nicht ihre Welt.

Geht uns diese Welt denn überhaupt etwas an? Jeremy Shaw sagt, dass ihn nur die Szene vom Zoo interessiert, nicht die Person Christiane F. Na gut, eine Kopie der No-Wave-Platte Health Dub besitzt er, die Christiane F. Anfang den Achtziger aufnahm, als sie Rocksängerin werden wollte. Immer mal wieder gab es öffentliche Auftritte. Vor zwei Jahren war sie bei Menschen bei Maischberger zu sehen, davor hatte ein falscher Freund sie in Amsterdam rückfällig gemacht und die Story an den Berliner Boulevard vertickert.

Bei Maischberger erzählte Christiane F., dass sie noch Kontakt zur Szene halte, die sich verstreut habe, und manchmal sieht man einen in Moabit oder im Wedding und denkt sich: der könnte eines der Kinder vom Bahnhof Zoo gewesen sein. Der S-Bahnhof der Vorstadt südlich von Berlin, in der sie heute lebt, ist neu und gesichtslos, außer einer toten alten Telefonzelle auf dem Vorplatz ist da nichts, rein gar nichts, was auf junge Menschen aus der ganzen Welt eine dunkle Anziehungskraft ausüben könnte. Die echte Christiane F. hat sich aus ihrem Mythos verabschiedet.

Based in Berlin ist noch bis zum 24. Juli an diversen Orten in Berlin zu sehen. Die Plakate zu Christiane F Wir Kinder vom Bahnhof Zoo werden nachgeklebt

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12:20 15.07.2011

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