Die Rückkehr der Goncourts

Gesellschaftskunde Was ist auf den Partys der Künstler, Autoren, Medienmenschen los? Weiß man nicht, berichtet leider keiner. Das muss sich ändern
Michael Angele | Ausgabe 50/2013 29
Die Rückkehr der Goncourts

Foto: Martin Parr / Agentur Focus / Magnum Photos

Neulich war ich bei einem gesellschaftlichen Ereignis dabei. Im Axel-Springer-Haus in Berlin wurde der Welt-Literaturpreis an Jonathan Franzen verliehen. Die Reden, die gehalten wurden, waren so klug und witzig, dass ich zu Hause Die Korrekturen trotz später Stunde aus dem Regal zog und endlich, endlich anfing sie zu lesen. Aber ich war unkonzentriert, immer wieder schossen mir Eindrücke des Abends durch den Kopf.

Ich hatte beobachtet, wie der ehemalige Spiegel-Mann und designierte Welt-Kolumnist Matthias Matussek bei den hohen Herren des Springer-Verlags seine Aufwartung machte und dabei wie ein noch etwas unsicherer Hahn wirkte, hatte mich gewundert, wie viele Männer hier noch mit nach hinten gegelten Haaren herumliefen, als wäre man in einem Film über das New York der neunziger Jahre, mit Frauen in Max-Mara-Kleidchen an ihren Seiten, die dann wohl doch im heutigen Berlin-Zehlendorf auf Onlineshopping gehen und letzte Gefechte gegen Migräne führen.

Ich hatte eine zugegeben etwas bösartige Lust, diese Beobachtungen mit anderen zu teilen, aber ich wusste nicht, wo ich das tun sollte. Scheinbar naheliegend wäre gewesen, auf Facebook etwas zu posten. Nun ist Facebook zwar ein Ort der Geselligkeit, aber es ist definitiv kein Medium für Mitteilungen aus dem gesellschaftlichen Leben. Auf Facebook wird nicht gelästert, weder über das Verhalten im richtigen Leben noch über das Bild, das man da von sich selbst abgibt. Selbst harmlose Sticheleien kommen so gut wie nicht vor. Keiner, der sein Profilbild drei Mal am Tag wechselt, muss fürchten, dass ihn dafür ein anderer öffentlich belächelt, im Gegenteil, es findet sich auch beim zehnten Mal ein Daumen, der hochgeht. Facebook ist ein Salon der reinen Herzen, wogegen überhaupt nichts zu sagen ist, außer dass eine Gesellschaft, die auf zustimmungsheischender Kommunikation basiert, Beobachtungen über diese Kommunikation aber systematisch ausblendet, auf Dauer etwas beschränkt ist.

Raddatz’ Rolle

Aber es gibt im Netz auch sonst keinen Ort (mehr) für diese Art von Gesellschaftsbeobachtung. Über den Abend wurde nur in den Blättern der Springer-Presse berichtet, verständlicherweise nur über die Preisverleihung selbst. Einen Blog habe ich dazu nicht gefunden. Nun wird man sagen: Wenn es dir ein Bedürfnis ist, dann schreib doch selbst einen. Dazu unten mehr. Zuerst muss über das „Früher“ gesprochen werden. Früher schrieb man nicht Blogs, sondern Tagebücher. Tagebücher haben den Vorteil, dass sie nicht sofort veröffentlicht werden müssen, wodurch sich das Risiko von Sanktionen verringert: Der Zorn der Akteure ist geschmolzen wie der Schnee von gestern, manch einer wird auch schon tot sein. Der zeitliche Aufschub hat aber den Nachteil, dass es keinen mehr interessiert, am wenigsten den Beobachter selbst.

