Der Gott der Reisenden

Flüchtlinge Die EU-Grenzschutzagentur Frontex nennt ihre Mission auf Lampedusa "Hermes". Wer an die Herkunft dieses Wortes denkt, gerät in Wallung

Die Zeitungen meldeten es: Frontex hat ihre Mission zur Unterstützung der italienischen Behörden bei der Bewältigung des Flüchtlingsandrangs aus Nordafrika begonnen. Die Bootsflüchtlinge sollen von Spezialisten befragt und identifiziert werden. Ein wichtiger Teil der Operation auf der Insel Lampedusa besteht in Hilfe bei der Rückführung der Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer, sagt die Agentur. Ihre Mission nennt sie Hermes.

Hermes, ausgerechnet. Man denkt an das gleichnamige Versandunternehmen und vielleicht daran, dass sich der Name vom griechischen Gott Hermes und seiner Bedeutung als Schutzgott des Verkehrs ableitet.

Für einen Geisteswissenschaftler ist er aber in erster Linie der Gott der Verständigung, der – vermutlich – der Wissenschaft des Verstehens, der Hermeneutik, seinen Namen geliehen hat. Genauer: Hermes ist der Götterbote, einer, der die Botschaften der Götter überbringt und übersetzt. Ebenso ist er der Schutzgott der Reisenden und Händler. Aber er ist auch der Gott der Diebe und der Schutzgott der Wettkämpfe.

Nun mag jeder für sich entscheiden, ob er in seine Beurteilung von Flüchtlingspolitik eine Differenz zwischen Wünschenswertem und Machbarem einfließen lässt, in der Bewertung dieser Namenswahl durch Frontex kann es eigentlich nur ein Urteil geben: Zynismus – oder wahrscheinlicher, Ahnungslosigkeit, was bekanntlich auf das gleiche hinausgeht. Denn welche Bedeutung von Hermes man auch immer nimmt: Im Zusammenhang mit den Aktionen auf der Insel und im Meer ist dieser Name ein Hohn. Ob man nun an den Gott der Verständigung denkt (ja übersetzen sollen die Leute von Frontex auch), oder an den Gott des Verkehrs (der ja gerade unterbunden wird) und der Reisenden. Ganz zu schweigen vom Gott der Diebe.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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