Bestehen auf Aufklärung

Interview Zehn Jahre neuer „Freitag“, zehn Jahre Debatten. Stimmt unser Kurs? Wir fragten den Philosophen Guillaume Paoli und die Soziologin Cornelia Koppetsch
Bestehen auf Aufklärung
Guillaume Paoli und Cornelia Koppetsch dort, wo sonst Kollegenqualm aufsteigt

Foto: Philipp Plum für der Freitag

Als Orientierungshilfe des Gesprächs, das in unserem Konferenzraum stattfand, diente die erste Ausgabe des neuen Freitag. Schnell war man allerdings bei der Aktualität – denn sie gründet auf den gesellschaftlichen Problemen von damals.

der Freitag: Vor zehn Jahren erschien erstmals der neue „Freitag“. In einem Gründungsmanifest bezog sich Jakob Augstein auf Günter Gaus, den ehemaligen Herausgeber des „Freitag“: „Ich nenne links, dass man gesellschaftliche Fragen für vorrangig hält.“ Das klingt gut, aber was genau könnte damit gemeint sein?

Cornelia Koppetsch: Es soll vermutlich bedeuten, dass gesellschaftliche Interessen Vorrang haben vor Individual- und Partikularinteressen. Denn das ist ja das Wesen einer öffentlichen Angelegenheit. Aber besteht darin nicht die Aufgabe einer jeden Zeitung, egal über welche politische Ausrichtung sie verfügt? Auch die AfD behauptet ja, das Allgemeinwohl (des Volkes, der Nation) zu vertreten, nur dass sie die Grenzen der Gesellschaft eben enger zieht. Eine Minimaldefinition des Linksseins müsste mindestens noch enthalten, dass man von der Gleichheit aller Menschen ausgeht und die Herstellung von sozialer Gerechtigkeit mit Fortschritt verbindet.

Da stimme ich Ihnen zu. Allerdings nicht in der ursprünglichen Aufgabe der Zeitung.

Koppetsch: Laut Habermas hat sich eine mit heute vergleichbare Öffentlichkeit in Europa ab dem 18. Jahrhundert konstituiert. Eine aufstrebende Schicht von Kaufleuten, Gelehrten, Ärzten, Rechtsanwälten etc. wollte die politischen Geschäfte mit beeinflussen. Bürger in diesem Sinne ist, wer das gesellschaftliche Interesse als sein eigenes Interesse wahrnimmt, ein Interesse, das ihn oder sie mit allen anderen verbindet. Erst jetzt entsteht so etwas wie eine öffentliche Meinung. Dazu hat das Bürgertum die schon bestehenden Zeitungen und Zeitschriften zu Organen der öffentlichen Meinung umfunktioniert.

Okay, aber wie stark ist diese bürgerliche Öffentlichkeit noch? Und ist sie noch in Zeitungen repräsentiert? Der „Freitag“ ist unabhängig, aber viele Medien gehören großen Verlagen.

Guillaume Paoli: In Frankreich spricht man von einer Krise der „corps intermédiaires“, ein Ausdruck aus dem Ancien Régime, meint: „Vermittlungsinstanzen“, Parteien, Gewerkschaften, Medien. Und so wie die Menschen das Gefühl haben, von Parteien nicht mehr vertreten zu sein, so haben sie auch das Gefühl, von Medien nicht mehr wahrgenommen zu werden.

Ist Frankreich nicht ein Extremfall?

Paoli: Klar, 90 Prozent der Medien dort gehören 10 Milliardären, die nicht nur Medienbesitzer sind, sondern auch die führenden Positionen der Wirtschaft besetzen und gemeinsame Interessen mit dem Staat und der Regierung haben, weil sie über Geschäfte und gegenseitige Hilfestellungen verbunden sind. Und deswegen werden Medien als Teil dieser Oligarchie wahrgenommen.

Man muss aber aufpassen, dass man nicht die „Lügenpresse“-Rhetorik übernimmt.

