Michael Angele
24.05.2012 | 10:20 16

Die zwei Kulturen

Urheberrechtsdebatte Die Debatte um das Urheberrecht zeigt: Der deutsche Literaturbetrieb hat Angst vor dem Netz und den Piraten. Kann man es verstehen?

Wenn ich Bilder von Politikern der Piraten sehe, muss ich manchmal an Karl Heinz Bohrer denken: Was würde der frühere Merkur-Herausgeber, der nicht aufhören konnte, Helmut Kohl für den Provinzialismus, der aus seinen Strickjacken sprach, zu verhöhnen, über den „Avanti-Dilettanti“-Spiegel-Titel oder das Erscheinungsbild von Sebastian Nerz schreiben? Ich weiß es nicht, Bohrer schweigt. Dabei sind es ja nicht nur Frisur und Brille, die Nerz als Widergänger der in Generation Golf verspotteten Fraktion der Zahlenschlosskofferbesitzer erscheinen lassen. Der ehemalige Vorsitzende der Piraten scheint auch den Literaturgeschmack zu haben, den man ihm snobistisch unterstellen muss. Von der Zeit wurde er jedenfalls mit einem Fantasy-Roman für Leser im Alter von 12-15 Jahren im Aktenkoffer (Zahlenschloss?) ertappt. Und auch sonst entspricht das Lektüreverhalten der Piraten, so weit bekannt, nicht gerade dem Kanon eines Doktorandenseminars für deutsche Literatur. In dem ­Thread „Pirat, welches Buch liest du“ auf der Website der Piraten findet man viele SF-Romane und Politthriller, die Wahl des beliebtesten Buches würde wohl zwischen Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis und Andreas Eschenbachs Ein König für Deutschland entschieden. Wie ein Irrgänger taucht irgendwo dazwischen Max Goldt auf.

In Alternativen denken

In diesem Milieu dürfte Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Vorstellung vom Schreiben wenige Freunde finden. Literarisches Schreiben sei mehr und anderes als „ein fortlaufendes Plagiat“, hielt sie in der FAZ fest. „Der Vorwurf kommt von Leuten, die es im Netz unablässig mit einem Meer von Texten zu tun haben und nicht die leiseste Ahnung mehr davon haben, was es bedeutet, aus eigenem Können heraus einen Roman zu verfassen, eine Dichtung zu komponieren.“ Lewitscharoff verteidigte so ihre Unterschrift unter dem Aufruf „Wir sind die Urheber. Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“, der von mehr als 6.000 Personen unterzeichnet wurde und im Netz einen Gegenaufruf provoziert hat. Unter den aktuell 7.000 Unterzeichnern von „Wir sind die Bürger“ sind bestimmt auch ein paar Schriftsteller, bekannte Namen kann man aber lange suchen. Umgekehrt darf man sich schon etwas wundern, wie viele namhafte Schriftsteller den Urheber-Aufruf unterzeichnet haben. Wo doch noch nicht einmal von Daniel Kehlmanns Bestseller Die Vermessung der Welt Raubkopien in auffälliger Zahl existieren (er ist der erste auf der Liste der Unterzeichner)! Und ist es nicht so, dass die meisten Berufs-Schriftsteller gar nicht primär von den Erlösen aus dem Verkauf ihrer Werke leben, sondern, vor allem je weiter unten auf der Liste des Aufrufs sie auftauchen, aus einem Mix aus Erlösen, Stipendien, Preisen, Druckkostenzuschüssen, Erbschaften, Nebenjobs...?

Warum dann diese Abwehrhaltung? Was treibt eine Spezies, die doch in Alternativen denken kann, die Vorurteile lieber fünfmal um die eigene Nase dreht und die dem vom Poststrukturalismus verkündeten „Tod des Autors“ zu einer Zeit nachgesprochen hat, als es das Internet noch kaum gab, was treibt sie, ihre Unterschrift unter einen Text zu setzen, der das Wort Internet mit spitzen Fingern anfasst und von Diebstahl sehr unreflektiert spricht? Andererseits: Wenn so viele hochintelligente Menschen, deren politische und ästhetische Vorstellungen zum Teil entgegengesetzt sind, wenn eine Annett Gröschner und eine Thea Dorn ihre Unterschrift unter ein- und dasselbe Pamphlet setzen, dann muss schon etwas auf dem Spiel stehen.

