Die „Bild“, ein Teufelswerk?

Medien Ein Buch listet die Sünden der immer noch größten deutschen Boulevardzeitung akribisch auf. Was bringt das?
Die „Bild“, ein Teufelswerk?
Jetzt noch einen Schuss Ironie

Foto: Inti Ocon/AFP/Getty Images

Also sprach Gott: Es gibt ein neues Buch über „Bild“. Das ist wichtig. Man darf nicht nachlassen, deren Sünden zu registrieren.

Teufel: Aber es steht nichts Neues drin. Dass die Bild-Zeitung Migranten nicht besonders mag, Kampagnen für Friedrich Merz macht und Frauen auch im Sport gerne auf Äußeres reduziert, wer wüsste es nicht? Die Autoren kritisieren, dass Bibiana Steinhaus nur „Bibi“ genannt wird. Aber Jogi heißt auch nur Jogi. Das Sportkapitel ist das trostloseste in diesem Buch. Da wird registriert, wie oft Bild Transfers verkündete, die dann nicht stattfanden. So what.

Gott: Es geht doch nicht nur darum, dass „Bild“ sich bei Transfers irrt. Sie sind im Fußball eine Macht, vor der die meisten kuschen. Sie machen Sportpolitik. Sie machen überhaupt wieder mehr Politik, seit Julian Reichelt der Chef ist.

Teufel: Ich gebe zu, mir gefiel es unter Diekmann auch besser, der versuchte es zum Schluss mit Ironie und Selbstironie.

Gott: Jetzt ist aber wieder ein schrecklicher Vereinfacher am Werk ...

Teufel: Was soll der Boulevard auch anderes tun, als zu vereinfachen? Simple Thoughts for Simple People. Und dann wird ja sogar bekrittelt, dass die Bild „emotionalisiere“. Ja, was denn sonst? Das wäre ungefähr so, als würde man mir vorwerfen, ich hätte böse Gedanken.

Gott: Es sind nun einmal vor allem die niederen Instinkte, an die „Bild“ appelliert. Neid, Hass. Auf den Islam ist man regelrecht fixiert. „Sucht man im ,Bild‘-Print-Archiv der vergangenen sieben Jahre nach dem Wort ,Christentum‘, findet man rund 140 Treffer, zum ,Islam‘ mehr als eintausend.“

Teufel: Das belegt eindrücklich, dass wir beide nichts mehr zu melden haben.

Gott: Blödsinn. Aber der Islam kommt bei „Bild“ vor allem als Islamismus vor. Da wird nicht unterschieden. Sie kreieren ein Feindbild. Wenn es nicht der Terror ist, sind es Ehrenmorde oder, verknüpft mit der Migration 2015 ff.,sexuelle Übergriffe. So berichtete sie von einem arabischen „Sex-Mob in Frankfurter Restaurant-Meile“, den allerdings nur der Wirt gesehen hat. Später musste „Bild“ einräumen, dass der Zeuge gelogen hatte. So geht das ständig. Halbwahrheiten, Viertelwahrheiten, Lügen.

Teufel: Weißt du, was mich an dem Buch nervt? Die Autoren kehren die Dinge einfach um. Aus der Tatsache, dass die Bild- Zeitung Fehler macht, folgern die Autoren, dass es die Probleme nicht gibt. Dass der Anteil der Ausländer an Hartz-IV-Beziehern sehr hoch ist, rechnet aber auch das Bildblog nicht weg.

Gott: Wenn du mir nicht glaubst, Teufel, dann vielleicht dem Presserat. Zwischen 1986 und 2021 erteilte er 846 öffentliche Rügen. Davon 233 an die Adresse der „Bild“. Das ist mehr als ein Viertel!

Teufel: Also drei Viertel nicht an die Bild-Zeitung. Ich hätte gedacht, es sei schlimmer.

Gott: Was soll dieser Zynismus?

Teufel: Der ist nun einmal mein Geschäft. Apropos. Die Autoren meiden ein Feld, in dem die Bild nie populistisch war. Du ahnst es. Wenn es um Antisemitismus geht, schreiben sie krass an den Lesern vorbei. Ich habe das immer bewundert: Wir schreiben die widerwärtigsten Dinge, aber da kennen wir null Komma null Toleranz. So ist es seit Axel Cäsar Springer. Eine Art Ablasshandlung. Genial.

Gott: Du bist wirklich widerwärtig. Man stelle sich mal vor, es wäre anders. Dann wäre „Bild“ endgültig rechts.

Teufel: Eines der wenigen Dinge, die mir neu waren bei der Lektüre: Axel Cäsar Springer soll die BFD unterstützt haben, eine Art Vorläuferpartei der AfD.

Gott: Und jetzt pflegt sie unter Julian Reichelt ein Verhältnis zur AfD, das die Macher zu Recht „bigott“ nennen.

Teufel: Ich sag’ dir was. Ich bin überhaupt nicht gegen Kritik an der Bild-Zeitung. Immerhin haben sie es geschafft, sich als Anwalt der kleinen Leute zu verkaufen und zugleich ständig gegen deren Interessen zu schreiben. Das erregt meinen Zorn (Du siehst, manchmal gefalle ich mir als Klassenkämpfer), aber davon lese ich in diesem Buch wenig. Denn es stammt von Buchhaltern. Dagegen Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Welch eine Leidenschaft. Aber mit Ehre brauchst du uns natürlich heute nicht mehr zu kommen. Auch Günter Wallraff: Der Aufmacher. Der hat ihnen gezeigt, wo der Hammer hängt.

Gott: Ach Gottchen, mit deinem Martialismus kannst du dich ja gleich auf eine Stelle bei „Bild“ bewerben. Das Buch ist aus der Arbeit des „Bildblogs“ entstanden. Als es 2004 gegründet wurde, haben wir gefeiert, sogar du. Ein Watchblog zur mächtigsten deutschen Boulevardzeitung! Das war innovativ. Kann sein, dass dieses Blog ein wenig in die Jahre gekommen ist und die „Bild“-Zeitung auch nicht mehr die Bedeutung hat. Aber die Zukunft liegt bei Bild-TV. Das steht auch in dem Buch.

Teufel: Um gleichzeitig den gut informierten Medienjournalisten Kai-Hinrich Renner zu zitieren, der interne Zahlen kennt: Zwischen 1.000 und 3.000 Menschen verfolgen durchschnittlich eine Bild-Live-Sendung. Ich zittere.

Info

Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet Mats Schönauer, Moritz Tschermak Kiepenheuer & Witsch 2021, 336 S., 18 €

Gesprächsmoderation: Michael Angele

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06:00 25.06.2021

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