Brecht das ab

Provokation Warum ist es auch der Linken nicht ganz wohl bei Philipp Ruchs Aktion gegen Björn Höcke? Ein Erklärungsversuch
Brecht das ab
Holocaust-Umnutzung: Bornhagen im Eichsfeld als neues Zentrum für mediale Aufmerksamkeit

Foto: Patryk Witt/Zentrum für politische Schönheit

Als wir in der Redaktion hörten, dass das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) das Holocaust-Mahnmal in unmittelbarer Nachbarschaft des Privathauses von Björn Höcke nachgebaut hat, mussten wir laut lachen. Der sieht ja direkt darauf! Wie sind die an das Grundstück in diesem Kaff gekommen? Irre. Die Sache wirkte wie ein kühner Streich, und das ist ja überhaupt die Art, wie man auf Aktionskunst heute primär reagiert, bei Böhmermann nicht anders als bei Philipp Ruch. Insofern hat die FAZ recht, wenn sie sich an die Satirezeitschrift Titanic erinnert fühlt, auch wenn der Vergleich kritisch gemeint ist, denn Kunst sollte mehr sein als ein aufwändiger und kühner Streich. Dieser Einwand gewinnt an Dringlichkeit, wenn es nicht um irgend etwas geht, sondern um den Holocaust, und er wird nicht schon dadurch nichtig, dass die Mitinitiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, die Aktion für gelungen hält. In diesem Zusammenhang muss man kurz daran erinnern, was deren Anlass war.

Breites Unbehagen

Vor rund elf Monaten hatte Björn Höcke in einer Rede das Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ genannt; das zitierte Rudolf Augsteins Wort vom „Schandmal“, der mit der Schande bestimmt die der Deutschen gemeint hat, aber die deutsche Grammatik lässt eben mehrdeutige Bezüge zu. Höcke weiter: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Die Deutschen sind allerdings auch das einzige Volk der Welt, das sechs Millionen Juden ermordet hat, wenn man den problematischen Volksbegriff hier gegen einen seiner aktuell glühendsten Apologeten richten darf. Und so kamen die vom ZPS auf die Idee, es ihm buchstäblich heimzuzahlen, und sie kamen auf verschlungenen Wegen an Höckes Nachbargrundstück in Bornhagen, wo man sich an die Arbeit machte.

Allerdings, so gewinnt man den Eindruck, wollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und begann auch gleich noch, Höcke zu überwachen, auch wenn die offizielle Sprachregelung des ZPS nun heißt: zu „beobachten“. Dieses wording verwundert nicht, denn es ist vor allem dieser Teil der Aktion, der ein breites Unbehagen auslöst, das tief in die linke und linksliberale Presse hineinreicht. So stellte das Neue Deutschland die Frage, welchen Sinn die Überwachung von Höckes Privathaus haben könne, da dessen „problematische öffentliche Reden“ ja sattsam bekannt seinen, außer den der „Erniedrigung“.

Mulmig wird einem auch, wenn man weiß, dass hinter Holzwänden nicht ein Junggeselle sich in irgendwelchen völkischen Schmock vertieft, sondern einer, der Frau und schulpflichtige Kinder hat, die hier quasi in Sippenhaft genommen werden. Da hilft es dann wenig, wenn die Presseabteilung des ZPS uns versichert: „Seine Kinder waren nie Teil der Aktion“, und hinzufügt: „Er selbst setzt sie ein.“

Es stimmt zwar, dass Höcke in einer neuerlichen Rede, denn das ist das natürliche Medium eines rechten Politikers, seine Überwachung als infame Tat begreift, und dabei auch von seinen Kindern spricht, aber kann man ihm das wirklich zum Vorwurf machen? Höcke spricht von Methoden, die man jederzeit auch gegen Philipp Ruch, den er nicht beim Namen nennt – einfaches Mittel der Verachtung –, einsetzen könnte. Dabei lässt er durchblicken, dass man über dessen Privatleben bestens Bescheid weiß. Höcke droht also, um dann in einer pathetischen Geste des Verzichts zu münden: Rache dürfe man nicht üben, der „Nazi-Terror“ nicht weiter betrieben werden.

