Ein Zucken im Gesicht

1945 Ralf Rothmann gelingt mit „Im Frühling sterben“ ein großartig geschriebener Antikriegsroman, der keine Kunst sein will
Michael Angele | Ausgabe 27/2015 3

Es gibt viele Gründe, warum ein Schriftsteller fabulieren und ausmalen muss, wenn er aus seiner Familiengeschichte erzählen will. Ralf Rothmann hat einen besonders triftigen Grund: Die Kladde, die er seinem Vater mit der Bitte geschenkt hat, er möge ihm darin sein Leben skizzieren, blieb bis auf ein paar Stichworte leer. Auch dem Wunsch, doch wenigstens „jene Wochen im Frühjahr 1945 genauer zu beschreiben“, kam der Vater nicht nach.

Nun ist dieses Schweigen sprichwörtlich für dessen Generation, und die Geschichte, die sein Sohn erzählt, zwar nicht autobiografisch, aber repräsentativ. Es ist eine Geschichte, die jedem passieren konnte, der in den letzten Monaten des Kriegs als Halbwüchsiger von der Wehrmacht oder der SS zwangsrekrutiert wurde. Ihren grausamen Höhepunkt findet sie in einer Begebenheit, die Ralf Rothmann von einem alten Vermieter erzählt bekam, wie er in einem Interview mit der Welt bekannt hat, sie hat ihn nicht mehr losgelassen.

Und darum geht es: Der gewissenhafte Walter „Ata“ Urban und der rotzfreche Friedrich „Fiete“ Caroli werden in Norddeutschland von der SS zwangsrekrutiert, von zarten Liebesbanden getrennt, aus ihrer Lehre zum Melker rausgerissen. Nach Ungarn geht es, Walter kommt als Fahrer in eine Nachschubkolonne, Fiete an die Front. Sie verlieren sich aus den Augen und finden unter schrecklichen Bedingungen wieder zusammen: Fiete wurde als Deserteur zum Tode verurteilt, eine Nacht im Kerker bleibt ihm. Walter kann nicht helfen, noch schlimmer: Er muss den Freund mit anderen hinrichten. Später wird er darüber nur in Andeutungen sprechen, etwa gegenüber der Verlobten, zu der er nach der Kapitulation heimkehrt. An die Schwester schreibt er noch im Krieg, dass er es mit den Nerven hat, ein „Zucken im Gesicht“... In seiner Rezension für die SZ schreibt Lothar Müller, dass in diesem Zucken die Exekution stecke, aber man es selber deuten müsse.

Dieser Erzähler ist diskret, enthält sich der Interpretationen und Schuldzuweisungen. Dennoch ist er beileibe nicht neutral, will vielmehr an die Grenzen dessen gehen, was Literatur zu leisten vermag, will, dass man als Leser ein fremdes Schicksal durchleidet. Dabei stellt er Nähe her, ohne den Blick ins Innere der Figuren zu öffnen. Da ist keiner traurig oder ängstlich. Sondern so: „Sein Atem ging schwer und leise keuchend, die Halsader pochte schnell; Walter konnte das innere Zittern des Jungen fühlen, die Angst.“

So viele Sadisten

Man schaut nicht in ihren Kopf, aber man steckt in ihrer Haut. Rothmann schreibt eine detailgenaue, enorm sinnliche Prosa, aber anders als in seinen anderen Romanen muss sie sich hier der Schönheit weitgehend entsagen und dem Schrecken verschreiben. Besonders eindrücklich gelingt das in einer Episode, die erzählt, wie der Trupp zu einer gebrandschatzten Mühle kommt. In der offenen Scheune sieht man auf blauen Stühlen stehen: den greisen Müller, seine blinde Frau, den buckligen Hirten. Satz für Satz entsteht nun ein Genrebild des Grauens. Die drei sollen einen qualvollen Tod erleiden, da sie angeblich Spione sind. Walter widerspricht, er weiß es besser, sie waren in der Mühle einquartiert gewesen und wurden gut versorgt. Er widerspricht. Vergebens. Hat er alles versucht? Hätte ich mehr versucht? Eher nicht.

