Die Leiden des Zeitungssüchtigen

Medienwandel Um sich zu informieren, braucht kein Mensch mehr eine Zeitung aufzuschlagen. Warum aber dann? Ein Rettungsversuch

Vorbemerkung des Autors: Idealerweise sollte man diesen Text in der gedruckten Ausgabe des Freitag lesen ...

Nun ist es wirklich vorbei, dachte ich, als ich in einer schäbigen Ecke des Bahnhofs Serkeci vor einem kleinen Kiosk stand und entschieden hatte, eine FAZ vom Vortag für 9 türkische Lira, umgerechnet 4 Euro, nicht zu kaufen. Noch vor kurzem wäre ein solcher Verzicht unmöglich gewesen. Da fuhr man mit dem Bus zwanzig Kilometer in den Hauptort der Zykladen-Insel, um eine FAS zu kaufen und sie vor dem Café To Distrato im Schatten einer Kastanie zu verschlingen.

Schlimm, als die Fähre am darauf folgenden Sonntag ausblieb, weil es zu stark stürmte, denn mit ihr kam auch die FAS nicht. Qualvoller nur noch die Exempel aus der hohen Literatur: Wittgensteins Neffe von Thomas Bernhard, der vergebens durch die österreichische Provinz fährt, um eine NZZ zu kaufen. 350 Kilometer Hass auf „Drecksorte“, in denen es die „Neue Zürcher“ nicht gibt: Geschichten und Stimmungen aus einem Zeitalter, das langsam zu Ende geht. Wer unter Zeitung einfach einen Informationsträger sieht, wird diesen Tod nicht beklagen und sich auf das iPad freuen (oder schon jetzt nur im Internet lesen)

Allianz der Kosmopoliten

So what? Zweifellos sehen nur wenige Menschen den Sinn ihres Urlaubs darin, nach einer Zeitung vom Vortag zu suchen. Und das Verschwinden der Zeitung aus dem Stadtbild dürfte den meisten höchstens einen sentimentalen Seufzer entlocken, wie ihn auch eine vergessenen Telefonkabine oder ein aus der Zeit gefallener Fotoautomat hervorruft. Aber etwas in uns sträubt sich, die Sache so zu sehen. Es stimmt ja; um sich zu informieren, muss niemand mehr eine Zeitung aufschlagen. Aber das war noch nie der einzige Grund. Es ging uns Zeitungssüchtigen doch immer um mehr. Und dieses Mehr macht Sorgen. Es ist noch nicht zu erkennen, dass es in den neuen Medien gut aufgehoben ist.

Zurück nach Istanbul. Anderntags fuhren wir nach Beyoglu, um im Salon des legendären Grand Hotel de Londres einen Kaffee zu trinken. Das Spätnachmittagslicht fiel matt auf die schweren dunklen Schränke, die tiefroten Teppiche und die abgelebten Plüschsofas. Die meisten dieser Sofas blieben frei, in einem aber saß ein graumelierter Mann, der die Zeitung las. Es war eine Ausgabe der Radikal, einer kleinen, aber renommierten linksliberalen türkischen Zeitung, der eine Weile lang Orhan Pamuk als Chefredakteur vorgestanden hatte. Unser Zeitungsleser hätte ein Türke sein können, aber auch ein Engländer oder ein Deutscher. Genau war das nicht zu erkennen. Was war sein Beruf? Kam er hierher, um in Ruhe zu lesen oder wartete er auf jemanden? Wenn ja, auf wen wartete er (vielleicht auf Pamuk)? Wie sieht er das Verhältnis von Türkei und Europa?

Von selbst drängten sich Fragen auf, die alle in eine Sphäre wiesen: die kosmopolitische. Das Kosmopolitische scheint von der Idee der Zeitung kaum trennbar zu sein. Wir tauchen in seine Sphäre ein, wenn wir in New York die New York Times, in Paris Le Monde, in Mexiko City La Jornada oder in London den Guardian kaufen, aber wir bleiben außen vor, wenn wir egal wo in der Welt in einem Internetcafé sitzen und Spiegel Online checken. Dann erleben wir die Globalisierung.

Nichts scheint dem Zeitungsleser als einem Kosmopoliten ferner als dem Bild des Vaters, der sich am Mittagstisch hinter der Zeitung vergräbt und seine Ruhe will. Er liest das Tagblatt, hervorgegangen aus dem Seeländer Boten. Das Tagblatt ist ein Käseblatt. Es ist die Zeitung aus der Provinz, aus der man davongelaufen ist, um auf den Boulevards zu sitzen und die Weltblätter zu lesen. Aber wenn man heimkehrt und im Tagblatt blättert, das da immer noch auf dem Tisch liegt, verwandelt sich das Käseblatt einen Moment lang in einen Boten zurück. Er berichtet von da, wo wir, ganz buchstäblich, zur Welt gekommen sind: Heimat.

