Ein Befreiungsversuch

Medien Der Journalismus ist ängstlich geworden. Anmerkungen zum Fall Relotius und einer Diskussion im eigenen Haus
Ein Befreiungsversuch
Der Blick in den Spiegel (und den „Spiegel“) ist oft zum Verzweifeln. Für alle

Foto: Jessica Burstein/NBC/Getty Images

Liebe Leserinnen und Leser, wir haben letzte Woche oft von Ihnen gesprochen. Anlass war der Reporter Martin Leidenfrost. Leidenfrost schrieb früher im Freitag eine Kolumne mit Kurzreportagen aus Europa, vornehmlich Osteuropa, aus Brüssel glossierte er das Innenleben der EU-Verwaltung in einer Serie, manche werden sich bestimmt erinnern. Aus Gründen, die nichts mit der Qualität seiner Kolumne zu tun hatten, schrieb er sie dann für das neue deutschland, bis diese Zeitung ihm die Zusammenarbeit aufkündigte. Grund waren zwei Kommentare in der österreichischen Presse, in denen Leidenfrost heftig gegen „die Bagatellisierung von Abtreibung“ und gegen die „Homo-Ehe“ polemisiert hatte. der Freitag steht selbstverständlich ebenso wenig für Homophobie und Antifeminismus wie das nd. Und damit könnte man es eigentlich bewenden lassen.

Nun hat Leidenfrost uns gefragt, ob wir seine Reise-Reportagen wieder drucken wollen. Er verkauft sie für wenig Geld an Abnehmer in vier Ländern, und ohne deutschen Abnehmer ist das Projekt perdu. Die Sache mit den Kommentaren tue ihm unendlich leid, schrieb er mir, er sei ein Linker in politisch-ökonomischen Fragen und wertkonservativ in kulturellen. In seiner Kolumne mit dem ironisch gemeinten Titel „Der letzte Kreuzritter“ habe er versucht, für seinen Katholizismus eine Form zu finden, Homophobie liege ihm so fern wie Misogynie. Er bereue seinen Versuch, der ihn zwischen „allen Fronten zerrieben“ hatte, und er hatte um eine zweite Chance gebeten. Er wolle wieder einfach Reporter sein. Wie andere Redakteure war ich begeistert von seinen Reportagen. Er hatte den verschiedensten Minderheiten eine Stimme gegeben, den Roma etwa, freilich ohne sie zu verkitschen, und er war an gottverlassene Flecken gereist, die sich ein Claas Relotius nicht einmal ausdenken konnte.

Widersprüche

Wie Karl Markus Gauß in der NZZ schrieb: „Da ich, gerade im Gegensatz zu Leidenfrost, lange und langsam reise und dann umfangreiche Texte über ein Land, eine Volksgruppe, eine Region verfasse, habe ich gerätselt, wie er es anstellen mag, jahrelang permanent auf Achse zu sein, und mich gefragt, ob er womöglich gar nicht alles, was er erzählt, auch wirklich selbst gesehen, vernommen, erlebt hat. Freilich, ich wurde eines Besseren belehrt; berichtet Leidenfrost nämlich über jene oft abgelegenen Ortschaften, durch die auch ich gekommen bin, dann staune ich über die Präzision seiner Beschreibungen, die bis in die Details stimmen, die nur kennt, wer sie mit eigenen Augen gesehen und mit seiner eigenen Intensität wahrgenommen hat. Dass er in diesen Details die komplexe, widersprüchliche Geschichte Europas anschaulich zu machen weiß, spricht für die literarischen Qualitäten dieses Autors.“

Bitte verzeihen Sie das lange Zitat. Sie sehen, ich möchte für diesen Autor werben. Ich war also bereit, ihm diese zweite Chance zu geben, zumal auch die beanstandeten Kolumnen zwar nicht gelungen waren, aber selbst in seinen dunkelsten Momenten argumentierte ihr Autor dialektisch (so lehnt er zwar die Ehe für alle ab, plädiert aber für eine Lösung, die homosexuelle Paare rechtlich vollkommen gleichstellt; so findet er die Abtreibung zwar schwierig, findet aber, das Recht darüber soll den betroffenen Frauen überlassen bleiben).