Dass die literarische Kultur vor einem tiefgreifenden Wandel steht, bezweifelt eigentlich keiner. So wird das E-Book über kurz oder lang das gedruckte Buch weitgehend ersetzen und „traditionelle Arbeitsteilungen und Finanzierungsmodelle in Frage stellen“, wie Thierry Chervel von perlentaucher.de schreibt. Ganze Berufsfelder sind gefährdet, man sollte sich das nicht kleinreden: Braucht es dann zum Beispiel noch Vermittler? Der Aufruf stammt eben nicht zufällig von Matthias Landwehr, einem der erfolgreichsten deutschen Literaturagenten, und fand rasch den Weg in die Zeit. Das sind so die Netzwerke der literarischen Kultur, ohne die „der Betrieb“ gar nicht zu denken ist, aber vielleicht werden sie ihn nicht mehr tragen. Und was passiert, wenn die Buchpreisbindung fällt (die de facto durch die billigen „wie neu“- Angebote bei Amazon schon aufgeweicht ist)? Sterben dann die Buchhandlungen?

Schwarmintelligenz der Selbstbedienung

Darüber wäre vielleicht gelassener nachzudenken, wenn es nicht den Verdacht gäbe, dass einem „Nerd“ herzlich egal ist, ob es in seiner Stadt noch einen Buchladen gibt oder nicht. Das ist vielleicht dann nur noch eine Geschmacksfrage, aber auch Geschmacksfragen entscheiden darüber, wie wir leben wollen. Das Misstrauen gegen das ästhetische Urteilsvermögen „dieser Leute“ wird nicht nur bei Sibylle Lewitscharoff zu einer Abneigung gegen „das Netz“ überhaupt. „Das Netz ermöglicht allen, die sich vordem verkannt fühlten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und bedeutend zu fühlen. Das Urheberrecht wird bedroht von einer wachsenden Schwarmintelligenz der Selbstbedienung.“ So stand es in einem Leserbrief in der FAZ zum Artikel von Lewitscharoff.

Viel anders tönt es auch nicht aus der Ecke des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Am Montag wurde im Bundestag mit Fachleuten über die „Vermarktung und Schutz kreativer Inhalte im Internet“ diskutiert. Während die Vertreter von Musik und Film wortreich über Ansätze zu neuen Geschäftsmodelle in ihren Sparten berichteten, fiel Christian Sprang, dem Justiziar des Börsenvereins, gerade mal ein, dass open access eine gute Sache für vergriffene Werke sein könne, es aber in der Sparte Belletristik kein funktionierendes Modell gebe. Im Übrigen warnte auch er vor einer Schwächung des Urheberrechts, die dazu führe, dass eine „ganze Gesellschaft grau und alltäglich werde“. Ähnliches Grauzeugs hört man auch von gestandenen Schriftstellern.

Man kann nur schwer nicht behaupten, was Thierry Chervel, der mit perlentaucher.de eine der wenigen „Schnittstellen“ zwischen literarischer Kultur und Netzwelt geschaffen hat, sagt: Dass die deutschsprachigen Schriftsteller einen „tief sitzenden Widerwillen“ gegen das Netz hegen. Es gibt keine nachhaltige Auseinandersetzung: Bis heute muss Rainald Goetz’ Internettagebuch Abfall für alle von 1998/99 als innovatives Blog avant la lettre herhalten, und dass Elfriede Jelinek einen ihrer Romane ausschließlich im Netz veröffentlichte, gilt als bemerkenswerte Ausnahme. Dass man Neid nicht kommentieren oder verlinken konnte, musste hingenommen werden. Die Netzliteratur mit ihrer Hyperlinkästhetik schließlich ist klinisch tot. Insgesamt hält sich das Bild einer literarischen Kultur, die sich immer noch eher in Literaturhäusern heimisch fühlt als im Netz.

