Michael Angele
17.03.2011 | 11:50 33

Der Nicht-Leser in uns

Postbibliophil Die Leipziger Buchmesse versucht Jung-Leser mit Sperenzchen zu ködern. Der Alt-Leser schüttelt den Kopf - und greift selbst zur DVD. Das Bücherlesen ist bedroht

Die Leipziger Buchmesse ist eine Publikums- und eine Lesemesse. Das zeigt sich nicht nur an den fast zweitausend Lesungen, die im Rahmen von Leipzig liest in der ganzen Stadt stattfinden, sondern auch daran, dass der Versuch, „Freude am Lesen und an der Literatur“ zu vermitteln, als Schwerpunkt ausgewiesen wird. Aber wie bringt man gerade junge Menschen zum freiwilligen Lesen von Büchern? Schon zum vierten Mal findet auf der Messe eine „Bücher-Rallye“ für Schulklassen statt – mit „Boxenstopps“ an einzelnen Messeständen.

Bücher-Rallye, Boxenstopps: Es sind solche Sperenzchen, die einen Alt-Leser in den Wahnsinn treiben. Können die jungen Menschen nicht einfach ein Buch lesen? Nein, können sie eben nicht. Aber ehrlich gesagt, sie konnten es noch nie. Erinnert man sich an die eigene Schulzeit, dann waren die Leseratten unter den Mitschülern oder man selbst durch ein Handicap (eine empfindliche Seele, eine Allergie, die ans Bett band) zum vielen Bücherlesen doch quasi genötigt. Nennen wir es die Kompensationstheorie des Lesens. Später konnte dieser Mangel dann natürlich in einen Gewinn umgemünzt werden, aber das Bücherlesen ist auch für uns Alt-Leser keine sichere Sache. „Wir sind nicht zum Lesen geboren“, an diesem anthropolo­gischem Befund der Neurowissenschaft­lerin Maryanne Wolf ändert auch die Einführung neuer, benutzerfreundlicher Medien wie des E-Books nichts. Der Nicht-Leser steckt nun einmal im Menschen drin, und unsere Zeit lässt ihn immer frecher hervorlugen.

Schlechte Nachrichten aus dem Zentralorgan

Vor nun schon fünf Jahren bestätigte eine britische Umfrage, was man ahnte: Auch wer Bücher kauft, liest diese nicht unbedingt. Über die Hälfte der Befragten gab an, Bücher „nur zur Dekoration“ zu kaufen. Stimmt unsere Beobachtung, dass Bücherregale rapide an Sozial­prestige verlieren, dürfte sich auch dieser Wert deutlich verändern. Damit nicht genug. Lapidar stellte Julia Karnick neulich in ihrer Kolumne in der Brigitte fest: „Früher las ich Bücher und hatte Sex.“ Man unterschätze Brigitte nicht. Wenn in einer Buchkritik das Wort „wunderbar“ vorkommt, kann das für Verlag und Autor immer noch zum Freudenfest werden. Von einer Besprechung im Qualitätsfeuilleton lässt sich Gleiches nicht behaupten. Wenn also in so einem ­Zentralorgan der Leselust das Ende des Bücherlesens verkündet wird, ist das ein Zeichen.

Zumal der größte aktuelle Verführer des Nicht-Lesers in uns von Karnick genannt wird – es sind TV-Serien wie Mad Men oder The Wire. Auch hier eine Zahl: Eine kleine, wenn auch nicht re­präsentative, Umfrage unter zehn Hildesheimer Studenten der Kulturwissenschaften hat ergeben, dass fünf The Wire komplett gesehen haben, aber nur einer den diesjährigen Favoriten für den Leipziger Buchpreis, Tschick von Wolfgang Herrndorf, nein, noch nicht einmal gelesen, sondern ins – offenbar noch vorhandene – Regal gestellt hat.

