Die zwei Kulturen

Urheberrechtsdebatte Die Debatte um das Urheberrecht zeigt: Der deutsche Literaturbetrieb hat Angst vor dem Netz und den Piraten. Kann man es verstehen?

Wenn ich Bilder von Politikern der Piraten sehe, muss ich manchmal an Karl Heinz Bohrer denken: Was würde der frühere Merkur-Herausgeber, der nicht aufhören konnte, Helmut Kohl für den Provinzialismus, der aus seinen Strickjacken sprach, zu verhöhnen, über den „Avanti-Dilettanti“-Spiegel-Titel oder das Erscheinungsbild von Sebastian Nerz schreiben? Ich weiß es nicht, Bohrer schweigt. Dabei sind es ja nicht nur Frisur und Brille, die Nerz als Widergänger der in Generation Golf verspotteten Fraktion der Zahlenschlosskofferbesitzer erscheinen lassen. Der ehemalige Vorsitzende der Piraten scheint auch den Literaturgeschmack zu haben, den man ihm snobistisch unterstellen muss. Von der Zeit wurde er jedenfalls mit einem Fantasy-Roman für Leser im Alter von 12-15 Jahren im Aktenkoffer (Zahlenschloss?) ertappt. Und auch sonst entspricht das Lektüreverhalten der Piraten, so weit bekannt, nicht gerade dem Kanon eines Doktorandenseminars für deutsche Literatur. In dem ­Thread „Pirat, welches Buch liest du“ auf der Website der Piraten findet man viele SF-Romane und Politthriller, die Wahl des beliebtesten Buches würde wohl zwischen Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis und Andreas Eschenbachs Ein König für Deutschland entschieden. Wie ein Irrgänger taucht irgendwo dazwischen Max Goldt auf.

In Alternativen denken

In diesem Milieu dürfte Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Vorstellung vom Schreiben wenige Freunde finden. Literarisches Schreiben sei mehr und anderes als „ein fortlaufendes Plagiat“, hielt sie in der FAZ fest. „Der Vorwurf kommt von Leuten, die es im Netz unablässig mit einem Meer von Texten zu tun haben und nicht die leiseste Ahnung mehr davon haben, was es bedeutet, aus eigenem Können heraus einen Roman zu verfassen, eine Dichtung zu komponieren.“ Lewitscharoff verteidigte so ihre Unterschrift unter dem Aufruf „Wir sind die Urheber. Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“, der von mehr als 6.000 Personen unterzeichnet wurde und im Netz einen Gegenaufruf provoziert hat. Unter den aktuell 7.000 Unterzeichnern von „Wir sind die Bürger“ sind bestimmt auch ein paar Schriftsteller, bekannte Namen kann man aber lange suchen. Umgekehrt darf man sich schon etwas wundern, wie viele namhafte Schriftsteller den Urheber-Aufruf unterzeichnet haben. Wo doch noch nicht einmal von Daniel Kehlmanns Bestseller Die Vermessung der Welt Raubkopien in auffälliger Zahl existieren (er ist der erste auf der Liste der Unterzeichner)! Und ist es nicht so, dass die meisten Berufs-Schriftsteller gar nicht primär von den Erlösen aus dem Verkauf ihrer Werke leben, sondern, vor allem je weiter unten auf der Liste des Aufrufs sie auftauchen, aus einem Mix aus Erlösen, Stipendien, Preisen, Druckkostenzuschüssen, Erbschaften, Nebenjobs...?

Warum dann diese Abwehrhaltung? Was treibt eine Spezies, die doch in Alternativen denken kann, die Vorurteile lieber fünfmal um die eigene Nase dreht und die dem vom Poststrukturalismus verkündeten „Tod des Autors“ zu einer Zeit nachgesprochen hat, als es das Internet noch kaum gab, was treibt sie, ihre Unterschrift unter einen Text zu setzen, der das Wort Internet mit spitzen Fingern anfasst und von Diebstahl sehr unreflektiert spricht? Andererseits: Wenn so viele hochintelligente Menschen, deren politische und ästhetische Vorstellungen zum Teil entgegengesetzt sind, wenn eine Annett Gröschner und eine Thea Dorn ihre Unterschrift unter ein- und dasselbe Pamphlet setzen, dann muss schon etwas auf dem Spiel stehen.

Dass die literarische Kultur vor einem tiefgreifenden Wandel steht, bezweifelt eigentlich keiner. So wird das E-Book über kurz oder lang das gedruckte Buch weitgehend ersetzen und „traditionelle Arbeitsteilungen und Finanzierungsmodelle in Frage stellen“, wie Thierry Chervel von perlentaucher.de schreibt. Ganze Berufsfelder sind gefährdet, man sollte sich das nicht kleinreden: Braucht es dann zum Beispiel noch Vermittler? Der Aufruf stammt eben nicht zufällig von Matthias Landwehr, einem der erfolgreichsten deutschen Literaturagenten, und fand rasch den Weg in die Zeit. Das sind so die Netzwerke der literarischen Kultur, ohne die „der Betrieb“ gar nicht zu denken ist, aber vielleicht werden sie ihn nicht mehr tragen. Und was passiert, wenn die Buchpreisbindung fällt (die de facto durch die billigen „wie neu“- Angebote bei Amazon schon aufgeweicht ist)? Sterben dann die Buchhandlungen?

