Der Kanalrattenblues

Im Gespräch Maxim Biller im Interview über alte Hüte aus Deutschland, sein neues Buch und die Geburtsschmerzen der Dritten Nation

Ich bekenne: Billers neues Buch Der gebrauchte Jude: Ein Selbstporträt" target="_blank">Der gebrauchte Jude hat mich beeindruckt. Ein autobiographischer Roman gespickt mit prägnanten kleinen Szenen und Porträts, die den Werdegang des Autors zum Schriftsteller spiegeln. Ich wollte den Mann, der für viele eine Reizfigur ist, unbedingt sprechen. Er lud mich zu sich nach Hause ein. (ma)

Der Freitag: Da haben Sie aber ein melancholisches Buch geschrieben. Nehmen Sie Thomas Mann, der eine wichtige Rolle darin spielt. Für mich ist er ein Bote aus einer vergangenen Zeit.

Maxim Biller: Gestern rief mich meine Mutter an, sie ist Schriftstellerin, eine hoch gebildete Frau, mit der russischen Kultur aufgewachsen, liest natürlich auch hier sehr viel. In der Literarischen Welt sei ein großer Artikel über ein Buch von Thomas Mann erschienen, sagte sie, das nun wiederentdeckt würde,

Gibt es denn eine Neuausgabe?

Ja, mit einem Endloskommentar von Hermann Kurzke, dem Thomas-Mann-Forscher. Plötzlich heißt es also: Wie interessant! Dabei ist dieses Buch der widerwärtige chauvinistische Versuch eines krypto-homosexuellen Schriftstellers, der nicht in den Krieg durfte, zumindest am Schreibtisch ein paar Franzosen um die Ecke zu bringen. Und dennoch wird Thomas Mann nun auch noch für die

Ich kann Ihre Abneigung verstehen. Dennoch glaube ich, dass die Bedeutung von Figuren wie Thomas Mann verschwindet. Daran ändert auch die nächste Verfilmung der „Buddenbrooks“ nichts. Fällt mir gerade ein: Wenn ich einmal Geld brauche, verfasse ich das Drehbuch zu einem Biopic über Ernst von Salomon.

Interessanterweise sagen Sie nicht: Ich werde ein Drehbuch schreiben über Billy Wilders Zeit als Eintänzer im Berlin der zwanziger Jahre. Sie glauben, dass es kommerziell erfolgreicher wäre, das Leben eines klassischen deutschen Wendehalses zu verfilmen, halb reaktionär, halb elitär, halb Held, halb Unheld. Das ist die Lage.

Nochmals zu Thomas Mann, es gibt natürlich den biographischen Bezug: Ihre Magisterarbeit über die antisemitischen Motive im Frühwerk von Thomas Mann.

Nicht die antisemitischen Motive. Erst waren es einfach die Juden im Frühwerk, die ich mir ansehen sollte. Das Thema blieb übrig auf der Liste des Professors. Die Juden wollte damals keiner machen. Aber so bedeutend ist Thomas Mann in meinem neuen Buch gar nicht. Wissen Sie, welches die stärkste Figur ist?

Reich-Ranicki?

Nein, das sagt jeder, der darüber geschrieben hat. Warum?

Lassen Sie mich doch weiter ­raten. Laub?

Nein, Gabriel Laub der tragische polnisch-tschechisch-russisch-­jüdische Schriftsteller, nein.

Ich hab’s: Die wichtigste Figur sind Sie selbst!

Nein. Sie haben nicht einmal meinen Vater genannt. Aber das ist ­alles Unsinn. Ich wusste erst, welches Buch ich schreiben wollte, als ich nach ein paar Seiten meinen besten Freund Donny Gold vor ­Augen hatte. Sie können sich mit ihm, einem exzentrischen, klugen, neurotischen Juden aus einer modernen Frankfurter Ghetto-Familie natürlich nicht identifizieren, deswegen kommen Sie nicht auf ihn.

Stimmt, es ist für mich eine interessante Figur aus einem Milieu, das ich nicht kenne. Dennoch ist der Showdown in Ihrem Buch doch ihr Besuch bei Reich-­Ranicki.

Die Reich-Ranicki-Passage ist die Antwort auf die Frage, wie es ist, als Jude vor und nach dem Krieg in Deutschland zu leben. Aber ich habe auf das traurige Donny-und-ich-Ende hingeschrieben: Wie ich, nachdem ich bei Reich-Ranicki war und endlich ein paar Antworten bekommen habe, meinen besten Freund Donny Gold treffe, der mir, als wir 20 waren, eine Welt gezeigt hatte, die ich als tschechischer Jude nicht kannte. Diese hermetische jüdisch-polnisch-deutsche Nachkriegswelt, die damals in Städten wie Frankfurt noch existiert hat. Und dieser Donny Gold geht dann nach Israel und fühlt sich dort, ich will nicht sagen: glücklich – denn was ist das schon? Aber doch so, wie er immer gehofft hatte, sich zu fühlen. Es ist dieses Gefühl, nicht immer fragen zu müssen, wieso man sich an manchen Tagen so seltsam fühlt. Und nun ist er wieder in Frankfurt, weil sein Vater gestorben ist, und wir sitzen in seinem alten Kinderzimmer, und ich frage ihn, warum er das Klavier nicht mit nach Israel genommen hat. Das ist, wenn Sie so wollen, der Showdown.