Paoli: Ja, klar. Journalisten werden auch behaupten: Die Eigentümer nehmen keinen Einfluss auf unsere Arbeit. Aber dass das Image des damals unbekannten Macron von Medien fabriziert und gepuscht wurde, die seinen Freunden gehören – darüber haben sie nicht berichtet. Und deswegen ist die Bewegung der Gelbwesten sehr interessant, weil da plötzlich Menschen in die Öffentlichkeit kommen, die sich über Facebook organisiert haben. Und nach zwei Monaten fangen selbst die herkömmlichen Medien an, über Polizeigewalt zu berichten und zu fragen, was diese Menschen wollen, wie sie leben …

Koppetsch: Ich glaube, dass sich die Frage nach Wahrheit und Unwahrheit in den Medien nicht auf die mediale Repräsentanz von Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen beschränkt. Dies wäre zu kurz gedacht, so nach dem Motto: Meine Interessen werden in den Medien nicht mehr vertreten, also lügen die Medien. Man darf die Menschen nicht unterschätzen, sie denken nicht nur an ihr eigenes Interesse, sondern sehen durchaus das Ganze. Aber vieles, was in der bürgerlichen Presse berichtet oder vielmehr „erzählt“ wird, ist eben lückenhaft, wenn nicht sogar fragwürdig.

Zur Person

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. Sie forscht über Rechtspopulismus und den Konformismus der verunsicherten Mittelschichten

Es gibt ja den Ausdruck der „Lückenpresse“. Woran denken Sie?

Koppetsch: Zum Beispiel an den Fall Skripal, wo nahezu alle deutschen bürgerlichen Medien die britische Version der Geschichte brachten, die nahelegte, auf den in England lebenden Ex-Agenten Sergei Skripal und seine Tochter sei „höchstwahrscheinlich“ ein Anschlag durch Mitglieder des russischen Geheimdienstes verübt worden. Als Indiz wurde die angeblich russische Herkunft des bislang nur aus militärischen Anwendungen bekannten Giftes Nowitschok herangezogen. Es wurde zwar in allen Berichten stets betont, dass es dafür keinerlei Beweise gebe, gleichwohl wurde immer so berichtet, dass der Eindruck beim Leser entstehen musste, Russland stecke hinter dem Anschlag. Die Frage, warum auf der Basis einer so dürftigen Beweislage überhaupt derartig weitreichende Mutmaßungen angestellt werden, wurde in den bürgerlichen Medien hingegen überhaupt nicht aufgeworfen. Trump hätte es nicht schöner bringen können …

Jan van Aken hat diese Frage in einem Gastbeitrag bei uns eindringlich gestellt. Auch eine im Zweifel linke Presse muss allerdings aufpassen, dass sie nicht die Falschheit einer Verschwörungstheorie durch die Annahme einer anderen erklärt.

Paoli: Warum entstehen Verschwörungstheorien? Siehe oben: Weil Menschen den Eindruck haben, dass ihnen Teile der Wirklichkeit vorenthalten werden, was auch stimmt. Etwa die Verquickung von Staat, Kapital und Medien. Da muss man sich nicht wundern, wenn abstruse Verschwörungen fabuliert werden, um die Erzähllücken zu füllen.

Nehmen Sie das auch in Deutschland wahr?

Paoli: Die Medienlage ist nicht so extrem, dennoch fühlen sich viele Menschen von den Parteien nicht mehr repräsentiert, und auch die Leitthemen sind ihnen fremd.