Die letztes Wochenende auf einem Kongress der Zeitschrift Compact gehaltene Rede findet sich verlinkt auf der Website deine-stele.de, auf der das ZPS samt Webcam über die Aktion informiert und Crowdfunding betreibt. Allerdings ist sie hier geschnitten, ohne die Eingriffe zu erwähnen, was abermals ein schales Gefühl hinterlässt. Zwar ist Philipp Ruch von der Maximalforderung abgerückt, Höcke so lange weiter nachzustellen, bis dieser in einem willybrandtartigen „Kniefall“ vor dem Mahnmal um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bittet. Dennoch soll das Ende hinausgezögert werden, worin ein Sadismus liegt, den man natürlich als Echo des nationalsozialistischen Terrors „lesen“ sollte, denn tatsächlich ist die Kunst des ZPS weniger eine erlebte als eine medial immer schon vermittelte. Höcke reagiert nun aber nicht, wie das Skript es vorsieht. Es ist kein Zufall, dass seine Rede in der Fassung des ZPS exakt vor diesem Satz endet: „Wir haben diese Aufgabe, wenn wir in Regierungsposition sind, wenn wir die Möglichkeit haben, so mit dem politischen Gegner zu verfahren, wie es der politische Gegner heute mit uns tut, es nicht zu tun.“

Der Opferdiskurs

Abgesehen davon, dass man sich auf dieses Versprechen wohl besser nicht verlässt, markiert die Äußerung einen entscheidenden Schritt: den vom Opfer zum Subjekt. Die SZ hatte die Aktion scharf kritisiert, weil Höcke die billige Gelegenheit geboten werde, sich abermals zum Opfer zu stilisieren. Höcke mag die Gelegenheit genutzt haben, aber er ist nicht dabei stehen geblieben, sondern hat gleichsam eine Ermächtigungsrede gehalten. Nun ist die Beobachtung zweifellos richtig, dass die Rechte sich in ihrem Selbstbild als Opfer sieht. Opfer heißt das Band, das die Eliten und die Massen verbindet, Opfer heißt die Figur, die einen Thilo Sarrazin mit der AfD, und die AfD mit den namenlosen Vielen zusammenschweißt. Befeuert wird dieser Opferdiskurs durch unkluge Eingriffe (ein unliebsames Buch klammheimlich aus der Bestenliste entfernen, Kriminalitätstatistiken schönschreiben ...) und die grenzenlose Bereitschaft zur Skandalisierung in der rechten Presse und den Plattformen. Gründe, sich als Opfer zu empfinden, finden sich in einer modernen Gesellschaft allerdings für jeden reichlich und unabhängig von sozialer Position und politischer Präferenz.

Es ist heikel, aber vielleicht sollte man über soziale Fragen verstärkt soziologisch und über psychologische Fragen wieder mehr analytisch sprechen, um dieser politisch so fatalen Figur ihren Nimbus zu nehmen. Jedenfalls sollte man verhindern, dass aus „Opfern“ „Täter“ werden können, deren Rache dann nur aus Gunst oder weiß der Himmel welcher „Aufgabe“ ausfällt.

Kein so gutes Skript

Das Unbehagen, das die Aktion des ZPS erzeugt, hat aber nicht nur mit einem womöglich nicht so ganz durchdachten Skript zu tun. Es liegt tiefer: Was will man mit einer solchen Aktion eigentlich erreichen? Dass wir über die Widersprüchlichkeit eines Begriffs wie „zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz“(ZPS) nachdenken? Dass wir das Verhältnis von privat und öffentlich neu ausloten? Dass wir über den Begriff der Zumutung nachdenken? Dass wir uns vergegenwärtigen, warum es ein Holocaust-Mahnmal gibt, und zwar in Berlin? Das alles vielleicht auch. Aber nicht nur das.

