Dialog im Krug

Begegnung Als Egon Krenz den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959 – 2014) Ende der 1990er Jahre kennenlernt, ist er verblüfft
Dialog im Krug
Einem wie ihm wurde im siegreichen Westen selten zugehört

Foto: Jens Koehler/Imago

Ja, Egon Krenz. Der Austausch, den Schirrmacher mit dem letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR pflegte, überraschte mich in seinem Umfang bei meinen Recherchen dann doch. Zwar ist bekannt, dass Schirrmacher ideologisch nicht besonders festgelegt war. Er hat Helmut Kohl fallengelassen, als Gerhard Schröder sich aufmachte, die Kanzlerschaft zu übernehmen, er hat Sahra Wagenknecht zu einem Artikel über Faust II animiert, in dem Goethe als früher Kapitalismuskritiker firmiert – „Es war die sich ankündigende Diktatur der Märkte und des Profits, die der Dichter als existentielle Bedrohung empfand“ –, und er hat sich in der Finanzkrise zu dem Bekenntnis hinreißen lassen, er beginne zu glauben, dass „die Linke recht hat“.

Das alles wusste ich. Das alles stand in der Tradition des Feuilletons der FAZ, das sich immer Ausschläge nach links geleistet hat, ja leisten musste, um den erwünschten provokativen Kontrapunkt zum konservativen Rest der Zeitung zu bilden. Und im Fall seines vorsichtigen Bekenntnisses zur Linken bezog Schirrmacher sich auf den konservativen Publizisten Charles Moore, der Gleiches im Daily Telegraph behauptet hatte, weil die eigenen bürgerlichen Werte durch den Hochfinanzkapitalismus gründlich diskreditiert worden waren.

Menschen in Bernstein

Egon Krenz jedoch war ein anderes Kaliber. Die Annäherung ging weit über den Umstand hinaus, dass Schirrmacher mit seiner Vorliebe für graue Anzüge im „bulgarischen Look“ ungewollt eine Reminiszenz an den realsozialistischen Funktionärstypus bildete. Nein, Egon Krenz stand für ein Erbe der DDR, das man zumindest im politischen Teil der FAZ zutiefst verachtete.

Ich hatte mit Krenz Kontakt aufgenommen, weil Schirrmacher in einem Artikel, von dem noch die Rede sein wird, eine Begegnung mit einem „gut gelaunten Ehepaar“ schilderte, das „sich nach einem kurzen Herumrätseln als der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR nebst Frau entpuppte“. Ich wollte von Krenz am Telefon eigentlich nur die näheren Umstände dieser Begegnung erfahren. Aber ein paar Wochen später fuhr ich an einem regnerischen Samstagmorgen nach Dierhagen an der Ostsee, wo ich von Krenz in einer kleinen Laube hinter seinem Haus empfangen wurde. Es war sein Büro. Alles strahlte demonstrative Bescheidenheit aus, als wäre sein Bewohner ein Rentner unter anderen, vielleicht mit einer etwas merkwürdigen Vorliebe für Sozialistika. Krenz drückte mir einen Packen mit E-Mails in die Hand, die er ausgedruckt hatte.

Ich las ein wenig darin und erkannte, dass er am Telefon nicht übertrieben hatte, was die Intensität seines Austauschs mit Schirrmacher betraf. Allerdings hatte Schirrmacher einmal mehr geschummelt. Als er das Ehepaar Krenz am Schwielowsee traf, war ein „Herumrätseln“ nicht mehr nötig; man kannte sich seit den späten 1990er Jahren.

Egon Krenz wiederum lernte in Schirrmacher einen Journalisten aus dem Westen kennen, dem er so noch nicht begegnet war. „Er hat zugehört und Fragen gestellt“, erinnert sich Krenz. Es kam zu mehreren Treffen, bis Schirrmacher im Dezember 1999 unangemeldet nach Rügen fuhr, wo Krenz sein Buch über den Herbst ’89 im „Dorfkrug“ vorstellen sollte. Unter dem Titel Die letzte Lesung schrieb Schirrmacher darüber. Wer durch die verschneiten Fenster des „Dorfkrugs“ schaute, sah eine „wetter- und ackerfest gekleidete Versammlung älterer Männer und Frauen und davor das letzte Staatsoberhaupt der DDR – sie alle, Redner und Zuhörer, eingeschlossen in bernsteingelbes Licht und aufbewahrt für die Ewigkeit. Krenz ist ein Mann mit Würde. Das Klischee-Bild, das über ihn verbreitet wird, wirkt wie eine Beschreibung aus einer anderen Welt. Krenz stammt aus dieser Landschaft. Geboren in Kolberg und mit der Familie geflüchtet, feierte der Zwölfjährige in Damgarten mit Fähnchen die Gründung der DDR …“

Es ist der letzte Auftritt von Egon Krenz, bevor er seine sechseinhalbjährige Haftstrafe antreten muss, zu der er wegen der Toten an der innerdeutschen Mauer verurteilt wurde. Schirrmacher schreibt gegen das „Klischee-Bild“ von Krenz also genau in dem Moment, als dieser „maximale Persona non grata im westdeutschen Mainstream“ ist, wie es der FAZ-Redakteur Mark Siemons ausdrückt, der Schirrmacher auf seiner winterlichen Reise an die Ostsee samt Fahrer und Limousine begleitet hatte. Man kann in der Verteidigung eines geächteten Mannes natürlich die subtile Lust an der Provokation erkennen, aber Schirrmachers Interesse an Krenz nur mit dieser Lust zu erklären, griffe zu kurz. Er hatte Fragen an den Mann, der die untergehende DDR durch die Wendeereignisse führte.