Verheerend hatte in diesem Zusammenhang ein kluger Beitrag in der FAZ gewirkt, der in The Wire den „Balzac für unsere Zeit“ erkannte: „Der Roman der Gegenwart ist eine DVD Box“. Obwohl man kein Buch las, stand man sozusagen an der Spitze der Literaturbewegung, so beruhigten wir unser schlechtes Gewissen über ungezählte Stunden Serie- Schauen statt Bücherlesen. Zur Buchmesse erscheint übrigens Clockers von Richard Price in einer neuen Übersetzung, der Roman gilt als Blaupause dieser fabelhaften Serie aus Baltimore. Wenn dass kein Grund ist, den Nicht-­Leser in uns einmal mehr zu überlisten.

Kommentare (33)

jayne 17.03.2011 | 13:46

die genannten tv-serien kenne ich nicht, aber ich bin ja auch eine alt-leserin, trotzdem, auch bei mir stapeln sich bücher, nicht aus dekorativen gründen, sondern mangel an zeit - sicher ist das auch den online-medien anzulasten, in meinem fall: bloggen, mitdiskutieren, lesen usw. -aber eines scheint mir doch sicher, das buchlesen wird nicht aussterben, und es gibt andere sachen, für die mensch auch nicht gemacht ist, z.b. achtstunden-arbeitstag, skiabfahrten, hochsprung ...

wwalkie 17.03.2011 | 14:33

Und dabei lesen wir alle fast jederzeit unheimlich viel ... Trash, den wir ganz schnell im Vergessen speichern.

Bei dem ehemaligen Verleger André Schiffrin habe ich gelesen (ja!), dass nach der Übernahme von Random House durch Bertelsmann nur noch Titel mit einer Verkaufserwartung von 60000 Exemplaren vermarktet werden. Dem entspricht, dass in "meiner" einst unabhängigen Buchhandlung nach deren "Aufgehen" in einer Buchgeschäftskette, nur noch Bestseller zu erwerben sind (Vor allem Sarrazin, wer sonst?).

Sie haben recht, Michael Angele, Bücherlesen schafft immer geringeren kulturellen Mehrwert. Eine Bücherwand indiziert mittlerweile Konservativismus. Also beginnt die Lesebourgeoisie pädagogische Kampagnen, die wie die meisten ihrer Art, weil pädagogisch, ziemlich dürftige Resultate zeitigen. "Schock Deinen Lehrer, lies ein Buch!" schreit es mir von Plakaten entgegen (komisch übrigens, dass beim Schockieren nur der männliche Lehrkörper anvisiert wird!). Und schon geht's los: Wettbewerbe, Sprachförderung, Lesetagebücher etc. etc. Vorzeigbares Resultat: Beförderungsstellen für Lehrerinnen.

Wann sollen die jungen Menschen, die man "Kids" zu nennen pflegt, auch Bücher lesen? Und warum? Schulende: 16 Uhr. Hausaufgaben (na ja). Lektüre lesen (macht eh kaum einer, liegt auch am Pleonasmus), Sportverein. Musikschule. Clique. Feten. Einkaufscenter. Computerspiele. Facebook. Time is money, Alter!

Zum Bücherlesen braucht es wirklicher Langeweile, die als Muße aber sehr produktiv sein kann. Und die vertreiben wir alle - atem- und besinnungslos. Und so bekommt der von Ihnen zitierte Satz "Wir sind nicht zum Lesen geboren" seinen Sinn. Ist das buchfreie Leben dem Beschleunigungskapitalismus tatsächlich anthropologisch angemessener als das Bestehen auf mußevollem Lesen?

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Ehemaliger Nutzer 17.03.2011 | 21:26

Den Kommentar kann ich voll unterschreiben. Wir sollten aber nicht nur die Jugend kritisieren, die kein Buch liest. Es sind auch ältere Menschen, denen die Bildzeitung für ihre geistige Bildung vollkommen reicht.
Um ein Buch zu lesen, brauche ich keine Langeweile, wie hier geulkt wird. Wenn mich etwas interessiert, dann werde ich mich bemühen, so ist es jedenfalls bei mir, mir diese Sache anzulesen. Und genau in dieser Richtung liegt das Problem, die Jugend interessiert sich für nichts mehr.
Lesen verbessert nicht nur das Wissen, sondern man erlernt dadurch auch die Sprache.
Es ist schockierend, wenn man jungen Menschen auf der Strasse ganz banale Fragen stellt. Es wird gegrient, aber wissen tut man nichts. Es entwickelt sich in der BRD eine Gesellschaft "Doof".

