Der Sarrazin-Leser als Pantoffelheld

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Die "Süddeutsche Zeitung" hatte eine sehr gute Idee. Sie hängte sich an eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zum Buchmarkt dran - und ließ gleich noch ein paar Fragen zu Deutschland schafft sich ab stellen. Nun haben wir ein klares Bild vom durchschnittlichen Käufer des Sarrazin-Buchs (siehe vor allem Printausgabe vom Samstag, online ohne Graphiken). Es ist kein schönes Bild. Der durchschnittliche Leser ist - das hat man geahnt - männlich und schon etwas älter, er verdient überdurchschnittlich gut und ist überdurchschnittlich gebildet. Aber was nützt die ganze schöne Bildung, wenn sie den Menschen nicht gesellig und neugierig auf die Welt macht?

Der durchschnittliche Sarrazin-Leser fühlt sich nämlich am wohlsten bei sich zu Hause (+17), schätzt Sauberkeit (+13) und hat gar nicht gerne Besuch (-22). Überhaupt widerstrebt es ihm, Zeit mit Freunden und Bekannten zu verbringen (-24). Viel lieber liest er (+15). Bücher natürlich. Aber auch Zeitungen und da mit großer Vorliebe die FAS (wollen wir für die Kollegen mal annehmen, dass er nur mit dem Politik-Teil etwas anfangen kann...).

Im Fernsehen mag er besonders "Boulevard, Volks- und Bauerntheater" aber auch "Kabarett- und Satiresendungen". Mit den neuen Medien fremdelt er, gar nicht gerne beschäftigt er sich mit dem PC (-17); eine Erkenntnis, die auf den ersten Blick erstaunt, würde man den durchschnittlichen Sarrazin-Leser doch bei der technischen Intelligenz vermuten, bei den Dipl. Ingenieuren. Aber tatsächlich ist er wohl der höhere Beamte. Nicht der Schaltplan scheint sein Symbol, sondern der Mirkozensus (über das Berufsbild gibt die Erhebung leider keine Auskünfte).

Alles in allem hat man sich den durchschnittlichen Sarrazin-Leser als einen griesgrämigen, rechthaberischen, etwas zynischen, aber nicht ungebildeten Menschen in Pantoffeln vorzustellen. Kurz gesagt: wie Thilo Sarrazin selbst.

Und so wie man diesem manchmal über den Kopf streicheln möchte, und sagen, ist doch alles nicht so schlimm (na ja), so möchte man seine Leser unter Artenschutz stellen. Man täusche sich nicht: dieser Menschenschlag stirbt aus. Nicht Deutschland geht unter, so darf man getrost wetten, sondern dieses sonderbare Wesen, halb Bildungs- halb Spießbürger.

Der Erfolg von Sarrazins Buch ist eben ein letzter Gruß aus der Welt des frühen 20. Jahrhunderts, die ja noch tief im 19. Jahrhundert wurzelte. Zu Recht hat man Deutschland schafft sich ab mit Oswald Spenglers Megawälzer Untergang des Abendlands verglichen. Künftige Untergangsfantasien zum Hausgebrauch werden solche Männer und solche Werke nicht mehr brauchen.

Startseitenfoto: Sean Gallup / Getty

12:23 10.01.2011
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