Heitere Skepsis

Aber wie könnte ein produktives literarisches Verhalten zum Netz denn ausschauen? Im Bloggen, das sei dialogisch, offen, sagt Chervel. Aber reicht das schon? Ist Literatur nicht doch noch mehr und anderes? Gibt es nicht auch eine berechtigte Angst vor dem Verlust ästhetischer Qualität durch das Bloggen? Parodistischer oder ironischer Stil werden wenig belohnt, auch sind narrativen Verfahren Grenzen gesetzt. Wie stark ist man schließlich bereit, vom klassischen Werkbegriff abzurücken? Wenn der Netztheoretiker Felix Stalder von „Wissens- und Kulturarbeit“ im Netz spricht, die er als einen „offenen Austauschprozess“ begreift, meint er etwas anderes als diesen Werkbegriff. Als Symbol eines solchen Prozesses gilt Wikipedia, in der nicht von vielen „geklaut“, sondern von vielen gegeben wird. Zwar ist Wikipedia heute schon die vermutlich wichtigste Quelle für den Schriftsteller, aber literarisches Schreiben besteht eben nicht im Verfassen von Lexikonartikeln. Piraten sprechen von Wissen, Literaten von Werken. Es sind zwei Kulturen, die sich kaum verstehen.

So lange das so ist, scheint heitere Skepsis nicht die schlechteste Haltung. Was soll ein Romancier zum Beispiel mit der ganz richtigen Bemerkung schon anfangen, der wahre Gesellschaftsroman unserer Zeit werde gerade von uns allen auf Facebook geschrieben, selbst wenn dieser ein eifriger Nutzer dieser sozialen Plattform ist? Literatur ist eben auch ein wenig träge, ein Stück weit „falsches Bewusstsein“, und Avantgarde war immer auch eine Angelegenheit von Bluff und Manifest. Das zu wissen, bedeutet freilich nicht, gegen einen unvermeidbaren Kulturwandel in hysterische Abwehrhaltung zu gehen. Im Gegenteil.

Kommentare (16)

EnidanH 24.05.2012 | 12:37

Wie wäre es denn mit "Wut", anstatt der vielzitierten Netzangst? Viele Schreiber betreiben sich schon über das Netz, aber dies hat Grenzen und es gibt Missbrauch. Wenn Ihnen, Herr Dr. Angele, sagt Sie schreiben nun aus reinem guten Willen für die Massen (quasi als linkes Gutwerkzeug), wie würden Sie reagieren? Hätten Sie Angst um Ihre Journalistenrabatte? Oder wären Sie wütend, wenn Leute nicht verstehen wollen, dass man Geld verdienen muss und will?

Aber auf die Schreiber loszugehen ist ja so einfach, vor allem für die, die gerne welche wären oder in der Vorstellung leben jeder Schriftsteller wäre ein Hügelfürst (wie neulich ein Pirat meinte), gegen die Privilegien der Journslisten sieht der Alltag der meisten Schreiber klein aus, und gegen die Patenter der Industrie traut man sich nicht anzuschreiben... was bleibt ist typisch deutsches Rumhauen auf Leute. Traurig. Schade, dass auch Sie sich so verhalten.

Michael Angele 24.05.2012 | 13:01

Lieber EndianH, es war doch nicht meine Absicht, 'Journalisten' gegen 'Schriftsteller' auszuspielen. Viele sind ja eh beides (habe auch noch einen Roman in der Schublade ;)), und beide Rollen sind heute mit Ängsten verbunden, die doch nur zu gut zu verstehen sind. Mir ging es eher darum, nach Motiven für die nun wirklich signifkant defensive Haltung "der Schriftsteller" zu fragen, die m.E. nur mittelbar mit dem Urheberrecht zusammenhängen. Aber eben auch bei den unmittelbar an dieses gekoppelten Ängsten: Viele (Berufs-)Schriftsteller leben doch weniger von den Erlösen ihrer Werke als mehr von Preisen, Stipendien, Werkbeiträgen etc., sie sollten also eher durch Vorstellungen in Panik geraten, wie sie im "Kulturinfarkt" skizziert werden. Nur mal so ins Blaue gesprochen: Sie könnten doch Nutzniesser einer wie immer gearteten Kulturflatrate werden.

EnidanH 24.05.2012 | 13:24

Da haben Sie ja Recht, aber das, was die Piraten fordern bzw. deren Motive sind andere als Ihre, wage ich zu behaupten. Die Entstehung der Piraten (und darum der Name) geht auf die Missachtung des Urheberrechtes zurück, da kann ich als Mensch und als jemand, der in einem mittelgroßen Verlag arbeitet sehr gut verstehen, wenn die (sensiblen) Schreiber darauf allergisch reagieren. So eine Allergie ist eine Überreaktion, aber doch gerechtfertigt.