MrsSinclair 18.03.2011 | 00:11

"dass nach der Übernahme von Random House durch Bertelsmann nur noch Titel mit einer Verkaufserwartung von 60000 Exemplaren vermarktet werden"

Naja, das ist ja eh ein ganz düsterer Verein...

"Zum Bücherlesen braucht es wirklicher Langeweile, die als Muße aber sehr produktiv sein kann."

Ich habe ja eher den Eindruck, dass "die Jugend von heute" vor lauter Langeweile nichts mit sich anzufangen weiß.

Dass so viele Menschen Bücher lediglich als Deko kaufen finde ich echt, nunja, schräg. Wer macht denn sowas? Scheint ja aber weit verbreitet zu sein. Seltsam, seltsam.

Dieses lustige Plakat ist mir übrigens auch des öfteren über den Weg gelaufen. Ich war mir nie sicher, was ich davon eigentlich halten soll.

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steinauge 18.03.2011 | 00:22

@lebowski
Um Kinder und Jugendliche zum Lesen zu bewegen, heißt es, früh beginnen.
Beginnen mit Vorlesen, mit Geschichten erzählen, mit Phantasie anregen.
Bis sie es kaum noch erwarten können, selbst lesen zu können.
Und immer wieder neuen Anreiz liefern.
Und selber lesen, was man Kindern als Beispiel liefert, das wirkt.
Und nicht abschieben, vor TV, Nintendo oder Ähnliches.
Nein fordern und fördern!
Glauben Sie, es wirkt!
Gruß Augenstern

I.D.A. Liszt 18.03.2011 | 00:57

Eine hübsche Glosse.

>Auch wer Bücher kauft, liest diese nicht unbedingt. - Das ist so ähnlich wie mit teuren Schreibgeräten: Wer Füller kauft, schreibt nicht unbedingt mit ihnen, sondern trägt sie zu Repräsentationszwecken mit sich herum. Das Schreiben wird durch das fast vollends entsinnlichte Herumtappen auf der Tastatur erledigt.

Bekämpfen wir den inneren Nichtleser!
Denn eines sollte uns Altlesern (sowie auch den Junglesern und est recht den Nichtlesern) zu denken geben: >Lapidar stellte Julia Karnick neulich in ihrer Kolumne in der Brigitte fest: „Früher las ich Bücher und hatte Sex. - Wenn das nicht ein hinreichender Grund ist, nicht nur zum Buch zu greifen...

I.D.A. Liszt 18.03.2011 | 01:19

@ Augensten (17.03.2011; 23:22):

Verzeihung, wenn ich hier heftig widerspreche, aber sowohl meine Frau als auch ich haben unserm Sohn in seiner Kindheit (teils sogar bis zum zehnten Lebensjahr noch) vorgelesen, und bei uns beiden hatte er reichlich Gelegenheit, lesenden Menschen zuzuschauen, aber heute (16) ist auf dem besten Wege, zum strukturellen Analphabeten zu werden, der zwar Buchstaben und Buchstabenverbindungen erkennt und versteht, Wörter ebenfalls, aber sehr oft nicht so recht versteht, was er da liest.

Ich meinesteils verfluche die Schulen dafür.
Als ich das Schreiben erlernte, beherrschte die ganze Klasse am ende des ersten Schuljahrs die Schreibschrift und konnte die Druckschrift lesen. Mein Sohn beherrschte das komplette Alphabet erst im zweiten Schuljahr.

Wir lasen in der achten, neunten und zehnten Klasse Schillers "Wilhelm Tell" und "Maria Stuart", Kleists "Zerbrochnen Krug"und Droste-Hülshoffs "Judenbuche", mein Sohn las in der Schulstufe Jugendbücher.

