Die Wollust am Abschied

Medien Wenn Prominente sterben, überbieten sich Redaktionen und User mit Nachrufen. Zum fatalen Erfolg eines alten Genres
Michael Angele | Ausgabe 24/2016 10

Bei Bowie war es anders, Bowie war nie weg. Aber an Muhammad Ali hatte ich seit Jahren nicht mehr gedacht. Davor hatte ich mich lange Zeit null mit Lemmy Kilmister beschäftigt. Prince, auch er war aus meinem Kopf (und meinem MP3-Player) verschwunden. Und dann sind sie plötzlich wieder da – wenn sie gestorben sind.

Es dauert nicht lange, und wir hören die alten Lieder oder durchwühlen Youtube nach seltenen Aufnahmen, teilen Postings anderer, weil sie uns berühren, schreiben selbst kleine Nachrufe, kurze Erinnerungsprosa, lesen die ersten professionellen Nachrufe, vergleichen diese Nachrufe und legen all die Nachrufe zur Seite, die wir später noch lesen wollen.

Hemmungslos schwärmen

Ach, wie war das früher noch, als man am Abend im Radio oder im Fernsehen vom Tod eines bekannten Menschen erfuhr und am nächsten Morgen am Frühstückstisch den Nachruf in der Zeitung las, der einen Zeitung, die man abonniert hatte. Heute geht alles viel schneller, irre, wie rasch die Todesdaten bei Wikipedia nachgetragen werden.

Und es ist viel mehr, so viel, dass man den Eindruck gewinnt, es stürben im Moment gerade besonders viele bedeutende Männer, Pardon, Menschen. Aber man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, dass sich dieser Eindruck zerstreuen wird, einfach nur deswegen, weil wir uns an diese neue Nachrufkultur bald gewöhnt haben werden.

Aber noch ist eine Irritation da. Auch der klassische Nachruf war ja nie ein Medium der Kritik, sondern eines der respektvollen Würdigung. Vor dem Tod zerschellen erst einmal alle Einwände gegen eine Person, eine Karriere, ein Werk. Erst allmählich kommen sie an die Öffentlichkeit, in Form von kritischen Biografien etwa. Aber auch Wochenzeitungen können erste Korrekturen am allzu geschönten Bild liefern, man denke etwa an den differenzierten Nachruf zu Helmut Schmidt im Freitag.

Das Affirmative fällt nur deutlicher auf, wo wir selbst nicht nur Konsumenten, sondern durch die sozialen Medien selbst zu Produzenten oder wenigstens Mitproduzenten von Nachrufen werden. Wir wollen hemmungslos gut finden, schwärmen, uns begeistern, wollen uns selbst im Glanz des Toten spiegeln.

Muhammad Ali

Wir feiern den Toten selbst für Werte, die wir in der Öffentlichkeit abgeschrieben haben. Nehmen wir Muhammad Ali, der am 3. Juni 2016 starb: Das Erste, was ich über seinen Tod las, war eigentlich auch schon das Rührendste. Auf Facebook schrieb jemand sinngemäß, es habe in seinem Leben zwei Momente gegeben, in denen er seinem Vater wirklich nahe war: Als er gemeinsam mit ihm 1969 tief in der Nacht die Mondlandung schauen durfte. Und fünf Jahre später, als er auch Alis Kampf gegen George Foreman in Zaire sehen durfte.

Dann kam so vieles, unter anderem von mir selbst der Hinweis auf eine CD mit einer Sammlung von eher unbekannten Songs über Muhammad Ali, ein doch schon reichlich geschmäcklerisches Posting, bis ich zwei Tage später auf einen Artikel im Spectator stieß, der mir in diesem Moment aus der Seele sprach: „Muhammad Ali verkörperte alles, was linke Menschen an der Machokultur hassen.“

Gerade von den Linken wurde Ali jetzt aber besonders gefeiert. Sogar die Junge Welt widmete ihm einen Nachruf. Ja, ja, ich weiß doch, Ali war gegen den Vietnamkrieg, er hat unendlich viel für das Selbstbewusstsein der Schwarzen und der Muslime getan, und zwar für Muslime aller Glaubensströmungen, indem er sich nach seinem Übertritt zum Islam nicht nur nach dem Propheten benannt hatte, sondern auch nach dessen Cousin Ali, der von den Schiiten und Alawiten besonders verehrt wird.

Lemmy

Das weiß ich übrigens auch nur aus einem Nachruf, einem in der Süddeutschen Zeitung. Ich halte Nachrufe keineswegs für ein „dummes“ Genre, darum geht es nicht. Mein Unbehagen speist sich aus anderen Quellen.

Nehmen wir Lemmy Kilmister, den Sänger und Bassisten von Motörhead, der am 28. Dezember 2015 starb. Die mediale Anteilnahme war enorm, die Beerdigung in Hollywood konnte im Livestream verfolgt werden. „Lemmy’s Death Has Given New Life to the Sunset Strip“, meldete die L.A. Weekly glücklich. Auf Facebook wurde Lemmy als echter Rock ’n’ Roller gefeiert. Eine sogenannte ehrliche Haut, ein Mensch, der ohne Rücksicht auf Verluste lebte und sprach. Einer, der von „den Arschlöchern“ redete (aber immer gerade den Journalisten nicht meinte, dem er die Arschlöcher ins Mikro diktierte), vom Saufen und vom Frauenflachlegen, als gäbe es kein Morgen. Eigentlich eine Angestelltenfantasie, eine Gestalt für die Bierwerbung.