Die Piraten haben den Bonus des Netzes, das ist cool und alle wollen dabei sein, man kann soviele erreichen, Vertriebswege könnten sich verbessern (auch wenn nichts übe rein gutes Lektorat und bemühte Presseagenten geht, meiner Meinung nach). Aber streicht man diesen Bonus, was bleibt dann? Und warum bleiben soviele am netzglauben hängen? Mal so ein Gedanke:
www.swr.de/swrinfo/-/id=761/nid=7612/did=9770594/1kceqc2/index.html

Wissen Sie, ich telefoniere täglich mit Bibliotheken und dergleichen, um die Autoren unters Volk zu bringen, nur sind die Kommunen ruiniert, Buchhandlungen wie Thalia stehen da besser da, können aber nichts gehobenes anbiten, die Schreiber, die keine Kultursubventionen erhalten müssen sich anders verdienen und "nebenbei" schreiben. Und dann kommen da Leute, die sich Piraten nennen und gegen die künstlerische Identität angehen (warum, das hat ein guter ZEIT-Text kürzlich zusammengefasst, dessen link ich gerade nicht finde). Wäre ich Schreiber oder Musiker (die stehen in meinen Augen noch schlechter da, das das Runterladen von Musik hipper ist als das von Literatur), mir würde da auch der Kragen platzen.

Letztendlich geht es um die Frage, ob die Existenz einer Technik die Rechtfertigung dafür ist, alles andere abzuschaffen oder runterzustufen und was das für ein Glaube ist, der sich da entwickelt hat als Religionseratz. Und um die Frage, wie man zu Werten steht und ob man Respekt vor Kunstschaffenden hat oder nicht.

Der polemische "Kulturinfarkt" ist vermutlich weniger bedrohlich, da er weniger Unterstützer hat und eine Menge Wissen voraussetzt.

Naja, am Ende des Tages stelle ich fest, dass wir Deutsche großen Wohlstand aber wenig Willen zum Wissen haben.

rolf netzmann 24.05.2012 | 14:24

Ja Herr Angele, es sind tatsächlich zwei Kulturen, einerseits die etablierten, klassischen Verlage und deren ebenso etablierte Autoren und als Antipode dazu das Internet, welches immer mehr Independentautoren für sich nutzen.

Der klassische Vertriebsweg eines Autors läuft in vorgeprägten Schienen ab. Das fertige Werk bekommt der Verlag, dessen Lektoren, Korrektoren und Vertriebsprofis entscheiden, ob es gedruckt wird. In einem Autorenvertrag wird die Summe festgelegt, die der Autor pro verkauftem Exemplar erhält, außerdem werden weitere mögliche Verwertungsmöglichkeiten vertraglich vereinbart. Ob eine Nachauflage, ob als E-Book, als Ausgabe bei einem fremdsprachlichen Verlag mit der dafür notwendigen Übersetzung oder als Theaterstück auf der Bühne, an allem verdient der Autor mit. Sein Urheberrecht bleibt von all dem unberührt, hier geht es allein um Verwertungsrechte, die der Autor an den Verlag abgibt und von dem er aus den daraus generierten Einnahmen beteiligt wird.
Ein wesentlicher Vorteil gerade für den jungen Autor liegt in diesem Weg darin, dass er von der Zusammenarbeit mit erfahrenen Lektoren profitiert.

Wer bei Twitter sucht, wird schnell auf Autoren stoßen, die ihren eigenen Weg gehen. Self publishing nennt sich dieser Weg, die Autoren sind unabhängig von Verlagen, sie verwerten ihr kreatives Schaffen eigenständig. Über die künstlerische Qualität läßt sich natürlich streiten, genau so wie bei den Ausgaben klassischer Verlage. Selbst orthographische und grammatikalische Fehler sind bei diesen selbst publizierten Werken keine Seltenheit, dass sie nicht von Lektoren und Korrektoren gelesen und bearbeitet wurden, ist oftmals schnell zu erkennen.