Meines Erachtens ist diese Art der Verblödung jedoch durchaus gewollt - das liegt auf einer Linie mit dem gesamten 'Bologna-Prozess' und der Einrichtung von 'Elite-Universitäten'.
Bildung wurde mal von manchen eine Zeitlang als Menschenrecht betrachtet, heute sind das 'olle Kamellen'. Aber 'Bildung' als solche verliert auch immer mehr an Bekanntheit. Heute wird sie vor allem als 'Ausbildung' verstanden...

Wie ließ Bertolt Brecht das noch so schön böse seinen Galilei sagen (Ende der 14. Szene)? >Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.
Das bezog sich zwar auf die Rolle des Wissenschaftlers, doch paßt es auch hier, finde ich.

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steinauge 18.03.2011 | 01:39

@I.D.A.Liszt
Vielen Dank für Ihre Gedanken.
Ich bin evtl. ein wenig optimistischer, mag daran liegen, daß ich Töchter habe, und die Mädels doch eher zum Lesen animiert werden können als Jungs.
Mein Bruder z.B., heute 45 Jahre jung, weiß genau, daß er zu jeder Gelegenheit ein Buch von mir bekommt, ich geb nicht auf.Es spielt nicht die erste Rolle, ob er´s denn liest, aber ich frage nach, das weiß er...
Auch ich hab eine andere Bildung genossen als sie heute in den Schulen propagiert wird, aber ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie schrecklich ich die gestelzten, verdrehten und unverständlichen Texte fand, und auch die Gedichte, die wir noch auswendig lernten.
Und weit und breit keine Motivation zu erkennen.

Heute versuche ich es anders. Ich bin hartnäckig, nicht penetrant, immer mal wieder -uptodate-, aber straight.
Auch ich erkenne gewisse Methodik in der Verblödung durch die Schulen, aber da bin ich vor.
Immer wieder Gespräche, Anregungen, und Bildung ist ein Menschenrecht entspricht meinem Willen.
Ich wünsche Ihnen weiterhin Geduld und eine Portion Optimismus, man muss halt dranbleiben!
Lieben Gruß Augenstern

kay.kloetzer 18.03.2011 | 02:04

ich denke man muss zwei dinge unterscheiden: leipziger-buchmesse-besucher und leser.
als sich am donnerstag morgen die türen öffneten, strömten gefühlt 10 000 kinder in die hallen, von denen die hälfte vom lesen so viel weiß, wie der hamster von der ostsee. ein bekannt-befreundeter hauptschüler muss morgen hin. befragt nach seinen plänen dort, sprach er: "was weiß denn ich." ja, was weiß er? was ist oder wird das image dieser messe? wenn sich nichts ändert könnte es dies sein: spiele ohne brot.

an den ständen knallen spätestens gegen 12 uhr die nerven durch, wenn das 30. verhaltensuafällige kind nach dem katalog/flyer/gratisexemplar greift, weil die das abend zuhause irgendwie in nintendos aufwiegen oder so. im berliner zimmer haben sie die zeichen der zeit erkannt, dort gibt es durchgängig alkohol in räumlicher nähe zum literaten.
literaten? ja, die gibt es noch. man erkennt sie an nur halb gefüllten foren und sich vorbei duckenden besuchern:
- wer isn das?
- keine ahnung.

das habe ich so gehört, als clemens meyer die laudatio auf kerr-preisträgerin ina hartwig hielt und als martin pollack, gerade ausgezeichnet mit dem preis zur europäischen verständigung, sein buch vorstellte.

diese messe hat das zeug zum besonderen - dazu braucht sie einen fachbesuchertag. mindestens.

MrsSinclair 18.03.2011 | 02:19

Ich sehe das ähnlich wie Augenstern: Wenn man Kinder von klein auf durch Vorlesen, Geschichten erzählen etc. ans Lesen heranführt, werden sie auch später oft Freude daran haben. Natürlich wird es immer Kinder/Jugendliche geben, die gar kein Interesse an Büchern haben, trotzdem ihre Eltern versucht haben, ihnen diese näher zu bringen. Und es wird immer Kinder/Jugendliche geben, die richtige Leseratten sind, trotzdem sie immer vor dem Fernseher geparkt wurden.

