Die Waffen des Worts

Gesellschaft Nach den Anschlägen von Kopenhagen: Es ist nicht besonders sexy, zum Dialog aufzurufen. Aber schlichtweg alternativlos

Dass einer der beiden Anschläge von Kopenhagen auf eine Diskussionsveranstaltung zielte, in dem auch noch über Meinungsfreiheit debattiert wurde, ist schon ein starkes Stück. Aber das Ereignis hat eine Vorgeschichte. Im Netz kursiert ein Video, das auf einer Veranstaltung im Frühjahr 2010 in Uppsala gedreht wurde. An der dortigen Universität will Lars Vilks, der Mann, dem vermutlich auch der Anschlag auf das Kulturcafé in Kopenhagen galt, einen Film zeigen und zur Diskussion stellen. Sein Film, eine Montage, stellt einen assoziativen Zusammenhang her zwischen dem Islam, dem Propheten und Homosexualität. Nach weniger als einer Minute bricht ein Tumult aus. Es geht sehr schnell, Vilks wird attackiert, dabei leicht verletzt, wie man nachlesen kann. Gut 20 Menschen, offenkundig Muslime, stehen auf den Rängen und fordern, dass die Aufführung gestoppt wird. Fäuste werden geballt, ein Mann hält sich die Hände vors Gesicht, die Männer, aber auch eine Frau im Hidschab, rufen „Allahu akbar“. Polizei ist da und versucht, die Menge im Zaum zu halten. Nach ein paar Minuten skandiert sie: „Muhammed, Muhammed“. Später ruft einer: „Unser Prophet ist nicht homosexuell, er (Vilks) ist homosexuell, sein Film ist Pornografie.“

Weitere Beiträge zum Thema gibt es nicht. Wie auch? Zorngemeinschaften wollen nicht diskutieren. Sie wollen Satisfaktion, möglichst sofort, um einen für sie unerträglichen Zustand zu beheben. Lars Vilks, das ist die Mindestforderung der Menge, soll „Uppsala verlassen“. In anderen Kontexten könnte man sich auch vorstellen, dass andere Tatsachen geschaffen werden, immerhin hat al-Qaida 150.000 Dollar auf Vilks Kopf ausgesetzt, seit er 2007 mit drei Federzeichnungen den Propheten als Hund profaniert hat. Im Lichte der Ereignisse von Kopenhagen wirkt das Video nun noch beklemmender.

Houellebecq hätte Freude

Vilks versteht sich als Künstler, der provozieren will. Wer provozieren will, rechnet mit einer starken Reaktion, allerdings selten mit einer unabsehbaren. Die Provokation will einen bösen Verdacht, in seiner selbstgerechteren Variante auch nur ein Vorurteil bestätigen: „Schau, du verhältst dich genau so dumm und intolerant, wie ich es immer schon vermutet habe“. Aber auch wenn er intellektuell verbindlicher, aufklärerischer daherkommt, will der Provokateur erst einmal nichts zur Verbesserung der Verhältnisse beitragen, sondern die „nackte Wahrheit“ einer Sache ans Licht bringen, früher war das etwa der Faschismus des Kleinbürgers (wenn der, hinreichend provoziert, alle Langhaarigen „erschießen“ will), heute ist es, unter anderem, der Antisemitismus oder die Homophobie im Islam.

Ich vermute, dass die Provokation aber nicht nur auf den Provozierten zielt, vielleicht nicht einmal in erster Linie, sondern auf eine Öffentlichkeit, die die Dinge verharmlost. Was bringt den Provokateur mehr in Rage? Der religiöse Fanatismus oder eine konfliktscheue Konsensgesellschaft? Die Frage ist rhetorischer Natur. Im Video aus Uppsala sieht man zwei blasse, weiße Männer mit etwas längerem, schon schütterem Haar reglos in der ersten Reihe sitzen, sie lassen das Ganze über sich ergehen. Man weiß nicht, was sie denken, ob sie überhaupt noch etwas denken. Sie wirken so müde wie eine ganze Epoche, Michel Houellebecq hätte seine Freude gehabt.

Aber es gibt noch eine weitere Reaktion. Nachdem der Abbruch der Veranstaltung durchs Mikro verkündigt wird und die Zorngemeinschaft in Jubel ausbricht, tritt eine junge Frau nach vorn und ruft ihr zu: „Das ist doch nicht Meinungsfreiheit (Freedom of speech), kapiert ihr das nicht?“ Sie tritt selbstbewusst und, ja, auch wütend auf, sie wird ausgebuht und muss von der Polizei geschützt werden. Zu guter Letzt fordert der Veranstalter die Menge auf, nach draußen zu gehen und „in einer wahrhaft demokratischen Art seine Meinung zum Ausdruck zu bringen“.

Durfte man also draußen erleben, was drinnen nicht möglich war? Eine Diskussion, den Beginn eines echten Dialogs sogar? Vermutlich nicht. Man muss froh sein, wenn es für die Polizei nichts mehr zu tun gab.