Nur ist hier der Gegensatz erkennbar zu den Aussagen der etablierten Autoren wie Daniel Kehlmann, die den Aufruf von Sybille Lewitscharoff aus der FAZ unterzeichnet haben.

Im Kern ist es kein Streit um das Urheberrecht. Auch Sven Regener von Element of Crime ist nicht prinzipell gegen eine Veröffentlichung im Internet. Im Kern lautet auch seine Frage, wie in Zeiten des massenhaften Zugriffs auf Produkte kreativen Schaffens im WWW die Bezahlung der "Produzenten" dieser kreativen Werke geregelt wird..

Independent Autoren haben heute die Möglichkeit, für ein geringes Entgelt bei Plattformen wie beisspielsweise TRIBOX ihre Werke einzustellen und bei Amazon platzieren zu lassen. Dort sind sie als Download abrufbar und pro Download erhält der Autor ein Honorar. Er ist zwar immer noch abhängig von anderen, nur viel weniger als bei den klassischen Verlagen. Nun könnte man einwenden, ja, da publizieren Autoren ein wenig, verdienen etwas Geld und wie bekannt sind sie?
Hugh Howey hat mit Wool eine Story geschreiben, die nie in Printform veröffentlicht wurde.Via Self Publishing wurde er bekannt, sein postapokalyptischer Sci Fi Thriller war lediglich auf das Kindle downloadbar. Nun wollen die Brüder Ridley und Tony Scott es mit der Produktionsfirma 20th Century Fox bis 2014 verfilmen.
Amerikas Shooting-Star Amanda Hocking verkaufte die Vampirgeschichten der My Blood Approves-Serie mehr als eine Million mal elektronisch, bevor sie 2011 bei einem konventionellen Verlag unter Vertrag genommen wurde. Ende 2011 wurde sie Mitglied im erlauchten Club der Kindle-Auflagenmillionäre. Allerdings nicht als erste Self-Publishing-Vertreterin – kurz vor ihr schaffte es bereits Thriller-Autor John Locke mit seinen Donovan-Creed-Krimis. Dieser wiederum ist nun zumindest in gedruckter Form bei Simon gelandet.
Mehr dazu hier:

www.e-book-news.de/vom-kindle-store-nach-hollywood-ridley-scott-verfilmt-self-publishing-roman-%E2%80%9Ewool%E2%80%9C/

Und rührt die Aversion der konventionellen Verlage gege "das Netz" nicht auch daher, dass sie ihre Monopolstellung eingebüßt haben, dass sie für den Erfolg eines Schriftstellers nicht mehr zwingend erforderlich sind? Dass sie, offen gesagt, verstaubt wirken angesichts der Möglichkeiten, die das Internet heute Autoren bietet, schneller und effektiver zu publizieren. Und was die künstlerische Qualität betrifft, freiberufliche Lektoren finden sich bei Twitter und Facebook ebenfalls, die ein Werk unter die Lupe nehmen und ihm den letzten Feinschliff verpassen.

Noch einmal, es geht im Kern nicht um das Urheberrecht an sich, das immer beim Erschaffer kreativer Werke verbleibt. Es geht um neue Vertriebswege, um neue Möglichkeiten des Publizierens und damit um Einnahmequellen, die den konventionellen Verlagen verloren gehen. Die angemessene Bezahlung kreativ Schaffender muss bei aller Freiheit des Netzes weiterhin sicher gestellt werden. Und hier lohnt sich eine Diskussion, die sachlich und konstruktiv zu neuen Varianten führen muss.
Und dass Literaturinteressierte, die politisch den Piraten nahestehen, vielleicht eher Literatur auf ihr I-Pad downloaden, wo sie sowieso täglich Stunden im Internet verbringen, macht nur einen verschwindend geringen Teil des Konfliktes aus, der hier ausgetragen wird.
Und der um so schneller gelöst wird, je schneller die Verlage und die sie stützenden Autoren das Internet nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung sehen.

zuerst veröffentlicht unter mann-im-netz.blogspot.com

EnidanH 24.05.2012 | 14:37

Wenn ich da mal einhaken darf als jemand, DER in einem Verlag arbeitet: es gibt etliche Verlage, nur wenige wie Hanser sind diese sogenannten Etablierten; aber auch bei den Kleineren läuft es so, dass die erfolgreichen Werke (kommerziell gesehen) die weniger erfolgreichen decken. Am Ende bleiben bei verlagen wie uns nicht allzu viel über, was bei den Piraten irgendwie nicht anzukommen scheint. Wir leben nicht in Saus und Braus.

