Die Rückkehr des Spießers

Kulturkommentar Mit Jack-Wolfskin-Jacke und Solarbeule erlebt das gute, alte Feindbild seit der Baden-Württembergwahl einen zweiten Frühling

Immer wenn ich in den letzten Jahren jemanden als „Spießer“ beschimpft habe, einen Nachbarn in aller Regel, fühlte ich mich merkwürdig nostalgisch dabei, meiner Zeit entfremdet. Der Begriff schien aus einer ab­gelebten Epoche zu stammen, als man sich die Haare über die Schultern wachsen ließ, oder umgekehrt die Haare kurz und stachlig schnitt, jedenfalls alles tat, um eben kein Spießer zu sein. Ganze Generationen von Jugendlichen hatten in dieser Figur ihr Feindbild gefunden, und da es leichter ist, gegen etwas zu sein als für etwas, sei die These gewagt, dass es keine einzige Jugendbewegung gegeben hätte, wenn da nicht der Spießer gewesen wäre. Engstirnige, eng­herzige Menschen, in vielen Fällen die ­eigenen Eltern samt Schrebergarten und peniblem Autoputz am Samstagnachmittag; Wolfgang Menge hat sie in Alfred Tetzlaff aus der Serie Ein Herz und eine Seele verewigt.

Nun gibt es zwar noch Schrebergärten, auch kann man nicht sagen, dass der Siegeszug der Autowaschanlagen einen Menschentypus zum Verschwinden gebracht hat, der zur rechten Zeit gerne auch Blockwart gewesen wäre, aber eben, der Spießer war kein großes Feindbild mehr. So wurde mir auch nicht ganz klar, was es mit dem Titel dieser Gratis-Jugendzeitschrift aus Dresden auf sich hatte: SPIESSER. Falls da Selbstironie im Spiel sein sollte, schien sie fahl.

Seit ein paar Wochen aber ist er wieder da, in neuem Gewand, in einer Jack-Wolfskin-Jacke quasi. Seine Symbole sind Winfried Kretschmann und der Freiburger Stadtteil Vauban, künftige Historiker werden seinen Aufschwung auf die Landtagswahl in Baden- Württemberg datieren.

Vor allem die Springer-Organe Welt und Welt am Sonntag haben den „Öko-Spießer“ als Feindbild entdeckt. Dieser lebt in einem Haus mit einer Solarbeule auf dem Dach und einem Fahrrad vor dem Haus, was nicht weiter schlimm sein müsste, wäre die Solarbeule „nicht das Furunkel der Baukultur“ und läge das heimliche Ziel des neuen Spießers nicht in der „Umerziehung zum ewigen Biker“ (Ulf Poschardt). Und natürlich ist er für eine besonders radikale Energiewende, würde aber nichts unversucht lassen, um die geplante Überlandleitung in Sichtweite zu seinem Heim zu ver­hindern. Alles in allem scheint es sich beim Öko-Spießer um eine upgedatete ­Version des „Gutmenschen“ zu handeln; naiv als Einzelner, gefährlich in der ­Masse, will stets das Gute, und am Ende haben wir die Öko-Diktatur.

Nun sind solche Tendenzen gar nicht zu verharmlosen, es gibt diesen Menschenschlag. Besonders unangenehm: Anders als der alte Spießer kann der neue nicht nur dein Vater, sondern sogar dein bester Freund sein. Ja, denke ich gerade: Vielleicht bist du selbst schon durch und durch ein solcher Spießer, schließlich hast du diesen Typus ja in den Bio-Supermärkten des Prenzlauer Bergs studiert, während du dort einkaufen gingst (und verzweifelt nach einem bezahlbaren, kalorienarmen Müsli gesucht hast, das bitte, bitte, trotzdem einen hohen Nussanteil haben soll).

Eins aber ist nicht zu übersehen, und man kann hier getrost von einem dialektischen Verhältnis sprechen: Der neue Spießer treibt den alten zurück ans Licht. Der größte Aufreger über Ostern war für die breite Masse eben nicht Fukushima oder Libyen (also auch nicht die Friedensmärsche), sondern die exorbitant hohen Benzinpreise an den deutschen Tankstellen. Laut einer Umfrage der Bild-Zeitung fordern 60 Prozent der Befragten, dass der Staat hier durchgreifen soll. Willkommen daheim.

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14:40 29.04.2011

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