„Auf Twitter wird toxisch kommuniziert“

Im Gespräch Immer öfter schwappt Zwist aus den sozialen Netzwerken auch in die Politik. Wie schlimm ist das eigentlich? Bernd Stegemann und Nils Markwardt streiten
„Auf Twitter wird toxisch kommuniziert“
Vorbild für den blauen Twitter-Vogel? Detail aus der „Hölle“ von Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“

Foto: Atlaspix/Alamy, Stefan Boness/IPON/Imago Images

Könnte man Twitter und Co. nicht einfach verbieten? So mögen nur Fanatiker fragen. Aber dass die sozialen Netzwerke die Öffentlichkeit nervöser gemacht haben, wird keiner bestreiten. Dass sie indessen auch kreativ machen können, würde zumindest einer unserer beiden Kontrahenten behaupten ...

der Freitag: Wer findet, dass Twitter schädlich ist, hat einen mächtigen Verbündeten in Robert Habeck. Habeck hat vor zwei Jahren aufgehört zu twittern. Hat er dadurch Nachteile im politischen Wettbewerb erlitten?

Bernd Stegemann: Nein, er hatte doch nie eine Chance, Kanzlerkandidat zu werden.

Müsste man die Politiker also nicht stärker ermuntern, mit dem Quatsch aufzuhören?

Nils Markwardt: Man muss sehen, warum Habeck mit dem Twittern aufgehört hat. Authentizität ist die Währung, mit der man in sozialen Netzwerken bezahlt. Das gilt generell für Politiker. Auch Willy Brandts Erfolg war einer spezifischen Form von Authentizität geschuldet, durch das Paradox inszenierter Authentizität. Doch Habeck hat gemerkt , dass das auch nach hinten losgehen kann. Er machte vor einiger Zeit etwa ein Bild mit Konik-Pferden, veröffentlichte das auf Instagram, dann stellte sich raus, dass die Pferde mal halb verhungert waren. Was in einem Moment noch besonders schön authentisch wirkte, kann im nächsten Moment schon unpassend oder inadäquat sein und skandalisiert werden.

Und dagegen ist kein Kraut gewachsen?

Markwardt: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist da. Aber natürlich ist dieser Wandel nicht nur gut, gewisse Formen von Authentizität – Kurzfristigkeit, fehlende Reflexion – sind freilich ein Problem. Wir müssen uns halt überlegen, wie wir damit umgehen. Zumal der Wandel in anderen Ländern noch radikaler ist, etwa in Italien, wo die Mode-Influencerin Chiara Ferragni mit ihren Posts mittlerweile die nationale Politik beeinflusst.

Schrecklich.

Markwardt: Man kann natürlich dafür werben, dass die Leute wieder in die Parteien oder Gewerkschaften gehen. Aber das widerspricht dem Strukturwandel hin zu „konkret, persönlich, authentisch“ und weg von „Apparat, Verfahren, Distanz“. Die Macht von Twitter ist indes ambivalent. Jemanden für Gewerkschaften oder Parteien zu gewinnen, ist oft mühselig. Da musst du schon auf viel Idealismus treffen. Aber über soziale Medien zu signalisieren, „komm, mach doch hier irgendwie mit“, das funktioniert natürlich ebenso.

Stegemann: Ja, nichts war und ist für einen Politiker schlimmer als eine schiefgegangene Inszenierung der eigenen Authentizität. Wenn die Inszenierung sichtbar wird, wird das ganze Gerüst der Glaubwürdigkeit erschüttert. Er oder sie wird unwählbar, weil man dann als Lügner dasteht. Dennoch sind bis heute die Person und ihre moralischen Werte die wirksamste Reduktion von Komplexität, um Stimmen zu gewinnen. Keiner wählt Parteiprogramme. Das führt jedoch zu immer größeren Problemen. Denn je komplexer die gesellschaftlichen Widersprüche werden, desto verführerischer erscheint es, einer Person und ihrer Moral die Stimme zu geben, Merkels „Sie kennen mich“. Der Wahlkampf der Grünen scheitert gerade daran, dass er auf Themen setzen wollte und nun die Glaubwürdigkeit von Annalena Baerbock diskutiert wird.