Der Moment währt freilich nicht lange. Wenn Thomas Bernhard von Salzburg über Bad Reichhall, Nathal und Steyr bis nach Wels fährt, um vegebens eine NZZ zu kaufen, macht er die Erfahrung eines Mangels, die in dem Satz kulminiert: „Mir ist klar geworden, dass ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, an dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt“. Wem diese Haltung schon fremd geworden ist, kennt vielleicht noch den Entschluss, den man fasst, nachdem man ins Flugzeug eingestiegen ist und keine vernünftige Zeitung vorgefunden hat: Mit dieser Linie bin ich das letzte Mal geflogen!

Es kann vorkommen, dass man die Welt kompakt nehmen müsste, sich dann aber für die Gala entscheidet. Darin, dass sie uns die ferne Welt der Schönen und Reichen etwas näher bringt, unterscheidet sich die Gala ja gar nicht so sehr vom Lesen einer seriösen Zeitung. Der Zeitungssüchtige ist besessen von der Idee, sich mit der Welt zu verbinden. Gibt es etwas Schöneres, als nach einer tiefen Depression wieder Lust auf eine Zeitung zu haben? Ein lebensbedrohlich erkrankter Freund berichtete mir, wie wichtig es für ihn war, sich zum Kiosk des Krankenhauses zu schleppen und eine Zeitung zu kaufen. Es war auch nicht weiter schlimm, dass er sie erst am nächsten oder übernächsten Tag lesen konnte. Ein wenig war es dann schon wieder ein Zustand wie im Urlaub.

Wer liest, schießt nicht

Das Krankenhaus ist insofern ein außergewöhnlicher Ort, als es auf den meisten Zimmern immer noch keinen Zugang zum Internet gibt. Aber es steht für ein prinzipielles Verhältnis zur Welt. Die Welt ist für uns nur dann da, wenn sie nicht ganz da ist, wenn etwas fehlt, weit weg scheint. So gesehen ist das Internet, in dem bekanntlich alles nur einen Klick entfernt ist, ziemlich weltfremd. Und kulturlos, wenn man die Tiefe eines Genusses im Verhältnis zur vorangegangenen Anstrengung begreift. Der Zeitungssüchtige kann diese Anstrengung ja ganz bewusst wählen. Neulich erzählte ein bekannter Künstler und Kulturpolitiker der Freitag-Redaktion von den Tricks, die er bei einer Fahrt im ICE anwendet, um eine Zeitung aus dem Service-Angebot der 1. Klasse in die 2. Klasse, wo er sympathischerweise sitzt, zu schmuggeln. Es gelingt ihm nicht immer. Der Frust sitzt dann tief.

Im Grunde genommen ärgert sich der Zeitungssüchtige ja ganz gerne (es ist gut für den Kreislauf, auch davon berichtete der Künstler). Deshalb liest er mit Vorliebe die so genannte Feindpresse, ein gestandener Linker also die leider nicht mehr in Frakturschrift gesetzten Leitartikel in der FAZ. Aber man muss sich gar nicht auf einen „G.H.“ fixieren, um mit dieser Zeitung in der Hand glücklich zu werden. Das Glücksversprechen an den Zeitungsleser sitzt oft schon in den Rubriktiteln. „Unternehmen und Wetter“ oder „Deutschland und die Welt“ sind Seitentitel von schlichter Großartigkeit. Großartig aber nur in der Zeitung, im Internet wirken sie deplaziert, sinnlos. Es sind Titel, zu denen es rascheln muss.

Wer, so muss man fragen, ersetzt uns dieses Rascheln, wenn es keine Zeitung mehr gibt? Man stelle sich einen großen Zeitungslesesaal vor. Was hört man in Wahrheit? Doch wohl den Flügelschlag der Engel, aber das ist natürlich Geschmackssache. Geschmäcklerisch vielleicht auch die Freude, die mich befiel, als ich vor ein paar Jahren im Zeitungslesesaal der Stanford University tatsächlich den kleinen Freitag entdeckte. Und doch: Es gab dort längst nicht alle deutschen Zeitungen und Zeitschriften, und irgend einem Menschen war halt wichtig, dass der Freitag nicht fehlte. Es war ein Zeichen.

Ich nahm es auch als Zeichen, als ich in Istanbul ein paar Stunden später reumütig zum Bahnhof von Sirkeci zurückkehrte, um mir nun doch die sündhaft teure FAZ vom Vortag zu kaufen, und diese weg war. Ich hatte einen Komplizen. Die Zeitungswelt ist voller solcher Zeichen, die meisten sind gut. Zeitungslesen wirkt zivilisierend. Wer vor dem Rechner sitzt, kann immer auch eine Waffe bedienen, umgekehrt gilt: wer Zeitung liest, schießt nicht. So gehört es zu den wenigen schönen Bildern aus Afghanistan, als nach dem Sturz der Taliban gezeigt wurden, wie in den Strassen von Kabul wieder die Zeitungen zu kaufen waren. Last but not least setzte Joe Strummer, der alte, viel zu früh verstorbene Punkrocker (The Clash), ein erhabenes Zeichen. Er starb, wie es heißt „peacefully“, als er auf seinem Sofa den Observer las.

21:00 23.02.2010
Geschrieben von

Kommentare 62

Avatar
gerhardhm | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar