Der Schrittmacher

Porträt Mohamed Salah Achmed war Bodybuilder, ist Flüchtlingsbetreuer und will Diplomat werden

Dies ist die Geschichte von Mohamed Salah Achmed, der sich seinen großen Traum erfüllte und im Dezember 2014 nach Deutschland kam. Dieser Traum bestand, seit er 17 war und man ihm versprochen hatte, er könne nach Deutschland gehen, um sich im Bodybuilding weiterzuentwickeln. Aber es ging dann ein anderer, weil das in Ägypten so ist. In meiner Heimat, sagt Mohamed Salah Achmed, der 2005 ägyptischer Meister im Bodybuilding wurde und den gleichen Namen trägt wie einer der besten Fußballer der Welt, in meiner Heimat herrscht das Recht des Stärkeren.

In Deutschland ist das anders. Mohamed Salah Achmed sieht es so: Deutschland hatte die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts verübt, aber danach entwickelte es sich zu einem Land, in dem sich die Leute mehr oder weniger an die Gesetze halten und es eine Politik gibt, bei der die Bürger etwas zu melden haben. Er interessierte sich schon in Ägypten für deutsche Politik. Was der Marshallplan meint, brauchte man ihm nicht zu erklären.

Nur wenige Monate nachdem er in Fürstenwalde/Spree ankommt, einer kleinen Stadt östlich von Berlin, wo er Bekannte hat und bis heute lebt, tritt er in die SPD ein. Die SPD ist in Fürstenwalde stark. Ihm gefällt, dass die Partei eine lange Tradition hat und dass sie eine Volkspartei ist. Oder besser gesagt: eine Volkspartei war. Die Partei müsste sich erneuern, denkt er immer öfter. Die Kieler Bürgermeisterin Simone Lange imponiert ihm, solche Leute bringen die SPD voran. In Fürstenwalde kennt wiederum er Mitglieder, die ihn unterstützen, ermutigen. Er will einen Gesprächskreis Migration ins Leben rufen.

Schritt für Schritt

Eineinhalb Jahre dauert es, dann gibt es diesen Gesprächskreis in der SPD Brandenburg. In Deutschland geht manches langsam, aber es ist immer noch besser als in Ägypten, wo sich der Stärkere einfach nimmt, was er will, sagt er sich. Und er hat ja auch zu tun. Natürlich muss er Deutsch lernen und tut das „Schritt für Schritt“. Bis er immer besser wird und mit seinem weichen Akzent auch schwierige Worte wie „Fachkräftemangel“ mühelos aussprechen kann.

Mohamed Salah Achmed hat in Ägypten nicht nur Bodybuilding betrieben, sondern auch einen Bachelor in Sozialpädagogik gemacht. Also studiert er an der Fachhochschule Potsdam die fehlenden zwei Semester bis zum Diplom. „Die staatliche Anerkennung hat mich motiviert.“ Sein Ziel ist es, den Doktor zu machen, auch wenn ihm seine ägyptischen Bekannten abraten. Braucht man das, um gutes Geld zu verdienen? Aber Mohamed Salah Achmed will nicht unbedingt schnell viel Geld verdienen.

„Schritt für Schritt“, sagt er auch hier. Er arbeitet als Sozialarbeiter in Unterkünften für Asylbewerber. In Fürstenwalde gibt es sechs solcher Unterkünfte. Er geht dann aber nach Finsterwalde, das viele mit Fürstenwalde verwechseln, tatsächlich aber tief im Süden Brandenburgs liegt. Er fährt fast drei Stunden mit dem Zug. Dort sind bis zu 500 Flüchtlinge untergebracht, Mohamed Salah Achmed spricht den ganzen Tag Arabisch. Wenn er spätabends wieder in Fürstenwalde ist, kann er kaum noch Deutsch. Er lässt das mit Finsterwalde.

Kein Datenaustausch

Dafür fährt er nun einmal die Woche nach Potsdam und macht ein Praktikum bei Ulrike Liedtke, der wissenschafts- und kulturpolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag. Man braucht ihn nicht zu motivieren. Aber man muss die Leute, die hier ankommen und warten, motivieren. „Motivation“ ist sein Kernbegriff, die eigene Geschichte soll ein Vorbild sein. Überhaupt die Vorbilder. Man muss mehr von den Leistungen der Migranten sprechen, sie müssen in der Öffentlichkeit sichtbarer werden, sagt er. Der Berliner Hauptbahnhof wurde von einem ägyptischen Ingenieur gebaut, Hany Azer, aber wer weiß das schon?

Die Flüchtlinge müssen sich weiterbilden. Bei den Jüngeren ist das einfacher, die Älteren wollen oft nicht mehr in eine Schule gehen, es fällt ihnen schwer, sich noch zu ändern. Außerdem muss man den Leuten sagen, dass sie sich an die Gesetze halten müssen. Es ist keine gute Idee, in Deutschland ohne Führerschein ein Auto zu fahren. Man muss den Leuten die Konsequenzen aufzeigen. In letzter Instanz bedeutet das: Abschieben. „Konsequenzen“ ist sein zweiter Schlüsselbegriff. In die Heimat will keiner mehr zurück, sagt Mohamed Salah Achmed. Das Leben dort ist immer schlechter als das Leben hier. Die Konsequenzen zeigen – und die Gesetze ändern. „Die Gesetze ändern“, ist sein drittes Credo. Nicht wenige Flüchtlinge melden sich an mehreren Adressen an oder geben ein falsches Alter an. Das können sie, weil die Gesetze schlecht sind.

Fachkräftemangel

Bessere Gesetze, zack, das Problem ist gelöst, sagt er. Es findet auch kein richtiger Datenaustausch zwischen den Behörden statt. Das wäre auch wichtig, weil es (wenige) ehemalige IS-Kämpfer unter den Flüchtlingen gibt. Das geht gar nicht, sagt Mohamed Salah Achmed, der kein verklärtes Bild der Menschen hat, mit denen er jeden Tag zusammenarbeitet. Aber er hat auch kein trübes. Die meisten wollen arbeiten. Und in Frieden leben. Die Religion ist kein Problem, sagt er. Er selbst ist Moslem, lebt den Glauben aber privat, jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Eigentlich könnte alles gut werden. „Der Fachkräftemangel“, sagt er. Die Deutschen wollen nicht mehr ins Handwerk. Die Zuwanderer könnten das Problem lösen.

Für das nächste Wahlprogramm der SPD Brandenburg soll Mohamed Salah Achmed seine Gedanken über Migration/Flüchtlinge ausarbeiten. Seit Anfang Oktober ist er Politiksprecher und Bereichsleiter für Prävention, Kulturarbeit und interreligiösen Dialog beim Migrations- und Integrationsrat des Landes Brandenburg. Sein Fernziel ist die diplomatische Laufbahn.

06:00 18.10.2018

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