Michael Angele
Ausgabe 1114 | 13.03.2014 | 08:57 14

Ein Virtuose des Verschwindens

Harald Schmidt Es ist konsequent, wenn der Entertainer ankündigt, dass er sein Studio in eine Theaterbühne umbauen will. Das Konzept hat allerdings einen Schwachpunkt

Ein Virtuose des Verschwindens

Bild: Florian Seefried / Getty

Neulich unterhielt ich mich mit einem Bekannten über Musik. Wir kamen auf die Residents zu sprechen, die uns in den Achtzigern beeindruckt hatten. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Band längst aufgelöst hatte, erfuhr aber, dass sie Platte um Platte veröffentlicht, wenngleich unklar ist, ob sich dahinter noch die alten Mitglieder verbergen, da sie aus Prinzip anonym blieben.

Die Residents sind nicht die einzigen. Man google eine x-beliebige, ästhetisch-konzeptuell viel schlichtere Punkband, die vor dreißig Jahren berühmt war, und man wird feststellen: Wenn nicht alle Mitglieder gestorben sind, existiert die Band noch, tourt durch die Provinz, hat alte und neue Lieder im Gepäck: 999, the Damned, Peter and the Test Tube Babys etc. etc.

Auch in der Literatur kennt man das Phänomen. Zum Beispiel Franz Böni. Er war vor vielen Jahren ein Suhrkamp-Autor und galt als eine Art Schweizer Peter Handke, heute publiziert er in Kleinstverlagen, aber er publiziert, er existiert. Die Welt ist voll von Künstlern, die einmal im grellen Licht der Öffentlichkeit gestanden haben und es heute nicht mehr tun. Sie sind verschwunden, aber sie sind da. Das ist eine ebenso tröstliche wie unheimliche Gewissheit.

Nun könnte man kulturkritisch einwenden, dass die Kurzlebigkeit von Karrieren ein besonderes Merkmal unserer gnadenlosen, neoliberalen Zeit sei. Aber das Phänomen ist natürlich älter. Man nehme die Goethe-Zeit. Und hier nehme man am besten einfach Goethe selbst, und was er über den Dichter Reinhold Lenz schreibt: „Lenz jedoch, als ein vorübergehendes Meteor, zog nur augenblicklich über den Horizont der deutschen Literatur hin und verschwand plötzlich, ohne im Leben eine Spur zurückzulassen.“

Meistens ist dieses Verschwinden nicht selbst gewählt, der Künstler hätte es lieber anders, wäre gerne weiter viel beachtet. Das Verschwinden der Person kann aber auch zum reflektierten Gegenstand des eigenen Schaffens gemacht werden, Michel Foucault experimentierte damit ebenso wie Andy Warhol oder Thomas Pynchon. In diese Reihe gehören auch die Schauspielerin Anne Tismer, oder Elke Heidenreich, die hart an ihrem Verschwinden gearbeitet hat, als sie mit ihrer Lesen!-Show ins Internet ging, und es gehört unbedingt Harald Schmidt da hin.

Wenn Schmidt diesen Donnerstag zum letzten Mal bei Sky (nicht) zu sehen ist, gehen nicht nur 18 Jahre Late Night Show zu Ende. Es vollendet sich ein Werk, dessen Tendenz in den letzten Jahren sich deutlich abzeichnete, das aber erst jetzt ganz in seiner künstlerischen Radikalität erfasst wird. Die bösen Stimmen, die seinen Wechsel 2012 zum Bezahlsender Sky als ein primär monetär motiviertes Manöver deuteten, irrten: Er ging zu dem Sender, der ihm maximalen Quotenverlust garantieren konnte. Und es hat ja auch vorzüglich geklappt. Zu den besten schlechtesten Zeiten sahen gerade mal ein paar tausend Menschen zu. Steigerbar ist das im Fernsehen nicht.

Deshalb ist es konsequent, wenn Harald Schmidt nun ankündigt, dass er sein Studio in eine Theaterbühne umbauen will. „Ich habe dann mein eigenes Theater, bei dem ich nach Lust und Laune die Scheinwerfer anmache. Es ist mir egal, ob ich für drei oder zehn oder 350 Zuseher auftrete.“ Einziger Schwachpunkt des Konzepts: Die Shows will er über soziale Netzwerke ankündigen, viel besser wären freilich Teletext und Rohrpost.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/14.

Kommentare (14)

SchrittmacherM 13.03.2014 | 11:11

Klingt nach unausweichlicher Existenz, wenn man zwar vergessen wird (öffentlich und populär), aber trotzdem nicht "aufhören" kann.

Sogesehen ist das Leben(swerk) ein Rucksack, den man Anfüllt und nur aus diesem sein zukünftiges Leben gestalten kann. Sprich: "Neuanfang"? geht nich. Der Rucksack ist immer gefüllt und muß mitgeschleppt werden.