Koppetsch: Die Entfremdung hat allerdings noch andere Gründe. Vergleichen wir die heutige Nachrichtenwelt mit der Situation der achtziger Jahre: Damals gab es eine Handvoll von Problemthemen, wie etwa Nicaragua, Pershing II, Kanzler Kohl und Tschernobyl, zu denen man sich meist schnell eine Meinung gebildet hatte. Man wusste, wo die Gefahren liegen, etwa in der atomaren Bedrohung, und wie man ihnen zu begegnen hat. Heute ist es nahezu unmöglich, die Übersicht zu behalten, Relevanz und Folgen der Problemthemen genau abzuschätzen. Was bedeutet der Klimawandel für uns, ab wann sind ernsthafte Gefährdungen auch für Europa erwarten? Welche Auswirkungen haben der demografische Wandel, Digitalisierung, die Migration – wie sieht die Gesellschaft in 50 Jahren aus und wie können wir diese gestalten? Was bedeutet es, dass die Bevölkerung schrumpft, während der Anteil der Einwanderer zunimmt? Es gibt kein verbindliches Zukunftsnarrativ mehr, vielmehr treten immer häufiger Meinungen, Ahnungen, Beschwichtigungen oder eben auch Verschwörungstheorien an die Stelle von Wissen.

Gibt es denn „Problemthemen“, die Ihrer Meinung nach eindeutig unterrepräsentiert sind in den Medien?

Koppetsch: Der exorbitante Anstieg der Mieten in den Innenstädten ist ja mittlerweile ein gravierendes sozialpolitisches Problem. Inzwischen wird dies ja auch aufgegriffen von den Zeitungen.

Nicht zuletzt vom „Freitag“, und das kontinuierlich. Wenn es um eine Entfremdung weiter Kreise vom Meinungsmainstream geht, wird immer wieder die sogenannte Flüchtlingskrise genannt. Ihr Unbehagen haben sie dann auch schriftlich bekommen, von links sogar, durch die Otto-Brenner-Stiftung. Tenor: In den Jahren 2015/16 habe das Narrativ der Willkommenskultur auch rationale Bedenken marginalisiert.

Koppetsch: Richtig. Das Narrativ der Willkommenskultur hat die Flüchtlingsfrage, wie die Politik überhaupt, moralisch imprägniert: Fast alle politischen Fragen werden seitdem enger mit der Zuschreibung von „gut“ oder „böse“ verkoppelt, weshalb bis heute eine sachliche Debatte über Einwanderungspolitik erschwert ist.

Gegen Versachlichung kann man eigentlich nie etwas haben. Und doch bleibt ein Unbehagen, das sich immer wieder in heftigen Diskussionen auch in unserer Redaktion zeigte.

Koppetsch: Das Unbehagen lässt sich meines Erachtens auch nicht auflösen, denn es hat mit der „Ethnisierung“ westlicher Werte im Zeitalter der Globalisierung zu tun. Die „Flüchtlingskrise“ hat deutlich gemacht, dass Menschenrechte in einer Weltgesellschaft nicht im nationalen Rahmen ausgeübt werden können. Es ist unmöglich, in Deutschland oder Europa alle Asylsuchenden aufzunehmen. Das sehen auch Linke so – allerdings sind ihre Schlussfolgerungen andere. Rechte Parteien behaupten, die wohlhabenden Länder hätten das Recht, ihre Lebensweise zu verteidigen und die Flüchtlinge abzuweisen, und betreiben somit offensive Selbstethnisierung. Die Rechten leisten Widerstand gegen Globalisierung, indem sie die „eigene Kultur“ verteidigen. Demgegenüber ist die Linke im Dilemma gefangen, dass sich die von ihr behauptete universelle Geltung der Menschenrechte nicht mit den eigenen exklusiven Privilegien in wohlhabenden Gesellschaften vereinbaren lässt. Darum, meiner Ansicht nach, das Unbehagen.

Paoli: Auf einer pragmatischen Ebene gehört zur Versachlichung die Praxis des Faktenchecks. Die gab es früher nicht. Finde ich erst mal begrüßenswert, dass Menschen fragen: „Stimmt das überhaupt?“ Und das zwingt eine neutrale Stelle dazu, zu recherchieren. Natürlich: Fakten sind nur Fakten. Es kommt darauf an, wie sie interpretiert, bewertet und auch selektiert werden. Stichwort: Filterblase. Warum wurden vor zehn Jahren Faktenchecks eigentlich noch nicht für nötig gehalten?

