Michael Angele
30.10.2012 | 09:45 2

Ein Weltgeräusch

Könnerschaft Peter Handkes „Versuch über den Stillen Ort“ ist einfach ein sehr guter Witz. Aber er ist natürlich noch viel mehr: Die brillante Erzählung eines Zu-sich-Kommens

Mit dem Genre des „Versuchs“ hat Peter Handke seine ideale Form gefunden. Anders als im Roman braucht er hier nicht fiktive und doch glaubhafte Charaktere zu entwickeln, die einen zu fesseln vermögen, was nun wirklich nicht seine Stärke ist. Vielmehr kann er seinem Dasein eine Form geben, suchend, tastend, im Schreiben erprobend. Versuch, darin schwingt der Essay mit, der übersetzt ja nichts anders heißt als eben: Versuch.

Noch radikaler als in der herkömmlichen Essayistik erarbeitet sich Peter Handke ein Thema aber nur ganz am Rand in der Auseinandersetzung mit dem, was andere von einer Sache gedacht und geschrieben haben, in erster Linie ist es das leibhaftig Erfahrene und dann Erinnerte und Erzählte; Handkes Versuche sind eine Sonderform der Autobiografie.

Im kommenden Dezember wird der Schriftsteller 70, der Versuch über den Stillen Ort ist der vierte publizierte Versuch. Thematisch erinnnert er an seinen Versuch über die Jukebox von 1990, im Untertitel „eine Erzählung“. Schon damals konnte ein herbstlich gestimmter Leser melancholisch werden; sein Gegenstand, die Jukebox, war gerade dabei, ein für allemal aus der Welt zu verschwinden und mit ihr ein Ort, an dem nicht nur der Erzähler, sondern auch viele Leser mit Popmusik eine unverwechselbare Bekanntschaft gemacht haben, vor allem deshalb – das war ja der Clou in Handkes Buch –, weil sie mit ihr an Orten Bekanntschaft machten, die wie die Dorfkneipe noch nicht popkulturell beherrscht waren. Im Übrigen hätte man von einer Band wie den Flippers wohl nie erfahren, hätte es nicht die Jukebox gegeben.

Unterwegssein

Auch der aktuelle Versuch passt zur Stimmung des Herbstanfangs. Natürlich, seine Notdurft wird der Mensch wohl für immer in Räumen verrichten, in denen meist nicht viel mehr als eine Kloschüssel steht, aber wer sagt uns, dass auch in Zukunft einer da ist, der sie als „Stiller Ort“ im vollen Wortsinn versteht und aufschreibt? Der sie, ähem, weiht. Ja, das ist eigentlich ein Wort aus dem Vokabular der Dichterpriester, also aus einer Zone der Literatur, in der es humorfrei und unerträglich wird.

Es ist bei Peter Handke aber zum Glück komplizierter. An einer zentralen Stelle des Buches erinnert sich der Erzähler, wie er auf einer Japan-Reise die Tempelstadt Nara besucht. Aber es ist dann nicht ein Tempel, der dem Erinnernden das tiefste Erlebnis gebracht hat, sondern das Dämmerlicht in der Tempeltoilette, das ihn endlich in der Fremde ankommen ließ, ihn zugleich ruhig machte und belebte. Wenn bei diesem Buch von Dichterpriester gesprochen werden kann, dann also nur im modernen und einzig noch akzeptablen Sinn, dass hier einer aus dem Ephemeren, dem Geringen und Abseitigen schöpft.

Man hat in solchen Fällen schnell das Wort „schräg“ parat, in diesem Fall passt es, denn natürlich ist dieser vierte Versuch einfach auch ein guter Witz, und keiner soll mehr Peter Handke als humorlosen Autor bezeichnen.