Nun heißt es, „wir kennen sie ja gar nicht“ ...

Stegemann: Die Grünen sind ein Opfer der Tendenz, dass die sozialen Netzwerke und ihr populistischer Drall vor allem die Authentizität von Personen befördern und zerstören wollen. Damit sind Twitter und Co. Beschleuniger für die Fehlentwicklung des demokratischen Systems.

Erklären Sie diese Fehlentwicklungen bitte noch etwas genauer.

Stegemann: Die Gesellschaft ist voller Widersprüche. Twitter und Co. machen viele dieser Widersprüche überhaupt sichtbar. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen. Aber in welcher Art werden sie sichtbar? Es ist eine Sichtbarkeit, die die Widersprüche nicht konkret macht, sondern den Einzelfall skandalisiert; die Widersprüche werden nicht in politische Prozesse übersetzt, sondern verhaken sich in Empörungswellen; und dadurch entfernen sich die Konflikte immer weiter davon, überhaupt noch gelöst werden zu können. Die Twitter-Debatten verwandeln den Widerspruch in ein Showcatchen. An der Lösbarkeit ist niemand mehr interessiert. Meine Kritik an Twitter und seiner Eskalationsdynamik ist, dass da ein toxischer Kommunikationsraum entsteht.

Markwardt: Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt. Black Lives Matter und MeToo sind ja auch und vor allem aus Twitter entstandene Sozialbewegungen, die – siehe in den USA – sogar die Legislation verändert haben.

Zu den Personen

Foto: IPON/IMAGO

Bernd Stegemann ist Autor und Dramaturg. Seine beiden letzten Bücher Die Öffentlichkeit und ihre Feinde (Klett-Cotta) und Wutkultur (Theater der Zeit) behandelten die neue Öffentlichkeit

Foto: Johanna Rübel

Nils Markwardt ist Leitender Redakteur beim Philosophie Magazin und war zuvor Redakteur beim Freitag. Als Autor schreibt er u.a. auch für Zeit Online, Republik Magazin und Deutschlandfunk Kultur. Auf Twitter ist er seit 2013 unter @FJ_Murau.

Liegt das Toxische nicht auch darin, dass ständig über den Mechanismus selbst kommuniziert wird? Wer blockiert wen? Wo haben wir wieder einen Shitstorm?

Markwardt: Ja, es gibt diese Metakommunikation über das Medium. Wobei das meiner Beobachtung nach aber nur ein sehr kleiner Teil der Kommunikation ist. Ich würde eher sagen: Natürlich ist es so, dass Twitter eine, früher hätte man vielleicht gesagt: Form von Funkdisziplin abverlangt. Und ja, es gibt eine Beschleunigung und Dynamik der Kommunikation, in der Reflexionsräume nicht mehr eingebaut sind. Umso mehr wäre diese Funkdisziplin gefragt.

Manchen fällt es offensichtlich schwer, sich zu disziplinieren.

Markwardt: Das stimmt, aber man muss in der Demokratie mit normativen Unterstellungen arbeiten, worauf Axel Honneth gerade wieder hingewiesen hat. Das heißt, man muss in einer Demokratie zunächst einmal davon ausgehen, dass jemand informiert und reflektiert genug ist, um am demokratischen Prozess teilzunehmen. Ob das dann faktisch immer der Fall ist, ist natürlich eine andere Frage.

Stegemann: Es braucht diese normative Setzung. Aber es braucht in der Kommunikation vor allem ein hermeneutisches Wohlwollen. Ich muss bereit sein, den anderen so zu verstehen, wie er verstanden werden möchte. Aber das Medium Twitter ist auf das genaue Gegenteil angelegt: auf maximales Missverstehen. Denn nur daraus bezieht es die Energie für weitere Kommunikation. Die Twitter-User sind die ganze Zeit auf der Suche, wo sie etwas falsch verstehen oder seltsam interpretieren können, sodass es zum Skandal taugt. So wird planmäßig die Dynamik des Shitstorms gefüttert. Das ist die vom Anbieter der Plattform gewünschte Dauererregung, die Aufmerksamkeit und User an das Medium fesselt.

