Aushalten statt Ausladen

Cancel Culture Dem Publikum die Überzeugungen rauben: Ein zu anspruchsvolles Programm in Zeiten der Identitätspolitik? Lisa Eckhart und Florian Schroeder versuchen es trotzdem
Aushalten statt Ausladen
Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart bei einem Auftritt in Bayreuth 2018

Foto: HMB-Media/Imago Images

Wenn man der Maslowschen Bedürfnispyramide folgen darf, geht es uns gut: Erst muss der Mensch seine Grund- und Existenzbedürfnisse befriedigen, dann Sicherheit, dann Soziales, ganz oben schließlich Anerkennung und Selbstverwirklichung. Es gibt die Pyramide in verschiedenen Varianten, Abraham Maslow selbst hat kurz vor seinem Tod die Spitze nochmals verlängert und über die Selbstverwirklichung die Transzendenz gesetzt. Ach, wären wir doch so weit!

Gerade ruft uns die Dichte an Esoterikern auf Anti-Corona-Demos jäh ins Bewusstsein, dass es ein weit verbreitetes Bedürfnis nach einer Erfahrung gibt, die uns übersteigt und uns doch ausmacht, aber bei der Befriedigung der Bedürfnisse ganz oben rangiert: das Ausladen von missliebigen Menschen von Veranstaltungen, zu denen man sie zuvor eingeladen hatte. So nimmt man es zumindest wahr, wenn man den Wallungswert einer Debatte zum Nennwert ihrer Bedeutung nimmt. Der jüngste Fall: Lisa Eckhart. Die österreichische Kabarettistin und Literatin sollte beim Harbour Front Festival aus ihrem Debütroman lesen, wurde dann aber ausgeladen, weil es Drohungen von Linksradikalen gegeben haben soll, die Eckhart für eine Antisemitin halten.

Vielleicht gab es diese Drohungen aber auch gar nicht, sondern nur Warnungen von Nachbarn vor solchen Drohungen, und überhaupt, jetzt wollten die Veranstalter Eckhart doch einladen, aber nun will sie nicht mehr. Auch entstand der Eindruck, die Kabarettistin ließe sich von der AfD vor den Karren spannen, was ihr Verlag per Pressemitteilung geraderückte.

Dazwischen wurden viele Artikel geschrieben, etliche Kommentatoren warnten, dass die „Cancel Culture“ um sich greife, mit verheerenden Folgen für das Toleranzklima. „Cancel Culture“, das meint, kurz gesagt: Ausladen statt Aushalten. Das ist natürlich doof. Was hält man bei einer wie der Eckhart eigentlich nicht aus? Wenn sie, bezogen auf den jüdischen Background prominenter Me-Too-Täter, sagt: „Denen geht’s wirklich nicht um Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“ Und es sei „nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen“. Das ist böse, das ist antisemitisch – und ist es überhaupt nicht. Das ist einfach too much. Und so liest man, dass einem bei der Eckhart das Lachen „im Halse stecken bleibt“.

Interessant, denn es ist ein alter aufklärerischer Ansatz von Satire, ein sich moralisch einwandfrei dünkendes Publikum durch toxischen Humor mit sich ins Unreine zu bringen. Das Konzept baut auf Menschen, die sich selbst nicht ganz über den Weg trauen. Überraschenderweise bildete nun ausgerechnet die jüngste Covid-Demo in Stuttgart ein Beispiel für diesen Ansatz. Eingeladen wurde der Kabarettist Florian Schroeder, der mit einem brillanten Auftritt darlegte, warum die Demonstranten ihn, der an Hegel und Maskenpflicht glaubt, aushalten müssen, wenn es ihnen mit der viel beschworenen „Freiheit“ ernst ist. Und sie haben ihn ausgehalten.

Ich fände es gut, wenn sich dieser Ansatz anstelle der „Cancel Culture“ durchsetzte – im Sinne der Maslowschen Pyramide: damit wir endlich zu Stufe sechs kommen, zur Transzendenz. Richtig verstanden bedeutet diese ja, den Menschen als Gattungswesen in den Blick zu nehmen. Und da fiele dann vielleicht etwas stärker auf, dass sehr viele aus dieser Gattung noch nicht mal Stufe eins der Bedürfnisse befriedigen konnten.

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06:00 13.08.2020

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