Wer sich anmaßt das Urheberrecht zu degradieren (nichts anderes wäre es ja, was die Piraten fordern), der sollte sich vorher mal informieren, wie das wirklich so läuft in der Realität.
Ein Verlag ist kein feindlicher Verwerter, er übernimmt die Pressearbeit, den Druck, die Planung und das Lektorat, das sins alles Berufe.

Was aber in den Köpfen kursiert ist ein schnell-schnell-Meinungsbildungsding ohne Wissen.

rolf netzmann 24.05.2012 | 14:53

dem widerspreche ich nicht, was ich meine, ist, dass es heute schneller, wie lange wartet ein Autor auf Antwort des Verlages? und effektiver geht, ohne dass die Qualität darunter leiden muss...
und es geht darum, dass Lösungen gefunden werden müssen, die den Kreativen auch in Zeiten des WWW ein Auskommen sichern, sprich, dass sie auch bei Downloads angemessen bezahlt werden...

Jörg Augsburg 24.05.2012 | 15:09

Den Ansatz des "ästhetischen Unbehagens/Urteil" finde ich einen sehr bedenkenswerten (auch wenn mein Zugang eher über das Kulturfeld Popmusik erfolgt). Das Unbehagen und die Kritik sind aber ähnlich gelagert. Man kommt dem Phänomen "Piraten" (das man ja nicht mit dem Thema "Internet") verwechseln darf, so vermutlich noch am Wahrhaftigsten auf den Kern.

EnidanH 24.05.2012 | 17:24

Das ist der erwähnte ZEIT-Artikel mit dem Titel: Verschluckt die moderne Gesellschaft das Subjekt?

www.zeit.de/2012/19/Internet-Urheberrecht?commentstart=57#cid-2048581

Und noch ein Ansatz, den ich bedenke, es wäre nicht das erstemal, dass es gegen die "Intellektuellen" geht, das Land hat darin eine große Tradition ihre Köpfe verschlingen zu wollen, darunter litt schon Schiller. Eine Grundskepsis ist da nur evrständlich.

Sisyphos Boucher 25.05.2012 | 13:00

@Michael Angele

Nicht sicher bin ich mir, ob mit Netz(gemeinde) und Schriftstellern tatsächlich Vertreter verschiedener Kultur(praxis) aufeinander treffen.

Doch eines halte ich für sicher: Beide Seiten argumentieren aneinander vorbei.

Wenn wir uns die Entstehung des Urheberrechts und seine Ausgestaltung bis heute genauer betrachten, dann existierte die eigentliche Konfliktlinie immer zwischen Autor und Verwerter und nicht zwischen Autor und Adressat.

Noch bis ins 18-te Jahrhundert hinein verdienten vor allem die Verleger (meistens in Personalunion mit Druckerei) an Werken, wobei die Kopie eines Werkes (Buch, Gemälde, Komposition) nicht nur Gang und Gäbe war, sondern Grundvoraussetzung für die Popularisierung von Kunst und ihren Schöpfern, die sich wiederum darauf verlassen konnten, dass ihr (originales) Werk und sie selbst als Künstlerpersonen an "Warenwert" gewannen, je mehr die (originalen) Kunstwerke durch Reproduktion popularisiert wurde.

Eine wichtige Unterscheidung wurde zwischen dem Genius des Schöpfers und dem Warencharakter seiner Kunstwerke gemacht.

Seit jeher haben Künstler vom "Abfall" des Popularisierungsprozesses gelebt und nicht vom eigentlichen künstlerischen Akt.

Es gibt unzählige herausragende Kunst (aller Bereiche), die es nicht in den wirtschaftlichen Verwertungsprozess schafft, weil dessen Maschinerie (die gesamte Kulturindustrie) Selektionsstrukturen bevorzugt, die zuerst den wirtschaftlichen Gewinn, selten den künstlerischen und damit kulturellen (Zu-)Gewinn zum Ziel haben.