Eine Anekdote dazu: Ich lese bei Facebook einen Eintrag, in dem sich jemand über einen Tweet von Katarina Barley, der Vizepräsidentin des europäischen Parlaments, empört, die sich über die dummen, „faschistischen“ ungarischen Fans bei der EM empört hat. Ich wiederum empöre mich über denjenigen, der es nicht lassen kann, sich über den Tweet von Barley zu empören. Was für eine Energieverschwendung, denke ich, und kann doch nur schwer davon lassen.

Stegemann: Das ist eine Beschäftigungstherapie für nervöse Zeitgenossen. Und die ist so verführerisch, da für die meisten Menschen Anerkennungskämpfe emotional viel aufregender sind als beispielsweise die materiellen Verteilungskämpfe.

Das Gefühl der Empörung war ja nicht immer so schlecht angesehen. 2010 erschien das enorm erfolgreiche Manifest von Stéphane Hessel, „Empört euch!“. Hessel, der Widerstandskämpfer, sagte, Empörung sei das Grundmotiv seines Widerstands gewesen. Und er forderte, das Gefühl wieder zu aktivieren. Zehn Jahre später – undenkbar.

Stegemann: Hessel hatte das nach der Finanzkrise 2008/09 in einer historischen Situation geschrieben, als die Gesellschaft quasi eingeschlafen war und dringend wachgerüttelt werden musste. Er wollte einen Weckruf, damit alle sehen, in welche Klauen sie mit dem Neoliberalismus geraten sind. Die Lage heute ist doch ziemlich anders. Von einer eingeschlafenen Gesellschaft träumt vielleicht noch die CDU, aber das ist nicht mehr wirklich unser Problem.

Sondern?

Stegemann: Das Problem ist heute eher das Gegenteil, dass es eine Inflationierung von Empörungsimpulsen gibt. Damit geht – wie immer bei Inflation – eine Entwertung dieses Gefühls und vor allem ein missbräuchlicher Umgang einher. Inzwischen entpuppen sich die sozialen Netzwerke als eine perfide Erfindung des Neoliberalismus. Man hat die Empörung dereguliert und damit die Öffentlichkeit in ein atomisiertes Singularitätschaos verwandelt. Das Einzige, was noch zuverlässig produziert wird, ist die giftige Feindseligkeit. Immer kleinere Gruppen, die politisch fast im Millimeterabstand in dieselbe Richtung laufen, streiten sich unerbittlich. Da wird der berühmte Narzissmus der kleinsten Differenz bis zum Exzess zelebriert. Und das ist natürlich eine Technik, bei der die Profiteure des Neoliberalismus sich vor Freude die Händchen reiben und sagen: Genau das haben wir gewollt. Alle, die die Verhältnisse kritisch sehen, sind damit beschäftigt, sich gegenseitig die Augen auszuhacken

Markwardt: Man kann die „Deregulierung“ allerdings auch anders beschreiben. Die Frage ist doch: Sind wir denn in einer besseren Situation, wenn die Empörung von Springer und anderen Verlagen kanalisiert wird? Oder kann man nicht auch die Wahrnehmung haben: Es ist chaotischer geworden, gar keine Frage, aber nicht unbedingt schlimmer. Jan-Werner Müller hat neulich im Deutschlandfunk darauf hingewiesen, dass Deutschland das einzige Land ist, das den Begriff der Streitkultur kennt. Man will irgendwie streiten, aber es soll vor allem auch Kultur sein. Und gegenüber Streit und Spaltung gibt es immer so ein bisschen einen Verdacht, weil es ein grundierendes Bedürfnis nach gesellschaftlicher Harmonie gibt. Dabei könnte man mit Müller sagen, Spaltung, Streit– das ist zunächst einmal der Modus Operandi von Demokratie, siehe USA.

Stegemann: Ich finde, Jan-Werner Müller ist zu positiv in seinen Beschreibungen der USA. Die USA sind in weiten Teilen ein dysfunktionales, kaputtes Land geworden aufgrund dieser unerbittlichen Streitkultur, die dort seit Jahrzehnten von rechts wie von links produziert wird. Wie soll Demokratie funktionieren, wenn die einen Parteigänger den anderen grundsätzlich das Recht auf ihre Meinung absprechen?

