Michael Angele
11.01.2016 | 12:22 12

Bye Bye Bowie

Berlin In der Hauptstadt blühte der Mythos des nun verstorbenen Popstars David Bowie seit den Siebziger Jahren. Unser Autor erinnert sich

David Bowie (1947-2016) gehörte zu den wenigen Popstars, die vielen Menschen wirklich etwas bedeutet haben. Das zeigt sich jetzt gerade auf Facebook. Aber man kann noch weiter gehen. Es gibt sogar Dinge, die vielen Menschen nur deshalb viel bedeutet haben, weil David Bowie mit ihnen zu tun hatte. Berlin zum Beispiel. Westberlin genauer. Nur 18 Monate hat Bowie hier Ende der 1970er Jahre gelebt. Aber noch heute kann ich nicht durch die Hauptstrasse, wo er gewohnt hat, gehen, ohne Bowie im Kopf zu haben. Metaphorisch und oft auch buchstäblich auf dem iPod.

Der Dschungel, die Hansa-Studios und natürlich das Brücke-Museum, wo er angeblich ständig war, was natürlich eine Übertreibung ist, aber es geht hier ja nicht um die Fakten, sondern um den Mythos: Ich kann für weitere Details gerade nur das Buch von Tobias Rüther Helden. David Bowie und Berlin empfehlen. Und vorschlagen, noch einmal einen Blick auf den wunderbaren Comic unseres Zeichners Frank Nikol zu werfen, den wir hier vorab abdrucken.

Ach, wie viele sind Bowie nicht begegnet, ohne ihn zu erkennen! Und natürlich längst nicht nur in Berlin. Sondern auf der ganzen Erde. Und längst nicht nur in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sondern – wie dieser Blogbeitrag – vielleicht auch erst in den 1990er Jahren. Als er die Alben Earthling und Outside veröffentlichte – und aus Kreuzberg einen nie geschauten Ort namens „Kreutzburg“ machte. 

Nachruf in Zeitung folgt

Kommentare (12)

schna´sel 11.01.2016 | 13:14

"Ach, wie viele sind Bowie nicht begegnet, ohne ihn zu erkennen!"

Ich muss sagen, dass auch ich zu diesen bemitleidenswerten Menschen gehöre. Außer Space Oddity ist bei mir von David Bowie leider nicht viel hängen gebieben. Und mit seiner Tin Machine konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich sehe auch ein, dass da eventuell etwas an mir vorbeigegangen ist. Bei demTrara, das um ihn veranstaltet wird und das nicht erst seit heute. Vielleicht könnte der angekündigte Nachruf ja mal eine Einführung geben, in die tieferen Werte oder die höheren Weihen, die seine Kunst für viele Fans zu auszuzeichnen scheinen.

Ernstchen 11.01.2016 | 15:38

Ich empfehle - aus ganz persönlicher Warte und Geschmack - folgende Songs: Heroes, Under Pressure (with Queen), This Is Not America (with Pat Metheny Group), Ashes To Ashes, Young Americans, I'm Deranged, Jump They Say, I'm Afraid Of Americans, Suffragette City, Blackstar, The Man Who Sold The World ... könnte da noch einige hinzufügen. Das Ding mit Bowie ist, dass er sehr seeehr unterschiedliche Musik gemacht hat. Alles wird man nie von ihm mögen können.

schna´sel 11.01.2016 | 16:26

Vielen Dank für die Empfehlung. Vielleicht habe ich mich aber doch ein wenig falsch ausgedrückt. Klar kenne ich "Heroes" oder "Ashes to Ashes" und auch andere empfohlene Titel. Die ich, soweit es um die großen Hits geht, seinerzeit auch abgefeiert habe. Es ging mir auch nicht darum, die Bedeutung in Frage zu stellen, die David Bowie gehabt hat und eigentlich bin ich auch empfänglich für die Art Message, die er verkörpert. Androgynität, "Space" im Sinne von Kubriks 2001 und so... Aber über seine Hits hinaus hat Bowie mich persönlich nie wirklich angesprochen. Ich weiß nicht, warum. Und deshalb, im Zusammenhang mit diesem natürlich eher taurigen Ereignis, die Frage ob man das, was ihn denn nun speziell in diesen Zusammenhängen ausgemacht hat nicht mal in einem Nachruf zusammenfassen könnte. Es sind ja schon Begriffe genannt worden. Die ich aber auch allesamt nicht unbedingt so zwingend mit David Bowie verknüpfe, dass der in meiner Wahrnehmung quasi stellvertretend für diese Inhalte oder sogar die ganze Zeit steht, in der sich das ereignet hat. Trotzdem, vielen Dank auch für das bereits geschriebene Blog.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2016 | 18:12

Es gibt sogar Dinge, die vielen Menschen nur deshalb viel bedeutet haben, weil David Bowie mit ihnen zu tun hatte.

