„Ein Integrationspreis ist zu wenig“

Interview Gül Keskinler war die erste Integrationsbeauftragte des DFB. An der Basis wird zu wenig getan, sagt sie
„Ein Integrationspreis ist zu wenig“
Frisch, frei, fröhlich, fremd: Flüchtlingskinder beim Fußballtraining

Foto: Krieger/Imago

Der Fall Özil ist auch ein Fall des Deutschen Fußballbundes (DFB). Nicht nur weil Mesut Özil den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel in seiner Erklärung zu seinem Rücktritt von der Fußballnationalmannschaft harsch kritisiert hat. Sondern auch weil mit seinem Scheitern weitere Versäumnisse an den Tag treten.

der Freitag: Frau Keskinler, was macht eigentlich eine DFB-Integrationsbeauftragte?

Gül Keskinler: Sie übernimmt ­repräsentative Aufgaben in allen integrativen Bereichen, aber hauptsächlich im Amateurfußball. Intern war es wichtig, auch konzeptionelle Arbeit zu leisten. Ganz wichtig war es auch, Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Gerade für die unteren Ligen! Und wir brauchen Vorbilder in der sportpolitischen Gremien­arbeit.

Gibt es Indikatoren für eine gelungene Integration?

Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit sind ja hauptsächlich ein Gefühl. Das kann man nicht daran ermessen, ob ich die Steuern hier bezahle oder die Nationalhymne singe. Daher ist es aus meiner Sicht völlig verkehrt, die Frage immer wieder zu stellen, ob dieser oder jener in der Integration gescheitert ist. Man muss fragen, ob er sich für die Gesellschaft einsetzt, Verantwortung wahrnimmt.

Zur Person

Gül Keskinler (geb. 1960 in Istanbul) war von 2006 bis 2016 Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußballbundes. Ihr Nachfolger ist Cacau. Sie ist auch Teilnehmerin am Deutschen Integrationsgipfel und schreibt für Blog-der-republik.de

Foto: Privat

Das Gefühl muss sich doch aber auch in Symbolen ausdrücken. Es ist nicht meine Meinung: Aber das Absingen der Nationalhymne könnte eine solche Zugehörigkeit ausdrücken.

Verstehe ich. Es war ja in den zehn Jahren meiner Tätigkeit immer wieder das Thema: Wieso singt er nicht die Nationalhymne? In der Tat müssen wir die Jungs da, wo die Professionalisierung beginnt, für Fragen der Wertevermittlung schulen, sensibilisieren. Denn diese Jungs, die mit elf, zwölf anfangen, ihre Karriere aufzubauen, die schon ihre Berater haben, die sind so sehr mit ihrer Karriereplanung beschäftigt, dass sie den Kopf nicht frei haben für gesellschaftlich ­relevante Themen. Und auch die Elternhäuser haben in der Regel weder Kompetenz noch Zeit, ihre Kinder mit der Historie dieses Landes, seinen Werten und Sensibilitäten vertraut zu machen. Aber als Spitzensportler werden diese Jungs später dieses Land repräsentieren.

Nun gibt es eher unproblematische Werte wie Verantwortungsbewusstsein, aber wie steht es um so etwas wie Reichtum? Denn die Jungs wollen mit Fußball ja reich werden. „Einen im Ausland ­lebenden und arbeitenden Multimillionär“ nennt Heiko Maas Özil. Wie geht der DFB damit um?

Ich war im Spitzenfußball leider nicht so eingebunden. Das wurde abgeblockt, die haben ja ihre Berater, den ganzen Staff. Jetzt sehen wir, wie wichtig das gewesen wäre.

Was kann der DFB gegen das Beraterunwesen tun? Auch im Fall Özil scheint dessen Berater eine fatale Rolle gespielt zu haben.