I.D.A. Liszt: Zum Thema Verblödung: Ich glaube auch, dass da was dran ist. Gewollt, nicht gewollt? Keine Ahnung... Mein Vater war sehr oft erstaunt, wie wenig ich, im Vergleich zu ihm, in der Schule gelernt habe. Wie oft habe ich von ihm den überraschten Satz "Habt ihr das etwa nicht durchgenommen?" gehört, wenn wir über irgendwas gesprochen haben. Und er hat "nur" eine Hauptschule besucht, ich war auf dem Gymnasium (Ende der 90er, Anfang 2000er).

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steinauge 18.03.2011 | 02:33

Was mir gerade noch zum Thema einfällt:
Mir ist aufgefallen, daß in vielen Familien gar keine Gespräche mehr geführt werden.
Das Alltägliche wird besprochen, scheinbar das Notwendige, aber es gibt keinerlei Diskussion, Auseinandersetzung, kein echtes Interesse am Anderen.
Es mag einige Gründe dafür geben, mir alle unverständlich.
Denn Gespräche braucht es für den Aufbau eines Wortschatzes, man muss Worte gebrauchen können, vielleicht versteht man dann auch eher geschriebenes Wort, wenn gesprochenes Wort existiert und sich einem der Sinn erschließt.
In diesem Sinne
Gute Nacht

rolf netzmann 18.03.2011 | 11:33

"Schreiben ist Malen mit Worten", so heißt es. Lesen ist mehr als die Aufnahme von Wissen, es fördert die Sprachbildung des Lesers, es regt vielfältige Schichten des Gehirns an.
Sie haben Recht, Herr Angele, in der heutigen Zeit ist es nicht mehr notwendig zu lesen, die Wissenaufnahme ist längst anders möglich. Und doch glaube ich, dass es immer Menschen geben wird, welche lesen werden, weil sie tiefer gehen wollen als nur Wissen aufzunehmen. Sie wollen genießen, sie suchen Entspannung beim Lesen. Bewusstes Lesen ist heute eine Nische in der schnellebigen Zeit, eine Oase der Ruhe und des Abschaltens von Alltag. In der Kuschelecke sitzen, ein Glas Rotwein vor sich, und Versinken in einem Buch, ich genieße so etwas.
Lesungen, in denen Autoren nicht nur ihre Werke vorlesen, sondern mit dem Publikum diskutieren, in einen Dialog eintreten, es gibt sie immer noch, nicht nur in Berlin. Das sind nicht nur die Bestsellerautoren, nein, oft sind es unbekannte Schreiber, die das Bedürfnis am Schreiben und an öffentlichen Lesungen haben und ihr Publikum finden.
In unserer Zeit von Facebook, Twitter, Youtube usw. ist Lesen ein bewahrenswertes Relikt einer zu Ende gehenden Zeit, das sich wandelt und anpasst. E-Book ist ein Beispiel dafür. Doch finde ich die Ästhetik eines Bücherregals schöner als aufgestapelte Disketten. Und auch bei mir stehen im Regal ungelesene Bücher, nicht als Dekoration, sondern aus Zeitmangel. Aber wenn ich erstmal Rentner bin, dann habe ich viel Zeit für alles ungelesene.....

Nelly 19.03.2011 | 00:51

Ich kann dieses Lamento bezüglich des drohenden Aussterbens des Lesens nicht nachvollziehen. Bücher lesen war schon immer was für intelligente Menschen, und das sind nun mal nicht alle. Und selbst von denen, die ein bißchen mehr Grips haben, tut es nur ein Teil, und das war auch schon immer so.

Daß in der Schule die Ansprüche immer weiter heruntergeschraubt werden, ist leider wahr. Aber wer sich darüber beklagt, sollte an anderer Stelle einen Unterricht, der intelligenteren Kindern gerecht wird, nicht als "elitär" verteufeln.