Schwarmintelligenz der Selbstbedienung

Darüber wäre vielleicht gelassener nachzudenken, wenn es nicht den Verdacht gäbe, dass einem „Nerd“ herzlich egal ist, ob es in seiner Stadt noch einen Buchladen gibt oder nicht. Das ist vielleicht dann nur noch eine Geschmacksfrage, aber auch Geschmacksfragen entscheiden darüber, wie wir leben wollen. Das Misstrauen gegen das ästhetische Urteilsvermögen „dieser Leute“ wird nicht nur bei Sibylle Lewitscharoff zu einer Abneigung gegen „das Netz“ überhaupt. „Das Netz ermöglicht allen, die sich vordem verkannt fühlten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und bedeutend zu fühlen. Das Urheberrecht wird bedroht von einer wachsenden Schwarmintelligenz der Selbstbedienung.“ So stand es in einem Leserbrief in der FAZ zum Artikel von Lewitscharoff.

Viel anders tönt es auch nicht aus der Ecke des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Am Montag wurde im Bundestag mit Fachleuten über die „Vermarktung und Schutz kreativer Inhalte im Internet“ diskutiert. Während die Vertreter von Musik und Film wortreich über Ansätze zu neuen Geschäftsmodelle in ihren Sparten berichteten, fiel Christian Sprang, dem Justiziar des Börsenvereins, gerade mal ein, dass open access eine gute Sache für vergriffene Werke sein könne, es aber in der Sparte Belletristik kein funktionierendes Modell gebe. Im Übrigen warnte auch er vor einer Schwächung des Urheberrechts, die dazu führe, dass eine „ganze Gesellschaft grau und alltäglich werde“. Ähnliches Grauzeugs hört man auch von gestandenen Schriftstellern.

Man kann nur schwer nicht behaupten, was Thierry Chervel, der mit perlentaucher.de eine der wenigen „Schnittstellen“ zwischen literarischer Kultur und Netzwelt geschaffen hat, sagt: Dass die deutschsprachigen Schriftsteller einen „tief sitzenden Widerwillen“ gegen das Netz hegen. Es gibt keine nachhaltige Auseinandersetzung: Bis heute muss Rainald Goetz’ Internettagebuch Abfall für alle von 1998/99 als innovatives Blog avant la lettre herhalten, und dass Elfriede Jelinek einen ihrer Romane ausschließlich im Netz veröffentlichte, gilt als bemerkenswerte Ausnahme. Dass man Neid nicht kommentieren oder verlinken konnte, musste hingenommen werden. Die Netzliteratur mit ihrer Hyperlinkästhetik schließlich ist klinisch tot. Insgesamt hält sich das Bild einer literarischen Kultur, die sich immer noch eher in Literaturhäusern heimisch fühlt als im Netz.

Heitere Skepsis

Aber wie könnte ein produktives literarisches Verhalten zum Netz denn ausschauen? Im Bloggen, das sei dialogisch, offen, sagt Chervel. Aber reicht das schon? Ist Literatur nicht doch noch mehr und anderes? Gibt es nicht auch eine berechtigte Angst vor dem Verlust ästhetischer Qualität durch das Bloggen? Parodistischer oder ironischer Stil werden wenig belohnt, auch sind narrativen Verfahren Grenzen gesetzt. Wie stark ist man schließlich bereit, vom klassischen Werkbegriff abzurücken? Wenn der Netztheoretiker Felix Stalder von „Wissens- und Kulturarbeit“ im Netz spricht, die er als einen „offenen Austauschprozess“ begreift, meint er etwas anderes als diesen Werkbegriff. Als Symbol eines solchen Prozesses gilt Wikipedia, in der nicht von vielen „geklaut“, sondern von vielen gegeben wird. Zwar ist Wikipedia heute schon die vermutlich wichtigste Quelle für den Schriftsteller, aber literarisches Schreiben besteht eben nicht im Verfassen von Lexikonartikeln. Piraten sprechen von Wissen, Literaten von Werken. Es sind zwei Kulturen, die sich kaum verstehen.

So lange das so ist, scheint heitere Skepsis nicht die schlechteste Haltung. Was soll ein Romancier zum Beispiel mit der ganz richtigen Bemerkung schon anfangen, der wahre Gesellschaftsroman unserer Zeit werde gerade von uns allen auf Facebook geschrieben, selbst wenn dieser ein eifriger Nutzer dieser sozialen Plattform ist? Literatur ist eben auch ein wenig träge, ein Stück weit „falsches Bewusstsein“, und Avantgarde war immer auch eine Angelegenheit von Bluff und Manifest. Das zu wissen, bedeutet freilich nicht, gegen einen unvermeidbaren Kulturwandel in hysterische Abwehrhaltung zu gehen. Im Gegenteil.

10:20 24.05.2012
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