Cervantes’ Erben

Ökologie & Ästhetik Aufregerthema Windräder: Was die Dinger am Landschaftsbild zerstören, kann durch Fantasie wieder wettgemacht werden. Texte von Bazon Brock, Iris Hanika, Peter Weibel u.a.

Die Liebe der Junker

Erstaunlicherweise wird heute so getan, als seien Windräder ein Ergebnis der Gegenwart und ein Versprechen für die Zukunft. In Wahrheit begleiten uns Windräder in Form von Windmühlen seit Jahrhunderten. Vor 400 Jahren erschien Miguel de Cervantes Roman El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Eine der bekanntesten Szenen im Don Quixote ist der Kampf gegen die Windmühlen; Illustrationen von Grandville bis Picasso haben sie in unserer visuellen Kultur verankert. Ebenso hat die niederländische Landschaftsmalerei die Windmühlen in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Was ist die Bedeutung dieses Windmühlenkampfes? Warum wird der Junker lächerlich gemacht? War es ein Kampf Mensch gegen Maschine? Wurde der technische Fortschritt bekämpft?

Die Windmühle hat also mit dem Windrad einen Bedeutungswandel erfahren. Sie, die einst als böse Maschine galt, wirkt heute idyllisch. Die Windräder wiederum bedeuten technischen Fortschritt und gleichzeitig Naturnähe. Sie machen aus Wind Strom, schlagen eine Brücke zwischen Himmel und Erde, wie ein Regenbogen. Sie versprechen saubere Energie. Paradiesisch! Die natürliche Umwelt selbst erzeugt die künstliche Energie, die wir brauchen. Die Windräder sind also das Pastiche einer technikfreien Zukunft, obwohl die aktuellen Windräder ja Hightech-Produkte sind. Allerdings gehören sie, wie der Name sagt, zur Radtechnologie. Vom Auto bis zur Bahn, vom Fahrrad bis zum Filmprojektor sind sie eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Windräder sind technisch gesehen eine überholte Kategorie. Insofern hat ihr Versprechen, Zukunft zu sein, keine lange Haltbarkeit. Umso paradoxer, dass Windräder für nachhaltige Energie stehen. Wegen dieser Paradoxie liebe ich Windräder wie Junker Don Quixote die Windmühlen. Peter Weibel

Peter Weibel ist Künstler, Ausstellungskurator und Kunst- und Medientheoretiker

Schwarzes Rauschen

„Die Meinung eines Menschen zu einem Geräusch tendiert umso mehr in Richtung einer Beeinträchtigung oder Belästigung, wenn dieser eine negative Grundhaltung zur Quelle des Geräusches hat“ – gefunden auf der Website einer Windenergie-GmbH. Wer etwas hört, muss also AKW-Befürworter sein. Windkraftanlagen sind leise, ihre Geräusche kaum messbar, alle Klagen ideologisch begründet. Die Stellungnahmen, Expertisen und Messergebnisse in Dezibel sind erschlagend in ihrer Eindeutigkeit: Die Geräusche eines Windrades gehen unter im „weißen Rauschen“ anderer Akustikquellen, die genau der antreibende Wind erzeugt.

Die Wahrheit aber ist immer konkret. Nie wird gemessen in warmen Sommernächten, in denen die Stille hörbar wird, weil selbst die riesige Pappel, deren Blätter sich wegen ihrer besonderen Konstruktion als letzte beruhigen, ihre akustische Emission eingestellt hat. Dann weht in hundert Metern Höhe oft noch ein – eigentlich geräuschloser – kräftiger Wind, dem sich aber einen halben Kilomenter von meinem Haus entfernt drei Windräder in den Weg stellen. Er treibt sie zu einem lauten Whhhaaaabb-Whhhaaaabb-Whhhaaaabb, einem dumpfen, nervenden, industriellen Geräusch, ähnlich dem eines Hubschraubers im Flüstermodus (Fletcher’s Visionen), bedingt durch die Interferenzen dreier ­riesiger Rotoren, die regelmäßig an ihren Holmen vorbeistreichen. Man wird dann zwar kein AKW-Befürworter, aber der ­Gesang der Nachtigallen wird einem verleidet. Michael Pickardt