Künstler heute sind, was sie nicht sein wollen, profane Produzenten von profanen Waren. Und die Konfliktlinie besteht noch immer zwischen dem Künstler und dem Kunstvertrieb.

Die Piraten und ihre große Fangemeinde wollen als Konsumenten am Ende der Vertriebskette "faire" Preisstrukturen, die sich aus der Materie der betreffenden Ware heraus erklären. Also e-Books, die als virtuelle Waren einen halbwegs realen Produktionspreis spiegeln; Musikdateien, die keine Kopiersperren haben und deren Wiedergabe nicht auf bestimmte Geräte beschränkt wird; Zugang zu Informationen und Innovationen ohne Zensur durch Preisbildung usw. usf.

Der Begriff des geistigen Eigentums übrigens ist recht ambivalent, denn er verkennt, dass Geistesleistung erst zu einer solchen wird, wenn sie in die kulturelle Kommunikation eingebettet wird.

Der Streit in Sachen Urheberrecht bricht nicht ohne Grund gerade jetzt aus, da sich die Fehlkonstruktion der Warenwirtschaft in der Krise der Finanzwirtschaft offenbart.

Die Schriftsteller mit ihrem Aufruf schlagen auf den erstbesten Popanz ein und zielen an Ursache und Wirkung vollkommen vorbei. Solidarisch aber bin ich dennoch mit ihnen, denn dass man als Künstler kaum von seiner Tätigkeit leben kann, ist eine grundlegende Frage, die sich mit dem Urheberrecht allein nicht beantworten lässt.

Michael Angele 25.05.2012 | 13:28

Lieber Boucher, d'accord. Aber ich finde, dass die Konfliktline gar nicht mehr nur zwischen Künstler und Kunstvertrieb verläuft, tat es noch nie, sondern eben schon auch zwischen "Autor und Adressat". Oder genauer, ein Teil der Autoren muss durch die neuen, sehr direkten Vertriebsmittel (Internet) schmerzlich erkennen, dass der Adressat nicht antwortet, vulgo: das Werk nicht oder kaum gelesen wird.

Aber das ist eine andere Geschichte. Also, mich würde es reizen, mal eine Literatur- und Kulturgeschichte des Ungelesenen zu schreiben (es wäre eine Geschichte der Tagungsbände, Anthologien, Pflichtexemplare, eine Geschichte des Geschenkbuchs, eine Geschichte der Kritik (die immer schon die Leküre ersetzt hat) etc.)
Schöne Grüße

Sisyphos Boucher 25.05.2012 | 15:51

@Michael Angele

"...ein Teil der Autoren muss durch die neuen, sehr direkten Vertriebsmittel (Internet) schmerzlich erkennen, dass der Adressat nicht antwortet, vulgo: das Werk nicht oder kaum gelesen wird." (Michael Angele)

Ja. Verstehe. Aber in diesem Falle ist der Konflikt entweder ästhetischer oder inhaltlicher oder handwerklicher Natur, vielleicht auch einer des intellektuellen und schließlich auch grundsätzlichen Rezeptionswillens des breiten Publikums, das seit dem preußischen Schulzwang zwar des Schreibens und Lesens mächtig ist, aber gleichzeitig bis heute in den Schulen und Universitäten nicht lernen darf, wie die sich daraus ergebende Freiheit für etwas anderes genutzt werden könnte als für das Auswendiglernen von Befehlen und vorgefertigten Gedankenguts.

Die Kunst wird heute von der Masse (ver-)konsumiert, nicht rezipiert, ganz so, wie es im System des Massenkonsums einer Warenwirtschaft systemgetrieben und systemtreibend ja auch sein soll.

Erwartet der Künstler hingegen die Würdigung seiner künstlerischen Leistung, Absicht und demnach auch eine Folgewirkung dergestalt, dass sich etwas verändere im Sein und Tun und Leben der anderen, dann ist der Künstler angehalten, sich dem ergebnisoffenen Diskurs zu stellen, ohne sich von vornherein das Recht zu konstruieren, er könne Unsinn tun oder von sich geben, weil er die Freiheit der Kunst auf seiner Seite wisse und deshalb auch frei von Kritik sei. Hier ein Abschnitt der Konfliktlinie zwischen Künstler und Rezipient (leider Gottes eben auch Konsument).