Achtermann 19.03.2011 | 14:51

I.D.A. Liszt

Wir lasen in der achten, neunten und zehnten Klasse Schillers "Wilhelm Tell" und "Maria Stuart", Kleists "Zerbrochnen Krug"und Droste-Hülshoffs "Judenbuche", mein Sohn las in der Schulstufe Jugendbücher.

Meine Kinder mussten gerade in der Schule "Wilhelm Tell" und "Der Richter und sein Henker" lesen. Sie fanden es ätzend. Und ich muss sagen, mir geht es genauso. Ich hab' mal reingeschaut, was da so abgeht:

Stauffacher: Sie folgten, wenn der Heribann erging,
Dem Reichspanier und schlugen seine Schlachten." (aus Wilhelm Tell).

Mit dem Zeug kann man doch nix anfangen. Das ist doch eine Zumutung für 13- oder 14-Jährige! Eine Lehrkraft, die derartige Texte anbietet, hat ihre pädagogische Aufgabe völlig verfehlt!

Und beim Buch "Der Richter und sein Henker" ist das auch nicht anders. Wer soll, wer mag diese Ermittlungstechnik des Kommissars noch nachvollziehen angesichts des heutigen Standes der Forensik. Und die politischen und sonstigen die Schweizer betreffenden ironischen Anspielungen aus den 50er-Jahren gehen doch jedem heutzutage am Arsch vorbei.

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Ehemaliger Nutzer 19.03.2011 | 18:44

@rolf netzmann
Ihren Kommentar unterschreibe ich gern nur denken Sie daran, ob Sie überhaupt Rentner werden und wenn ja, sich die gewissen Krankheiten und OP's einstellen.
Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, dass Sie hinsichtlich der Arbeit kaum zum Lesen kommen. Diese Zeit habe ich auch durch, Arbeit, Haus, Familie und Kinder. Leider ist die knappe Zeit erst nach der Wende so richtig entstanden.
Die Arbeitswelt in der BRD, also im Kapitalismus hemmt die Menschen an der Kultur und an der geistigen Bildung teil zu nehmen, weil nur der Verdienst des Unternehmen im Vordergrund steht. Diesbezüglich gehen auch viel Ehen und Familienfreundschaften zu Bruch. Die Zeit ist zu schnelllebig und zuviele Informationen strömen auf einen ein.
Ich habe nach der Wende eine Zeit durch, da konnte ich einfach kein Buch und keine Zeitung lesen, zu aufgewühlt war mein Inneres. Erst viele Jahre später habe ich das Lesen und Verstehen wieder gewonnen. Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder durch diese schnelllebige und auch oberflächlige Zeit großen Schaden nehmen. Wichtig in der heutigen Zeit ist, am nächsten Tag mit einer neuen Uhr, einem neuen Handy usw. zu prahlen.
Erwachsene wie Kinder brauchen für sich eine gewisse Zeit des totalen Abschaltens, sonst gehen sie in dieser Gesellschaft kaputt.
Ich war in einer Arztpraxis. Von 7 Personen hatten 5 Personen das Handy in der Hand und glotzten unentwegt darauf. Hier sieht man schon den geistigen Verfall.

EnidanH 19.03.2011 | 18:58

Mich verwirren mehrere Dinge:

Sie sagen Sie wollen das Lesen pushen; wie soll das mit dem Text geschehen?

Sie behaupten Lesen ist keine natürliche Sache und benennen einen Wissenschaftler. Es gibt bestimmt mehrere Andere, die gegenteiliges sagen (vor kurzem erst in einer anderen Zeitung, die ich wegen ihres Niveaus gerne lese).

Sie greifen die Büchermesse an, im Kontext der Förderung des Lesens fehlt mir von Ihnen ein Vorschlag, wie es anders sein sollte.

