Die Invasion der Deutschen

Minarett-Verbot III Überfremdung ist ein hässliches Wort und für manche Menschen ein echtes Problem: Die Schweizer haben am Wochenende nicht nur gegen den Bau von Minaretten gestimmt

Natürlich kann man sagen, dass das idiotisch war. Gerade mal fünf Prozent bekennen sich in der Schweiz zum Islam, und die 400 000 Muslime sind überwiegend gut integriert. Die Gefahr terroristischer Anschläge kennen die Schweizer nur aus den Medien, oder wenn sie dummerweise zum falschen Zeitpunkt im ägytischen Luxor ihre Ferien machen. Wie idiotisch also. Für die Wirtschaft, für das Klima im Land.

Gerade hier in Deutschland kann man diesen Vorwurf zwischen und auch in den Zeilen der Kommentare lesen. Nun, die Deutschen haben aber auch ein Glück. Wenn sie in die Schweiz emigrieren, dann nicht um irgendwelche Türme in den Himmel zu richten. Sie gehen in die Schweiz, um zu arbeiten und gutes Geld zu verdienen. Der Verdienst ist bis zu dreimal so hoch wie in Deutschland, die Lebensqualität hoch und die Einheimischen sind zwar etwas schrullig, bleiben aber selbst dann höflich, wenn sie die Faust in der Tasche ballen. Und das tun viele: Eine knappe viertel Million Deutscher leben und arbeiten schon in der Schweiz, sie sind, nach den Italienern, mittlerweile die zweitgrößte Migrantengruppe. Sie arbeiten – vor allem auf dem Bau – ganz unten, noch mehr aber oben, sind Chefärzte und Professoren.

Am Sonntag war wieder einer dieser Artikel über die Deutschen zu lesen: Die "Welt am Sonntag" schrieb über die Integrationskurse, die von Deutschen besucht werden, willens nicht länger als die arroganten Überflieger zu gelten, für die sie eine unbezwingbare Allianz aus schlimmstem Klischee und unvoreingenommenen Augenschein in der Schweiz immer noch hält. Eine Macht bilden sie dennoch. Und sie sind eine Aggression, ob sie es wollen oder nicht. Aber es gibt in der politischen Semantik nun einmal Mächte und Mächte.

Ja, die (christlichen) Deutschen haben Glück, dass sie kein so reizbares, leicht instrumentalisierbares Symbol wie die Minarette im Gepäck haben. Man kann wetten, dass eine Abstimmung über deutsche Türme noch verheerender verlaufen wäre als die Abstimmung über die Minarette. Der eine oder andere hartgesottene Kommentator hätte sie als Provokation, als phallokratisches Herrschaftszeichen des Aggressors gedeutet. Der gemässigte Teil hätten von einem Denkzettel gesprochen, und irgend einem wäre vielleicht eingefallen, dass man in der Schweiz generell etwas gegen Türme hat; so existierte bis 2001 in der Stadt Zürich ein Gesetz, das den Bau von Türmen ausdrücklich verbot, und einen Wolkenkratzer – also ein Gebäude, das höher ist als 150 Meter – sucht man bis im ganzen Land bis heute vergebens. So sind sie halt die Schweizer, igeln sich lieber ein, als dass sie hoch hinaus wollen.

Die Globalisierung und ihre Folgen

Es ging in dieser Abstimmung ja nicht nur um die Muslime und die Angst vor dem Islam, es ging auch nicht nur verkappterweise um die Deutschen und ihre Aggressionen. Worum ging es dann? Christoph Werli schreibt in der NZZ: „Weil sich in der Abstimmung vermutlich auch Stimmungen und Ansichten manifestierten, die mit den Muslimen als solchen wenig zu tun haben, ist das Feld frei für viele Interpretationen und Schlüsse. War die Einwanderung gemeint? Die geistige Orientierungslosigkeit? Das wilde Geschehen in der weltweiten und hiesigen Wirtschaft?“

Ja, es war wohl ein Amalgam aus solch "diffusen Ängsten", aber was bedeuten sie? Kann man sie überhaupt ernst nehmen? Den Schweizern geht es immer noch sehr gut, 4 Prozent betrug die Arbeitslosigkeit im Oktober. Und doch steht das kleine Land in einem gewaltigen Umbruch. Der Ausländeranteil steigt stetig, zur Zeit hat jeder vierte ständige Bewohner keinen Schweizer Pass, so viele wie in keinen anderen Land Europas. Auf engstem Raum muss man zusammenleben (das Mittelland wird buchstäblich zugebaut), es gibt Probleme, vor allem mit Jugendlichen aus dem Kosovo, es herrscht die Konkurrenz um den Arbeitsplatz, nicht nur zwischen Schweizern und Ausländern, auch zwischen den verschiedenen Migrantengruppen, den alten und den neuen Gruppen, und trifft es mal den Deutschen, bleibt auch der gerne in der Schweiz: Schon nach vier Wochen hat er Recht auf Arbeitslosengeld (wenn er in Deutschland mehr als ein Jahr gearbeitet hat).

Warum sollte er auch gehen, wenn das Arbeitslosengeld höher ist als in seiner Heimat (er verhält sich also nicht anders als der bosnische Arbeitslose in Berlin oder wer auch immer)? Man nennt das auch: Globalisierung und ihre Folgen. Wer darin einen Konfliktstoff und ein Grund für seltsames Kollektivverhalten sieht, braucht weder ein Freund des Blick noch von Blocher und Co zu sein. Aber er muss erkennen, dass die Tagen vorbei sind, in denen ein Max Frisch mit dem Satz „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ die linksliberale Intelligenz mobilisieren konnte.

18:35 30.11.2009

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