Michael Angele
01.09.2011 | 14:30

Elend und Kompensation

Campuslektüre In seinem neuen Roman „Weiskerns Nachlass“ blickt Christoph Hein tief ins akademische Prekariat und findet einen betrogenen Betrüger

Um mit den Schwächen zu beginnen: Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass ein Forscher von einem bedeutenden Frankfurter Verleger eingeladen wird, um über den abseitigen Gegenstand seiner langjährigen Forschungspassion zu sprechen, und der Forscher nicht schnallt, dass dieser Verleger der Verfasser der einzigen je geschriebenen Dissertation zu seinem Forschungsgegenstand ist? Und wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Experte einem Fälscher auf den Leim kriecht, der zu seinem Gegenstand aus dem 18. Jahrhundert „handschriftliche Briefe in Sütterlin“ anbietet (die Sütterlin-Schrift wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt)? Die Antwort kann nur lauten: Es ist nicht sehr wahrscheinlich. Man könnte weitere unstimmige Stellen anführen, etwa die Sache mit der Steuernachzahlung des Forschers, es wäre keine Korinthenkackerei. Nicht in einem realistischen Roman, nicht wenn er insgesamt sorgfältig recherchiert scheint und nicht, wenn es sich um zentrale handlungs- und charakterbildende Elemente handelt.

Rüdiger Stolzenburg heißt der Forscher und Dozent, er hat eine halbe Stelle am kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig, seine Passion gilt dem Werk des „im 18. Jahrhundert in Wien lebenden Schauspielers, Librettisten Mozarts und Kartographen Friedrich Wilhelm Weiskern“. So steht es im Klappentext. Aber sehr viel mehr über Weiskern erfährt man auch nicht, wenn man die 319 Seiten des Romans gelesen hat, geschweige denn, was Stolzenburg an diesem Mann des späten Barock begeistert (es hat ihn tatsächlich gegeben). Man weiß, dass er so packend über Weiskern reden kann, dass es kluge Frauen beeindruckt, vor allem aber wird klar, dass mit Weiskern im akademischen Feld nichts zu holen ist. Vergeblich versucht Stolzenburg, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Gelder für eine Gesamtausgabe aufzutreiben. Andererseits weiß man auch, dass Weiskerns Nachlass gewichtig genug ist, um einen Fälscher auf den Plan zu treiben, der Stolzenburg in einen glimpflich ablaufenden Kriminalfall hineinzieht.

Und weil man all das weiß, kann man sagen, dass Weiskern samt Nachlass in diesem Roman wenig mehr als ein „MacGuffin“ ist; ein Gegenstand, der sich darin genügt, Mittel zum Zweck einer Erzählung zu sein. Einer Erzählung über den Zustand unserer Universitäten im Zeitalter von „Modulhandbüchern“, forcierter Drittmitteleintreibung und gelangweilt-kalkulierender Studenten, die für eine Gesellschaft stehen, in der einer halt auch mit fragwürdigen Mitteln schauen muss, wo er bleibt.

Doktor Konfus

Je tiefer man in diesen an der Oberfläche manchmal fahrigen Roman eindringt, desto genauer erkennt man, wie sehr er mit Lüge, Täuschung, Fälschung und Betrug spielt. Einer wie Stolzenburg muss sich von der akademischen Welt betrogen fühlen: Von einer wissenschaftlichen Karriere kann keine Rede mehr sein, noch nicht einmal von einer ganzen Stelle, selbst der Erhalt des Status quo ist unsicher. Frieder Schlösser, Stolzenburgs Vorgesetzter, kämpft gegen die Abwicklung des Instituts und kann dabei halbwegs glaubwürdig darlegen, dass es ohne ihn noch schlimmer käme – sodass sein penetrantes Kokettieren mit einem Ruf an die Uni Koblenz auch von Stolzenburg als Drohung verstanden werden muss.