Michael Pickardt ist CVD des Freitag

Die Ästhetik des Hässlichen

Dass die Ökologie eher Feind als Komplize des Naturschönen ist, beweist die Ästhetik der Windräder. Der zwanglose Einklang von Naturkraft und Technik, der die alten Mühlen als Bestandteil landschaftlicher Vielfalt erscheinen ließ, geht ihren ökologisch korrekten Nachfolgern ab. Wo jene knarrten und quietschten, brummen die Räder also mit penetranter Monotonie. Wo die Mühlen von der Nähe der Menschen zeugten, erheben sich die Windräder in menschenfreier Ödnis. Und während die Mühlen in abwechslungsreicher Regellosigkeit in der Landschaft verteilt waren, stehen die Räder wie Soldaten auf dem Marschfeld in Reih und Glied. An ihnen wird anschaulich, dass Ökologie nicht dem geschärften Bewusstsein für die Natur, sondern der restlosen Verwandlung von Natur in Umwelt entspringt.

Weil es keine Natur mehr gibt, man ihren Schein aber nicht entbehren kann, tritt an ihre Stelle das Ökosystem, als das jeder die Welt und sich selbst zu begreifen hat. Jeder ist ein Regelkreis, der mit allen Regelkreisen verbunden ist. Das ist der neue Begriff von Systemkonformität. Seine Allegorien sind die Windräder, die mit ihrem Zweck, den Menschen zu dienen, ganze Landstriche unbewohnbar machen und demonstrieren, dass eine vollständig menschengemäße Umwelt die menschlichen Sinne brutaler beleidigt als jedes Industriegebiet. Erst ihr Anblick enthüllt die archaische Humanität der Ruhrpottarchitektur. Sie ist so sehr von gestern wie der Begriff der Menschheit selbst, an den sie inmitten aller Ökotechnik wie ein verwittertes Denkmal erinnert. Magnus Klaue

Magnus Klaue hat Germanistik, Philosophie, Film- und Theaterwissenschaften studiert, an der FU Berlin gelehrt - und fühlt sich dem Erbe der Kritischen Theorie verpflichtet

Alberto Giacometti

Bitteschön, kaum etwas vermag das Herz in diesem unseren Lande mehr zu erfreuen als eine Windkraftanlage. Diese Windräder sind nämlich eine Abstraktion der langen, dünnen Figuren von Alberto Giacometti. Zwar sind sie gleichförmig und glatt, dafür aber noch viel länger. Man könnte sie eine Vereinfachung von Giacomettis Figuren nennen und bemängeln, dass die Nuancen verschwinden; man könnte sich aber auch erneut für Giacometti begeistern, der eine für die Moderne gültige Form gefunden hat. Und weil diese Form schon über ein halbes Jahrhundert alt ist, wir uns an sie gewöhnt haben und sie uns vollkommen plausibel ist, fühlen wir uns von den Windrädern nicht angegriffen, sondern beschützt.

Besonders schön ist das, wenn man auf der A9 von Berlin Richtung Süden fährt und, sich Leipzig nähernd, in der berückend flachen Landschaft dort den großen Windkraftpark durchquert. Das ist ein Wald aus diesen langen, dünnen Figuren, und sie drehen unablässig ihre Arme. Das tun sie, um uns die Benutzung unserer Unmengen stromverbrauchender Geräte zu ermöglichen und damit das Leben leicht zu machen. Zugleich ist dieses ausdauernde Drehen wie ein stetiges Schwertschwingen. Nicht umsonst hielt Don Quixote Windmühlen für feindliche Ritter: Sie haben so etwas.

Die heutigen Windräder nun schwingen in einem fort ihre Schwerter, um uns vor dem großen Schrecken, den ein Versiegen des elektrischen Stroms bedeuten würde, zu beschützen. Selten kann man sich ­geborgener fühlen als bei diesem Anblick. Besonders schön ist es in der Nacht, wenn rote Lichter an den Spitzen der Windritter entzündet sind. Dann ist es, als führe man durch einen Zauberwald voller guter Geister. Wenn sie aber stillestehen, erkennt man ihre wahre Größe.