Wir sprechen jetzt von Extremen. Aber es gibt natürlich auch eine Art Nivellierung der Mittelstandsgesellschaft selbst in diesen neuen sozialen Netzwerken. Ich habe mal geguckt, was ein Peter Altmaier so twittert.

Stegemann: Masochist!

Es ist eben unspektakulär, hier ein Verweis auf eine Studie, da ein Retweet, keine „Streitkultur“.

Markwardt: Es gibt viel Unspektakuläres in den Netzwerken. Sie bilden ja auch einen großen Erfahrungsraum, wo Leute erst mal nicht nur partikularisiert und atomisiert werden, sondern wo genau der gegenteilige Effekt eintritt, und sie sehen: Ich bin nicht allein, ich habe eine Wut, ein Begehren, eine Sehnsucht, die andere auch haben, oder auch ein Leiden, denken Sie an Depressionen.

Stegemann: Das ist die Erfindung der bürgerlichen Öffentlichkeit. Die Menschen, die ins Theater gingen und sich selber auf der Bühne beim Scheitern zusahen und zugleich erlebt haben, wie ergriffen ihre Nachbarn reagieren, haben plötzlich verstanden: Ich bin gar nicht alleine mit meinen Gefühlen.

Markwardt: Genau, aber beim Theater war es vor allem eine bürgerliche Geschichte, sehr klein. Heute kann man ein bisschen pathetisch sagen: Wenn du Punk oder Emo bist und wohnst irgendwo in Schleswig-Holstein auf dem Dorf, und denkst, es gibt keinen mehr, der dich irgendwie versteht, dann kannst du dein Handy aus der Tasche nehmen und sagen: Nee, es gibt da jemanden.

Man hat den Eindruck, dass manche Themen in den sozialen Netzwerken links liegen gelassen werden, ironischerweise gerade die sozialen. Wurde über die Arbeitsbedingungen bei Tönnies so leidenschaftlich diskutiert wie über Sahra Wagenknechts Kritik an der Lifestyle-Linken?

Stegemann: Die Antwort ist banal. Die Opfer dieser sozialen Konflikte sind nicht bei Twitter und meistens gehen sie auch nicht mehr wählen. Diese Menschen haben sich von der Mitsprache verabschiedet oder finden keinen Zugang mehr dazu. Und das ist der Punkt. Es heißt ja oft, durch die sozialen Netzwerke dürfen jetzt so viele vorkommen, die davor keine Stimme hatten, aber ein ganz großer Bereich der Gesellschaft kommt eben immer noch nicht vor. Die Zugangshürden sind offensichtlich zu hoch und die Diskurse, die auf Twitter geführt werden, spielen in einer komplett anderen Lebenswirklichkeit als der eines Leiharbeiters von Tönnies.

Markwardt: Natürlich ist Twitter ein Elitenphänomen. Es wäre ja absurd, das zu bestreiten. Und es gibt die polit-anthropologische Konstante, dass Linke sich im Zweifelsfall eher über andere Linke empören als über die Wirklichkeit. Ich würde aber dennoch sagen, dass die These relativiert werden muss, wonach es mehr oder weniger attraktivere Themen für Social Media gibt, und die eigentlichen, die materialistischen Themen, die weniger attraktiven sind. Identitätspolitik und klassische materialistische Politik sind doch oft eng miteinander verwoben, allein schon, weil Diskriminierung starke ökonomische Effekte hat. Dass die meist migrantischen Arbeiter:innen in der Fleischindustrie so mies behandelt werden, hat auch damit zu tun. Zudem gibt es sehr viele Leute, die sich für beides starkmachen. Aber es wird so getan, als sprächen alle ausschließlich übers Gendern. Bei allem Respekt ist mein Eindruck, dass ich wenig Leute kenne, die so viel über Identitätspolitik reden wie die Kritikerinnen und Kritiker der Identitätspolitik, wie Sie, Herr Stegemann, oder Frau Wagenknecht.