Aber das durfte man nicht ungestraft sagen, jedenfalls nicht so kurz nach Kilmisters Ableben. Als ich bei Facebook diesen, wie ich fand, wahrhaft gegen den Strom schwimmenden Eintrag meines Freunds Mikael teilte (eines gründlichen Lesers von Karl Ove Knausgård), wollte partout kein „Gefällt mir“-Daumen hochgehen:

"Gestern ist Lemmy Kilmister gestorben. Das ist traurig. Ich muss den Trauergottesdienst kurz stören, denn ich kann diese spätpubertäre Verehrung eines Alkoholikers, dieses Lob des Abgrunds (the dark side’s all you want to see), diese vor allem männliche Sehnsucht nach einem entgrenzten, exzessiven, destruktiven Leben nicht mehr hören. Ihr wollt Abgründe? Dann erzieht ein Kind. Ihr wollt so richtig on the edge leben? Dann arbeitet an eurer Beziehung. Ihr wollt Dinge erleben, die größer sind als ihr selbst? Dann helft jemandem, ohne selber davon zu profitieren.“

Sentimentalitätsproduktion

Nicht dass man mich falsch versteht, ich stehe der Mehrung des menschlichen Fortschritts durch Zwang und Verordnung (some call it "political correctness...") skeptisch gegenüber. Wenn also moderat unglückliche Familienväter im Tod von Lemmy ihren ach so „wilden“ abgründigen Träume nachtrauern wollen, sollen sie das tun. Und wenn die Nachrufkultur der Ort ist, wo man solche Träume haben kann, soll es mir gerade recht sein. Es gibt gute Gründe für die konservative These vom Nutzen einer solchen Kompensationskultur.

Das Problem ist nur, dass sie sich noch nicht so recht als solche versteht. Man wäre sich dann klarer darüber, dass es eine zutiefst sentimentale Kultur ist.

Natürlich ist die Sentimentalität im Gedenken nicht neu. Ein Gipfel wurde schon im Herbst 1977 erreicht, als der holländische Musiker und Produzent Eddy Ouwens den Song I Remember Elvis Presley produzierte und wenige Wochen nach dem Tod des Kings unter dem Pseudonym Danny Mirror veröffentlichte. Zwingend an dem Song waren weder seine Melodie noch Ouwens’ tiefe, schmalzige Stimme, die die Stimme von Presley so perfekt imitierte. Nein, seinen sentimentalen Höhepunkt erreichte der Song schon am Anfang mit einem Sprechgesang, zu dem sich die Musik noch dezent im Hintergrund hält, um dann am Ende der Nachricht hochzudrehen: „Last night I turned radio on for the midnight news. Suddenly I thought I died of a broken heart: When I heard the announcer say: ‚Ladies and gentlemen, the King is dead. Elvis Presley just died in a hospital in Memphis, Tennessee. Forty-two years on this planet, but he’ll be here forever.‘“

Eingebetteter Medieninhalt

Ein beliebig wiederholbarer Song über den einen schockhaft negativen-erhabenen Moment der Nachricht vom Tod eines Großen. Die Stimme des Sängers, die eigentlich unsere Stimme ist, mit der Stimme des Nachrichtensprechers verwoben – Elvis, so nah und doch so fern. Nun ja, der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler könnte vermutlich präziser beschreiben, was genau da abläuft, leider ist er aber auch schon tot. Und doch: Vielleicht funktioniert die Gefühlsmaschine annähernd so in der neuen Gedenkkultur.

Vom Nachruf zum Vorruf

Wenn bei uns in der Redaktion wieder mal ein Nachruf angemahnt wird, und wir uns fragen, was man denn in dieser Flut von Nachrufen noch schreiben soll, und man es aber doch schreiben muss, weil es nun einmal erwartet wird, reagiere ich oft unwirsch und sage: 'Besser wäre es, wir hätten ihn oder sie zu Lebzeiten gewürdigt!'

Das ist natürlich gemein, denn zur Conditio humana gehört nun mal, dass man meist erst dann so richtig spürt, was man an einem Menschen hat, wenn er nicht mehr da ist.Oder wenn er bald nicht mehr da sein wird. Deshalb macht sich die neue Nachrufkultur verstärkt auch in Fällen bemerkbar, wo so etwas wie ein Nachruf zu Lebzeiten stattfindet.

Das beste Beispiel dafür ist der Hype um Udo Lindenberg, seinen 70. Geburtstag und die neue Platte Stärker als die Zeit, gegen die man vieles einwenden kann, aber nicht, dass sie nicht mit einem grandiosen Gespür für die Gesten des Abschiednehmens geschrieben ist. „Ich nehm die Sonnenbrille ab, check den Moment …“

Schön wäre es schon, wenn die neue Nachrufkultur eine Kultur des Wissens um die Vergänglichkeit herausbildete – wenn sie die Aufmerksamkeit für die, die da sind, schärfte, im Wissen, dass sie morgen vielleicht schon weg sind. Der Vorruf als ein neues Genre wäre dazu vielleicht ein erster Schritt.

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06:00 13.07.2016

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