Chandler und der Terror

Parallelwelt Lavie Tidhar treibt in seinem preisgekrönten Roman „Osama“ ein virtuoses Spiel mit guten und bösen Geistern
Michael Angele | Ausgabe 21/2013

Manchmal braucht ein Leser nur ein, zwei funkelnde Namen, um auf ein Buch scharf zu werden. „Raymond Chandler meets Philip K. Dick“ meint der Verlag zum vorliegenden Roman. Zweifellos eine aparte Begegnung, die dem weitgereisten, heute in London lebenden und in einem Kibbuz geborenen Lavie Tidhar den World Fantasy Award einbracht hat. Philip K. Dick gilt als einer der Sience-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts, aber mich selbst kann man damit auch dann nicht besonders locken, wenn ein „Alternativweltenroman“ versprochen wird. Die Weltgeschichte hat einen anderen als den bekannten Verlauf genommen? Gibt es etwa kein Internet darin? Nun ja. Nicht meine Art von Fantasie. Mit Chandler sieht es da schon anders aus.

Worum geht es in Osama? Ein Privatdetektiv wird von einer geheimnisvollen Unbekannten beauftragt, den Autor von Groschenromanen, darunter eine Osama-bin Laden-Reihe, zu suchen. Der Detektiv heißt Joe, er lebt in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, wir befinden uns in einem 20. Jahrhundert, das sich anfühlt, als wollten die vierziger, fünfziger Jahre nie ganz enden. Die Spuren des Autors Mike Longshott führen Joe nach London, Paris, New York und schließlich nach Kabul. Dabei wird er von ein paar Männern verfolgt, die entweder im Namen des Verbrechens oder des Gesetzes, vermutlich aber von beidem, agieren. Aber, ach, wenn man das so erzählt, klingt das selbst wie ein Schundroman, dabei ist es so, dass Lavie Tidhar mit den Konventionen der Pulp Fiction nur virtuos spielt. Der poetologische Schlüssel liegt in den fabriques, die Joe auf seinen Erkundungen durch Paris in einem Park vorfindet, kleine, liebevolle Nachbildungen und zugleich „zu Kunstzwecken konstruierte Lügen“, die im Englischen follies, Torheiten, heißen.

In Little Kairo

Die größte folly besteht in diesem Roman darin, Osama bin Laden auf das Format eines Groschenromanhelden herunterzubrechen und ihn ein paar Freaks zu überlassen, die die Bücher ihres ominösen Autors so sehr lieben, dass sie sich in New York zu einer Convention samt Osama-Pappaufsteller treffen und die Frage des Genres stellen: „Was wäre, wenn die Kairo-Konferenz von 1921 wie geplant weitergegegangen wäre?“

Trotz aller postmodernen Verspieltheit scheint der Roman die Frage tendenziell mit einem schweren Seufzer zu beantworten: Wir hätten dann einen Westen, der keinen Anlass zum Hass böte, hätten eine sanfte Globalisierung und ein „Little Kairo“ in London, in dem schon deshalb keiner auf die Idee käme, sich in einer U-Bahn voller Ungläubiger in die Luft zu sprengen, weil in der Alternativwelt diese Romans tatsächlich nicht nur das Internet nie erfunden wurde, sondern auch Religion offenkundig keine Rolle spielt. Dass die Welt nicht diesen Lauf genommen hat, ist vielleicht der tiefere Grund der Melancholie von Joe, der ihm freilich nur vage bewusst ist.

Der Detektiv ist hier sehr buchstäblich ein Leser, aber er versteht den Krieg nicht, von dem er da liest, anders als wir, die wir ihm beim Lesen der im Schriftbild abgesetzten Passagen über die Schultern schauen und den Angriff auf die US-Botschaft in Nairobi 1998, die Anschläge in London 2005 und natürlich die Zerstörung des World Trade Centers wiedererkennen. In Joes Welt wurde das WTC nie gebaut.

In der Opiumhöhle

Später hat Joe einen Traum, in dem dann doch unsere Welt einbricht und die Touristen am Piccadily Circus mit iPods herumlaufen. Und dann sind da die „Geistergeschichten“, Stimmen von Zeugen des Terrors, die weder der Welt der Groschenromane noch der Welt von Joe noch unserer Welt ganz zugehören. Das ist klug gemacht, und es stellt sich der Dick-Effekt ein: Was ist die Wirklichkeit? Wer bin ich? Die Frage stellt sich natürlich auch für Joe, der sich im Laufe seiner Suche immer mehr verliert, und als er irgendwo (wir wollen ja nicht zu viel verraten) auf eine vermeintliche eingerahmte Fotografie zusteuert, taucht im „Rahmen langsam ein Gesicht auf, und mit einen Schaudern entdeckt er sein eigenes Gesicht. Symbol, Symbol.

In Osama steckt eben nicht nur das ironische Spiel mit Pulp Fiction eines Tarantino, es steckt darin auch viel 2046 von Wong Kar Wai: ein Tiefsinn, der sich nie ganz vom Verdacht lösen kann, dass er primär zur Verdichtung der Atmosphäre da ist. Und warum auch nicht? Man unterschätze den Wert des Atmosphärischen in der Literatur nicht. Dass sich ein Detektiv verliert, heißt dann eben auch, er ist reines Medium von (Großstadt-) „Stimmung“. Aus der Dick-Welt also in die Chandler-Welt, es gibt eine Brücke: das Opium. Einerseits lässt der Roman die charmante Möglichkeit offen, dass Osama bin Laden nur einem Opiumtraum entsprungen ist. Andererseits gehört die Opiumhöhle der Madame Seng – wie die Whiskeys am Tresen und die Femmes Fatales und gefallenen Engel daneben – zu dieser Film-noir-Prosa, zu der natürlich auch der Jazz gehört; Blue Note heißt eine Bar. Aber mehr als Bars gibt es in diesen zweifelhaften Stadtvierteln, durch die der Detektiv wie ein Flaneur aus bester Tradition streift: Buchhandlungen. Ein feines Porträt gilt dem schmierigen Verleger der Osama-Bücher, der sonst billige Erotika produziert. Ist es also ganz verkehrt zu sagen, dass die Retro-Alternativwelt dieses Romans nicht nur dazu dient, einen Terroristen ins Reich der Groschenromane zu bannen, sondern auch dazu, aus ihnen die Welt der Bücher herauszuzaubern?

Osama Lavie Tidhar Juliane Gräbener-Müller (Übers.) Rogner & Bernhard 2013, 400 S., 22,95 €

 

01:00 23.05.2013

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