Bei „Anne Will“ kein Thema

Corona-Debatten Wer sprach worüber in den Talkshows zur Pandemie – und was wurde beschwiegen? In den Diskussionsrunden hat sich ein riskantes Ungleichgewicht etabliert
Saß Karl Lauterbach dieses Jahr zu viel in Talkshows?
Saß Karl Lauterbach dieses Jahr zu viel in Talkshows?

Foto: imago/Eventpress

Es überrascht nicht, dass Karl Lauterbach in den Corona-Talkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks am häufigsten zu Gast war. 22-mal konnte man ihn bei Anne Will, Maybrit Illner und Co. sehen. Fast doppelt so oft wie die Nummer zwei, Melanie Brinkmann. Nachlesen kann man das in einer neuen Studie über die Corona-Berichterstattung in ausgewählten deutschen Talkshows, die am Montag auf einem Kongress der Rudolf Augstein Stiftung in Berlin vorgestellt wurde. Je nachdem, ob man ihn als Wissenschaftler oder Politiker zählt, treibt Lauterbach auch die Zahl der in die Talkshows eingeladenen SPD-Politiker an die Spitze. Sagen wir es so: Seine Omnipräsenz ist Ausdruck des feuchten Traums, das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Politik durch eine Art Supergesundheitsminister in autoritäre Luft aufzulösen. Die dritte Rolle, die in den Talkshows besetzt werden muss, die des Journalisten, könnte der manische Twitterer Lauterbach ja auch gleich noch übernehmen.

Nicht eingeladen wurde einer wie Robby Schlund; der galt bis zu seinem Parteiaustritt als „der Gesundheitsexperte der AfD“, ist Mediziner und hat auch starke publizistische Meinungen zu Corona: Bekannt wurde er durch das Hochhalten eines Plakats, auf dem Söder, Drosten und Lauterbach als Sträflinge zu sehen sind. Man möchte eine solche Figur nicht verteidigen, aber mit ihr wurde eben ein ganzes Milieu aus den Talkshows ferngehalten. Man darf daran erinnern, dass nicht Lauterbach einen Bestseller über Covid geschrieben hat, sondern der Virologe Sucharit Bhakdi. Auch der kein Gast der Shows. Die Studie belegt, was man längst ahnte: Ein kleiner Kreis bevölkert das Genre, immer die gleichen Politiker, die gleichen Wissenschaftler des gleichen Fachs, kaum Soziologen, keine Theologen.

Hätte man einen wie Bhakdi, der behauptet, Corona sei nicht gefährlicher als eine Influenza, eingeladen, so wäre das eine „false balance“ gewesen, heißt es. Man hätte einer marginalen wissenschaftlichen Position den gleichen Rang eingeräumt wie dem breiten Konsens der Forschung – gefährlicher Anreiz für den unaufgeklärten Teil der Bevölkerung. Dieser Ansatz verkennt, dass die etablierten Medien viele Menschen an Alternativmedien verloren haben, weil sie die Auseinandersetzung mit den Bäh-Positionen scheuten. Und nichts gegen wissenschaftliche Aufklärung, auch in Politik-Talkshows, wie sie dann in der Diskussion über die Studie gefeiert wurde. Aber sie verengt den Diskurs. Wer Zweifler, und davon gibt es viele, mit dem Hinweis beruhigen will, dass die „Unsicherheit“ ja großartigerweise schon im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess eingepreist sei, der verfehlt die Wirkung.

Am meisten wurde in den Talkshows über die „Maßnahmen“ gesprochen, am wenigsten über „Corona-Leugner“. Beschwiegen wurde das, worum es in dieser Krise doch eigentlich geht: Sterben und Tod tauchen nicht mal als eigener Parameter auf. Kann sein dass sie in „sonstige Themen“ eingegangen sind.

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