Eine Hymne zum Fremdweinen

Vorschlag Kein Zweifel, wir brauchen eine neue Hymne. Unser Chefredakteur hat da mal einen Vorschlag
Auch bei der Fußball-WM 1990 groovte die Hymne der BRD nur in sehr begrenztem Maße
Auch bei der Fußball-WM 1990 groovte die Hymne der BRD nur in sehr begrenztem Maße

Foto: imago images/Kicker/Liedel

Das Problem mit der deutschen Nationalhymne besteht ja nicht erst seit gestern. Die erste Strophe des „Lieds der Deutschen“ darf man nicht singen, die dritte Strophe singen viele nur mit Beklemmung, andere gar nicht, wieder andere verwechseln in der Rede über die Hymne die erste mit der dritten Strophe etc. etc. Und natürlich – so hört man nun von Bodo Ramelow – fühlen sich viele Bürger aus den Neuen Bundesländer emotional nicht wirklich abgeholt mit dieser Hymne, da geht es ihnen wie weiland Mesut Özil.

Aber es gibt eine Lösung. Fragen wir uns zuerst, wo die Hymne eigentlich noch zum Erklingen kommt. Wir stellen fest: einerseits täglich um 23 Uhr 57 im Deutschlandfunk – hier zusammen mit dem Europalied. Das ist ein Sonderfall, der an anderer Stelle verhandelt werden muss. Andererseits erschallt die Hymne auch vor Fußballländerspielen sowie weiteren Mannschaftssportarten. Hier sollte sich nun jeder mal ehrlich machen. Das „Lied der Deutschen“ ist eine Qual, eine Pflicht bestenfalls, auch musikalisch ist das sehr getragen, das Ding geht – aus guten historischen Gründen – einfach nicht richtig ab.

Welche Ergriffenheit aber, wenn die Deutschen gegen ein x-beliebiges südamerikanisches Land oder gegen eine Mannschaft aus dem Balkan spielen sowie natürlich gegen Frankreich.

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Man weint still und leise vor dem Fernseher mit oder steht zumindest kurz davor (kommt darauf an, wer neben einem sitzt). Ich glaube, dieses Fremdweinen bei Hymnenerklang ist eine der letzten kollektiven Erfahrung der Deutschen. Man müsste diese Erfahrung unbedingt in die Überlegung über eine neue deutsche Hymne einfließen lassen. Es wäre eine Hymne für das 21. Jahrhundert. Eine Hymne für die Eventkultur der Zukunft. Eine Hymne, die das hymnenartige quasi rein zum Ausdruck bringt. Ein Geschenk an die Welt.

Wie sähe das konkret aus? Bei jeder Hymne geht es um Pathos. Besonders stark wirkt dieses Pathos in Hymnen, die ihre Herkunft in einem blutigen Befreiungskampf haben, deren überschäumender Nationalismus also gleichsam moralisch gedeckt ist. Idealtypisch ist dafür die Marseillaise. Was für ein Schmiss! Wie man das kompositorisch hinkriegt, müssen sich andere Gedanken machen. Ich kann nur etwas zu den Worten sagen. Hier der Schluss erste Strophe in deutscher Übersetzung:

Sie kommen bis in eure Arme,
Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.

Solche krassen Verse verstärken den Wallungswert (Gottfried Benn) einer Hymne – und will man so genau dann lieber doch nicht verstehen. Muss man auch nicht. Man könnte sich eine extrem pathetische Hymne mit bloss lautmalerischen Worten vorstellen. Etwas in dieser Art

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

Michael Angele

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