Genau das ist der Punkt, es fühlt sich so an, als sei mit dem Tod von Bowie auch ein Lebensgefühl, welches wirkliches lebendigsein ist, eine Freiheit, die sich frei fühlen auch bedeutet und Selbstbestimmung, die sich um keinerlei Regel kümmert aber trotzdem Mensch und menschlich bleibt, gestorben.

Columbus 11.01.2016 | 21:19

David Bowie, das war einer der wenigen geraden Pfeile des Pop und überhaupt der Befreiung, die diese Kultur verkörpern kann, wenn auch ein bisschen Kunst dabei ist.

Für mich ist er nicht nur Musik und Clip, sondern auch ein Film im Kopf, ein gefilmter Kopf, als Captain Celliers, aus Furyo, Merry Christmas Mr. Lawrence.

Gerade werkele ich noch ein wenig an einem hoffentlich seriösen Blog zum Klima und den Böden unserer emfindlichen Gaia, da schwebt auch schon Major Tom heran, alias Commander- Colonel Chris Hadfield.

Alles schwebt. Die Gitarre, Space Oddity in den Ohren, die ISS, dieses teurste Bauwerk der Menschheit zur Selbstbeobachtung, eine technische Philosophie der Völkerverständigung und des Begreifens, wie verletzlich alles unter uns Earthlings ist.

David Bowie passt zum Freitag und daher ist es gut, wenn er da ein besonders liebevolles und nachdenkliches Obituary erhält.

Nur weiter

Christoph Leusch

MirjamKay 11.01.2016 | 23:55

Heute war ein seltsamer Tag. In den Print-Zeitungen stand noch nichts, aber alle David Bowie-Fans auf den Uni-Fluren trugen schwarz und schauten, als wollten sie sich nur noch einkugeln, Bowie-Platten hören und heulen. Ich bin dann auch gegangen, um mich einzukugeln. Aus den Autos auf der Straße tönten Bowie-Songs, meistens war es "Heroes". Unheimlich schön, wie Musik fremde Menschen verbinden kann.

denkzone8 12.01.2016 | 07:29

hi,fans. bowie ist und bleibt kult. steht für zelebrierung exaltierter individuums-verklärung mit messianischer performance. er bot schillernde orientierung in der vor-selfie-zeit. abkehr vom rebellischen rock/ punk(das wider-ständige ersetzt durch kosmos-phantasien), eskapismus in traum-welten: eingebildete glamour-existenz. imaginiertes übersteigen von klassen- und konsum-schranken. artistische grenz-überschreitung(was der sich so traut!), vor-bild für pubertäre selbst-überschätzer, geliebt fürs tür-öffnen ins nirgendwo: we can be heroes(mit engem verfalls-datum). propagandist des narzißmus und der ich-optimierung. sein immenser erfolg ist das, was ihm recht gibt(will die gelungenen tunes nicht abstreiten,aber die inszenierung war doch das entscheidende.oder?). seine stilisierte authentizität ließ viele ihm folgen. damit hat er einen hohen status in einer monströsen reihe(hall of fame), in die ihn seine helfer (professionelle gegen lange-weile und für einträgliche traum-verkäufe) cross-promoted haben(klamotten+ sounds).

kurz: ich werde nicht im organisierten kondukt(trauer-zug), flankiert von medien-animatoren, mit-tanzen.

schna´sel 12.01.2016 | 11:50

"propagandist des narzißmus und der ich-optimierung. sein immenser erfolg ist das, was ihm recht gibt"