Die Mühen, nicht gänzlich vergessen zu werden, müssen aber doch exponentiel ansteigen - wie hält man sowas bloß durch

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Ehemaliger Nutzer 14.03.2014 | 19:44

Glaubt mir, ich habe wirklich versucht, mir die Sendung (wenigstens über weite Strecken) anzusehen - es ging nicht.

Schon das Publikum am Anfang, vom sog. Schmidt-Humor derart konditioniert, dass es gar nicht anders kann als völlig zu überdrehen - bis es selbst dem völlig Humorentwöhnten den letzten Nerv raubt ...

Nein, es wollte mir nicht gelingen, die schlecht geschriebenen und uninspiriert vorgetragenen lauen Witzchen und danach das sinnfreie Gequassel mit der deutschen Prinzengarde an Prominenz auzuhalten ...

Dass ich überhaupt ein paar Minütchen "rumgezappt" habe, liegt vielleicht daran, dass ich - seltsamerweise - ein bisschen Mitleid bekam:

Man merkt hier einfach zu deutlich, dass Schmidt selbst ahnt, dass er nicht gut ist (vielleicht war er das nie). Und dann - fast noch schlimmer - sieht er so gealtert aus, mich erinnert er irgendwie an Franz Beckenbauer.

Es ist wirklich besser, dass er geht. Am besten für ihn selbst, so er noch ein bisschen Restachtung hat. (War ich zu böse?)

ch.paffen 14.03.2014 | 20:19

danke für den kommentar zum kommentar * böse wird ja ggf. überbewertet * man kann hs gerne sehen oder sagen never ever * dem publikum aber mal kurz den nassen feudel der pfui konditionierungsopfer um die ohren zu hauen, finde ich ein wenig grenzwertig * anyway, jeder hat sein putziges weltbild und sich, wenn es denn schnuggelig läuft kommod eingerichtet, über das blöde opfer menschenbild, darüber könnte man ja mal "reden" * feinsten start ins wochenende cp

Capitol 15.03.2014 | 01:58

Die putzigen Kommentare von "Hunter" sind mir auch schon unangenehm aufgefallen. Aber man muss versuchen, sie irgendwie zu tolerieren (Meinungsfreiheit und so...).

Ansonsten teile ich Ihre Wehmut anlässlich der letzten Harald-Schmidt-Show. Angesichts der Erhebung der Grube Messel zum Unesco-Welterbe beantrage ich Artenschutz für TV-Dinosaurier im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und fordere die allwöchentliche Wiederholung sämtlicher Harald-Schmidt-Shows auf den Kulturkanälen von ARD, ZDF und in allen Bildungsprogrammen.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass da noch mehr drin gewesen wäre. Freilich ohne Bezahlaufschlag für ein Sky-Abo. Ich denke da an Dirty Harry Windsor in Nazi-Uniform als Sidekick mit Untertiteln in Sütterlin. Warum wollte man uns das ersparen?

Selbst die fröhliche Tafelrunde der letzten, dankenswerterweise dann doch allgemein zugänglichen, youtube-Ausgabe von Schmidts Latenight vermittelte noch ungeahntes Potential: Die Kombination von Latenight, Wochenshow und perfektem Promi-Dinner.

Das Leben ist so ungerecht. Ich werde Harald Schmidt jedenfalls schmerzlich vermissen.

Capitol 16.03.2014 | 00:56

>> Was? Sie haben etwas für Meinungsfreiheit übrig? Hätte ich nicht vermutet. <<

Ja, warum denn nicht, Hunter? Welchen konkreten Anhaltspunkt haben Sie denn für Ihre Vermutung?

Das dünnste Gelabere nichtssagender Leute unterhält mich jedenfalls besser als Ihre dick aufgetragenen, aber vollkommen unmotivierten Pöbeleien.

Dass Sie bei "fröhliche" ein [sic] einfügen, verrät eine von sprudelndem Gallenfluss ausgelöste Befindlichkeitsstörung, Sie Ärmster. Ist ansonsten aber auch völlig unmotiviert. Siehe:

http://de.wikipedia.org/wiki/Sic

Da rufe ich Ihnen doch gleich mal ein fröhliches "Sic Dich!" zu. Und grüßen Sie mir Mario Barth.

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Ehemaliger Nutzer 26.03.2014 | 19:35

Schmidt war immer auch eine Frage der Sendezeit. So wird es offen bleiben, wo seine Satire in der Gunst potentieller Konsumenten wirklich steht.

Die meisten Kandidaten aus dieser Konsumentengilde mußten den Schlaf vorziehen, so was wie arbeiten stand dem Aufbleiben und den Streichhölzern in den Augen, im Weg.