Boston: More than a feeling

Misstrauen Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie dich nicht verfolgen. Was uns die TV-Serie "Homeland" über die Anschläge in den USA lehrt
Michael Angele | Ausgabe 17/2013 2
Boston: More than a feeling
Foto: Spencer Platt/ AFP/ Getty Images

Ach, wir Serien-Gucker. Sind ja alle kleine oder größerer USA-Experten geworden; und wie gut glauben wir, die amerikanische Paranoia zu kennen, schon aus den Romanen von Thomas Pynchon oder Don DeLillo, vor allem aber aus den Serien 24 oder Homeland, deren erste Staffel im Free-TV just an diesem Sonntag zu Ende ging, sodass nun wirklich jeder, der sie sah, an den Anschlag von Boston denken musste.

Gründe dafür gibt es einige. Der sinnlichste entspringt der Landschaft der Vorstadt. Anders als bei 9/11 kam dieser Terrorakt nicht von außen, sondern aus Suburbia, aus einem Ort mit scheinbar vertrauten Nachbarschaften. Das heißt für uns aber auch: Aus einem Ort, an dem man in einem gepflegten Rasen jederzeit ein abgeschnittenes Ohr finden kann wie bei David Lynch. Oder mit einem netten Nachbarn rechnen muss, der Frau und Kinder liebt und als Marine im Irak gedient hat, aber irgendwie anders ist, seit er wieder zu Hause ist. Wie Nicholas Brody aus Homeland. Kann man ihm noch trauen? Zum Ende der ersten Staffel wurde klar: Man kann nicht. Er plant wirklich einen Anschlag.

Aber mit welchen Motiven! Brody wurde von al-Qaida acht Jahre gefangen gehalten und gefoltert. Aber wurde er auch „gedreht“? Letzteres geschah vielleicht trotz seines Kontakts zum Top-Terroristen Abu Nazir nicht, denn Brody will den Vizepräsidenten töten, weil der als einstiger CIA-Chef ein Massaker an irakischen Kindern zu verantworten hat. Brody sagt im Bekennervideo, er handle als Patriot, der geschworen habe, die Nation gegen Feinde von Außen und Innen zu schützen. Das ist vertrackt. Das ist keine einfache Erzählung.

Diese einfache Erzählung fehlt auch beim Anschlag in Boston. Was war das treibende Motiv der Brüder Zarnajew? Kein Märtyertod, keine Progaganda. Die Kriege im Irak und Afghanistan? Wie viel Islam? Wie viel tschetschenischer Bürgerkrieg? Wie viel misslungene Integration? Und wie sehr ist die Tat home grown oder international?

Das Fehlen einer einfachen Erzählung mag Zyniker vielleicht ästhetisch befriedigen. Aus politischer Sicht ist sie ein Problem. Das hängt mit der Logik des Misstrauens zusammen. Misstrauen ist leider nicht einfach das Gegenteil von Vertrauen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat das auf die Formel gebracht: Vertrauen reduziert Komplexität und vereinfacht die Lebensführung. Misstrauen dagegen macht alles kompliziert. Es gibt ja immer die Möglichkeit, dass man Recht haben könnte. Gerade auch gegen den Augenschein. Nehmen wir den jüngeren Zaranjew. Ging zum Sport, studierte an der Uni, frozelte auf Facebook, war nett und leistete wie Brody den Eid auf die Verfassung.

Aber das will eben gar nichts heißen. „Misstrauen hat mithin die Tendenz, sich im sozialen Verkehr zu bestätigen und zu verstärken“, sagt Luhman. Es ist nicht sein Stil gewesen, diese Sätze zu konkretisieren, aber man darf dabei ruhig an das kleinbürgerliche Bewusstsein denken, das an sich ein misstrauisches ist und es dann ‚„immer schon gewusst“ haben will.

Man darf aber auch an Lenin und dem ihm zugeschriebenen Spruch denken, wonach Vertrauen gut, Kontrolle besser sei, und an Stalin, der die Sowjetunion in einen paranoiden Staat verwandelte: Beweise mir, dass du kein Konterrevolutionär bist, aber weil du das nicht kannst, ist es besser, wenn wir dich umbringen.

Luhmann meint nicht ausdrücklich Geheimdienst, wenn er von „Mechanismen“ schreibt, die den Prozess des Misstrauens stoppen sollen. Aber natürlich kann man ein allgemeines Misstrauen eigentlich nur an Geheimdienste delegieren. Und man muss auch nicht nur an den stalinistischen Terror denken, um darin eher eine Potenzierung des Problems zu sehen. Glaubt man der Spionageliteratur eines John Le Carré sowie der linken Verdachtshermeneutik, dann sind Geheimdienste immer das Problem, als deren Lösung sie sich missverstehen. In der harmloseren Variante betont man, dass Geheimdienste den Terror nicht verhindern können (Überwachungskameras haben auch die Zarnajew-Brüder registiert, sich aber nichts dabei denken können), im dümmsten Fall glaubt man, dass sie den Terror erst schaffen ("der Mossad steckt hinter allem").

Die Wahrheit, sofern man davon sprechen kann, liegt wohl irgendwo dazwischen. Auch davon kann man sich durch Homeland belehren lassen. Man muss davon ausgehen, dass es im CIA dunkle Mächte gibt, aber man darf doch immer auf eine Carrie Mathison hoffen. Mit ihrer „bipolaren Störung“, die sie nicht immer erfolgreich bekämpft, ist diese Agentin eine sinnfällige Variante des Spruchs: „Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass du nicht verfolgt wirst.“ Durch ihr beharrliches Misstrauen ahnt Carrie als einzige, dass Brody einen Anschlag plant. Ein Gefühl, dass sich zur Gewissheit steigert, die ihr umso schwerer fällt, als sie in Brody verliebt ist. Man kann sagen, dass sie einen gewissen Trost bereit hält: Aufklärung und Hysterie müssen kein Widerspruch sein. Etwas, das man unbedingt auch im Zusammenhang mit der irren Medienberichterstattung über Boston sagen muss. Carrie, das ist die humanistische Variante der amerikanischen Paranoia. Aber was wissen wir schon wirklich?

 

11:01 25.04.2013
Geschrieben von

Kommentare 2

Der Kommentar wurde versteckt