Dessen prekäre akademische Situation scheint umso betrüblicher, als er es besser machen wollte; eine Lehrveranstaltung einfach mal zu wiederholen, wie das die Kollegen tun, war lange unter seiner Würde gewesen. Stolzenburg – das ist natürlich ein sprechender Name, wie auch seine beiden Spitznamen unter Studenten sprechend sind. Man nennt ihn, nach seiner zweiten Leidenschaft, „Konfuzius“, allerdings auch „Doktor Konfus“; ein deutlicher Hinweis, dass sein ambivalentes Wesen nicht nur uns Lesern, sondern auch seinen Studenten nicht entgangen ist.

Stolzenburg ist eben ein typischer Christoph-Hein-Held, ein mäßig sympathischer Zeitgenosse, desillusioniert, mit vielen kleinen Makeln, um die er weiß, ohne mit sich zu hart ins Gericht zu gehen. Christoph Hein macht es sich mit der Verteilung von Gut und Böse zum Glück nicht zu leicht: Stolzenburg ist nicht einfach nur ein Opfer der schlechten Verhältnisse, Betrug findet nicht nur an ihm statt, er geht auch von ihm aus. Es ist gerade nicht so, wie ein reicher Freund einer Freundin vermutet, der Stolzenburg in der leidigen Steuersache vertritt: „Vielleicht liegt hier die eigentliche Ursache Ihrer Finanznöte: immer sagen, was man denkt.“

Nein, Stolzenburg sagt nicht immer, was er denkt. Manchmal sagt er sogar das Gegenteil, aber dann wiederum ist der Betrug von Selbstbetrug nicht so genau zu unterscheiden, wie auch der Schein der Wahrheit zum Verwechseln ähnlich sehen kann. Davon spricht die grandiose Anfangsszene des Romans. Während eines Flugs nach Basel will Stolzenburg plötzlich den Ausfall zweier Propeller bemerkt haben. Er wird panisch, weil er anscheinend als Einziger diesen Ausfall wahrnimmt. Kein Wunder, „kein Vibrieren, keine Unregelmäßigkeit ist spürbar. Die Maschine muss über eine unglaubliche Kompensationsfähigkeit verfügen.“

Eine interessante Frau

Ob Stolzenburg einer Täuschung aufsitzt oder die Wahrheit sieht, bleibt an dieser Stelle noch offen (der Roman spielt auch mit dem Leser und seinen Erwartungen!), klar aber ist: Stolzenburgs Angst „abzustürzen“ ist verständlich. Allerdings verfügt auch er über eine erstaunliche Kompensationsfähigkeit, den fehlenden akademischen Erfolg gleicht er mit der Eroberung von Frauen aus. Nicht nur muss er sich der Avancen von besonders attraktiven, Scheinbedürftigen Studentinnen erwehren (so etwas mag ja gelegentlich vorkommen, aber man fragt sich doch, wo der Romancier sein Studentinnenbild herhat), wobei er sich über das entgangene sexuelle Abenteuer mit dem süßen Gefühl moralischer Überlegenheit über einen Kollegen tröstet, der in dieser Sache keine Skrupel kennt. Sein jugendliches Aussehen trägt auch mit 59 Jahren gerade noch, um abseits der Uni ein hübsches Ding für Bett und gelegentliche Kinobesuche zu finden. Der Doktortitel tut sein Übriges. Bis Henriette auf den Plan tritt; eine interessante Frau, es könnte etwas Ernstes werden. Aber dann begeht er eine Schummelei, mit der er ihr Vertrauen gründlich verspielt. Stolzenburg würde allerdings auch diese Niederlage verkraften, so viel scheint klar. Es gehört zu den großen Stärken des neuen Romans von Christoph Hein, dass man nicht sagen kann, ob das eher deprimierend oder tröstlich ist.

Weiskerns NachlassChristoph Hein Suhrkamp 2011, 319 S., 24,90