Tradtionelle Geringschätzung

Auch wenn diese Frau mutig war, kennt unsere Kultur leider kein Pathos des Dialogs. Zum Dialog aufzurufen, ist nicht sexy, ist eher etwas für Seelsorger und Paartherapeuten, also vielleicht ganz nützlich, aber doch recht langweilig: Gut, dass wir gesprochen haben …

Das gilt gerade auch für den „interreligiösen Dialog“, der weitgehend als Pflichtübung verstanden wird, wenn der Eindruck nicht täuscht. Der Dialog zählt einfach nicht zu den Ideen, mit denen man begeistern kann, in einem Ranking stünde er womöglich knapp vor dem Verfassungspatriotismus, aber sicher noch hinter der europäischen Idee.

Die intellektuelle Geringschätzung des Dialogs geht tief. Natürlich ist es ethisch wünschenswert, wenn Menschen aufeinander zugehen und sich verstehen wollen, aber ästhetisch ist das langweiliger als das Missverstehen, einfach weil die Abweichung aufregender ist als die unterstellte Norm. Und so gilt der sokratische Dialog zwar als gute Sache, doch in Wahrheit zieht sich die Geringschätzung des Dialogs von Goethes Spott über seinen „Mittler“ aus den Wahlverwandtschaften bis zu den abfälligen Witzen über Jürgen Habermas, von denen ich in meinem Studium Zeuge wurde. Habermas galt als der Mann, der mit seiner Wendung zum „kommunikativen Handeln“ die kritische Theorie verspießert hat. Wo sein Doktorvater Adorno große, revolutionäre Gedanken hatte, stand er im Verdacht sozialdemokratischen Gedankenguts. Dabei kann man eine ideale Gesellschaft, auch dann, wenn man sie sich ohne Ausbeutung von Natur und Mensch durch den Menschen vorstellt, schwerlich ohne das freie Sprechen denken. Keiner soll Angst haben, zu sagen, was er zu sagen hat, und wenn er gute Argumente hat, wird das, was er zu sagen hat, gute Folgen für alle haben. So verheißt es die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.

Unzählige Lehrer versuchen in unzähligen Schulstunden etwas von diesem Ideal zu vermitteln, und diesen Lehrern braucht man nicht zu sagen, dass es mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ oft nicht weit her ist. Es ist die bekannte Schwäche dieser Theorie, dass sie von Bedingungen ausgehen muss, die ihr äußerlich sind: Es muss einer schon guten Willens und natürlich auch fähig sein, in einen Dialog zu treten. Er darf sich nicht verstellen, er muss ein Interesse an einer Verständigung haben. Wenn diese Bereitschaft fehlt, ist nichts zu machen.

Es scheint, dass es daran gerade an sehr vielen Orten fehlt. Nicht nur bei den Islamisten, sondern auch bei denen, die sich zwar wie Pegida gerade verpulverisieren, als Unterstrom in unserer Gesellschaft aber weiter wirken. Schon als es Pegida noch als sichtbaren Machtfaktor gab, hat man sich mit der Forderung nach einem „Dialog“ ja nur Ärger eingehandelt, sei es, weil man wie Sigmar Gabriel unter dem Verdacht des politischen Kalküls stand, oder sei es, weil man wie Frank Richter von der Sächsischen Landeszentrale bestenfalls der Naivität bezichtigt wurde. Es gab jedenfalls kaum jemanden, der seinen Versuch zum Dialog feierte.

Rousseau schwingt mit

Mit „Nazis“ redet man nicht, lautet der Konsens. Schließlich reden die ja auch nicht: Auch Hart auf Hart, der neue Roman von T. C. Boyle, handelt von zwei rechten Kommunikationsverweigerern. „Ich habe keinen Vertrag mit ihnen“, sagen Adam und Sara, wenn ein Agent des „Systems“ etwas von ihnen will. In dieser Formulierung schwingt der rousseausche Gesellschaftsvertrag mit. Er signalisiert ein verbindliches Verhältnis zwischen den Menschen, er muss ausgehandelt werden.

Wer einen Vertrag aushandelt, schafft die Basis, mit dem anderen ins Gespräch zu treten, und diese Basis ist selbst das Produkt von Kommunikation. Diese ist nicht „herrschaftsfrei“, seine Ausgestaltung hängt schon auch von der Macht ab, die man hat. Kommt darauf an, wie man sie nutzt: Es wird Positionen geben, die verhandelbar sind, andere nicht. Die Menschenrechte sind nicht verhandelbar, denke ich. Sie stehen im Zweifelsfall über den Sonderrechten einer Religionsgemeinschaft, das muss man dem Vertragspartner klarmachen. Aber auch, dass die Alternative zum Dialog nicht schön wäre. Vielleicht wird man ihm eines Tages sogar vermitteln können, dass es Schlimmeres gäbe als der Gedanke, der Prophet könnte, rein theoretisch nur, ein gewisses Interesse am gleichen Geschlecht gehabt haben. Aber bis dahin kann es dauern. Dialog eben.

06:00 01.04.2015
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