Gegenwärtige Kunst lebt bis auf wenige Ausnahmen davon, weder gegenwärtig noch lebendig zu sein. Inhaltsleere Gegenwartsliteratur füllt so viele Regale und ist noch nicht einmal gelesen, obwohl sie gekauft (und verschenkt) wurde. Dasselbe gilt für alle anderen Kunstbereiche ebenso. Denn Dank der Kunstkritik vergangener Jahrzehnte und Dank einer Kunst- und Kulturwissenschaft bürgerlicher Schichtenabgrenzung ist dem breiten Publikum der wirkliche Zugang zu Kunst versagt, weil ihm eingetrichtert (wurde) wird, dass es sowieso keine Ahnung habe. Andererseits wird diesem Publikum vorgeworfen, es kaufe die tolle Kunst nicht und sei am Untergang der Kultur schuld, die es allerdings nach dem Willen des Kulturbetriebes doch gar nicht verstehen oder kritisieren oder weiterdenken, sondern nur konsumieren - jedoch vorher auch bezahlen - darf.

Dabei kann jeder Künstler behaupten, die Welt mitgestaltet zu haben ab dem Augenblick, in dem seine Kunst von einem weiteren Menschen (und sei es der einzige auf der Welt) rezipiert wurde. Allerdings wird Erfolg in unserer Warenwirtschaft quantitativ gemessen.

Und da frage ich, was eine Geschichte des "Ungelesenen" wäre. Heißt Ungelesenes "unpopuläres" oder "nicht populäres" oder "nicht ins Verzeichnis der Zentralbibliothek aufgenommenes" oder "schlecht verkauftes" oder "relativ unbekanntes" Kulturgut?

Die Idee ist spannend und zugleich so unmöglich wie die Quadratur eines Kreises, denkbar(-er) aber seitdem das Internet ein Massenphänomen geworden ist.

Der Raum hier für Auseinandersetzung im Sinne von Analyse, These, Antithese, Synthese usw. ist zu gering, weil er so virtuell groß erscheint, dass ich an dieser Stelle nicht anders kann, als nur oberflächlich im schriftlichen Ausdruck meiner realen Unentschiedenheit bei diesem Thema bleiben zu können.

herzl. Gruß

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Ehemaliger Nutzer 26.05.2012 | 11:36

Ein großer Titel, der auf C.P. Snow anspielt. Nur geht es vielleicht in eine ganz andere Richtung. In einer durch private wie öffentlich-rechtliche Sender und ihren unsäglichen und unerträglichen Soaps und Reality-Shows infantilisierten Welt wird möglicherweise gar keine Literatur gebraucht, zumindest nicht jene, die die künstlerischen Wortschmiede beanspruchen herzustellen. Wer an SMS und Twitter gewöhnt wird, wer mit Mobil- und Smartphone lebt und wer alle möglichen und unmöglichen Fantasyspiele nutzt, braucht und will möglicherweise keine Produkte aus der künstlerischen Wortschmiede. Schon allein, weil das Künstlerische darin gar nicht erkannt wird. Es sind einfach Geschichten, die man konsumieren kann, oder eben nicht. Den künstlerischen Worschmieden geht das Publikum aus, denn Lesungen und Matinees sind wohl etwas für das weniger werdende bildungsbürgerliche Publikum. Entweder man kann die Produkte einfach konsumieren, oder man läßt es. Was nicht elektronisch verfügbar ist, ist nicht existent. In der trivialisierten, infantilisierten und beschleunigten Welt braucht es überdies keine künstlerische Reflektion, was sollte auch reflektiert werden? Auf dem neugeschaffenen Markt der Möglichkeiten steht eben Hesses Glasperlenspiel neben Kehlmanns Vermessung der Welt und neben irgendwelchen Fantasyromanen. Letztere versprechen zumindest einige Stunden kurzweiligen Eskapismus. Diese Romane dürften weitaus eher im Netz kursieren als Hesse und Kehlmann. Offensichtlich kämpft in der Urheberrechtsdebatte ein sich selbst als klassisch bezeichnender Literaturbetrieb ums überleben, weil ihnen die Leser abhanden kommen und nicht weil ihre Werke im Netz kursieren.