Ich denke, weil man damals beim Stichwort digitale Politik nicht gleich an Fake News gedacht hat. Das Titelthema des ersten neuen „Freitag“ ging zur Bundestagswahl: „Digitalisierter Wahlkampf“. Der twitternde Obama war damals die Benchmark für die deutsche Politik.

Paoli: Und Facebook erst! Die neuen sozialen Netzwerke wurden nicht als Gefahr wahrgenommen, sondern als Chance. Für eine neue Öffentlichkeit. Heute würde man, glaube ich, ganz anders darüber berichten.

Zur Person

Guillaume Paoli war Mitglied der Glücklichen Arbeitslosen und Hausphilosoph des Leipziger Theaters. Sein Buch Die lange Nacht der Metamorphose ist eine Kulturkritik am heutigen Liberalismus

Ja, denn es kam der twitternde Trump. Seither ist die Skepsis in uns drin und bei den Rechten die Mobilisierung von Emotionen. Gegen den großen Zorn kommt man schlecht an mit Skepsis und Kritik. Was tun? Linke Zeitungen konnten an großen Gefühlen so lange partizipieren, wie die Aufklärung ein Projekt voller Pathos war: Die Welt ist dunkel, sie muss hell werden. Jetzt ist sie grau, auch durch Versachlichung. Ob man nicht versuchen müsste, dieses Pathos wieder zu befreien?

Koppetsch: Hat was. Doch sind die Themen Migration und Islam dafür kein geeigneter Gegenstand. Man muss das Thema aufdröseln, denn hier werden oftmals zu viele Dinge in einen Topf geworfen. Betrachten wir etwa das Thema Gewalt gegen Frauen, das in den 1970er-Jahren dank der Interventionen von Alice Schwarzer ein Riesendiskurs war. Und jetzt wird plötzlich über Gruppenvergewaltigungen, die von Asylbewerbern ausgeübt werden, berichtet. Hier ist der Faktencheck sehr nützlich, denn er dokumentiert, dass sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen nach wie vor Nahwelt-Gewalttaten darstellen und überwiegend von Personen aus dem Umfeld ausgeübt werden. Der Überfall ist im Bereich sexualisierter Gewalt eher die Ausnahme. Allerdings ist dort, wo Überfallkriminalität ausgeübt wurde, die Quote von Ausländern überproportional hoch. Deshalb muss man die verschiedenen Aspekte rund um das Thema Migration differenzierter betrachten, als es bisher geschah. Das gilt auch für die Frage des Islams, der oft sehr undifferenziert mit Rückständigkeit und Terror in Verbindung gebracht wird. Doch gibt es den Islam in ganz unterschiedlichen Schattierungen von aufgeklärt bis fundamentalistisch. Die Politisierung von Religion ist kein Alleinstellungsmerkmal des Islam. Sie wird überall dort betrieben, wo religiöse Traditionen als Bollwerk gegen Modernsierungsprozesse aufgerufen werden. Wenn man diese Fakten checkt und in historische Kontexte einordnet, kommt man weg von der xenophoben Fixierung, die Migranten zu Sündenböcke für alles macht.

Einvestanden. Aber zurück zum Stichwort "linker Populismus". Wir waren uns da oft uneins. Ebenfalls aus der ersten Ausgabe des neuen „Freitag“, die Finanzkrise war grad halbwegs überstanden: „Schaffen wir doch ein Tribunal für Investmentbanker, die sich besonders schuldig gemacht haben.“ Das steht versteckt hinten im Blatt. Vielleicht hätte man es auf den Titel heben sollen?

Paoli: Da kommt immer der Verdacht, Sündenböcke werden geopfert, um am System nicht zu kratzen, wie es ja damals ein paar Bankern tatsächlich widerfuhr. Aber ich habe vor zwei Jahren in Wien an einem Kapitalismustribunal teilgenommen. Nach dem Muster des Russell-Tribunals wurden dort Unternehmen wegen nachweislicher Verbrechen angeklagt. Ich war übrigens Verteidiger. Das war spielerisch in der Form, aber trotzdem sehr ernst gemeint. Das eine schließt das andere nicht aus. Aber die Guillotine wieder einführen, ich weiß nicht … Chantal Mouffe behauptet, mit Aufklärung komme man nicht weiter, man müsse die Affekte der Masse mobilisieren. Das finde ich herablassend und elitär. Ich bestehe auf Aufklärung. Das schließt aber nicht Empörung aus. Das ist was anderes.