Gut, sehe ich ein.

Wissen Sie, ich hatte die Hoffnung, dass dieses Buch als Geschichte gelesen würde. Stattdessen wird es von den Deutschen aufgenommen wie ein Beipackzettel zu Medikamenten, die sie von ihren historischen Phantomschmerzen heilen sollen. Ich habe tiefstes Verständnis dafür, aber es macht mich trotzdem traurig. Ich habe keine Rezension gefunden, in der erzählt würde, um was es in Der gebrauchte Jude geht. Dabei wird das in Deutschland sonst in jeder Kritik bis zum totalen Leserverdruss getan. Auch die positiven Rezensionen waren immer nur die Beschreibung der öffentlichen Figur Maxim Biller. Wenn die Rezension von einem Juden stammte, war sie in der Regel lobend, und wenn sie ein Deutscher verfasst hatte, war es zwar kein Verriss, aber „voller ominöser Beiworte“, wie ein deutscher Freund neulich zu mir sagte.

Was wollten Sie denn erzählen?

Wie es ist, als intelligentes, naives, zehnjähriges Kind nach Deutschland zu kommen und davon auszugehen, dass alle Menschen auf der ganzen Welt gleich sind – das dachte ich wirklich! –, um dann festzustellen: Aber nein, ich denke, ich bin wie sie, sie aber denken, ich sei anders! Das Melancholische an dem Buch ist der Versuch zu erzählen, wie mir das langsam zu Bewusstsein kam, wie es mir wehtat, wie ich versuchte, damit umzugehen, wie ich mir das Recht herausnahm, weiter über meine Dinge zu schreiben, und wie man mich mit Hilfe von repressiver Toleranz, wie das in den Sechzigern hieß, zu jemandem machen wollte, der ich nicht bin. Das wollte ich erzählen.

Aber nicht nur das. Ich behaupte, dass die deutsche Gesellschaft – und das ist die politische Dimension des Buches – nach Homogenität strebt und jeden, der sich nicht einordnen will, ignoriert oder hinter seinem Rücken schlecht über ihn redet. Dabei wollte ich nicht Recht behalten. Ich hätte mir so gewünscht, dass einer voll da­gegen schreiben und sagen würde, das stimmt nicht, du lügst, wir sind eine offene Gesellschaft. Aber das ist nicht geschehen.

Okay, dann sage ich es Ihnen: Die Gesellschaft ist offener, als Sie glauben.

Wirklich? Dann nehmen Sie Amerika zum Vergleich. In Teilen ist das eine Gesellschaft, die das Andere, Aufregende sieht. Schauen Sie sich den

Das ist fies.

Er hat sich doch sogar seine, wie er es nennt, Zuhälterleisten abrasiert und trägt auf Fotos neuerdings immer sowas Strickjackenhaftes. Ich hacke bewusst auf ihm rum, weil er immer als Beispiel dafür genannt wird, dass es geht. Nein, es geht nicht. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Darf ich Ihnen ein Beispiel nennen? In Berlin gibt es ein wunderbares Theater, ich bin gespannt, ob Sie es kennen: das Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg.

Wir haben darüber berichtet.

Okay. Dann sind Sie eine Ausnahme. Dabei sind die Aufführungen dort lebendiger, näher an der Gegenwart, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte, als anderswo. Kein Wunder, Migrantensöhne und Migrantentöchter haben etwas zu erzählen. Ich nenne sie die Dritte Nation: Nicht Deutsche, nicht Ausländer. Aber die wenigsten kommen durch. Ein weiteres Beispiel ist Fatih Akin. Wir Angehörigen der Dritten Nation, ich zähle mich ja dazu, sollten ihm jeden Tag dafür danken, was er schafft, egal ob der eine Film nun ein bisschen besser oder schlechter ist. Ich werde nie vergessen, wie all die blasierten deutschen Filmkritiker mit zusammengebissenen Zähnen applaudiert haben, als er den Hauptpreis bei der Berlinale gewann. Diese Mischung aus Ignoranz und leichtem Genervtsein, die uns trifft, wenn wir wir selbst sind, macht uns fertig. Mein neues Stück

Ich kenne es gar nicht.

 Kein Wunder, obwohl darin Mad Men, Sopranos und Ingmar Bergman vereint sind, will es bis jetzt kein deutsches Theater spielen. Warum? Weil 80 Prozent der Figuren Juden sind. Es ist eine Tragödie.

Dennoch, Sie haben eben die ­Bewunderung vergessen.

Ja, bei Frauen... Wissen Sie, viele Einwandererkinder sind auch unsicher. Viele dieser so besonderen Intellektuellen und Künstler kommen aus einfachen Verhältnissen, haben Eltern, die kaum gelesen und diskutiert haben. Bei mir ist das anders, es ist ein wenig so, als wäre ich Schauspieler und stamme aus einer Schauspielerfamilie, da tritt man mit einem anderen Selbstbewusstsein auf.