Hier Ratschläge zu geben, maße ich mir nicht an. Ich kann aber auf Beispiele aus anderen Ländern hinweisen. In England etwa müssen sich Nationalspieler für soziale Projekte Zeit freischaufeln. Noch mal: Als Nationalspieler bin ich auch Repräsentant. Özil ist als junger Mann in diese Rolle reinge­worfen worden. Man sah ihn gern darin, aber eine Vorbereitung gab es nicht. Spieler lernen ständig, sich fußballerisch zu verbessern, aber sie lernen nicht die gesellschaftlichen Folgen ihrer Handlungen einzuschätzen. Die Spieler müssen einfach wissen, was es bedeutet, wenn sie später mit einer Flasche Bier gesehen werden, oder zu schnell fahren. So ist das eben auch mit dem Erdoğan-Bild. Idealerweise hätten die Spieler einen Ansprechpartner für gesellschaftliche Fragen, der auch im Vertrag steht. Als Özil zum Termin gebeten wurde, hätte er schalten müssen: Ich muss mich erst mit dem DFB beraten.

Verstehe. Generell ist mein Bild vom Profifußballer aber das ­eines normierten Menschen, der kaum über die Stränge schlägt. Der Leistungsgedanke dominiert alles. So gedacht: Müsste der DFB nicht auch in die andere Richtung steuern? Eigensinn belohnen?

Das fällt unter die Persönlichkeitsentwicklung. Der DFB beschäftigt ein Heer von Psychologen und Motivatoren, die alle unheimlich viel Geld verdienen. Generell wünscht man sich Personen mit mehr Ecken und Kanten. Die mediale Schulung führt ja dazu, dass immer die gleichen Phrasen gedroschen werden, egal von wem.

Sie wurden 2006 Integrations­beauftragte. Von den sechs Stürmern im damaligen WM-Kader hatten fünf Migrationshintergrund: Asamoah, Klose, Podolski, Neuville, Odonkor. Aber mir scheint, es war kein Thema.

Ja, das stimmt. Mesut hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die ­Gesellschaft die Migranten heute mit zweierlei Maßen misst. Sprechen Klose und Poldi Polnisch miteinander im Training, stört das keinen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die türkischstämmigen Fußballer untereinander Türkisch gesprochen haben. Denn seit 2006 haben wir einen enormen Rechtsruck in Deutschland. Verschlech­terung der Beziehungen zur Türkei, steigende Islamfeindlichkeit, mehr Antisemitismus, wachsender Alltagsrassismus. Und die AfD auf allen Ebenen im Vormarsch: im Bundestag, in den Landesregierungen, in den Kommunen. Auf der städtischen Ebene sitzen aber eben auch die Leute, die für den kommunalen Sport zuständig sind. Wir haben eine ganz andere politische Konstellation. Die wirkt sich aus. Die Loyalität zu Deutschland wird ständig hinterfragt.

Müsste der DFB nun nicht stärker politisch Stellung beziehen?

Absolut. So wie es bis 2010 war. Er muss aber auch intensiver strukturelle Arbeit leisten. Diversität nicht nur in den Nationalmannschaften, sondern auch im Tagesgeschäft. Es reicht doch nicht aus, einmal im Jahr einen Integrationspreis zu verleihen. Es reicht nicht aus, einen Spot vor dem Länderspiel auszustrahlen. Wir – ich sage ja immer noch wir, das Herz hängt nun einmal am DFB – müssen dort weitermachen, wo wir mit Theo Zwanziger angefangen haben. Es geht jeden im Verband etwas an.

Ein Trainer wie Jogi Löw wirkt aber doch integrativ.

Jogi Löw hat Spieler mit Migrationshintergrund stark gemacht. Er ist ein Glücksfall für den deutschen Fußball. Aber auch Oliver Bier­­hoff hat sich intensiv mit Integration beschäftigt. Auf den unteren Ebenen muss viel mehr geschehen. Landesverbände, Kreisverbände, Schiedsrichterwesen, Sportge­richtsbarkeit – und da fühlt man sich ausgegrenzt, nicht richtig bewertet. Weil nun einmal in diesen Gremien wenige Menschen mit Migrationshintergrund sitzen.

Untere Ligen: Es gibt Gewalt auf den Plätzen, Rassismus. Verstärkt zwischen den Communitys. Es ist ja leider nicht nur so, dass Deutsche Türken nicht mögen, Türken mögen Araber nicht ...

… und Kurden nicht. Dabei geht es doch um das Spiel.

Das aber ist die Zukunft: Die ­Gesellschaft wird multikultureller werden, die Konflikte ­diverser. Was kann der DFB tun?

Viel interkulturelle Arbeit. Interkulturelle Kompetenz müssen nicht nur Deutsche erwerben, sondern wir alle.

14:49 25.07.2018

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