Ein Virtuose des Verschwindens

Harald Schmidt Es ist konsequent, wenn der Entertainer ankündigt, dass er sein Studio in eine Theaterbühne umbauen will. Das Konzept hat allerdings einen Schwachpunkt
Michael Angele | Ausgabe 11/2014 14
Ein Virtuose des Verschwindens
Bild: Florian Seefried / Getty

Neulich unterhielt ich mich mit einem Bekannten über Musik. Wir kamen auf die Residents zu sprechen, die uns in den Achtzigern beeindruckt hatten. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Band längst aufgelöst hatte, erfuhr aber, dass sie Platte um Platte veröffentlicht, wenngleich unklar ist, ob sich dahinter noch die alten Mitglieder verbergen, da sie aus Prinzip anonym blieben.

Die Residents sind nicht die einzigen. Man google eine x-beliebige, ästhetisch-konzeptuell viel schlichtere Punkband, die vor dreißig Jahren berühmt war, und man wird feststellen: Wenn nicht alle Mitglieder gestorben sind, existiert die Band noch, tourt durch die Provinz, hat alte und neue Lieder im Gepäck: 999, the Damned, Peter and the Test Tube Babys etc. etc.

Auch in der Literatur kennt man das Phänomen. Zum Beispiel Franz Böni. Er war vor vielen Jahren ein Suhrkamp-Autor und galt als eine Art Schweizer Peter Handke, heute publiziert er in Kleinstverlagen, aber er publiziert, er existiert. Die Welt ist voll von Künstlern, die einmal im grellen Licht der Öffentlichkeit gestanden haben und es heute nicht mehr tun. Sie sind verschwunden, aber sie sind da. Das ist eine ebenso tröstliche wie unheimliche Gewissheit.

Nun könnte man kulturkritisch einwenden, dass die Kurzlebigkeit von Karrieren ein besonderes Merkmal unserer gnadenlosen, neoliberalen Zeit sei. Aber das Phänomen ist natürlich älter. Man nehme die Goethe-Zeit. Und hier nehme man am besten einfach Goethe selbst, und was er über den Dichter Reinhold Lenz schreibt: „Lenz jedoch, als ein vorübergehendes Meteor, zog nur augenblicklich über den Horizont der deutschen Literatur hin und verschwand plötzlich, ohne im Leben eine Spur zurückzulassen.“

Meistens ist dieses Verschwinden nicht selbst gewählt, der Künstler hätte es lieber anders, wäre gerne weiter viel beachtet. Das Verschwinden der Person kann aber auch zum reflektierten Gegenstand des eigenen Schaffens gemacht werden, Michel Foucault experimentierte damit ebenso wie Andy Warhol oder Thomas Pynchon. In diese Reihe gehören auch die Schauspielerin Anne Tismer, oder Elke Heidenreich, die hart an ihrem Verschwinden gearbeitet hat, als sie mit ihrer Lesen!-Show ins Internet ging, und es gehört unbedingt Harald Schmidt da hin.

Wenn Schmidt diesen Donnerstag zum letzten Mal bei Sky (nicht) zu sehen ist, gehen nicht nur 18 Jahre Late Night Show zu Ende. Es vollendet sich ein Werk, dessen Tendenz in den letzten Jahren sich deutlich abzeichnete, das aber erst jetzt ganz in seiner künstlerischen Radikalität erfasst wird. Die bösen Stimmen, die seinen Wechsel 2012 zum Bezahlsender Sky als ein primär monetär motiviertes Manöver deuteten, irrten: Er ging zu dem Sender, der ihm maximalen Quotenverlust garantieren konnte. Und es hat ja auch vorzüglich geklappt. Zu den besten schlechtesten Zeiten sahen gerade mal ein paar tausend Menschen zu. Steigerbar ist das im Fernsehen nicht.

Deshalb ist es konsequent, wenn Harald Schmidt nun ankündigt, dass er sein Studio in eine Theaterbühne umbauen will. „Ich habe dann mein eigenes Theater, bei dem ich nach Lust und Laune die Scheinwerfer anmache. Es ist mir egal, ob ich für drei oder zehn oder 350 Zuseher auftrete.“ Einziger Schwachpunkt des Konzepts: Die Shows will er über soziale Netzwerke ankündigen, viel besser wären freilich Teletext und Rohrpost.

 

08:57 13.03.2014
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