Fast zehn Jahre später nahm Schirrmacher den Kontakt wieder auf. Auch in Schirrmachers nächstem Artikel über Krenz schrieb erst einmal die Lust an der Provokation mit. Schirrmacher forderte „Gerechtigkeit“ für Egon Krenz – und das zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass ein solcher Ansatz nicht von allen Lesern der FAZ goutiert wurde.

Umgekehrt freuten sich die Freunde von Krenz: „Das ist ja ein Ding! Es hat mich fast vom Stuhl gehauen. Ausgerechnet die FAZ oder FAS, das Flaggschiff der bürgerlichen Presse, leitet eine Wende im Denken ein.“ „Eine Genugtuung für dich. Wenn auch eine späte“, schrieben sie. Endlich erkannte einer, und nicht etwa irgendeiner, sondern der klügste Kopf der FAZ, welche Rolle Krenz im Herbst 1989 tatsächlich gespielt hatte! Und endlich sagte einer, dass die deutsche Wende (das Wort geht ja auf Krenz zurück) unblutig blieb, weil Krenz es so wollte, derselbe Mann also, der wenige Monate davor noch einer „chinesischen Lösung“ das Wort geredet haben soll.

Am 4. November 1989 hatte Krenz als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates den Befehl 11/89 unterschrieben. Darin stand: „,Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.‘“ Schirrmacher, den solche Zeitdokumente elektrisierten, zitierte aus erster Hand. Krenz hatte ihm die Akte mit dem Befehl gegeben. Und er überzeugte ihn, dass er, Krenz, diesen Befehl notfalls auch gegen die Sowjetunion durchgesetzt hätte. Dabei verschwieg Schirrmacher nicht, dass Krenz als „Niederlage verstand“, was ihm selbst die zweite deutsche „Befreiung“ war. Schirrmacher unterschlug also die Differenzen nicht, aber er verurteilte auch nicht. „Das gefällt uns vielleicht nicht, aber wir sollten versuchen es zu respektieren“, schrieb er.

Kurz nach der Veröffentlichung seines Artikels regte Schirrmacher ein weiteres Treffen an. Am 16. November 2009 schrieb er an Krenz, dass er die DDR zwar äußerst kritisch sehe. Andererseits sei er Realist genug, um zu erkennen, dass er nicht wisse, was aus ihm geworden wäre, wenn er in der DDR gelebt hätte. Bestimmt wäre er von der Utopie des Kommunismus berührt worden, wenn er im Sozialismus gelebt hätte. Aber dann wiederum sei man auf die Realität gestoßen, an Machtmissbrauch im Kleinen. Und was dann? Er fragt Krenz, ob er die Ausweisung Solschenizyns ebenfalls als Schock empfunden habe. Schirrmacher will über den Freiheitsbegriff reden und sieht das ganze Gespräch als eine gedankliche Annäherung. Eine Veröffentlichung sei für ihn zweitrangig, lässt er Krenz wissen.

Auf anderen Baustellen

Das Gespräch zwischen Krenz und Schirrmacher fand im Spätsommer 2010 statt. Krenz reiste erst zum Begräbnis des Schriftstellers Günter Görlich nach Berlin, dann weiter zu Schirrmacher nach Sacrow bei Potsdam. Er bleibt den ganzen Nachmittag. Sie sprechen über die fünfziger Jahre. Über Anna Seghers, Bertolt Brecht, Hanns Eisler …

„Sein Ziel war offensichtlich, ein Buch zu machen“, sagt mir Krenz. Vieles war damals in der DDR noch offen, Geschichte als Möglichkeitsraum, die Frage, wer wäre ich gewesen, das habe Schirrmacher beschäftigt.

„Und wer wäre er gewesen?“

„Seine Schlüsse hat er mir nicht verraten. Er hat sich mit mir eher ausgetauscht als ein Interview geführt. Das hat mir ehrlich gesagt auch ganz gut gefallen, da öffnet man sich mehr. Und ich habe mich schon geöffnet.“

Das Buch über die DDR der fünfziger Jahre ist nie erschienen. Auch ist es Schirrmacher nicht gelungen, Richard von Weizsäcker mit Krenz an einen Tisch zu bringen, wie er dies geplant hatte. Krenz zieht um, er hat einen Computerschaden, der Kontakt zu Schirrmacher schläft zu seinem Bedauern ein. „Er war ja dann auch auf anderen Baustellen unterwegs.“

Der Text ist ein Vorabdruck aus: Schirrmacher. Ein Portrait Michael Angele Aufbau 2018, 222 S., 20 €. Das Buch erscheint am 18. Mai

06:00 18.05.2018
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