Ich glaube, das ist es was mich immer gestört hat. Gestern lief ja schon der 10 Minuten Nachruf nach den letzten Tagesthemen und ich dachte mir: "Was willst Du eigentlich? Da war doch nicht nur Major Tom. Das waren viele, viele Titel, die auch Dich lange begleitet haben. Und diese Selbstinszenierung in immer neuen Masken. Nie gefällig, auch wenn Du mit Let's Dance oder China Girl nicht mehr viel anfangen konntest. Also, wo ist Dein Problem mit Bowie?" Ich glaube jetzt, dass es gar nicht Bowie war, der mich gestört hat, sondern wirklich das, wofür er jetzt auf den Sockel gestellt wird. Das, was einmal eine alternative Vorstellung von der Befreiung aus der existenziellen Not dieses Nichts gewesen ist, vor das man sich als jugendlicher Mensch gestellt sah, in einer Welt, zu der man nach Vietnam und den Hippies ja auch irgendwie dazu gehören wollte, musste. Und woran ich selber auch in ganz ähnlicher Form beteiligt war. Was mich stört, sind die grundsätzlichen Antworten die diese ganze Generation gegeben hat und für die Davis Bowie vielleicht in gewissem Maß stellvertetend war. Obwohl ich persönlich mit seinem Berliner Kumpel Iggi mehr anfangen konnte. Was mich stört, ist dieser Narzissmus, der so gehyped wurde und inzwischen das Einzige zu sein scheint, das von der großen Befreiung durch Popkultur übrig geblieben zu sein scheint. Bowie war ein Großer, das ist mir auch klar und er kann auch nichts dafür. Aber der Schmerz und das Leid, das er ja nicht ausklammert aus seiner letzten großen Inszenierung zeigen doch, dass weder der Erfolg, noch der tief empfundene und gelungene künstlerische Ausdruck an sich eine Erlösung sein können. Mich erinnert das an Woody Allen, der vielleicht etwas Ähnliches meinte, als er neulich in dem ARTE Portrait die Frage stellte, warum er, trotz seiner großen Erfolge und obwohl er glaubt, alles umgesetzt zu haben, was er sich für sein Leben gewünscht hat immer noch das Gefühl hat über den Tisch gezogen zu sein.

Columbus 12.01.2016 | 16:48

Denkzone8 12.01.2016 | 07:29; schna´sel 12.01.2016 | 11:50:

Klar, man muss Bowies Musik und auch seine Art der Präsentation nicht für das Non plus ulta halten, dafür ist die Welt und die Kunst einfach immer zu groß und vielfältig.

Aber gerade im Nachruf kann man gerecht sein:

Bowie hat sich nie sein Künstlertum abkaufen lassen und, obwohl er auch ausgesprochen vielen Leuten geholfen hat, ohne daraus eine Selbstbeweihräucherung zu machen, und er sich sehr wohl öffentlich und sozial engagierte, hat er sich nicht "Geldorfisieren" lassen, ist Künstler geblieben. Er ist auch nicht in den Fahrwassern Bonos unterwegs gewesen, der ihn heute genauso bewundernd verabschiedet, wie eine unendliche Reihe anderer Musiker.

Was die Musik angeht, da lässt sich festhalten, dass die Eigenart und Unart des Pops, sich nämlich bei Erfolg einfach als Masche immer weiter zu kopieren, ebenfalls nicht sein Ding war.

Das zeichnet einen wirklich großen Künstler aus, nicht zur Masche zu werden und trotzdem erkennbar zu bleiben.

Es ist schon ein weiter Weg, von Rock and Roll und Beat, zum digital- elektronisch und psychedelisch aufgeladenen Stil später, zu minimalistischen und expressionistischen Konzepten. - Tatsächlich ging er in der Selbstinszenierung, weil er ja auch ein wenig Ahnung von "Ecce homo" hatte, bis zur Jesusanalogie. Ihm hatte es das Schamtuch angetan, nicht die Nägel im Fleisch und die Wunde.

Bowie passte zum Beispiel in die selbstgezimmerte Karton- und Collagewelten meiner Jugend, mit ausgeschnittenen und aufgeklebten Schnipseln, Plakatabrissen und Fundstücken, andererseits spielend in eine expressionistische Bühne, die an Filme von Murnau oder eben Theaterkulissen der Weimarer Zeit oder Felix Meidners "apokalyptische Landschaften" erinnerten. - Vielleicht ist es das, was besonders an ihm anzieht? Er war nicht nur ein guter "Rolling Stone", er hatte einen deutlich erweiterten Horizont.

Mir geht es jedenfalls bei Bowie so. Ich bewundere dieses, Sich- immer- wieder- neu- erfinden, das Spiel mit Personae und Persönlichkeiten, das mir zum Beispiel völlig abgeht. Ich bin immer ich selbst und muss mühsam darum ringen, auch einmal ein anderer zu sein, zumindest eine Ahnung davon zu entwickeln.

Insofern konnte David Bowie, er war ja nur Objekt einer Betrachtung, einer Anziehung aus der Ferne, eines faszinierten Blicks, genau die Pop- Person bleiben, die ein bisschen mehr für mich bedeutet.

Beste Grüße

Christoph Leusch