Wie war denn die Redaktion der Dritten Nation auf Ihr Buch?

Gut. Ein paar haben mir ganz schnell geschrieben, gesagt, danke, dass du uns eine Stimme gegeben hast. Im Januar wird es im Ballhaus eine „Lange Nacht des gebrauchten Juden“ geben, da wird kein Jude dabei sein, Türken, Kurden, Spanier, Italiener, Iraner, Aserbaidschaner werden das Buch lesen.

Und Deutsche? Eigentlich kommen die Deutschen in Ihrem Buch ja gar nicht schlecht weg, präziser müsste man sagen, sie kommen gar nicht vor. „Ich saß im August in der leeren Maximilianstraße vor dem Schumanns und Georg Tabori hinkte vorbei.“ Ein Schlüsselsatz.

Ich bin mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen und habe nur in der Wohnung gesessen und gelesen. Ich war wie ein türkisches Kind, das nicht aus der Naunynstraße rauskommt. Kaum war ich in München, lernte ich Donny Gold und ein paar andere kennen. Plötzlich war da ein Zuhause, aber ein anderes als das meiner deutschen Freunde, die ich auch hatte. Ich habe, wenn Sie so wollen, in einer Parallelwelt gelebt. Ihr Eindruck ist also richtig. Ich dachte aber, man kann diese beiden Welten verbinden. Nun denke ich, dass es noch schwieriger geworden ist.

In ein paar Jahren kommt die Dritte Nation an die Macht, jede Wette. Sie haben das Pech, in einem Interregnum zu schreiben.

Nicht das Pech. Ich werde ja deren Prophet gewesen sein (lacht). Meine Leser werden dann diejenigen sein, die sagen, du hast über unsere Eltern geschrieben.

Was diese Nation verbindet, ist die Figur des Außenseiters. Nun gibt es eine historisch fast zwingende Verbindung zwischen Außen­seiter- und Judentum. Meine ­intellektuelle Sozialisation lief über Heine, Benjamin... Ich bin da nicht der einzige. Aber Ihr Buch stimmt auch ­deswegen melancholisch, weil es an diese, man muss leider ­sagen, schwindende Tradition ­erinnert.

 Die Figur des jüdischen Außenseiters ist gerade echt nicht besonders cool, was ich auch keine Katastrophe finde.

In den achtziger Jahren war sie es aber noch.

Das liegt ja auf der Hand, die 68er hatten ja etwas geschafft, was sie gar nicht wollten. Sie wollten den Kommunismus, den Maoismus, sind unterwegs aber irgendwie vom Weg abgekommen und landeten plötzlich in der Demokratie. Sie haben natürlich alles genial gefunden, was ihre Eltern verachtet haben, jüdische Außenseiter zum Beispiel. Es gab allerdings Parallelentwicklungen, die Wiederent­deckung von Franz Kafka, die stark über die Tschechoslowakei lief. Kafka war dort primär eine antitotalitäre Identifikationsfigur. Aber auch Kafka ist nicht mehr gerade, wie soll ich sagen, der Heißeste. Irgendwann begann es zu kippen, begannen die von links Indoktrinierten zu sagen, wir sind von links indoktriniert und fanden blöd, was ihre Eltern gut fanden. Dazu kam noch 1989, und eines ­Tages fragte Botho Strauß, ob es nicht interessanter wäre, sich um Ernst Jünger zu kümmern.

Figuren wie Kafka mögen bessere Zeiten gehabt haben, aber Judaica bleiben davon unberührt, oder?

Mir hat eine große Buchhändlerin erzählt, dass diese Themen stark zurückgehen. Was ich nur gesund finde, es war ja viel zu viel, und wenn ich noch einmal in meinem Bio-Supermarkt eine Mutter ihre kleine blonde Bestie Elias oder ­Levin rufen höre... (lacht). Es gab eine Zeit, in der die Deutschen dachten, sie seien eigentlich die ­Juden. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Aber warum muss es gerade in die andere Ecke gehen? Warum ­heißen die neuesten deutschen Kinder plötzlich Fritz und Paula? Schon gut, ich weiß, die Welt ist einfach so.

Die positivste Figur in ihrem Buch heißt allerdings weder Elias noch Fritz, sondern Giovanni. Giovanni di Lorenzo, das momentan wohl ranghöchste Mitglied der Dritten Nation!

Ich beschreibe aber auch die Konflikte, die wir gehabt haben. Wir haben eine unterschiedliche Art damit umzugehen, dass wir einerseits in dieser Gesellschaft drin sein wollen, andererseits aber auch sagen, nein, ich bin noch etwas anderes. Ich bin eine Kanalratte, und ich bin stolz darauf. Giovanni di Lorenzo macht das auf eine bewundernswerte ruhige, freundliche Art und ich verliere halt oft ganz schön die Nerven. Ich wäre so wahnsinnig gerne wie er, aber ich bin sicher, er wäre nicht gerne wie ich (lacht).

Selbstporträt, KiWi, Köln 2009, 180 S., 16,95 Der gebrauchte Jude

16:20 06.01.2010
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