Windelweiches Kunstverständnis

Kommentar Welterbe schützen, Blockflötenunterricht fördern, niemandem auf die Füße treten: Kulturpolitik à la CDU/CSU

Die Partei, die Folgendes zu ihrem Programm erhebt, möchte ich noch erleben: Kultur ist keine Sache von allen für alle, in einer demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft ist sie Sache einer Minderheit, mein Gott, es ist nun einmal so. Kultur ist anstrengend, vielen macht sie keinen Spaß, sei’s drum. Die Anderen fördern das Innovative und das Neue, schon aus Prinzip fördern wir deshalb das Unproduktive und das Veraltete, und da, wo die anderen schreiben, dass die Alarmglocken läuten müssen, wenn Kunstfreiheit beschnitten wird, sagen wir: diese Glocken sofort wieder ausschalten, stattdessen eine Kunst fördern, die unseren Freiheitsbegriff radikal hinterfragt.

Die anderen, das meint hier die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Deren Arbeitsgruppe Kultur und Medien hat nun ein kleines Kulturbuch vorgelegt. Zyniker werden sagen, dass von solchen Publikationen kein Erkenntniswert ausgeht. Das ist falsch. Man kann klar erkennen, was die CDU/CSU will, weniger deutlich wird, was unter den Tisch fällt. Aber das zu erkennen, ist genau so wichtig.

Nun überrascht es nicht, dass eine Volkspartei auch in der Kulturpolitik primär das fordert, was keinem weh tut, zumal die Kulturausgaben nur 1,9 Prozent des öffentlichen Haushalts ausmachen; warum sich unnötig Feinde machen? Wer wäre gegen die Förderung des Instrumentalunterrichts an Grundschulen, den Schutz des Welterbes und Geld für ein kreatives Europa, und wer kann wirklich etwas dagegen haben, wenn die Freiheit der Kommunikation im Netz mit dem Schutz des geistigen Eigentums ausgesöhnt werden will? Die Barrierefreiheit in den Theatern ist ebenso eine gute Sache wie ein Kino für alle und überall, und, nun gut, den rechten Flügel befriedet man mit einem Koordinierenden Zeitzeugenbüro, das der Verklärung des SED-Regimes entgegentritt. Ansonsten herrscht das Prinzip der größten allgemeinen Zustimmung. Die Zauberformel dafür lautet: Ohne Kultur keine Bildung, ohne Bildung keine Kultur. Das versteht sich nun wirklich von selbst.

Kritisch und widerspenstig

Oder vielleicht doch nicht; denn wenn der Bildungskomplex am Ende dazu führt, dass dröge Plädoyers für den Wert der Bildung geschrieben werden, würde man vielleicht besser gleich darauf verzichten. Und sich auf die harten Tatsachen beschränken: Kultur und Kreativität sind wichtige, in Zahlen messbare Wirtschaftsfaktoren. Die Kreativbranche schafft heute schon so viele Arbeitsplätze wie der Fahrzeugbau. Man würde gerne glauben, dass in dieser Aussage von Dagmar Wöhrl ein Rest von Provokation gegen eine billige Idealisierung von Kultur mitschwingt, aber sie ist wohl einfach so gemeint, wie sie da steht.

Deprimierend an diesen Vorstellungen ist, dass in ihnen nichts vom Widerständigen und Nicht-Verhandelbaren an der Kunst mehr aufscheint. Man muss ja schon froh sein, dass der im Kurswert tief gefallene Begriff der Kritik nicht ersatzlos durch den der Neugierde ersetzt wurde. Monika Grütters, die Vorsitzende des Kulturausschusses, fordert immerhin, was bis vor Kurzem in jedem Deutschunterricht selbstverständlich war: dass man Intellektuelle und Künstler immer wieder auffordern müsse, kritisch und widerspenstig zu sein. Und dann gibt es noch Norbert Lammert. Er schreibt, dass die wichtigste Qualifikation des Kulturpolitikers in der Einsicht in die eigene Bedeutungslosigkeit liege und er demütig daran arbeiten möge, dass andere schöpferisch sein können. Lammert sagt das nicht aus Arroganz, sondern weil er den Eigensinn der Kunst erkannt hat. Man muss es im Kontext dieser Broschüre betonen.

15:00 08.11.2012
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