Die Redaktion war gespalten, da waren die, die einen Reumütigen nicht zurückweisen wollten. Und es gab die, die diese Kommentare so daneben fanden, dass sie einfach nicht zum Freitag passen, darunter die Ressortleiterin des Kulturteils: Warum sollte dieser Autor plötzlich seine Überzeugungen ändern? Ist das glaubhaft? Die Reportage, die uns Leidenfrost dann aus Magnetogorsk schickte, siehe Seite 10, überzeugte die meisten, seine Reportagen wieder bei uns zu drucken. Bedenken blieben. Sie waren anderer Art. Ich darf hier einen Kollegen zitieren: „Es geht weniger darum, ob Herr Leidenfrost recht hat, verunglückt ist oder missverstanden wurde. Es geht darum, wie er wirkt.“

Null-Risiko-Ideologie

Und jetzt, lieber Leser, liebe Leserin, kommen endlich Sie ins Spiel. In Abwandlung eines Bonmots von Ingeborg Bachmann möchte ich sagen: ,Die Wahrheit ist dem Leser zuzumuten.‘ Die Wahrheit ist: Wir haben Angst vor Ihnen. Nicht vor Ihnen als Einzelner und Einzelne. Da freuen wir uns öfter über Ihr Urteil, das uns in Leserbriefen und Kommentaren erreicht, und seltener ärgern wir uns. Aber Angst haben wir vor Ihnen nur als diffuse Masse. Es ist die Angst vor Dynamiken, für die „Shitstorm“ nur ein Name ist, es ist die Angst, mal einen Artikel zu bringen, der verstören könnte, es ist die Angst, dass diffizilere Sachverhalte nicht vermittelbar sind, es ist, die Angst, die Kontrolle über die Erzählung einer redaktionellen Entscheidung zu verlieren – und mir ihr auch Sie! Diese Angst haben heute alle Redaktionen. Beim Spiegel würde man nun sagen: „Wir müssen über diese Angst reden.“ Denn sie macht unfrei.

Ängstlich geworden ist man nicht nur in Redaktionen und Verlagen. Sondern in der Gesellschaft insgesamt. Von einer „Null-Risiko-Ideologie“ spricht der Philosoph Guillaume Paoli, von der Weigerung, Widersprüche zuzulassen, und von unserer Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen. „Weil die Erfahrungen,, die man im Leben macht, Konfrontationen mit anderen Menschen sind. Und das fehlt, wenn man ständig in seinem geschützten Raum bleibt.“

Einer der aus diesem geschützten Raum geht, ist der Reporter. Deshalb halte ich die Reportage für ein enorm wichtiges Genre in unserer Zeit. Deshalb kämpfe ich für Leidenfrost. Deshalb ist es verständlich, dass die Branche in heller Aufregung ist durch den „Reporter“ Relotius, den nicht nur der Spiegel am liebsten nur noch in Anführungszeichen schreiben würde. Relotius hat gefälscht, gelogen, die Dinge zurechtgebogen. Aber warum hat er das gemacht? Weil er eine „Geschichte“ im Kopf hatte, die ihn blind gemacht hat für „Abweichungen, Widersprüche – für die Realität“, wie Elsa Koester auf freitag.de formulierte. Das stimmt.

Wie schwer es aber ist, sich aus dieser „Geschichte“ zu lösen, zeigt abermals der Spiegel. Der hatte einen zweiten Reporter nach Fergus Falls geschickt, in die amerikanische Kleinstadt, die Relotius zu einem finsteren Hort des Trumpismus zurechtgeschrieben hatte. Aber in dieser zweiten Geschichte trifft man jetzt nur noch Menschen, die aus Tradition oder eher zufällig Trump gewählt haben, und es schon nicht mehr begreifen können. Das kann es ja nun auch nicht sein. Sogar der wie mir scheint in Wahrheit etwas schwadronierende Bürgermeister erscheint in hellstem Licht.

Formbewusstsein

Einer Reportage über eine Kleinstadt, in der der Bürgermeister allzu gut wegkommt, sollte man misstrauen. Reportagen über Kleinstädte, die keine Beschwerden nach sich ziehen, sind meiner Meinung nach das Geld nicht wert.

