Deutscher Filz

Kommentar Eine Frage der Perspektive: Übernehmen deutsche Professoren heimlich die Schweiz?

"Deutscher Filz macht sich breit: Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an – an der Uni und in den Spitälern.“ So schlug es im Dezember den Lesern der NZZ aus einer Anzeige der Schweizerischen Volkspartei (SVP) entgegen. Die Kampagne wurde durch ein Inserat von 200 Professoren der ­Universität und der ETH Zürich gekontert; sie bekundeten ihren Stolz auf die „Kolleginnen und Kollegen, die aus Deutschland und vielen anderen Ländern bei uns tätig sind.“ Nun läuft die Debatte heiß.

Die Professoren sind zu Recht stolz, eine Hochschule ohne kosmopolitischen Charakter bedeutet Provinzialismus. Der Vorwurf der Verfilzung ist mit ihrem Einspruch allerdings nicht vom Tisch. Zweifellos hatte die SVP wieder einmal im sicheren Gefühl der Überlegenheit vor den absehbaren Reaktionen so genannter „Gutmenschen“ gehandelt und mit ihrer Attacke einen Nerv getroffen. Der Kniff der Rechtskonservativen bestand abermals im vagen Rekurs auf den ‚gesunden Menschenverstand‘ – welcher vernünftige Mensch könnte leugnen, dass es so etwas wie „Filz“ gibt?

Verdachtshermeneutik

Darüber hinaus: Wer würde nicht vermuten, dass die Verfilzung in unserer Gesellschaft allgegenwärtig geworden ist, und längst nicht nur die, sagen wir, Tendenz von deutschen Professoren betrifft, ihre Assistenten ins schöne Ausland gleich mitzubringen. Nein, ein Verdacht auf Filz schleicht sich schlicht überall dort ein, wo Kommissionen gewählt, Jurys bestückt und Stellen knapp sind und nicht per Zufallsgenerator oder reiner Expertise besetzt werden. So fiele es einem Kenner der Szene nicht schwer, die Liste der 200 Professorennamen so lange mit Pfeilen von einem zum anderen zu überschreiben, bis daraus ein Filz von einer Dicke geworden ist, wie sie vergleichbar in der Schweizer Armee zur Vermeidung von Frostbeulen eingesetzt wird.

Apropos: Es ist natürlich ein Witz, dass ausgerechnet die SVP die Vetternwirtschaft „der Deutschen“ anprangert. Als dort noch ein steinreicher Auto­importeur namens Walter Frey die Strippen zog, war „Zürcher SVP“ geradezu ein Synonym für die Verfilzung von Teilen des wirtschaftlich-militärischen Establishments mit den politischen Reaktionären des Landes. Der eine oder andere gestandene Leser mag sich an das Buch Die unheimlichen Patrioten von Jürg Frischknecht erinnern, eine 1979 veröffentlichte Arbeit, die sich im Band Rechte Seilschaften fortsetzte.

Dass kein noch so kritischer Journalist ohne eigene „Seilschaft“ auskommt, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Besser gesagt: Es steht auf der Rückseite des selben Blattes. „Ich finde, es ist ein Riesenvorteil für die Schweiz, international renommierte Leute zu holen, die ihre Netzwerke – keinen ‚Filz‘ – mit­bringen“, sagte Bernd Röck, ein in Zürich lehrender deutscher Professor für Geschichte, in einem Interview mit der NZZ.

Metaphernkunde

Filz, so kann man folgern, ist die Metapher für einen Zustand, den die Betroffenen selbst lieber als Netzwerk beschreiben. Der semantische Gewinn ist klar: Vernetzung bündelt Kompetenz, Filz verteilt Posten. Vernetzung ist positiv, Filz negativ. Alles eine Frage der Perspektive: Der ganze Bildungs- und Kulturbereich (die Medien!) ist entweder total verfilzt oder hochgradig vernetzt.

Was tun? Systemtheoretisch gesprochen wäre es ratsam, möglichst viel Fremdbeobachtung in die Eigenbeobachtung zu integrieren. Anders gesagt, jeder erfolgreiche Akademiker, Künstler, Journalist oder Opernhausleiter sollte sich in einer stillen Stunde fragen, welchen Anteil am Erfolg seine Kompetenz und welchen Anteil die „Freunde“ und Vettern haben. Bei einem gefühlten Verhältnis von, sagen wir, weniger als eins zu drei wären die Konsequenzen zu ziehen. Egal, ob in der Schweiz oder Deutschland oder in einer jener ominösen „Bananenrepubliken“.


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16:05 20.01.2010

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