Der Oberboss

Kulturkommentar Ist der Chef des Chefs Teil des Problems oder Teil der Lösung? Gedanken anläßlich der Inthronisierung des neuen "FAZ"-Feuilletonchefs

In einer schönen Glosse mit dem Titel Der Chef gab Nils Minkmar, der neue Feuilleton-Chef der FAZ, Entwarnung in eigener Sache, indem er auf einen Wandel in unserer Gesellschaft hinwies: Heute „hat jeder Chef wieder einen Chef, so bleibt alles im Rahmen“. Vorbei die Zeiten, in denen der Auftritt des Chefs zitternde Hände, umgestoßene Gläser, verhaspelnde Berichte auslöste. Weder ist zu bestreiten, dass dieses Matroschka-Führungs-Prinzip angenehmer ist als andere Formen von Herrschaftsausübung, noch, dass es auf breiter Front beobachtet werden kann, vielleicht mit Ausnahme von Nordkorea oder den Küchen in der Spitzengastronomie. Aber es hat auch diese Sache zwei Seiten. So ist der Machttrieb eines Chefs mit einem Chef zwar so weit gebändigt, dass man ihn sozialdemokratisch nennen mag, andererseits wird es einem als Chef heute doch schon sehr einfach gemacht, die Verantwortung eben mal abzuwälzen.

Ein krasses Beispiel liefert der Film The Boss of It All von Lars von Trier. Ravn, der Chef einer dänischen IT-Firma, tut nur so, als hätte er in Amerika einen Chef, der hier nur Oberboss genannt wird. War eine Lohnforderung abzuschmettern oder eine Bilanz schönzuschreiben: Immer war es der Oberboss, der leider nicht da ist. „Abgesehen davon, dass er diesen Boss dafür hernimmt, seine Mitarbeiter auszupressen: Wenn man die Schuld für die ganze Scheiße einem fiktiven Oberboss in die Schuhe schieben kann, kann man selbst als furchtbar edel und sympathisch dastehen“, sagt die Ex-Frau von Kristoffer, der als arbeitsloser Schauspieler von Ravn engagiert wurde, um diesen Oberboss zu mimen und den Verkauf der Firma an einen isländischen Investor (der Film spielt vor der Finanzkrise!) über die Bühne zu bringen. Allerdings agiert Kristoffer zunehmend gegen seinen Auftraggeber Ravn, der seine Angestellten durch den Verkauf hintergehen will. Kristoffer treibt den Preis in den Verhandlungen so hoch, dass der Investor auszusteigen droht.

In den Köpfen

In einem letzten Meeting bringt er Ravn dazu, sich zu bekennen, „der wirkliche Oberboss“ zu sein. Jener verzichtet, von Kristoffer in einer laut Investor „widerlich kitschigen Rede“ dazu getrieben, auf den Verkauf. Investor und Schauspieler treffen sich dann aber unverhofft in ihrer Liebe für den dekonstruktivistischen Stückeschreiber Gambini – und Kristoffer, laut isländischer Eda-Saga als Stellvertreter des Oberbosses durchaus zu Vertragsunterzeichnungen befugt, unterschreibt doch.

Die Komödie zeigt: So lange das Phantasma eines Oberbosses in den Köpfen der Menschen (und in ihren Schriften) steckt, gibt es Probleme. Andererseits wäre ohne dieses Phantasma das „Chef-mit-einem-Chef“-Prinzip gar nicht denkbar. „Da gibt es noch eine Person, den Oberboss vom Oberboss des Ganzen“ – sagt der Schauspieler und hat Recht; am Schluss des Films meldet sich der Regisseur zu Wort, der ja wiederum vom Produzenten abhängig ist, der wiederum… Es gibt eben kaum einen „Chef, der selbst keinen mehr hat“, schreibt Minkmar, um den Philosophen als Ausnahme zu nennen. Man kann ihm den strengen Kritiker zur Seite stellen.

Lars von Triers Film wird von der Kritik nicht sehr hoch eingeschätzt, er gilt als ein Nebenwerk. The Boss of It All ist eben „nur“ eine Komödie und kein tiefsinniger Schwulst à la Melancholia. Bedeutet in letzter Instanz, dass unsere Welt tragisch und nicht komisch gedeutet werden soll. Ein krasses Fehlurteil, für das kein Chef der Welt verantwortlich gemacht werden kann.



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11:00 08.01.2012

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