Es sei denn, der Schnee verdichtet sich zum Sturm der Zeit. Dies war der Fall bei den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz aus den Jahren 1982 bis 2001. Sie sind knapp zehn Jahre später als Buch erschienen, nicht zuletzt weil Frank Schirrmacher sie auszugsweise gelesen und in ihnen den „bundesdeutschen Gesellschaftsroman, der nie geschrieben wurde“ erkannt hatte. Diesen Eindruck konnten sie nur vermitteln, weil ein paar Dutzend immer wiederkehrende Namen (Gräfin Dönhoff, Grass …), mehrheitlich die von Schriftstellern, für die Gesellschaft pars pro toto standen. Eine Rechnung, die heute, da das literarische Leben längst nicht mehr so dominierend ist, nicht mehr aufgeht und vermutlich schon damals nicht aufging.

Aber allein die Aufklärung darüber, was der Nobelpreis mit Günter Grass angerichtet hatte, waren das Geld wert, ingesamt blieb der Eindruck eines von Intrige und Dummheit beherrschten Betriebs, der in vollendeter und also schon wieder hochkomischer „Verkommenheit“ (Raddatz) gezeichnet wurde, was insgeheim ja jedem der handelnden Personen ein Grinsen ins Gesicht zaubern musste, außer vielleicht Grass. Zur Qualität der Aufzeichnungen trug bei, dass sich Raddatz sowohl als moralisch privilegierter Außenseiter wie auch als Teil des Problems verstand („Was ist es nun, was mich so furchtbar verhasst macht?“).

Warten auf Rainald Goetz

Mit seinen Tagebüchern wurde Raddatz zum Nachfahren der Brüder Goncourt, deren Journal aus den Jahren 1851 bis 1896 jetzt erstmals vollständig auf Deutsch zu lesen ist, in einer schönen, elfbändigen Ausgabe des Haffmans Verlag bei Zweitausendeins. Erste Auszüge wurden 1887 in Paris veröffentlicht, da war Jules de Goncourt schon tot, und sein Bruder Edmond würde bald den sozialen Tod sterben: „Monsieur de Goncourt ist zu einem Spitzel der Wahrheit geworden. In einem Salon, den er betritt, ist kein Mensch mehr sicher. Auf der Straße fliehen die friedlichen Leute, sobald sie ihn erblicken“, notierte der Figaro.

Es ist das schlecht versicherbare Risiko der Gesellschaftsbeobachtung, dass man aus der Gesellschaft verstoßen werden kann, über die man zutreffende, aber eben auch diskreditierende Mitteilungen gemacht hat. „Goncourt Judas“ – so der Schimpfname von Jules – blieb eine einzige Freundschaft, die zu den Brüdern Alphonse und Ernest Daudet, Romanciers, wie er und sein Bruder es gewesen waren. Aber auch die Daudets begannen ihm zu misstrauen, und fürchteten, dass sie heimlich zum Gegenstand gemeiner Schilderungen wurden. Sie fürchteten zu Recht. Alphonse wird im Journal als schwer morphiumsüchtig und noch schwerer sexsüchtig beschrieben.

Nun ist der Missbrauch eines Vertrauens auch dann kein schöner Charakterzug, wenn er im Zuge einer publizistischen Aufgabe geschieht, aber auch der Scharfsinn, den es zu ihrer Bewältigung braucht, offenbart eine Todsünde. Geschärft wurden die Sinne der Goncourts durch den Neid. Das sahen sie, die als Verfasser naturalistischer Romane nicht besonders erfolgreich waren, schon selbst so: „Unsere Geißel ist der unersättliche schriftstellerische Ehrgeiz und all die Verbitterungen dieser literarischen Eitelkeit, wo die Zeitung, die nicht über einen spricht, einen verletzt, und die, die über andere spricht, einen zur Verzweiflung bringt.“ Aber auch da, wo kein Neid herrscht, erfasst ihr Blick nichts Unschuldiges. Einladungen geschehen nie ohne Hintersinn, Gefälligkeiten nie ohne Tauschabsicht, Urteile nie ohne Wirkungsabsicht.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass diese Erinnerungen aus dem literarischen Leben eine abertausend Seiten lange Feier des Argwohns ist. Aber das stimmt nicht. Mal abgesehen davon, dass die Kehrseite des Neids die Bewunderung ist, besonders für Flaubert, dessen Gesellschaft die Brüder genießen durften, würde man natürlich nicht Abend für Abend die Pariser Salons aufsuchen, wenn da nicht noch etwas anderes wäre: Die schon von Klaus Harpprecht in seiner Kritik betonte Neugierde. Sie ist neben dem Neid der zweite große Trieb zur Gesellschaftsbeobachtung. Weite Strecken des Journals bestehen nicht aus physiognomischen Beobachtungen, vielmehr wird referiert, worüber gesprochen wurde. Soziale Physiognomik also, „Milieu“, das den Goncourts als Bezugspunkt ihrer Kulturbetriebskunde galt, die eigentlich eine simple Soziologie der Macht ist.

