Die Frankfurter Schule on Air

Interview Als Kritiker der Massenmedien ist Theodor W. Adorno legendär. Seine eigenen Radioauftritte sind dagegen fast vergessen
Die Frankfurter Schule on Air
Theodor W. Adorno

Foto: Hulton Archive/Getty Images

der Freitag: Herr Schwarz, im Auftrag des Adorno Archivs sammeln Sie die Tondokumente, die es von Adorno gibt. Wie viele Aufnahmen haben Sie schon archiviert?

Michael Schwarz: Fast 400, ein großer Teil stammt aus dem Nachlass, ein anderer Teil wurde von Gretel Adorno mit Hilfe von Alexander Kluge nach dem Tod ihres Mannes gesammelt. Aber es gibt noch Desiderate, verschollene Sendungen wie etwa das Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger. (siehe „Suchanzeige“ im Infokasten).

Was ist sonst noch unauffindbar?

Vieles aus der amerikanischen Zeit. Adorno hat ja auch im New Yorker Stadtsender WNYC Sachen gemacht, da sind uns keine erhaltenen Tonaufnahmen bekannt. Von seiner musikpädagogischen Sendefolge im New Yorker Radio, die auf zwölf Teile angelegt war, wurden aber nur wenige realisiert. Nachdem Adorno eine aggressive Oboensonate von Stefan Wolpe spielen ließ, hat der berühmte Bürgermeister LaGuardia interveniert und den Zyklus beendet.

Für viele Leser dürfte überraschend sein, dass Adorno so oft im Radio zu hören war, weiß man doch, dass er den Massenmedien gegenüber sehr kritisch eingestellt war.

Man kann sagen, dass Adorno in den fünfziger und sechziger Jahren viel mehr Hörer als Leser hatte. Er wollte wirken. Nicht nur die Möglichkeiten des Mediums Radio hat er immer wieder gesucht, sondern auch die, vor Präsenzpublikum zu sprechen. Zum Beispiel in Volkshochschulen oder Amerika-Häusern.

Gibt es Tonaufnahmen von diesen Publikumsvorträgen?

Ja, wenn auch in überschaubarer Zahl. In den sechziger Jahren war bei Adornos Auftritten öfter auch ein Aufnahmegerät dabei.

Sie gehen von rund 600 öffentlichen Vorträgen, Reden, Gesprächen, Diskussionen und Interviews aus. Kann ihm da jemand folgen?

Jedenfalls kein Professor. Wenn man Wiederholungen im Radio und Programmaustausch mitrechnet, war Adorno fast jede Woche irgendwo zu hören. Und dann hat er regelrechte Vortragstourneen gemacht. Den Vortrag über Kultur und Culture hat er mindestens 18 Mal gehalten.

Brachte ihm das finanziell etwas ein?

Es waren keine eigentlichen Brotarbeiten wie etwa bei der Gruppe 47, eher könnte man sie Zubrotarbeiten nennen. Ich will nun nicht behaupten, dass ökonomische ­Motive den Ausschlag gaben, aber Adorno hat sich dadurch jedenfalls Reisen finanziert. Das Gehalt eines Professors war damals noch nicht so üppig. Man kann sagen, dass fast alle seine Reisen Vortrags­reisen waren, bis auf die Sommerwochen, die er in Sils-Maria verbrachte.

Sind die Reaktionen auf die Präsenzvorträge und Radiosendungen auch archiviert?

Wir besitzen die Pressedokumentation, die Adorno selbst hat anlegen lassen: 17 prallgefüllte Ordner, die allerdings auch Besprechungen seiner Schriften enthalten. Private Reaktionen tauchen überall in seiner Korrespondenz auf, man kann ihnen entnehmen, dass er oft angefeindet und übel beschimpft wurde. Sein Wort von der „Schmutzflut, die sich über mich ergießt“, ist nicht übertrieben.

Ich vermute mal, dass die wenigsten dieser Anfeindungen sich direkt auf die Inhalte seiner Beiträge bezogen.

Doch auch, auf ein Interview im ZDF-Magazin über faschistische Tendenzen kamen viele solcher Zuschriften. Eine große Häme entstand natürlich, als Adorno im Zuge der Protestbewegung mit seinen eigenen Studenten in Konflikt kam.

Welche dieser Vorträge haben die größte Wirkung entfacht? Welches waren die Highlights?

Dazu gehören sicherlich die, die man unter dem Stichwort politische Pädagogik fassen kann. Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit ist so ein Vortrag, der stark auf die Bildung des politischen Bewusstseins gewirkt hat. Eine größere Gruppe sind Vorträge zur Kulturkritik. Und in Radiobeiträgen zur Musik hat Adorno eine neue Form der Kritik entwickelt, die sich am akustisch eingespielten Beispiel bewähren konnte.

Und wie hört sich das heute an? Es heißt ja, Adorno habe druckreif gesprochen.

Das sagen viele, und da ist etwas Wahres daran, er hat flüssig und elaboriert gesprochen. Andererseits hat er das improvisierende Sprechen sehr streng unterschieden von seinen Aufsätzen. Für ihn selbst war es nun keineswegs so, dass er wie gedruckt sprach. Seinen Schriften liegt ein langer Prozess der vielfachen Überarbeitung zugrunde.