Stegemann: Das ist eine Schutzbehauptung, die nicht der Realität entspricht. Die Emckes, Stokowskis und Böhmermanns dieser Welt haben Identitätspolitik zu einem einträglichen Geschäftsmodell gemacht. Und wenn man das kritisiert, lautet die reflexhafte Antwort: Es gäbe doch gar keine Identitätspolitik, wenn die Kritiker nicht so viel darüber sprechen würden.

Markwardt: Carolin Emcke zum Beispiel hat viele Bücher über Krieg geschrieben, über Gewalt. Und meine generelle Beobachtung wäre: Ein Großteil jener Menschen, die sich für gendergerechte Sprache einsetzen, interessiert sich genauso für ganz materialistische Themen, wie die Initiative „Deutsche Wohnen Enteignen“. Was stimmt: Es gibt bisweilen einen gewissen Gap in der Aufmerksamkeitsökonomie. Dass man gewisse Themensetzungen stärker machen müsste, also zu wenig über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gesprochen wird, würde ich gar nicht bestreiten. Aber der Gegensatz, den sie aufmachen, ist konstruiert, letztlich ein Gespenst.

Stegemann: Das Gespenst ist sehr konkret greifbar. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sowohl als Hochschullehrer wie als Theatermensch und als Zeitgenosse sagen: Es ist drastisch, wie die woken Sprachregulierungen inzwischen viele Menschen eingeschüchtert und damit die Kommunikation eingeengt haben. Ein falsches Wort sollte nicht wie ein Verbrechen behandelt werden, das zum Verlust des Arbeitsplatzes führen kann.

Markwardt: Wagenknecht wirft dem Prenzlauer-Berg-Milieu „Hypermoral“ vor. Und dann wird halt über diese vermeintliche Hypermoral geredet, aber nicht über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Und da will ich nur sagen: Ein Teil von diesem Diskurs ist sie auch selbst. Und ich glaube, das weiß sie auch.

Stegemann: Aber wie soll ich denn die Doppelmoral meines eigenen Milieus kritisieren, ohne mir den von Ihnen gemachten Vorwurf einzufangen, das täte ich nur wegen der Aufmerksamkeit?

Markwardt: Ich sage ja nicht, dass es nur wegen der Aufmerksamkeit ist. Ich sage, es braucht eine Reflexion darüber, dass es natürlich auch Teil dessen ist. Diesem Widerspruch muss man sich schon stellen.

Stegemann: Wenn Sie es so beschreiben, dann gibt es kein richtiges Leben im falschen. Dann ist alles, was ich tue, immer schon in den Regeln dessen gefangen, was ich kritisiere. Das stimmt, aber es hilft nicht weiter.

Markwardt: Nein, aber man kann selbstverständlich schon Einfluss darauf nehmen, indem man das eigene Tun reflektiert und dementsprechend handelt.

Ich versuche es mal: Warum streiten wir nicht über Verwaltung? Betrifft alle. Ist ein Ärgernis für viele. Und wäre eine Provokation für jeden Beamten.

Stegemann: Luhmanns großes Scheitern, die Verwaltungsreform der BRD ...

Markwardt: Das mag natürlich damit zu tun haben, dass das Thema nicht gerade sonderlich attraktiv ist. Man muss vielleicht ein sehr spezifisches Luhmann’sches Bewusstsein haben, um in der Verwaltungsproblematik die libidinöse Komponente zu erkennen. Aber natürlich ist diese wichtig und würde das Leben von vielen Leuten ganz konkret verbessern, da bin ich vollkommen bei Ihnen.

Stegemann: Die Verwaltung taugt bisher nur zum Shitstorm, wenn ein Bürgermeister wegen einer Äußerung auf Facebook ein Parteiausschlussverfahren kassiert. Das heißt, wenn wir uns nicht aus der Empörungsfalle befreien und lernen, die Medien anders zu nutzen, als es sich die Eigentümer von Twitter und Co. wünschen, wird der Umbau der Öffentlichkeit weiter in die falsche Richtung gehen. Vielleicht würde es helfen, wenn wir uns manchmal gegenseitig erinnern: Die Wahrheit ist konkret und kein Hashtag auf Twitter.

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06:00 18.08.2021

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