Höfliche Paparazzi

Die meisten der über 5.000 erwähnten Menschen sind samt ihrer Ansichten aus dem Gedächtnis verschwunden und nicht weiter interessant. Über andere liest man auch heute noch gerne, welche Blüten die Eitelkeit in Tateinheit mit kreativer Intelligenz hervortrieb; dass Frauen fast nur als Prostituierte eine Rolle spielen, spielt in der Kritik bis hin zur neuesten FAS keine Rolle, sei es, weil das fraglos zur Zeit gehörte, sei es, weil man sich zu sehr in die großartige Idee dieser Journale verliebt hat.

Und das sind sie ja vor allem auch: ein Projekt, das man wieder aufnehmen sollte. Aber wie könnte die Goncourt’sche Kulturbetriebsbeobachtung heute ausschauen? Muss man warten, bis einer, den keiner auf der Rechnung hatte, kurz vor seinem Tod ein gewaltiges Konvolut an einen Verlag schickt? Folgen demnächst die Tagebücher 2002 ff. von Raddatz? Kehrt Rainald Goetz zur Betriebsbeobachtung zurück? Kann sein, aber in einer Welt, in der Facebook den Takt angibt, fällt das Warten schwer.

Man wüsste doch zum Beispiel zu gerne, welche Männer neulich auf der Party des Vereins Pro Quote waren (sie waren als Begleitung geduldet) und welche Themen dort verhandelt wurden. Nun ist es für mich ein Leichtes, darüber etwas in Erfahrung zu bringen, ich brauche nur zwei Türen weiter zu gehen, und die Person, die dort war, zu fragen. Aber für die allermeisten, ist es eben nur schwer möglich, ihre Neugierde zu befriedigen. In dieser Art der Gesellschaftskunde ist man immer noch oder wieder auf die Gattung des mündlichen Berichts angewiesen.

Dabei gibt es ein Vorbild im Netz: Höfliche Paparazzi. Die Plattform wurde von Christian Ankowitsch in einer Zeit gegründet, als Blogger noch Surfer hießen. „Surfer erinnern sich an beiläufige Begegnungen mit Prominenten“ lautete das Ziel, heraus kamen charmante Geschichten von bekannteren Autoren (Herrndorf, Passig) aber auch von vielen unbekannten über mehr oder weniger große Prominenz.

Goncourt 2014, das wären ein paar Leitwölfe und Leitwölfinnen (wo ist die deutsche Julie Burchill?) und viele, die mitschreiben, längst nicht nur in Berlin, längst nicht nur über Literatenversammlungen und natürlich nicht immer ganz so höflich wie bei den Paparazzi. Aber da wir viele sind, braucht man nicht mehr eine solche Angst davor zu haben, dass man mal in eine Hand spucken könnte, die einen nährt oder besser: nähren könnte, denn das ist doch der Hauptgrund für das derzeitige riesige Beobachtungsloch.

Nachtrag: Ein Leser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im kommenden April tatsächlich die Tagebücher 2002-2012 von Fritz J. Raddatz im Rowohlt-Verlag erscheinen werden. Kommt davon, wenn man mit der Durchschau der Verlagskataloge erst beim Buchstaben K ist!

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06:00 17.12.2013

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