Denn wenn die Flügel entsprechend angehalten wurden, strecken sie ihre Arme gen Himmel und verweisen, jeder Kreuzritter für sich, auf das Urbild unserer Kultur, auf Christus am Kreuz, und man erkennt die unendliche Demut, mit der sie uns dienen, klaglos und ganz diesem Einen ergeben, dem Betreiben unserer Elektrogeräte. Iris Hanika

Die Schriftstellerin Iris Hanika hat eben den Preis der LiteraTour Nord erhalten

Erdpropeller

Man fuhr also durch die norddeutsche Tiefebene, Autobahn natürlich, die den Minimalismus und die Stille dieser Landschaft besonders schön herausarbeitet, und V., der Vater, schimpfte gleich wieder auf diese Dinger da, „die Verspargelung“, wie sie den Schein einer unberührten Natur, der die Landschaft verzaubert, zerstört.

Das ist doch Quatsch, Unfug!, rebelliert S., der Sohn, auf der Rückbank, ein Knabe von zwölf Jahren, der seit langem tief in diesem Zeug steckt, Zukunftsromane, Science Fiction, Fantasy, Sie wissen schon, Star Wars, Star Trek, Babylon 5.

Er stelle sich immer vor, so der Sohn, diese Rotoren, das seien die Propeller, mittels derer die Erde in ihrer Umdrehung gehalten wird. Ohne die Rotoren stünde sie still – „und wir wissen ja, was dann passiert: Die Erde würde abstürzen wie ein Flugzeug, dessen Motoren ausfallen.“

Vater findet Gefallen an dem Gedankenspiel. – Aber viele dieser Propeller stünden doch tatsächlich still. Ohne schlimme Folgen. Wie S. das erkläre? – Die Erde hat genug Schwung seit dem letzten Schub!, begeistert sich S. Da können die Propeller ruhen. Sonst würden wir alle herunterfallen, und das will doch keiner. Später, wenn der Schwung nachlässt, springen sie erneut an – dort! Dort sieht man es schon. So stelle ich mir vor, schwärmt S., dass die Windräder direkt ins Weltall ragen. Dass das Weltall unten direkt auf den Wiesen aufruht, durch die wir fahren. Und das ist doch viel schöner als deine unberührte Natur … Michael Rutschky

Der Publizist Michael Rutschky war von 1985 bis 1997 Redakteur der Zeitschrift Der Alltag

„Windkraft. Nein danke!“

Seit Jahren treibe ich mit meinen Mannen experimentelle Kulturgeschichtsschreibung. Wir verifizierten Nietzsche in Amerika als Rodeoreiter in den Wildwestshows oder Heidegger als Varietédirektor zwischen den badekostümierten Sirenen Hannah Arendt und der Reformpädagogin Elisabeth Blochmann; wir rekonstruierten Luthers Tintenfasswurf auf der Wartburg und ließen Herkules im Schöneberger Pumpwerk den Augiasstall der Berliner Politik reinigen.

Nun habe ich einen Traum: Eine wilde, verwegene Jagd mittelreizvoller junger Damen und gepflegter HerrInnen aus den hiesigen Reitervereinen stürmt als Kavalleriekohorte von Berlin aus westwärts, um den nächstbesten Windradpark von den Schreckensriesen des Politopportunismus zu befreien. Es glänzen die Müllkübeldeckel als Armschilde, hochgereckte Speere aus dem Depot der Zehnkämpfer heben den Horizont auf. In sopranesker Schrille und tenoraler Pressung schallt der Kampfruf „Windkraft? Nein danke!“ Reiten, reiten für Deutschland, damit sich die Wahrheit von Weltliteratur erweise.

Wir werden beweisen, dass das spanische Nationalepos des Cervantes eine prophetische Botschaft enthält. Sie lautet: Alles, was man in einer vergangenen Epoche für eine bloße Phantasmagorie, für eine Gespensterei exaltierter Seelen hielt, wird in der Zukunft dieser Vergangenheiten Wirklichkeit. Denn das sozialpsychologische Grundgesetz besagt: What people believe to be real, is real in its consequences. Kann man aber dem, was man als bloße Gefahrherbeiphantasiert, auf gleiche Weise entgegentreten wie den realen Gefahren? Das gilt es herauszufinden. Eben das ist Aufgabe experimenteller Geschichtsschreibung. Bazon Brock

Bazon Brock ist emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung

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14:00 26.04.2011

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