Die Aktionskunst, wie sie ein Joseph Beuys, später ein Christoph Schlingensief und heute eben ein Philipp Ruch verkörpert, ist ein einziges Versprechen, das nicht erfüllt werden kann. Das liegt am heilsgeschichtlichen Erbe dieser Kunst, das ein hochreflektierter Künstler wie Schlingensief in seiner Erlösungsmythologie (Kirche der Angst) verwaltet und auch schon ironisiert hat. Und auch wenn sein Epigone Ruch Schlingensiefs Leuchten in eine Art „Amtscharisma“ (Max Weber) überführt und einen ordentlichen Verwaltungsapparat aufgebaut hat, zehren doch auch seine Aktionen von diesem Erbe.

Für den charismatischen Herrscher gilt, dass er von Zeit zu Zeit Wunder vollbringen muss, um die Gläubigen bei Stange zu halten; über Wasser gehen, eine Rakete erfinden, die einen so gut wie verlorenen Krieg doch noch gewinnbar macht, solche Dinge. Welche Wunder kann analog die Provokunst bewirken? Höcke über Nacht in einen Kosmopoliten mit solider linksliberaler Orientierung verwandeln? Aber nein, eher wird ein Rechter dreimal nach der Polizei rufen, als dass er seine Überzeugungen wechselt.

Den Faschismus rauskizeln

Und weil das so ist, beschränkt sich die Provokation erst einmal auf ihre andere theologische Aufgabe: „Ans Licht bringen, was im Finsteren verborgen ist“ (Korinther 4,4). In die Moderne übersetzt, heißt das: „den latenten Faschismus herauskitzeln“, um Ulrike Meinhof zu zitieren, ohne damit eine Gleichsetzung von RAF und Kommunikationsguerilla zu behaupten. Und das ist mit der Aktion ganz gut gelungen. So twitterte der rechte Publizist Martin Lichtmesz: „Dieser niederträchtige Psychoterror, mit dem diese Lebewesen Höcke verfolgen, grenzt an klinische Geisteskrankheit. Woher bekommen sie eigentlich die Kohle für so etwas?“ Ja, woher denn? Doch nicht etwa vom jüdischen Weltkongress selbst? Noch Fragen?

Man kann die Aktion von Ruch und seinem Team gar nicht ohne Bezug zur Debatte über Mit Rechten reden verstehen. Eine Pointe der Aktion besteht darin, dass sie mit umgekehrten politischen Vorzeichen auch von den „Identitären“ stammen könnte, die sich auf gemeinsame Wurzeln in der 68er- Bewegung beziehen, genauer auf Guy Debords Spektakel-Begriff, wie man bei Thomas Wagner nachlesen kann. Die Rechte müsste also eigentlich gut finden, was sie in diesem Fall nicht gut finden kann.

Das zeigt den Normalfall an. Man redet ja nicht mit Rechten, man redet auch nicht einfach über Rechte, vielmehr adressieren sich „Linke“ und „Rechte“ über Bande. Bis hin zum Kalauer: Auf den Band Mit Rechten reden folgt der Band Mit Linken leben. Kommunikation ist nicht einfach „Gespräch“, Kommunikation ist Spiel (das stellen die Autoren vom Mit Rechten reden ins Zentrum ihrer Argumentation), aber Kommunikation ist halt auch Handlung und damit auch Gewalt, symbolische und reale. Ein Sprechakt kann dich zwingen, etwas zu tun, was du nicht tun willst. Diese Macht haben wir nicht. Dennoch möchten wir einen Wunsch formulieren: Brecht eure Aktion jetzt ab. Im Rahmen des Möglichen hat sie ihren Zweck erfüllt.

14:10 29.11.2017
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