Der Twitterkindskopf

Wirklichkeit "Alternative Fakten" ist das Unwort des Jahres und Donald Trump vergibt seinen "Fake News Award". Schwierige Zeiten für das Faktische
Dieser Donald Trump ist aus Wachs. Aber das mit der Echtheit ist derzeit ja so eine Sache
Dieser Donald Trump ist aus Wachs. Aber das mit der Echtheit ist derzeit ja so eine Sache

Foto: Leon Neal/Getty Images

Auch in meinem siebenjährigen Sohn existieren die beiden großen Grundtendenzen unserer Gattung. Einerseits hält er Fakten für wichtig und mächtig. Mein Sohn interessiert sich für Geografie. Gestern fragte er, ob Argentinien in Europa liegt. Ich verneinte und sagte, es liegt in Südamerika. Es passte zuerst nicht in sein Weltbild, dann akzeptierte er meine Korrektur. Vermutlich hätte er Argentinien lieber in Europa gesehen, weil es die Heimat von Messi ist. Aber übersetzt in Erwachsenensprache wäre das eben eine "Fake News“. Und an die glaubt er nicht.

Andererseits hält mein Sohn am Glauben an den Weihnachtsmann fest. Obwohl er ahnt, dass der Nintendo Switch von seinem Onkel kam, hält er eine Schenkung durch den Weihnachtsmann für möglich. Der Weihnachtsmann zählt für ihn also, wieder in Erwachsenensprache, zu den "alternativen Fakten“, die gerade zum Unwort des Jahres gekürt wurden.

Damit zu Trump. Die Diskussion, ob er verrückt ist, kann man sich schenken. Sein Leibarzt hat ihm gerade volle Zurechnungsfähigkeit attestiert. Wollen wir das Verfahren anzweifeln? Nein, denn wir wollen ja nicht selbst tun, was wir Trump vorwerfen, wenn es zum Beispiel um den Klimawandel geht. Sagen wir also, Trump ist ein großes Kind. Ein großes Kind, das zwar die Sprache der Erwachsenen spricht, aber einen radikal davon verschiedenen Gebrauch von ihr macht.

Die zwei Grundtendenzen der Gattung walten ja auch in ihm. Der Glaube an Fakten und der Glaube an "alternative Fakten". Fakten und "alternative Fakten" unterscheiden sich wiederum von "Fake News". Wochenlang hatte er einen "Fake News Award" angekündigt, denn "Fake News", das sind natürlich immer die anderen…

Falsche Prognose

Nun musste er liefern. Schnell ließ er durch seine Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders (sie ist es doch noch?) oder wen auch immer zehn Links zusammentragen, und fertig war der Award, der via Twitter vergeben wurde. So was findet Trump witzig. Gewinner seines Awards ist Paul Krugmann. Der Wirtschaftsnobelpreisträger hatte in einer Kolumne prophezeit, dass Amerikas Wirtschaft nach Trumps Wahl in eine Rezession fallen würde. Das ist nicht geschehen. Krugman hatte sich geirrt, was nicht gerade für ihn spricht. Aber eine falsche Prognose ist keine "Fake News".

Trump kennt diesen Unterschied nicht oder schlimmer noch, er hält ihn für belanglos. Die anderen Fälle betreffen tatsächlich "Fake News", die aber von jeweiligen Medien – CNN, ABC News, Washington Post, New York Times – korrigiert wurden. Die Liste könnte also locker für einen Award stehen, der genau das Gegenteil des Trump-Awards meint, und die selbstreinigende Kraft der Medien auszeichnet.

Wenn er nicht twitzelt, dann droht er

Aber diese Sichtweise teilt Trump natürlich auch nicht. Vielmehr nannte er die genannten Medien "Feinde des amerikanischen Volkes". Jemand schrieb, sein Medienverständnis erinnere an Stalin. Auch das findet Trump vermutlich lustig. Man erinnert sich an die vielen politisch unkorrekten Witze, die er im Wahlkampf gemacht hat. Zusammen mit seinem Unverstand für die Rolle der Medien in einer Demokratie: gibt es für die Welt etwas schlimmeres als diesen Twitterkindskopf? Aber in der Art wird ständig gefragt.

Weniger oft wird gefragt, was das eigentlich für seine Familie und/oder Mitarbeiter bedeutet. Der organisationspsychologische Blick also. Hier kann wieder mein Sohn ein paar Hinweise geben. Der macht auch gerne "Witze". Manchmal kann man gar nicht mehr ernst mit ihm sprechen. Das nervt. Das nervt so, dass man ungeduldig wird, also laut. Er macht dann keine Witze mehr, aber er wird auch laut. Und es kann gut sein, dass sich sein Verständnis von "alternativen Fakten“ weg vom Weihnachtsmann zu dem entwickelt, was wir eine Lüge nennen müssen.

Nun gut, wir werden lernen, damit umzugehen. Er bleibt der geliebte Sohn. Aber ein Chef, der ständig lügt und wenn er nicht lügt, dann witzelt er, und wenn er nicht twittzelt, dann droht er, das ist für seine Umgebung echt eine Zumutung. Vielleicht wird es der dann doch einmal zu viel.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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