Die 'Weltwoche' und die Roma

Kommentar Der Diskurs über die Fahrenden hat sich geändert. Man interessiert sich nun mehr für die Täter als für die Opfer – und zeigt das in krassen Fotos

Sie wuchs in 16 Kinderheimen und drei Erziehungsanstalten auf. Viermal wurde sie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, 19 Monate verbrachte sie in einer Frauenstrafanstalt. 1947 als Jenische, als Fahrende, in Zürich geboren, hatte man Mariella Mehr von ihren Eltern zwangsgetrennt. Wie viele jenische Kinder wurde sie ein Opfer des „Hilfswerks für die Kinder der Landstraße“. Das Hilfswerk meinte es gut, wollte die Kinder den „Vaganten“, Kesselflickern und Scherenschleifern entreißen und ihnen ein Leben in Wohlstand und Lageweile ermöglichen. Rechtlich unbedenklich, war es für viele Kinder eine Katastrophe. Über die „Kinder der Landstraße“ erfuhren wir auch dank Mariella Mehr. Im März dieses Jahres erhielt sie für ihr literarisches Lebenswerk den Preis der ProLiteris. In der Schweiz ist sie nie heimisch geworden.

Früher wäre das der Weltwoche vielleicht einen Artikel wert gewesen. Heute setzt Roger Köppels Wochenzeitung andere Akzente. Der Diskurs über die „Zigeuner“, über Jenische, vor allem aber über Sinti und Roma hat sich verändert. Man interessiert sich jetzt mehr für Täter als für Opfer. „Die Roma kommen: Raubzüge in der Schweiz“ titelt die akutelle Weltwoche, dazu zeigt sie einen Roma-Jungen, der mit einer Pistole auf den Betrachter zielt. Das Foto wurde nicht in der Schweiz, sondern 2008 auf einer Mülldeponie im Kosovo geschossen.

Doppelt daneben

Zur Stunde ist unklar, wie das Blatt an die Aufnahme des Fotografen Livio Mancini gekommen ist. Mehrere Strafanzeigen wegen Volksverhetzung wurden erhoben. Es sei doch ein Symbolbild, verteidigt sich die Weltwoche, aber obwohl man eine Pistole sieht, handelt der Artikel nicht von Tötungsdelikten, sondern von Diebstahl, verübt von „Roma-Sippen“, die vor allem aus Norditalien in die Schweiz „einfallen“ und Minderjährige zum Klauen losschicken. Außerdem geht es um Straßenprostitution. Genaue Zahlen fehlen, da die Kriminalitätsstatistik nach Nationalitäten und nicht nach Ethnien geführt wird. Indes: Es scheint da ein, wenn auch nicht eben riesiges Problem zu geben, laut der „Roma Foundation“ leben rund 50.000 Roma gut integriert im Land, die Rede ist von der Import-Kriminalität einer kleinen Minderheit. Dabei sind die Kinder einmal mehr die Leidtragenden. Das alles steht auch im Artikel im Heft. Insofern liegt das Bild doppelt daneben.

Man wird sagen, von der Weltwoche ist nichts anders zu erwarten, die ist doch auf Krawall gebürstet und spielt mit der Fremdenangst. Schon wahr, aber es scheint auch, dass sie abermals von einer Sollbruchstelle im linken Denken profitiert: Dass Kriminalität mitunter ethnisch organisiert ist, gilt als bäh (auch wenn man Mafia-Filme liebt), und zu Eigentumsdelikten hat die Linke eh keine Meinung. Entweder gilt Eigentum sowieso irgendwie als Diebstahl oder man ist solidarisch mit den Verlierern, im übrigen weiß man sein Eigenheim zu schützen.

Zugegeben, dass Roma in der stink­reichen Schweiz auch „beim Verkauf vom falschen Goldschmuck aktiv“ sind, wie der Sprecher der Kantonspolizei Zürich sagt, macht mich lächeln. Aber darüber hinaus: Wie soll man sich dazu verhalten? Welche Meinung haben? Weiß nicht. Die Kälte, mit der die Weltwoche ihren übrig gebliebenen Lesern ein „Weg mit denen!“ ins (SVP-)Parteibuch schreibt, deprimiert mich ebenso, wie der Verdacht, dass wir Ach-so-Auf­geklärten uns für Sinti und Roma umso mehr erwärmen, je weiter weg sie sind und von rechten Regimes drangsaliert werden – oder uns aus teuren Bildbänden ein bezauberndes Lächeln schenken.

13:00 11.04.2012

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