Zuletzt: wie oben schonmal geschrieben, ist Lesen nicht jedermanns Sache, auf der anderen Seite fängt nicht jeder an zu lesen, weil ihm die Sozialkontakte fehlen. Leute, die es von sich aus tun und es zum Akademiker schaffen werden gerne mal angegriffen mit Wörtern wie Bürgertum usw.; wie passt das nun zusammen?

Philipp Idel 20.03.2011 | 23:33

Aus meiner Perspektive kann ich Herr Angeles Feststellung, dass das Lesen oder zumindest das Lesen anspruchsvoller Literatur heute zurückgeht bzw. bedroht ist, weil es immer mehr qualitativ hochwertige Serienformate gibt, nur bestätigen. Viele meiner Freunde lesen zum Beispiel praktisch nie, schauen aber regelmäßig Fernsehserien wie "Mad Men" oder "Sopranos". Schade, denn diese Serien mögen sowohl inhaltlich als auch formal sehr gut gelungen sein, reichen meiner Meinung nach als "Gesellschaftsromane" allerdings nicht an Werke von Tolstoi oder Dostojewski heran. Wenn ich versuche mir eine der eben genannten Serien komplett anzuschauen, muss ich feststellen, dass sie in allen Belangen (Figurenzeichnung, Komplexität, Tiefe der Thematik) nicht mit eben genannter Literatur mithalten können. Ich denke, dass gerade Jugendliche auch deshalb nicht lesen, weil sie "Angst" vor "großer Literatur" haben. Sie wissen, dass diese Texte tiefgründig und komplex sind, haben aber gleichzeitig Angst, sich zu langweilen. Und deshalb möchte ich immer wieder und wieder sagen: Dostojewski ist nicht "nur" tiefgründig oder "nur" komplex. Er ist verdammt spannend und an vielen Stellen vermutlich viel fesselnder und aufregender, als jede noch so gute Fernsehserie.

Nelly 21.03.2011 | 18:18

Gut beobachtet: Wenn man sich anschaut, welche soziologische Gruppe eigentlich am meisten (oder überhaupt) liest (und was für Literatur), ist das Lesen von Belletristik eigentlich eine Tätigkeit, wie sie normalerweise in der Community und der Redaktion des Freitag als "bürgerlich" apostrophiert wird, gern auch mit dem Wörtchen "zutiefst" gesteigert, um der empfundenen Abscheu vollen Ausdruck zu verleihen.

lebowski 22.03.2011 | 01:19

@Augenstern
Ich bin selber Vielleser. Mich würde es aber nicht stören, wenn meine Kinder überhaupt nicht lesen würden (ich habe übrigens keine). Wenn sie Sport betreiben oder sonstwas draußen machen, wäre das völlig ok. Nicht jedes Kind muss eine Leseratte sein. Ich verstehe sowieso die Obsession der Leute heutzutage mit ihren Büchern nicht.
Meine Mutter hat früher immer skeptisch geguckt und gefragt, ob ich nicht mit den anderen spielen will, wenn ich ich den ganzen Nachmittag Bücher gelesen habe.

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steinauge 22.03.2011 | 01:30

@lebowski
Ich würde auch niemanden zu seinem Glück zwingen.
Und wenn das Wetter entsprechend, der Schwimmverein ruft oder der Schachclub angesagt ist, kein Problem.
Dann kommen die recht langen Herbst/Winter, und da können Geschichten doch recht unterhaltsam sein, auch zu mehreren.
Und Spiele, Kinder spielen auch Lesen" und Vorlesen.

Jedenfalls kommt von Kindern sehr schnell ein
-mir ist sooo langweilig-, und ich bin jetzt nicht die Animateurin, muß also nicht -Programm machen-
Aber dann geht´s in die Bücherei, allein oder wieder mit mehreren, und futsch ist sie, die Langeweile.
Themen gibt´s zahllos, Interessen auch.
Und dann noch surfen im Internet, auch da ist lesen wichtig.
Leseratte, Bücherwurm klingt so negativ, ist es nicht.
Übertreiben sollte man auch nicht, es gibt ein Leben neben Lesen! :)

Gruß Augenstern