Der Erzähler wirbt um Verständnis, nein falsch, er will Gerechtigkeit. Walter, so einfach lässt es sich sagen, ist kein schlechter Mensch. Das wiegt umso mehr, als um ihn herum viele schlechte Menschen sind, die lustvoll quälen und andere erniedrigen. Der Krieg wird von Sadisten gemacht, so behauptet es dieser Roman, oder so: Der Krieg treibt ihren Sadismus hervor.

Es gibt den brachialen körperlichen Sadismus der Kameraden und es gibt den sublimen eines Hauptsturmführers Greiff, den Walter um Gnade für seinen Freund bittet. „Ich komme wegen einem Kameraden.“– „Nach wegen immer Genitiv ... Wie können Sie in meiner Kompanie sein, wenn Sie Schwierigkeiten mit der elementaren Grammatik haben!“ Und so weiter, bis er ihn zwingt, bei der Erschießung des Freundes dabei zu sein, andernfalls könne er sich gleich mit an die Wand stellen. Warum soll er dabei sein? „Aus Menschlichkeit, natürlich. Weil du sein Freund bist, wie du sagst. Da wirst du gut zielen, damit er nicht leidet.“

Wer das liest, wird wütend und weiß nicht, wohin mit seiner Wut, der Roman hat keinen Raum für sie. Er endet so melancholisch, wie er anfängt. Am Anfang zeichnet er mit ein paar kräftigen Strichen das Bild eines höflichen, ja „hochanständigen“, aber einsamen Menschen, der schwermütig zur Arbeit in der Grube fährt und der im Alter taub geworden in seiner „fraglosen Stille“ zumindest nicht unglücklicher wurde (und als frühverenteter Alkoholiker vom Leben nicht mehr verlangte als eine Zeitung und den neuesten Jerry-Cotton-Roman). „Mein Vater hat selten einmal gelächelt, ohne unfreundlich zu sein.“ Die Erzählung, könnte man auch sagen, bildet einen langen Kommentar auf diesen Satz.

1987 starb der Vater. In einem Epilog wird erzählt, wie der Sohn 25 Jahre später von Berlin nach Oberhausen fährt, zum Grab der Eltern, es soll eingeebnet werden, er will sich auf dem Friedhof entscheiden, ob er verlängern lässt, aber er findet das Grab nicht. So wie auch Walter das Grab seines gefallenen Vaters in jenen letzten Kriegstagen gesucht und nicht gefunden hatte.

Dass dieser Vater ebenfalls ein Sadist war, der seine Kinder schlug, und sein Sohn es ihm nicht gleichtat, spricht zumindest gegen einen allzu einfachen Determinismus. Dass die Söhne mit den Vätern nie fertig werden, ist dagegen ein Credo des Romans, an dem nicht zu rütteln ist. Fiete empfängt es von seinem Vater. „Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagt er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen und Eizellen also, und das wird vererbt.“ Und was vererbt, wer schießen musste? „Wahrscheinlich eine große Traurigkeit.“

Bei Rothmanns Vater ist diese Traurigkeit stumm geblieben, der Sohn aber hat eine Sprache gefunden. Ändert das alles? Nein. Selbst wenn er eine Sprache für sein Trauma gefunden hätte, „würde es keine Erlösung geben“; dass er dies „ahnte“, heißt es vom Vater. Und auch die Sprache des Sohns leistet keine Erlösung, obschon sich kaum eine wahrhaftigere denken lässt. Übersetzt in Kritikerjargon: Dieser Roman lässt einen so schnell nicht los.

PS. Weil vielleicht der eine oder andere daran denken musste: Ja, die Divison Frundsberg, in der Günter Grass gedient hatte, kommt kurz vor, in Kiel rekrutieren sie vor einem Kino „Freiwillige“. Wer will, kann das als diskrektes Zeichen lesen. So oder so hätte man gerne erfahren, was er von diesem großartigen Roman seines Kollegen gehalten hätte.

Info

Im Frühling sterben Ralf Rothmann Suhrkamp 2015, 234 S., 19,95 €

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06:00 07.07.2015

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