Und wann wird aus Empörung Widerstand und aus Widerstand Politik. Auch dazu gab es last, but not least, im ersten neuen „Freitag“ einen Artikel. Tom Strohschneider schreibt: „Man sieht ihn noch nicht so, den Widerstand. Aber da ist was.“ Kurz darauf kam Occupy Wallstreet. Hatte er eine feine Nase?

Paoli: Denken Sie auch an den Arabischen Frühling, der als erste Facebook-Revolution deklariert wird …

Plus die Indignados. Sind das Erfolgsgeschichten? Oder weitere Kapitel im großen Buch der Desillusionierung? Bis zu den allerjüngsten Versuchen mit dem Hashtag „Aufstehen“.

Paoli: „Aufstehen“ wurde nicht auf der Straße geboren, sondern im Kopf von Frau Wagenknecht, und die hat dann versucht, das top-down zu organisieren, was natürlich nicht funktionieren kann. Anders die Gelbwesten. Interessant finde ich an ihnen, dass sie sich weigern, über Themen zu sprechen, die sie spalten würden. Einig sind sie sich in ihrer Forderung nach direkter Demokratie. Und da kommt man zu grundsätzlichen Fragen. Was ist Demokratie? Wie soll sie funktionieren? Leider lautet bei den Gelbwesten die einzige Antwort: Wir wollen Volksentscheide. Like oder Dislike. Ja oder Nein? Wie bei Facebook.

Über den Zusammenhang von Facebook und der Forderung nach Volksentscheiden habe ich noch nicht nachgedacht.

Paoli: Solange man in dieser binären Logik gefangen bleibt, kann es dann zu so fatalen Entscheidungen wie Brexit kommen. Es ist absolut verständlich, dass die meisten Engländer die Nase voll hatten von der EU im jetzigen Zustand. Aber die Möglichkeit wurde nicht geschaffen, über eine Veränderung der EU zu debattieren. Es gab nur die Wahl: Leave or Remain.

Koppetsch: Es klingt klischiert, aber genaues Hinschauen empfiehlt sich immer. Nehmen Sie die AfD. Nach wie vor dominiert da die falsche Vorstellung, es handele sich überwiegend um prekäre Arbeitnehmer, die ursprünglich links waren und die SPD gewählt hatten und sich infolge der „Neoliberalisierung“ der Sozialdemokratie im Zuge der Agenda-2010-Reformen enttäuscht von der Sozialdemokratie abgewendet haben. Nach wie vor meint man also, man könne die AfD-Wähler wieder umstimmen, den Unmut in „die richtigen“ politischen Bahnen lenken, da es diesen in Wirklichkeit um Fragen sozialer Gerechtigkeit ginge.

Da müssten wir nun wirklich etwas umdenken, denn so sehen auch wir das im „Freitag“ im Großen und Ganzen.

Koppetsch: Ich halte das für einen Trugschluss, da nicht die Prekarität, sondern der Widerstand gegen Globalisierung und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen (Migration, kulturelle Öffnung, Aufstieg des Kosmopolitismus, Digitalisierung) die AfD-Wähler verbindet. Entsprechend finden wir nur etwa ein Drittel prekäre Milieus in dieser Partei, während die anderen beiden Drittel mindestens Mittelschichtstatus besitzen. Und unter den neu Aufgenommen sind viele Selbstständige, Lehrer und sogar Menschen aus dem universitären Bereich. Wie kommt das? Welche Rolle spielt die erhöhte Regelungsdichte in den Arbeitswelten, die Zunahme elektronischer Prüf- und Kontrollverfahren, die Zunahme von Akkreditierungen und Evaluation sowie das New Public Management bei der Zunahme von Frustration und Entfremdung? Hier zeigen sich eklatante Widersprüche zwischen dem Selbstbild, eine liberale Gesellschaft zu sein, und der Verbreitung eines latenten Autoritarismus.