Ich habe natürlich gerade übertrieben. Schwierig, ich weiß. „Ironie versteht der Leser nie.“ Ach Quatsch, die Wahrheit ist auch hier dem Leser zuzumuten. Aber wir sind eben auch ängstlich geworden, was den Einsatz literarischer Mittel anbelangt. Wenn ich die Reaktionen auf den Fall Relotius Revue passieren lasse, dann scheint mir, als würde man alles Schwierige, Anspruchsvolle, Holprige am liebsten an die Literatur delegieren. Und nur noch reine „news“ verkaufen wollen. Eine Reportage ohne literarische Mittel kann ich mir allerdings nur als Statistik vorstellen, und selbst die würde im Kontext einer Zeitung zur Literatur.

Angesprochen ist also das Formbewusstsein. Wer eine Zeitung liest, liest Formen, Gattungen, Genres. Er liest nicht einfach die nackte Wahrheit. Glauben Sie denn, ein gedrucktes Interview sei ein authentisches Gespräch? Kann gar nicht sein, es wäre ein schwer lesbarer, langer Riemen von Sätzen, die auch schon mal abbrechen. Der Prozess des Redigierens und Autorisierens macht Sinn, aber haben Sie eine Ahnung, was da alles verändert wird? Ja, Sie haben eine Ahnung, und es ist Ihnen zu Recht egal, wenn das Resultat stimmt.

Distanz zur Gruppe

Wir sind also ängstlich geworden. Was aber dann bedeutet es umgekehrt, mutig zu sein? Eine schwierige Frage, an der schnell das Pathos klebt. Und in seiner negativen Form, als das „man traut sich ja gar nicht zu sagen“ ist dieses Pathos zur Formel für den rechten Opfer-Diskurs geworden, der in Wahrheit ein Ermächtigungsdiskurs ist. Dennoch wird keiner bestreiten, dass der Journalist und die Journalistin manchmal Mut brauchen, denken sie nur an Deniz Yücel und die vielen anderen Journalisten, die im Gefängnis gelandet sind oder sogar umgebracht wurden, weil sie nicht schweigen wollten. Und auch in Deutschland gingen ein Carl von Ossietzky und ein Rudolf Augstein für ihre Überzeugungen in den Knast. Das passiert bei uns heute kaum noch.

Das heißt nicht, dass es keine Sanktionen mehr gibt, sie sind feiner geworden, und Gratismut ist leicht zu haben. Was also heißt heute Mut? Und wo findet man ihn, wenn der Journalismus in der Tradition der Aufklärung kritisch zu bleiben hat und den „Mächtigen auf die Finger schauen“ sollte? Friedrich Merz einen abgehobenen Millionär zu nennen, ist so wahr wie ungefährlich, und um seine Funktion bei Blackrock mal richtig zu erhellen, dazu bräuchte es vor allem Zeit und gute Anwälte.

Mut braucht es vor allem dort, wo man zur eigenen Gruppe auf Distanz geht. Wer für die faktische Gleichstellung der Frauen kämpft, hat dazu sehr gute Gründe, aber wenn die Feministin etwa das Netzwerken unter dem Aspekt der Korrumpierbarkeit hinterfragt, dann braucht sie Rückgrat. Oder ein anderer Fall: Wer als konservativer Publizist die russische Politik lange auch nur nüchtern zu betrachten versuchte, musste sich in der eigenen Peergroup als „Putin-Versteher“ schelten lassen, zu schweigen von denen, die den Nahostkonflikt immer noch als Konflikt begreifen wollen und nicht als Gesinnungstest. Warm anziehen muss sich auch, wer als Linker im Kapitalismus auch ein fortschrittliches Moment sieht, oder wer auch als Ökologe der Meinung ist, dass das „Waldsterben“ vor allem ein journalistisches Narrativ war und eher der Logik des Herdentriebes folgte als den Tatsachen. Ganz zu schweigen von denen, die weiter über die Überwachungstechnologien des Internets schreiben, obwohl es kaum einer lesen will (die Nichtbeachtung ist eine der strengsten Sanktionen, die unsere Mediengesellschaft parat hat).

Kurzum: Man hört jetzt überall, dass „Haltung“ im Journalismus fehlt. Aber sind wir bereit, die Kosten zu tragen? Den Widerspruch zulassen, Ambivalenzen ertragen? Aber wen frage ich das.

12:45 04.01.2019
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