Der „Perlentaucher“ ist uns lieber denn je

Netzwelt Das Online-Kulturmagazin wird zwanzig. Eine Erinnerung an eine Erfindung, die bleiben sollte
Der „Perlentaucher“ ist uns lieber denn je
Verlässlich erspart uns der „Perlentaucher“ seit 20 Jahren das mühsame Selbertauchen im Netz

Foto: Yasser Al-Zayyat/AFP/Getty Images

Der Perlentaucher hat jetzt auch einen Buchladen. Der ist auf der Homepage ein wenig versteckt, ich nehme ihn erst in der Vorbereitung zu diesem Text wahr. Eichendorff21 heißt er, das klingt ein wenig cheap, nach Mandy19, aber man zögert, das anzumerken, denn eigentlich ist dieser Buchladen wie alles am Perlentaucher eine grundsympathische Sache. Eichendorff21 hilft dem Perlentaucher zu überleben. Neben den viel höheren Anzeigenerlösen soll er künftig eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Zu diesen Quellen zählt auch das „freiwillige“ Abonnement, das freiwillig bleiben soll, wie Thierry Chervel sagt, der Spiritus Rector der Seite. Der ehemalige SZ- und taz-Journalist Chervel hängt immer noch, gegen den Trend, der Idee eines offenen und demokratischen Internets an (was ihn nicht davon abhält, in weltanschaulichen Essays schon mal eine konservativere Position einzunehmen).

Als Chervel gemeinsam mit Anja Seeliger den Perlentaucher vor zwanzig Jahren erfand, und es war wirklich eine Erfindung, denn etwas Vergleichbares gab es nicht, musste er wie bei jeder tollen Erfindung eigentlich nur eins und eins zusammenzählen: in diesem Fall die gute alte Presseschau und den digitalen Link. Das Angebot des Perlentauchers hat sich im Laufe der Zeit erweitert und ausdifferenziert, heute gibt es nicht nur die tägliche Bücherschau und die Debattenrundschau und die Feuilletonrundschau, es gibt Essays und Kinokritiken – aber im Kern bleibt immer noch, was einmal Presseschau hieß. Und selbst wenn nun häufiger Blogs referiert werden, stehen im Zentrum dieser Presseschau immer noch die Zeitungen, die sich so von einem Online-Medium ihre Bedeutsamkeit attestieren lassen können.

Internationalisierung

Wichtiger noch als die Zeitungen sind die Bücher. Ohne Bücher kann man sich den Perlentaucher nicht vorstellen. Wer ihn über das Medienportal Steady (das ohne Perlentaucher irgendwie auch nicht denkbar wäre) freiwillig abonniert, kriegt die Bücher von Eichendorff21 portofrei. Wie weiß man eigentlich, wer über Steady kommt? „Wir erkennen die Steady-Käufer über die hinterlegte E-Mail-Adresse.“ Das verhält sich zum Big-Data-Kapitalismus von Amazon und Co wie ein Elektrorad zu einer Tesla-Limousine. Und so haftet dem Perlentaucher etwas leicht Anachronistisches, aber gerade deshalb Liebgewonnenes an.

Anders als viele Websites, die kommen und gehen, hat der Perlentaucher denn auch eine Historie, die sich, wie so viele Geschichten der alternativen Medien, als eine von Selbstausbeutung und eine des Kampfes von David gegen Goliath erzählen lässt – und vom Perlentaucher gerne auch so erzählt wird. Ein markantes Datum in dieser Geschichte ist der Rechtsstreit mit FAZ und Süddeutscher. Die hatten 2005 dagegen geklagt, dass der Perlentaucher ihre Buchrezensionen zusammenfasst und vertreibt. Fünf Jahre später siegte der Perlentaucher, der Bundesgerichtshof sah im Geschäftsmodell nichts Illegitimes, auch wenn ein paar Abstracts dann doch zu nahe am Original waren.

Eine weitere Geschichte, die man hier erzählen sollte, ist die der Internationalisierung des deutschen Feuilletons. Sie kulminierte im Seitenableger signandsight.com, der unter anderem von der Bundeskulturstiftung gefördert wurde. Signandsight lancierte Debatten wie „Islam in Europa“ mit prominenten Beiträgern und auf Englisch. 2012 war Schluss. Nach dem Gesetz der Periodizität erwarten wir also 2022 wieder ein großes Projekt vom Perlentaucher.

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06:00 12.03.2020

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