Wo wird dieser Autoritarismus denn greifbar?

Koppetsch: Im Lehrerberuf etwa.vNicht nur hat dieser Beruf gesellschaftlich an Prestige eingebüßt, Lehrer und Lehrerinnen werden zunehmend zerrieben zwischen den gesteigerten Ansprüchen einer aufgeblasenen Selbstverwaltung, den Einmischungen ehrgeiziger Eltern und den Zumutungen wechselnder Inklusionspolicys und Unterrichtsdidaktiken. Das schafft ein hohes Maß an Fremdbestimmung und ein Übermaß an inkommensurablen Aufgaben.

Wieso gehen einige von diesen Autoritätsopfern dann zur AfD und nicht zu den Linken?

Koppetsch: Ich würde sagen, es ist beides. Manche radikalisieren sich auf die linke und manche auf die rechte Seite. Diese veränderten Lebenswelten sind in den Zeitungen jedenfalls unterrepräsentiert.

Wie soll die Zeitung das aufgreifen? Ich fände eine Neubelebung der Reportage spannend. Es gibt ja viele Milieus, die man nicht kennt, auch migrantische. Allerdings kann ich nicht erkennen, dass Erfahrungshunger die Reporter zum Äußersten treibt. Wie sehen Sie das, Herr Paoli? Sie beschäftigen sich viel mit der Erfahrungsarmut unserer Gesellschaft.

Paoli: Schauen Sie auf die soziale Herkunft der meisten Journalisten, aber auch auf die Ausbildung und den Konformitätsdruck in Redaktionen. Herr Relotius hat genau die Storys erfunden, die die vorgefertigte Meinung seiner Redaktion bestätigen. Ich glaube, der Reporter sollte lernen, über die Welt zu staunen, wie der Philosoph sagt.Tut er aber nicht. Er empört sich aber auch nicht. Wer etwa beim Spiegel gelandet ist, dem geht es ja nicht schlecht, und wieso sollte er dann insgeheim nicht denken, dass es auch um die Gesellschaft nicht so schlecht bestellt ist. Haben sie dann wirklich Freunde, die Hartz-IV-Empfänger sind, oder nicht? Das sind wichtige Fragen.

Haben Sie unsere #unten-Debatte mitbekommen. Fanden Sie nicht, dass hier tatsächlich aus der Blase ausgebrochen wurde? Indem man sozusagen die Stimmen der Betroffenen orchestriert hat.

Paoli: Das war schon mal ein interessanter Versuch, nur: Ungefiltert können eben auch halbgare Meinungen und Falschdarstellungen zum Ausdruck kommen. Frage: Wie geht die Zeitung damit um?

Durch Reflexion, ist ja auch geschehen. Aber viele werden von einer Zeitung gar nicht mehr erreicht. Sogar bildungsnahe Schichten. Sie arbeiten mit Studenten, Herr Paoli. Stellen Sie da ein Unbehagen fest?

Paoli: Es ist Unbehagen an der Aufmerksamkeit als knappem Gut. Erstens verändert sich das Leseverhalten drastisch. Für Bücher und gar Papierzeitungen fehlen Zeit und Konzentration. Zweitens lässt die Urteilskraft nach. „Was ist denn Wahrheit? Und der eine sagt das, der andere das … Mit welchen Kriterien kann ich mir eine Meinung bilden?“ Also, ich staune.

Das ist keine gute Botschaft für ein Medium, das seit zehn Jahren „das Meinungsmedium“, heißt.

Koppetsch: Hat denn der Freitag eine schrumpfende Auflage?

Nein, gegen den Trend wachsen wir stetig.

Koppetsch: Wo also ist das Problem?

06:00 09.02.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 11