Das können Sie im Archiv natürlich genau verfolgen.

Das war auch schon zu Lebzeiten bekannt. Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem Tagebuch über Adorno notiert: „Er redet leicht, schreibt schwer, mit unzähligen Verbesserungen.“ Er ging immer aus vom Primat des Geschriebenen, in erster Linie hat er sich als Schriftsteller gesehen. Wir müssen ihm darin nicht folgen, wenn wir konstatieren, dass er zu Lebzeiten mehr noch als Intellektueller gewirkt hat, der öffentlich auftritt, sei es im Radio, sei es vor Präsenzpublikum. Aber das Mündliche ist so ein wenig in Vergessenheit geraten.

Berüchtigt sind die Hypotaxen und die Nachstellung des Reflexivpronomens in seinen Schriften. Gehe ich recht in der Annahme, dass er darauf im Vortrag verzichtet hat?

Jedenfalls wendet er diese Stilmittel weniger an. Es gibt auch im Mündlichen Inversionen wie „nicht kann ausgetrieben werden“. Dennoch ist der Adorno-Stil, den man kennt, Produkt von Arbeit.

Gibt es weitere Eigenheiten seines mündlichen Stils?

Auch jemand, der so gut und geistesgegenwärtig sprechen konnte wie Adorno, schöpfte nicht aus ­reiner Spontaneität. Er hatte gleichsam ein Geländer von Formeln, die ihm Zeit fürs Nachdenken gaben, ihn entlasteten. Ich denke an Wendungen wie „Vielleicht darf ich doch“, die natürlich in der betulichen Gesprächsweise der fünfziger Jahre begründet sind, aber für ­Adorno doch auch typisch sind. Er war ein sehr höflicher Gesprächspartner.

Aber eben auch ein streitbarer Geist.

Ja, er war bekannt als streitbarer Gesprächspartner, auch gefürchtet. So wollte Adorno sich einmal mit Gottfried Benn über das Thema „Reine oder engagierte Kunst“ unterhalten. Doch Benn hat dann abgesagt und wörtlich geschrieben, Adorno sei gefährlich und ein ihm dialektisch weit überlegener Partner.

Das verschollene Gespräch mit Enzensberger wäre auch deswegen interessant, weil er einer der wenigen Schriftsteller war, mit denen sich Adorno unterhalten hat, oder nicht?

Na ja, es gibt ja das berühmte Gespräch mit Canetti über Masse und Macht, auch eins mit Erika Mann. Und Umberto Eco hat er ein Interview über das Fernsehen gegeben. Mit Max Frisch war ein Gespräch über Brecht geplant, das dann offenbar nicht zustande kam.

Bekannt geworden sind auch die Gespräche mit dem Soziologen Arnold Gehlen, liefen auch die höflich ab?

Es ist wirklich interessant, diese Radiogespräche und das eine Fernsehgespräch mit seinem, man kann schon sagen, Intimfeind zu verfolgen. Das sind Gespräche mit gebleckten Zähnen, man ist bereit zu beißen, aber man lacht auch mal zusammen. An einer Stelle vergleichen sie sich mit zwei großen Doggen, die an einem Knochen zerren. Adorno mochte diese Gespräche offensichtlich schon.

Gibt es neben den Streitgesprächen mit Gehlen noch weitere, die diesen Namen verdienen?

Man kann sogar sagen, dass Adorno permanent in Kontroversen steckte. Ein Feld, das heute etwas in Vergessenheit geraten ist, ist die Auseinandersetzung mit der Jugendmusikbewegung. Da hat er verschiedene Vorträge und Diskussionen gemacht.

Was war die Jugendmusikbewegung?

Sie kam aus der Jugendbewegung, auch der Wandervogelbewegung. Es gab den Primat des Musizierens über die Musik, wichtig war, dass man zusammen singt.

Bekannter sind die Vorbehalte, die Adorno gegenüber dem Jazz und der Beatmusik hatte. Hat er sich damit auch im Radio auseinandergesetzt?

Es gibt Gespräche, wo das anklingt. Ich denke an ein interessantes ­Gespräch mit Bazon Brock, der ­versucht, Walter Benjamin gegen ­Adorno auszuspielen.

Nun war und ist Brock natürlich kein Popmusikjournalist. Das gab es ja damals noch gar nicht.

Nun, es gibt Adornos Auseinandersetzung mit Joachim-Ernst Berendt, der zwar kein Poptheoretiker gewesen ist, aber über Jazz schrieb. Leider wurde sie nicht im Radio geführt.

Gab es denn ein volkspädagogisches Moment in Adornos Vorträgen? Hat er popularisierte Fassungen seiner Werke und Gedanken vorgetragen?

Man muss dazu sagen, dass es von ihm keine eigentlichen Rundfunktexte gibt. Die Gattung des Radio-Essays, wo einer speziell für die Hörer und also auch einfacher schreibt, hat er nicht bedient. Wenn er geschrieben hat, dann hat er geschrieben.