„Über zwanzig Jahre“ sei der Besuch der Tempeltoilette in Nara nun her, seither beschäftigte den Erzähler, oder sagen wir doch einfach: Peter Handke, die Idee des Stillen Ortes. Man kann sich gut vorstellen, wie es ihn amüsierte, wenn er daran dachte, dass die Kritiker bald einen Versuch über den Stillen Ort in der Hand halten würden und damit eben wirklich die Toilette gemeint ist. Nichts anderes.

Oder natürlich doch, denn vom Gestank will dieses Buch ausdrücklich nichts wissen. Nicht dass diese Orte unsinnlich erscheinen, es ist vor allem das Gehör, das von ihnen geschärft wird. Darüber hinaus sind die Stillen Orte wie die Jukeboxen in der spanischen Pampa und anderswo Wegmarken auf der Lebensreise dieses Schriftstellers, die ganz konkret ein stetes Unterwegssein bedeutet.

Unterwegssein auch im Kleinen. Es ist ja ganz einfach: Man geht auf ein Klo, weil man muss oder weil man einer Gesellschaft für eine Weile entfliehen will, manchmal kommt beides zusammen. Während der Zeit im Internat wird das Klo für Handke sogar zum „möglichen Asylort“.

Einmal mehr erzählt Peter Handke also vom Aufbrechen und Entfliehen, aber diesen Fluchten aus der Welt von Familie und Schule, diesen Aufbrüchen in ein unbekanntes Terrain, haftet nichts Heroisches (mehr) an. Selbst das Einzelgängerische und Eigenbrötlerische, das Handke in seinen früheren Büchern ja ganz gerne nach außen gekehrt hat, wird hier ein wenig relativiert.

Um die Klosettschüssel

Die Schulkameraden, so erfahren wir, hätten ihn „sämtlich“ gerne mit bei einer Reise durch Jugoslawien und Griechenland dabeigehabt, aber aus irgendeinem Grund ist er in Kärnten geblieben und dann mit einem Seesack „aufgebrochen“. Weder sei er weit gekommen noch lange unterwegs gewesen, die letzte Nacht verbrachte er in der Bahnhofstoilette in Spittal an der Drau. Am Boden liegend, um die Klosettmuschel gekrümmt, war er dann ganz Ohr, gerichtet auf die vorbeirauschenden Güterzüge ebenso wie auf die „allerleiseste Böe von einem der Bahnhofsbäume. Von einem Stillen Ort konnte während jener immer wieder vollkommen stillen Nachstunden nicht die Rede sein.“ Diese Episode, so erfahren wir, wird er später im Schreiben verwandeln, in der Wiederholung wird aus der Toilette ein Eisenbahntunnel nach Jesenice.

Auch in seinem vierten Versuch ist Peter Handke ein Meister der unaufdringlichen Komposition. Wie von selbst gleitet der Text vom Erzählen der Stillen Orte in die Stille eines Niemandslands zwischen Paris und der Normandie. Hier wurde der Text im vorigen Jahr geschrieben, wie in einer Art integriertem Epilog berichtet wird. Geschrieben in der „Periode, von der es heißt, es sei die dunkelste des Jahres“, in der Handke, wenn er nicht schrieb, das tat, was er auch in seinen Versuchen so oft tut, nämlich, wie soll man es nennen, wandern?, aber das trifft es nicht, eher herumgehen, durchstreifen. Und dem „chronischen Regen“ zum Trotz wird das nun ein heiteres Buch, das auf ein paar locker geschriebenen Seiten die Natur selbst in einen Stillen Ort verwandelt, anders gesagt, in ein „Weltgeräusch“.

Versuch über den Stillen Ort Peter Handke
Suhrkamp 2012, 104 S., 17,95 €

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 01.11.2012 | 10:11

Es kommt viel zusammen, man kann sich in Ruhe ausdrücken, das erquickende Rauschen von Wasser, das Überflüssige wird einfach weggespült, Selbstbeweihräucherung, der Schaffensplatz ist hochgradig standardisiert und anfangs jungfäulich leer und rein, wie ein weißes Blatt Papier.