Es gibt also keine Volksausgabe der "Negativen Dialektik“?

Nein, nein. Aber er hat ja auch im Radio nicht selten frei gesprochen, und das ist dann leichter verständlich. Grundsätzlich kann man bei ihm den frei improvisierten und den abgelesenen Vortrag unterscheiden. Eine vielleicht etwas holzschnittartige Unterscheidung, man sollte sie nicht zu streng nehmen. Denn in improvisierter Rede hat Adorno sich immer auf Stichworte gestützt, die er sich vorher notiert hatte, und umgekehrt waren bei einem abgelesenen Text improvisierte Einschübe nicht ausgeschlossen. Selbst wenn es nur kleine Varianzen zum Drucktext gibt, sind diese oft sehr aufschlussreich. In ­einem Vortrag zur Kritik des Musikanten wirft er der Jugend­musik­bewegung nicht wie in der Druckfassung „Boxfreudigkeit“ vor, ­sondern sagt wörtlich „Krypto­faschismus“.

Gibt es Vorträge, die auf die Tagespolitik hin geschrieben sind?

So etwas gibt es, etwa die Ansprache auf der Frankfurter Veranstaltung „Demokratie im Notstand“, wo er sich gegen die Notstandsgesetze ausgesprochen hat. Das Moment der aktuellen Stellungnahme ist bei ihm allerdings untergeordnet.

Hat er schon vor seiner Emigration mit seiner Radio-Arbeit angefangen?

Durch seinen Freund Ernst Schoen, der beim Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt arbeitete, hatte er die Möglichkeit, Konzerteinführungen zu geben. Es ist übrigens schon in dieser frühen Zeit des Rundfunks kritisiert worden, dass seine Sachen für dieses Medium zu schwer seien. Das Radio war bereits in den zwanziger Jahren von vielen als populäres Medium gewollt.

Nach dem Krieg bekam er dann allerdings Unterstützung durch Redakteure, die selbst Schriftsteller waren.

Das kann man durchaus sagen. Die Abendstudios und Nachtprogramme der Rundfunksender, die anspruchsvollere Wortbeiträge brachten, wurden oft von Schriftstellern etwa der Gruppe 47 betrieben, Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Heinz Friedrich, auch Enzensberger. Im Bereich der Musik gab es namhafte Leute wie beim Norddeutschen Rundfunk Winfried Zillig, der Komponist war.

Zu welcher Tageszeit konnte man Adorno hören?

Schon in den fünfziger Jahren gab es den Begriff Mitternachtsghetto. Leute wie Alfred Andersch versuchten aber, den Radio-Essay aus diesen Randzeiten des Rundfunks herauszubringen. Und nicht alle Beiträge von Adorno wurden zu später Stunde gebracht. Es gab sogar Sendungen mit Adorno zur Primetime. Und Radio war ja Anfang der fünfziger Jahre noch ein Leitmedium. Nicht etwas, das nur im Hintergrund lief, sondern man saß auch vor dem Radio, um Radio zu hören.

Das Radio als Leitmedium wurde dann durch das Fernsehen abgelöst. Es gibt ja auch Fernsehsendungen mit Adorno. Sammeln Sie die auch?

Es gibt sie, allerdings in beschränkter Zahl. Vielleicht auch deshalb, weil Adorno sich nicht als besonders telegen empfunden hat. Er sagt einmal, dass er ein gar zu böses Gesicht im Fernsehen gemacht habe. Aber wenn man kleinere Beiträge dazuzählt, etwa ein Interview mit Dagobert Lindlau über politische Attentate, kommt da doch einiges zusammen.

Wie kommt es, dass diese Züge in Adornos intellektueller Physiognomie bisher so wenig gewürdigt wurden?

Es gibt schon Publikationen, die auch seine Radio-Aktivitäten behandeln. Aber das ganze Spektrum seines mündlichen Wirkens in der Öffentlichkeit hat, glaube ich, noch niemand untersucht. Das würde ich gern machen, denn dieser ­Aspekt ist immer noch unterschätzt. In einem großen Buch über die Frankfurter Schule wird nur ein einziger Rundfunkvortrag von ­Adorno erwähnt. Und in einem anderen heißt es, dass Adorno soundso viel beim Hessischen Rundfunk gemacht hat, und dann wird angefügt, „wahrscheinlich gab es aber noch mehr Sendungen von und mit Adorno und nicht nur im Hessischen Rundfunk“. Man kann sagen: Die gab es.

Michael Schwarz ist Mitarbeiter des Walter Benjamin- und des Theodor W. Adorno-Archivs

SUCHANZEIGE

Gesucht wird: eine verschollene Radiosendung

Probleme des Avantgardismus in der modernen Literatur. Ein Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Hans Magnus Enzensberger

Gesendet im Süddeutschen Rundfunk (Stuttgart), in der Reihe Radio-Essay: am 7. April 1961.

Wer im Besitz einer Tonaufnahme dieses Gespräches ist, wende sich bitte an:

Michael Schwarz, Akademie der Künste, Luisenstraße 60, 10117 Berlin

schwarz@adk.de030 20057-4056

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13:05 06.08.2009

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